01.05.1978

FREIE DEMOKRATENZuweilen konterkariert

Hohe Erwartungen setzt die FDP Baden-Württembergs in ihren neuen Vorsitzenden Morlok: Er soll die zerstrittenen Flügel einen und den bedrohlichen Wählerschwund stoppen.
Jürgen Morlok, 32, frisch gewählter Landesvorsitzender der Liberalen in Baden-Württemberg, würdigte seinen Vorgänger Martin Bangemann, 43, mit einer hintersinnigen "Analyse".
Der bisherige Amtsinhaber, vor drei Jahren noch Generalsekretär der Bundes-FDP und nun zum schlichten Beisitzer im schwäbisch-badischen Landesvorstand herabgestuft, habe "die Programmarbeit geprägt, vorangetrieben und zuweilen auch konterkariert" -- "dies alles", so Morlok, "mit, aber auch gelegentlich ohne Zustimmung seines Landesverbands". Kurzum: Bangemann sei "eben ein Liberaler".
Der Nachruf des Nachfolgers beschreibt präzise auch Zustand und Selbstverständnis der FDP im Südwesten: Wirre Verhältnisse und Verhaltensmuster gelten als besonderer Ausweis der Liberalität.
Und Skepsis ist angezeigt, ob es dem "alerten Jüngling" ("FAZ") gelingen wird, das schrumpfende Häuflein freidemokratischer Parteigänger im Stammland der Liberalen wieder auf Kurs zu bringen. Denn sieben Jahre lang wurde der Landesverband -- erst von dem vormaligen Staatsminister im Auswärtigen Amt, Karl Moersch, dann von dem Europa-Reisenden Bangemann -- von Bonn oder sonstwo her derart mit linker Hand verwaltet, daß Cliquen und Klüngel die Partei ins Schlingern geraten ließen.
Wohl erklärte Pressesprecher Werner Häusler vor Morloks Wahl auf einem außerplanmäßigen Landesparteitag am vergangenen Samstag in Karlsruhe-Neureut euphorisch, "in allen Gliederungen der Partei" verbreite der Wachwechsel an der Spitze "gute Hoffnung"; ob die allerdings auch erfüllt wird, ist fraglich.
Denn obschon der gesamte Landesvorstand vor Ablauf der regulären Amtsperiode zurückgetreten ist, um einen Neubeginn zu signalisieren, wurde lediglich der Spitzenmann ausgetauscht. Morlok muß die Partei mit denselben drei Stellvertretern anführen, die schon unter Bangemann amtierten und von denen wenigstens zwei -- Hinrich Enderlein als Exponent der Linken und der hart nach rechts abgedriftete Klaus Rösch -- zerstritten sind.
Bereits bei dem Parteitag setzten sich, allen Einigkeits-Losungen zum Trotz, die chronischen Zankereien zwischen den Flügeln nahtlos fort. Rösch fiel, obwohl ohne Gegenkandidat, im ersten Wahlgang glatt durch, Der eben gewählte Vorsitzende Morlok ("Wenn schon Kraftproben gemacht werden sollen, dann mit personellen Alternativen") mußte die Autorität seines neuen Amtes aufbieten, um Rösch im zweiten Anlauf eine recht knappe Delegierten-Mehrheit zu sichern.
Bangemann ("Die Leute sagen immer, ich sei an den ganzen Streitigkeiten schuld") belustigte sich über die Fehde, als sei er dadurch schon rehabilitiert: "Die streiten sich ja noch immer." Von Morlok, der sich keiner Gruppierung in der Partei zuordnen läßt, erhoffen sich die südwestdeutschen Liberalen die Fähigkeit zur Integration. Freilich: Auch auf ihn fiel die Wahl vor allem deshalb, weil die Freien Demokraten im Ländle, die binnen vierzehn Jahren vier Vorsitzende verschlissen, keine andere vorzeigbare Alternative mehr hatten.
Morloks frühe Chance ergab sich beinahe zwingend aus seiner Bilderbuch-Karriere. Der Diplom-Volkswirt aus Karlsruhe war 1972 als 26jähriger ins Stuttgarter Landesparlament eingezogen. Schon vier Jahre später wurde er Chef der auf neun Köpfe geschrumpften FDP-Fraktion, nachdem der damalige Fraktionsvorsitzende Johann Peter Brandenburg den Sprung in den Landtag nicht mehr geschafft hatte.
In diesem Amt bewies Morlok, daß er auseinanderstrebende Flügel zusammenzuhalten vermag. Immerhin gehören seine Parteistellvertreter Enderlein und Rösch auch der Fraktion an.
Linke schätzen Morlok wegen seiner aktiven Jungdemokraten-Vergangenheit als hinreichend progressiv ein, konservative Liberale finden an dem fleißigen Aufsteiger Gefallen, weil der ehemalige Direktionsassistent und Marketingleiter der Karlsruher Brauerei Hoepfner-Bräu eine marktwirtschaftliche Politik verficht -- so recht nach dem Geschmack der einheimischen Häuslebauer und Mittelständler, der traditionellen FDP-Klientel.
Weiteren Niedergang kann sich die Partei nicht mehr leisten: Denn in ihrer einstigen Hochburg, wo die FDP zu Reinhold Maiers Zeiten noch mit achtzehn Prozent der Wählerstimmen gesegnet war, kam sie bei der letzten Landtagswahl 1976 gerade noch auf 7,8 Prozent; eine Meinungsumfrage im vorigen Herbst taxierte die FDP gar auf 6,7 Prozent.
Morloks Rezept, wie erfolgreich gegenzusteuern sei, gleicht allerdings der Strategie seines Vorgängers Bangemann aufs Haar: Nach zwölf Jahren in der Opposition müsse die Partei wieder auf Regierungsteilhabe bedacht sein. Es habe "keinen Sinn, nur im Parlament denkbare liberale Alternativen zu formulieren". Nur: Im Unterschied zu Bangemann denkt Morlok nicht laut und zur Unzeit über die Koalitionsfrage nach.
Daß die Partei "rasende Erfolge" von dem Aufsteiger erwartet, ist für ihn "ein Problem, das mir Steine auf die Seele wälzt". Denn wenn die ausbleiben, "dann schlägt dies auch gleich auf die bisher erfolgreiche Arbeit der Fraktion durch".
Weniger tragisch nimmt Morlok Vorurteile wegen seines Alters: "Sicherlich ist meine Jugend ein Stück weit ein Handikap." Aber, tröstet er sich, "dieses verbessert sich ja von Tag zu Tag".

DER SPIEGEL 18/1978
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FREIE DEMOKRATEN:
Zuweilen konterkariert

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