01.05.1978

BANKENFette Töchter

Während die Geschäfte der Hypothekenbanken blühen, werden die Kleinaktionäre „ausgehungert“.
Deutschlands Hypotheken-Banker ringen nach Worten: Sie haben derzeit alle Mühe, die Erfolgsziffern des vergangenen Geschäftsjahres zu erläutern oder zu kaschieren.
Rudolf Fabian, Vorstandssprecher der zur Dresdner Bank gehörenden Deutschen Hypothekenbank, spricht von einem "Sonnenjahr". Auch Mitbewerber Horst Mittermüller, Vorstand der von der Deutschen Bank kontrollierten Centralbodenkredit AG, drückt seine Freude eher verhalten aus, wenn er die Rekorderlöse seines Hauses kommentiert: "Ein Ergebnis, um das unser Institut mehr beneidet als bewundert wird."
Bescheidenheit ist fehl am Platze. Die Hypothekenbanken, seit Jahren an zweistellige Zuwachsraten gewöhnt, haben 1977 im langfristigen Kreditgeschäft noch einmal kräftig zugelegt.
Die fünfzehn Spitzenreiter unter den privaten Hypothekenbanken zahlten im letzten Jahr mit 10,2 Milliarden Mark fast 48 Prozent mehr Hypotheken-Kredite aus als in den zwölf Monaten davor. Im Erstabsatz von Pfandbriefen, mit dem sie einen Großteil ihres Geldverleihs finanzieren, machten sie ein Plus von 60 Prozent.
Noch spektakulärer reüssierten die Finanziers im Hypotheken-Neugeschäft, das wegen der zunächst anfallenden hohen Bearbeitungskosten erst nach ein bis zwei Jahren reichen Zinsertrag bringt. Fabians Deutsche Hypo konnte ihre Neuzusagen glatt verdoppeln -- und war damit keineswegs Branchenerste.
Die Frankfurter Hypothekenbank schloß Kreditverträge über 1,4 Milliarden Mark ab: ein Zuwachs von 183 Prozent. Dabei ist ein Ende des Booms noch nicht in Sicht. Schon in den ersten drei Monaten dieses Jahres übertraf der Frankfurter Marktführer die stolzen Zuwachsraten des Vergleichszeitraumes 1977 um ein Drittel.
Der neue Hypotheken-Boom -- darüber sind sich die Experten einig -- wird vor allem bestimmt
* von dem kräftigen Aufschwung im privaten Wohnungsbau, besonders bei Ein- und Zweifamilienhäusern;
* von den staatlichen Programmen zur Altbaumodernisierung;
* von dem ausgeprägten Zinstief bei attraktiven Finanzierungskonditionen sowie
* von dem steigenden Finanzierungsbedarf beim Kernkraftwerksbau und im Exportgeschäft.
Gerade diese Großkredite, bei denen die Hypotheken-Institute mit Universal-Banken eng zusammenarbeiten, versprechen neue Zukunftschancen. "Durch die Symbiose mit den Müttern wird ein immer größerer Teil des Geschäfts auf uns verlagert", prophezeit Wolfgang Goedecke, Vorstandsvorsitzender der Rheinischen Hypothekenbank.
Der bisher größte Coup in dieser Sparte gelang Goedecke mit einer ausgeklügelten Drei-Milliarden-Finanzierung für das kostspielige Atomkraftwerk Gundremmingen. Der Bau wurde zunächst von einem Bankenkonsortium (Deutsche Bank, Dresdner Bank, Commerzbank sowie den beiden Landesbanken in Düsseldorf und München) mit kurzfristigen Geldern vorfinanziert. Die Großbank-Darlehen wurden dann gemäß Baufortschritt in langfristige Hypotheken-Kredite umgeschuldet.
Obendrein bekamen die Grundkredit-Spezialisten politische Rückendeckung, als die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau sowie die Europäische Investitionsbank sich zu großzügigen Bürgschaften bereit erklärten.
Dabei profitieren die Hypothekenbanken ohnehin schon von lukrativen Wettbewerbsprivilegien. So können sie als einzige Kreditinstitute auf dem Anleihenmarkt eigene Pfandbriefe und Kommunalobligationen an Sparer und Geldanleger verkaufen. Den Gegenwert verleihen sie dann, mit stattlichem Zinsgewinn, in Form von Hypotheken auf Grundstücke (Realkredite) oder als Kommunalkredite an die öffentliche Hand.
An solchen attraktiven Gewinnquellen möchten denn auch die liquiden Groß- und Regionalbanken schon seit Jahren nicht mehr vorbeigehen. Inzwischen zog sich jedes größere Institut mindestens eine anschaffende Hypo-Tochter heran.
Den Marktführer, die Frankfurter Hypothekenbank, kontrolliert der Branchenerste des gesamten Geldgewerbes, die Deutsche Bank. Zusammen mit ihrer Tochter Centralboden bringt es die Deutsche Bank im Hypothekengeschäft auf einen Marktanteil von 19 Prozent; sie steuert inzwischen ein Gesamtvolumen in der Hypotheken- und Baufinanzsparte von rund 36,5 Milliarden Mark an (siehe Schaubild Seite 62).
Größter Hypotheken-Händler ist jedoch die Bayerische Vereinsbank. Sie betreibt das einträgliche Geschäft nicht nur im eigenen Haus, sondern gleich über drei weitere Institute: die Bayerische Handelsbank, die Vereinsbank in Nürnberg und die Süddeutsche Bodencreditbank.
Die Großbanken fanden inzwischen so sehr Gefallen an ihren "neuen Goldgruben" (so ein Frankfurter Bankier), daß sie in aller Stille ihre Beteiligungen an den Töchtern -- unbeirrt von Konjunkturflauten und Börsenbaissen -- Jahr für Jahr aufstocken. Die Deutsche Bank kontrolliert jetzt die Frankfurter Hypo mit 88,8 Prozent des Kapitals, bei der Centralboden vergrößerte sie ihren Anteil in den letzten vier Jahren um ein Fünftel auf 79 Prozent. Die Commerzbank ist an ihrer Tochterfirma Rheinische Hypothekenbank inzwischen mit 93,2 Prozent beteiligt.
Mit Mißvergnügen beobachten inzwischen viele Aktionäre die Familienpolitik der Großbanken. Denn die Mütter geizen bei den Töchtern mit der Dividende und stecken statt dessen die reichlichen Gewinne in Rücklagen und Reserven.
Aktionärsvertreter wie die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz in Düsseldorf wollen bei den knauserigsten Banken erstmals Opposition anmelden, und viele Kleinaktionäre rüsten sich für heiße Tage auf den Hauptversammlungen.
Wie ernst es ihnen ist, hatte sich schon auf dem letzten Aktionärspalaver der Südboden gezeigt, als Aktien-Eigner Helmut Weber die Mutterbanken wegen der schmalen Dividenden für die fetten Töchter angriff. Durch diese Politik, erregte sich Weber, würden die Kleinaktionäre "seit Jahr und Tag ausgehungert".

DER SPIEGEL 18/1978
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