01.05.1978

DETEKTIVELeute linken

Um ein unbequemes Betriebsratsmitglied loszuwerden, ließen ihm Manager eines Supermarktes einen Rauschgifthandel unterschieben. Ein Detektiv fingerte das.
Der Fall schien ohne Zweifel: Als Kriminalhauptmeister Detlef Gerock das Schließfach 216 im Frankfurter U-Bahnhof "Hauptwache" öffnete, schien er am Ende erfolgreicher Recherchen.
In der schwarzen Kunstledertasche, die der Kripobeamte aus dem Fach zog, steckten ein Revolver vom Kaliber 22, geladen, eine Klinikpackung mit zehn Morphium-Ampullen, fünf Einwegspritzen mit dazugehörenden Kanülen -- sowie ein maschinegeschriebener Zettel, der gar noch zum Besitzer der heißen Ware wies: "Walter Zaschke, Wallrabenstein, Neugasse 42".
Die Fährte jedoch machte Gerocks Kollegen vom Rauschgiftdezernat der Main-Metropole stutzig, zu offenkundig, wie Kommissar Zufall da mitgespielt haben sollte. Nach sechs Stunden Verhör, Durchsuchungen seines Arbeitsplatzes im toom-Markt in Taunusstein bei Wiesbaden, seines VW-Busses und seiner Wohnung ließen die Rauschgiftfahnder Zaschke wieder laufen.
Dem toom-Mitarbeiter, Leiter der Warenannahme und engagierten Gewerkschafter, sollte "ein Ding untergeschoben werden" (so ein Kriminalbeamter), dem Arbeitgeber ein Vorwand geliefert werden, um den unbequemen Betriebsrat feuern zu können.
Das vorgetäuschte Geschäft mit dem Rauschgift wird im Herbst vor der 13. Strafkammer des Frankfurter Landgerichts verhandelt werden. Die Staatsanwaltschaft hat auf 69 Seiten Anklageschrift sorgsam zusammengetragen, wie Zaschke durch "falsche Verdächtigungen" von seinem Arbeitsplatz verdrängt werden sollte.
Angeklagt ist der ehemalige Kripobeamte und heutige Privatdetektiv Manfred Glatzel, 30, aus Offenbach, der sich den Drogendeal ausgedacht hatte. Außerdem müssen sich verantworten der für Honorar angeheuerte Rauschgift-Beschaffer Peter Koch und die beiden früheren toom-Manager Siegfried Hübner und Dieter Erich Hofmann, die den Auftrag gegeben hatten.
Die Ermittlungen des Staatsanwalts Harald Körner, inzwischen auf ein rundes Dutzend weiterer Privatdetektive und Polizeibeamten aus dem Rhein-Main-Gebiet ausgeweitet, werfen ein düsteres Licht auf die in Frankfurt geübte Zusammenarbeit zwischen privaten und staatlichen Polizisten, die sich bisweilen am Rande der Legalität, mitunter in der Nähe der Korruption bewegt.
Glatzel hatte sich, so die Ermittlungen, schon früher nicht gescheut, bei seiner Spürtätigkeit die -- entsprechend dotierte -- Mithilfe einstiger Kripokollegen in Anspruch zu nehmen. Bei Sonderaufträgen für die toom-Supermarktkette und andere Unternehmen entwickelte sich ein -- auch für die Beamten -- lukrativer Handel mit vertraulichen Polizeiauskünften.
Dem Offenbacher Privatermittler, so hat die Staatsanwaltschaft herausgefunden, sollten Großaufträge für sämtliche toom-Märkte 200 000 bis 250 000 Mark einbringen. Bedingung: Für ein vorläufiges Honorar von 3000 Mark sollte zuerst Betriebsrat Zaschke weggeschafft werden, denn er hatte sich unbeliebt gemacht.
Der aktive Gewerkschafter verlangte schönere Aufenthalts-, Wasch- und Duschräume, forderte eine Überdachung der Fahrradständer, bequemere Stühle für die Kassiererinnen, eine bessere Versicherung der knapp 130 Taunussteiner toom-Mitarbeiter, ein verbilligtes Frühstück und den Bezug der DGB-Jugendzeitschrift "ran".
Ob es um Überstunden-Zuschlag für sonntägliche Inventurarbeiten oder um bezahlten Urlaub für Pauschalkräfte, Betriebsversammlungen während der Ladenöffnungszeiten oder Jugendsprechstunden ging -- Zaschke war der toom-Geschäftsleitung als rühriger Sozialhelfer lästig. Manager Hofmann zu Glatzel: "Der Mann ist ein Kommunist. Der macht uns alles kaputt." Und Glatzel fühlte sich dem Auftrag durch einschlägige Erfahrung gewachsen: "Wie man Leute linken kann, weiß ich noch aus meiner Kripozeit. Da haben wir auch so was gespielt."
Das Spiel war jedoch so laienhaft inszeniert, daß Glatzels ehemalige Kripokollegen schnell merkten, wer sich das Drehbuch ausgedacht hatte. Zaschke-Anwalt Reinhard Schütte: "Tölpelhafter ging's eben nicht mehr."
Die toom-Geschäftsleitung, die noch drei Tage nach der vorübergehenden Festnahme Zaschkes die Kündigung des Mitarbeiters in Aussicht gestellt hatte, drückte ihm jetzt "unser absolutes Mitgefühl" aus, ohne freilich eine materielle Entschädigung zu erwägen.
Entschädigt wurde Zaschke dafür vom Wahlvolk. Bei den Betriebsratswahlen in der vorletzten Woche steigerte er seinen Stimmenanteil von 60 auf 87 Prozent.

DER SPIEGEL 18/1978
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