01.05.1978

STÄDTEBAUUnten durchlässig

Der Terrorismus zeitigt nun auch städtebauliche Folgen: Die Bayern wollen die seit langem geplante neue Staatskanzlei auf eine sturmsichere Insel verlegen.
Der handgearbeitete zwölfbeinige Schreibtisch des Regierungschefs, unter einem feuervergoldeten Kronleuchter und bespannt mit einer makellosen Kuhhaut, steht inmitten aller Pracht und Herrlichkeit, deren der Freistaat an der Isar fähig ist: sorgfältig restaurierte Deckengemälde, Intarsienböden aus erlesenen Hölzern, Stuckmarmorwände auf handgeschlagenen Ziegelsteinen, Seidentapeten in den Gemächern, vergoldete Türbeschläge, edles Mobiliar von der Bayerischen Schlösserverwaltung.
Die Münchner "Abendzeitung" fühlte sich bei der ersten Vorstellung des frisch renovierten ehemaligen "Palais Royal" -- heute "Prinz-Carl-Palais" -von "einer solchen Lichterfülle" geblendet, daß jedweder Besucher "die Beamten der Staatskanzlei für höhere Wesen ansehen muß". Den Staatschef selbst könne man sich in diesem Interieur "nur in einem Strahlenkranz erscheinend vorstellen".
Die Opposition prangerte die "Protzerei" im Prinz-Carl-Palais an, dessen "Feudalstil an die monarchistischen Zeiten bayrischer Märchenkönige" erinnere. Freistaatschef Alfons Goppel verteidigte sein Palais, das "hier in übelster Juso-Manier" attackiert werde.
Doch aller Glanz scheint nun vergebens. Zwar wurde das ockerfarbene Palais an der Münchner Prinzregentenstraße mit reichlich Beton unterfangen, und auch das Dachgebälk wurde derart verstärkt, daß Hubschrauber auf dem klassizistischen Bauwerk landen können, aber den Spezialisten des Landeskriminalamtes, die den künftigen Amtssitz des bayrischen Ministerpräsidenten sicherheitstechnisch überprüften, genügte das längst nicht mehr.
Angesichts eines immer brutaler werdenden Terrorismus könne "heute kein Mensch mehr die Schneid haben, an dieser Stelle die Schaltzentrale eines Staates zu errichten". So erläuterte Ministerialdirigent Helmut Megele, Chef des Hochbaus in der obersten Baubehörde des Landes, die Prüfungsvermerke der Kriminalisten. Denn unter dem Prachtbau führt eine vierspurige Autostraße hindurch, was laut Megele "selbstverständlich einen Risikofaktor" darstellt: "Da kann man schon einigen Zauber anstellen."
Mehr noch als der für zehn Millionen Mark bereits renovierte Altbau mit seinen dicken Säulen vor dem Portal ist der geplante Bürotrakt neben dem Palais, für den der Landtag 86 Millionen Mark genehmigte, durch terroristische Anschläge gefährdet. Das zweigeschossige Projekt steht auf hohen Stelzen. Die Büroräume sind weitgehend verglast. Treppenhäuser und Fahrstühle sind außen ans Haus geklebt. Eine "urbane Zone" mit Weinstübchen und Restaurants sollte das teure Bauwerk auch dem Bürger schmackhaft machen. Kurzum, so Megele: "Das Gebäude war unten völlig durchlässig."
Nach und nach wurden denn auch die zivilen Parkplätze in der Tiefgarage, die Lokalitäten und Passagen wieder vom Plan gestrichen. Und heute, da die Sicherheitsexperten sogar auf "Angriffe mit Pioniermethoden" (Megele) gefaßt sind, ist der ganze Standort im sogenannten Finanzgarten zwischen Palais und Landwirtschaftsministerium wieder verworfen.
Nach fast zehnjähriger Planungszeit wurde der Vertrag mit dem Architekten Uwe Kiessler gekündigt und die oberste Baubehörde angewiesen, neue Standorte vorzuschlagen. Der erste neue Vorschlag, die Praterinsel in der Isar, auf der heute eine Essigfabrik und Enzianbrennerei steht, ist von den LKA-Experten bereits geprüft und wegen der gesicherten Zufahrt für gut befunden worden. Bauchef Megele: "Eine Insel bietet halt nicht soviel Angriffsflächen wie ein Park."
Die Nachteile der Insel, die von der darüber hinwegführenden Maximiliansbrücke von oben bequem eingesehen und wohl auch von Terroristen attackiert werden kann, unterstreicht der entlassene Architekt Kiessler: "Die Isar ist doch auch nicht sturmsicher." Dazu Megele: "Wir können ja kein Pentagon bauen."
Die zweite Alternative, die nach dein Zweiten Weltkrieg übriggebliebene Ruine des Armeemuseums am ehemals Königlich-Bayerischen Hofgarten, hat einen anderen Nachteil, vor dem Bayerns Baumeister noch zurückzucken: die monumentale Riesenkuppel, die aus denkmalschützerischen Gründen und auf Grund eines Plenarbeschlusses der Stadt München erhalten bleiben muß -- "die Hypothek des Geländes" (Megele).
Architekt Kiessler hält denn auch dieses Projekt für nicht realisierbar -- wegen des "imperialen touchs", der an das Capitol in Washington gemahne. Hochbau-Chef Megele ist da geschmeidiger. Mit Blick auf den amtierenden Ministerpräsidenten Alfons Goppel und auf dessen mutmaßlichen Nachfolger Franz Josef Strauß meditiert er: "Jeder Mensch hat einen anderen Zuschnitt."

DER SPIEGEL 18/1978
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