01.05.1978

ENTWICKLUNGSHILFEBlanke Augen

Ohne Wissen der Bundesregierung stellte ein Bremer SPD-Abgeordneter den Seychellen im Indischen Ozean Finanzhilfe in Aussicht -- gegen Fischrechte für deutsche Kutter.
Einst waren es nur Forscher und Gelehrte, die es an die Korallenriffe der Seychellen-Inseln im Indischen Ozean verschlug. Die einen spürten dem Pteropus seychellensis nach, einem Flugbund, der dort als einziges Säugetier zwischen Geckos, Chamäleons und Schlangen herumstreicht; die anderen suchten geduldig nach der Seychellennuß, jener bis zu 25 Kilogramm schweren größten Baumfrucht der Erde, die zehn Jahre braucht, bis sie reif ist.
Seit neuestem interessieren sich für die einstige britische Kolonie auch Bonner Politiker -- bis hinauf zu Bundeskanzler Helmut Schmidt.
Am Anfang stand eine Stammtisch-Runde. Beim Bier am Tresen einer Bremerhavener Fischerkneipe lamentierte Ende vergangenen Jahres der örtliche SPD-Abgeordnete Horst Grunenberg über die Nöte der deutschen Fischereiwirtschaft. Weil weltweit immer mehr Staaten ihre Fanggründe für fremde Trawler sperren, sehe er, Grunenberg, schwarz für alle, die von Hering und Kabeljau leben.
Einer der Zecher, Inspektor einer Bremerhavener Reederei. die an der reichlich befahrenen Großtanker-Route im Indischen Ozean seit langem Bergungsschlepper für Havaristen stationiert hat, wußte Rat. Nach einer Dienstfahrt, erzählte er dem Abgeordneten Grunenberg, habe er auf den Seychellen Urlaub gemacht und dort nicht nur nette Menschen kennengelernt, sondern auch ungeheuren Fischreichtum entdeckt.
Grunenberg, typischer Vertreter jener Bundestagshinterbänkler, die sich nicht am Podium des Plenarsaals auszeichnen, sich dafür aber um so besser in Wahlkreis und Fachbereich auskennen, roch die große Chance: Er besorgte sich die Genehmigung seiner Fraktion und landete Anfang Januar -- 476 Jahre nach dem portugiesischen Seefahrer Vasco da Gama -- auf den Seychellen.
In seiner Begleitung: ein Bremerhavener Fischkaufmann, ein Experte für Hafenumschlag, ein Kutterkapitän und ein Hafenbauer, die "auf eigene Kosten, versteht sich" (Grunenberg), mitgefahren waren.
In heißer Sonne und unter Palmen wurde der Herrenpartie von der Waterkant alle Ehre zuteil. Was auf den Seychellen Rang und Namen hat, stand parat: vom Landwirtschaftsminister Maxime Ferrari bis hinauf zum Staatspräsidenten France Albert René.
Als die Truppe dann in See stach, um mit dem eigens eingeflogenen Atlas-Echographen den Fischbestand rund um das Archipel zu testen, "da haben alle schön blanke Augen bekommen" (Grunenberg). Noch heute gerät der Abgeordnete ins Schwärmen, wenn er vom red snapper erzählt, "der im Geschmack zwischen Schellfisch und Kabeljau liegt und genau in unsere Küche fällt", oder vom Zackenbarsch, "der so groß ist wie ein halber Volkswagen", oder gar von den vielen Haien, "deren Flossen man den Chinesen verkaufen kann
Getrieben von hanseatischem Pioniergeist, unterzeichneten am 7. Januar in der Metropole Victoria Minister Ferrari und rechts daneben "für die Bundesrepublik Deutschland" der Abgeordnete Horst Grunenberg aus Bremerhaven ein umfangreiches Papier. Beide Seiten bekundeten darin ihr Interesse an einem Fischereiabkommen "im Hinblick auf den Aufbau einer kommerziellen Fischindustrie in den Gewässern der Seychellen".
Überdies, so wurde protokolliert, würde die Regierung der Seychellen zur Entwicklung ihrer Landwirtschaft "Geschenke aus der Bundesrepublik Deutschland sehr begrüßen", so etwa:
* Planierraupen zum Straßen- und Landebahnbau,
* Bodenfräsen für die Landwirtschaftsschule und
* kräftige Ostfriesenrinder zur Blutauffrischung des tropischen Rindviehbestandes.
Daneben wünschten die Seychellen rund 15 Millionen Mark für den Bau eines Fischereihafens und eine Million für ein Wohnungsbauprojekt.
Kaum zurück in der Heimat, fertigte Grunenberg am 16. Januar einen enthusiastischen Reisebericht für Fraktionsführung und Regierung an. "Unkonventionelles und schnelles Handeln", schrieb er, sei ihm "dringend erforderlich" erschienen, weil auch andere Staaten, darunter die UdSSR und Belgien, auf den Seychellen antichambrierten.
