01.05.1978

AFFÄRENBöse Sache

Die Pariser Polizei geriet ins Zwielicht: Beamte sollen deutsche Frauen mißhandelt und vergewaltigt haben.
Sie trugen Plakate mit der Aufschrift: "In Paris ist es Folter, in Deutschland Selbstmord." Auf Spruchbändern forderten sie: "Wir wollen die Wahrheit."
Fünf Monate nach den Protesten gegen die Auslieferung des BM-Verteidigers Klaus Croissant demonstrierten in den Straßen der französischen Hauptstadt abermals Tausende für jemanden aus Deutschland.
Diesmal aber galt es nicht, einen Anwalt vor der Haft zu bewahren, sondern die vermeintlichen französischen Folterer einer deutschen Frau zu entlarven, die überdies, so das deutsche K-Gruppen-Blatt "Arbeiterkampf", "Genossin" ist.
Die linke Tageszeitung "Libération", die während der Schleyer-Entführung deutsehen Terroristen als Briefkasten gedient hatte, fragte: "Heide gefoltert, durch wen, warum?"
Antwort darauf erbat die deutsche Botschaft vorn französischen Außenministerium. Die "Inspection générale des services de la préfecture de police", die sogenannte Polizei der Polizei, begann. Ermittlungen anzustellen, ob sieh französische Polizisten möglicherweise strafbar gemacht haben. Ein Untersuchungsrichter vernahm die deutsche Fremdsprachensekretärin Heide Kempe-Böttcher, 26, für die viele Franzosen nun streiten.
Heide Kempe-Böttcher, im Januar vom deutsch-französischen Jugendwerk nach Paris vermittelt, war zwei Tage nach ihrem Geburtstag "abgespannt und traurig". Nach drei Monaten hatte sie "ein wenig Heimweh", weiß die Schwester. Vom Fest war noch eine Flasche hanseatischer Kaffee-Likör übriggeblieben. Heide trank sie aus. Angetrunken alarmierte sie einen Freund namens Jacques Soncin, Mitglied des Politbüros der "Organisation communiste des travailleurs" (OCT), einer linksextremen Gruppe.
Soncin kletterte über den Balkon in die Wohnung der Heide, denn die konnte die Tür nicht öffnen. Dann kam der Hausmeister, dann die Polizei, "vier oder fünf Mann", zählte Böttcher-Anwalt Michel Laval.
Da stand nun Heide "quasi nackt", nur mit BH und Pullover bekleidet, schluchzend und verstört. Jacques Soncin sagte: "Es ist nichts, wir brauchen nur einen Arzt." Die Polizisten aber entschieden: "Wir fahren sie ins Kranken haus,"
Nach der Einlieferung stellten die Mediziner bei der deutschen Patientin Brandverletzungen zweiten und dritten Grades fest, vor allem im Genitalbereich und am Gesäß. Ein Hautarzt gutachtete später, daß diese Verletzungen möglicherweise mit einem am Ende abgerundeten heißen Metallgegenstand oder einer brennenden Zigarre bewirkt seien.
Sowohl der Hausmeister, Jacques Soncin wie auch die Polizisten haben jedoch laut Anwalt Laval "in der Wohnung derartige Verletzungen bei Heide nicht ausgemacht".
Spontan wurde ein "Kollektiv der Solidarität mit Heide" gegründet, das behauptete: "Heute kann eine Frau in Paris von der Polizei abgeholt und später mit schrecklichen Verbrennungen aufgefunden werden. Das macht Angst."
Die Polizei-Präfektur verwahrte sich öffentlich gegen jedwede Unterstellungen -- doch Angst vor der Polizei hatten in den letzten Monaten in Frankreich mehrmals Frauen.
Vor einem Pariser Gericht sind derzeit zwei Polizisten, 21 und 33 Jahre alt, angeklagt, im Streifenwagen eine 43 Jahre alte deutsche Lehrerin vergewaltigt zu haben. Gegen andere Täter in Uniform, die sich an einer in Paris ansässigen Deutschen vergangen haben sollen, wird ermittelt.
"Ein Fall ist schon zuviel", klagte ein deutscher Diplomat, und "obgleich man die Polizisten wegen einiger schwarzer Schafe nicht pauschal verurteilen" soll, sei diese Entwicklung "besorgniserregend".
Eine "böse Sache" sah auch Anwalt Laval im Fall Heide Böttcher, zumal "noch viele Fragen offen sind". Etwa, warum zwei Tage nach dem Krankenhaus-Transport die Kripo die Tür zum Böttcher-Appartement aufbrach (geschätzter Schaden: 4000 Franc), die Wohnung durchsuchte, den Reisepaß, ein Böttcher-Porträt sowie ein Photo von ihr und ihrem Hamburger Freund mitnahm.
"Vielleicht hat sieh bei denen eine Psychose entwickelt, daß alle deutschen Mädchen, zumal mit Linkskontakten, potentielle Terroristinnen sind". spekulierte der Verteidiger.
Auch im Krankenhaus für Brandverletzte, in das die Deutsche Stunden später eingeliefert wurde, "erschienen Kripo-Beamte, um Fingerabdrücke abzunehmen", erinnert sich die Patientin.
Frau Böttcher, Kernkraft-Gegnerin und bei Demonstrationen gegen SS-Kappler dabeigewesen, weigerte sich.
Unklar ist auch, warum die Deutsche trotz der Brandwunden nach erster Versorgung in eine psychiatrische Klinik verlegt wurde. Das Krankenhaus beruft sich auf die ärztliche Schweigepflicht, der Ambulanzfahrer jedoch, der Heide Böttcher chauffierte, möchte nicht ausschließen, daß "sie unter Drogen stand", obgleich sie selbst beharrt: "Ich nehme das Zeugs nicht."
Geklärt wären damit die Brandwunden ohnehin nicht. Heide Böttcher erinnert sich zwar an die Ankunft der Polizei, sie hatte "den vagen Eindruck, während der Fahrt berührt worden zu sein " und irgendwo will sie ein großes Haus in einem Park gesehen haben, mit einem Warteraum und alten Möbeln.
Ihre Brandverletzungen jedoch entdeckte Heide Böttcher erst mehrere Stunden später, als sie aus ihrer Bewußtlosigkeit erwachte.

DER SPIEGEL 18/1978
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