Daß Präsident René überhaupt bereit gewesen sei, das Absichtsprotokoll samt den "äußerst maßvollen Wünschen der Republik der Seychellen" zu unterschreiben, so spreizte sich der Fernreisende, sei "vor allem der Tatsache zu verdanken, daß von mir ein Konzept für eine rationale und abgewogene Befischung der Gewässer um die Seychellen vorgelegt werden konnte".
Abschließend empfahl Grunenberg eine rasche Entscheidung, da "angesichts der weltweit drohenden Knappheit an Fisch ... für die Bundesrepublik Deutschland eine große Chance gegeben" sei.
Doch statt Lob gab es zunächst einmal Schelte. Bonner Bürokraten mochten nicht einsehen, daß sich Parlamentarier Grunenberg in zehn Grad südlicher Breite exekutive Kompetenzen angemaßt hatte. Kanzleramtsminister Hans-Jürgen Wischnewski nahm den Genossen zur Seite: "Horst, in dieser Form ist das eine Sache der Unmöglichkeit."
Als der zuständige Entwicklungshilfeminister Rainer Offergeld von dem Grunenberg-Solo erfuhr, schimpfte er los: "Man kann doch nicht von einem Tag zum anderen einfach ein paar Millionen zusagen."
Seine Beamten machten sich sofort daran, das Grunenbergsche Fischparadies wieder trockenzulegen: Das Projekt sei nicht in der Rahmenplanung des Ministeriums enthalten, die Mittel lägen, bezogen auf die geringe Einwohnerzahl des Archipels, weit oberhalb der Bonner Norm.
Doch da wurde Horst Grunenberg bockig. "Ich bin ein freigewählter Abgeordneter, ich kann doch Vorschläge machen", rechtfertigte er seinen Überraschungs-Coup. Und um es den "Leuten, die da meinen, Hinterbänkler dürften nichts sagen", zu zeigen, schaltete er Bonns einflußreichsten Küsten-Lobbyisten ein -- den SPD-Abgeordneten Helmut Schmidt (Hamburg-Bergedorf).
Grunenberg: "Dem ist klar, daß da was getan werden muß. Seine Finkenwerder Fischkutter sind auch nicht weit von der Küste."
* Am 10. April in Bremerhaven.
Dem "lieben Helmut" schilderte er ausführlich seine Wünsche. Vor allem sollten sofort auf Kosten der Regierung zwei Fischkutter entsandt werden, die ein Jahr das Terrain sondieren könnten. Kosten: vier Millionen Mark. Ganz vertraulich ließ er seinen Kanzler wissen, daß dort unten "auch noch Manganknollen auf dem Meeresgrund sitzen, von denen wir nur träumen können".
Zum Schluß schwärzte er seine Kritiker gehörig an: "Da es in der Administration, insbesondere des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Bedenken gegen Vorschläge aus dem parlamentarischen Raum gibt, der neue Minister sich erst einarbeiten muß, bitte ich um eine politische Entscheidung des Bundeskanzlers."
Grunenberg hatte sich an die richtige Adresse gewandt. Schon wenige Tage später ließ der Bundeskanzler den "liehen Horst" wissen, daß er die Berichte "sehr interessant" finde und "eine Prüfung für dringend geboten" halte. Das Entwicklungshilfeministerium sei angewiesen worden, "schnell die Vorstellungen beider Seiten (zu) konkretisieren" und ein gemeinsames Projekt zu erwägen.
Als dann vorletzte Woche Seychellen-Landwirtschaftsminister Ferrari in Bonn erschien, wurde er wie ein guter alter Freund der Regierung empfangen. Kanzleramtsminister Wischnewski parlierte lange mit ihm auf französisch, Staatssekretär Carl-Werner Sanne gab ein Essen und sagte schon mal -- vorbehaltlich der Prüfung durch das Ministerium -- 1,5 Millionen Mark für Schlepper und Bullen und weitere 4,5 Millionen Mark für eine neue Entwicklungsbank auf den Seychellen zu.
Als Forschungsminister Volker Hauff eine Probefahrt mit dem Forschungsschiff "Sonne", das neue Technologien zur Nutzung der Solarenergie erkunden soll, auf der Außenweser unternahm, brachte Grunenberg gleich seinen Freund Ferrari mit an Bord. Grunenberg: "Die beiden Minister hatten ein interessantes Gespräch. Schließlich haben die Seychellen ja Sonne genug und wenig Geld für Öl."
Obwohl Entwicklungshilfeminister Offergeld immer noch grollt, ist sich Hinterbänkler Grunenberg inzwischen ziemlich sicher, daß schon bald zwei Kutter aus Bremerhaven und Cuxhaven auslaufen, um im Indischen Ozean zu fischen. Dann werde es auch nicht lange dauern, bis deutsche Firmen am Strand der Seychellen Fischfabriken und Kühlhäuser errichten.
Grunenberg selber will dann "als Einturner runtergehen" und den Eingeborenen zeigen, wie man Marinade macht: "Ich bin halt manchmal drei bis vier Schritte vor der Front."

DER SPIEGEL 18/1978
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