01.05.1978

KONZERNEErhebliche Zweifel

Auch nach einer Staatsbürgschaft über 100 Millionen Mark steht der Baukonzern Beton- und Monierbau auf wackligen Fundamenten.
Als die Not am größten war, entsann sich Helmut Wolf, Chef des Düsseldorfer Energie-Unternehmens Conti-Gas und Aufsichtsratsmitglied des Baukonzerns Beton- und Monierbau (BuM), eines alten Kameraden. Auf der letzten BuM-Aufsichtsratssitzung fragte er Vinzenz Grothgar vom Vorstand der Westdeutschen Landesbank: "Hätten Sie denn etwas gegen Herrn Mommsen?"
Mit seiner Empfehlung entledigte sich Wolf eines längst fälligen Freundschaftsdienstes. Ernst Wolf Mommsen hatte ihn für eine Auffangposition ins Gespräch gebracht, als Wolf, damals Topmanager bei Flick, wegen unglücklicher Geschäfte der Konzerntochter Krauss-Maffei unversehens zur Verfügung stand.
Die Revanche glückte: Erleichtert stimmte Landesbankier Grothgar, dessen Bank dem Baukonzern immerhin 190 Millionen Mark gepumpt hat, dem Vorschlag zu, als Wolf ihm die Vorzüge seines Kandidaten aufzählte: Mommsen verfüge aus seiner Zeit als Staatssekretär im Verteidigungsministerium Über beste Beziehungen zu Kanzler Schmidt. Auch mit dem Vorsitzenden der IG Bau, Rudolf Sperner, käme der Pensionär gut zurecht.
Auch den anderen Aufpassern der sanierungsreifen BuM-Gruppe kam die Freundesofferte gerade recht. Denn auf ihrer monatelangen Suche nach einem neuen Aufsichtsratschef hatten sich die beiden stellvertretenden Ratsvorsitzenden Grothgar und Berend Udink, Chef des holländischen Mischkonzerns und BuM-Großaktionärs Ogem, nur Absagen eingehandelt.
Der Ruf des Baukonzerns hatte selbst Ehrgeizige verschreckt. Noch vor Ausbruch der BuM-Krise hatte sich der Ratschef und jahrelange BuM-Eigner Heinz Gerhard Franck vom Chemiekonzern Rütgers aus dem BuM-Aufsichtsrat verabschiedet. In den letzten Wochen gingen dann Ratsprominente aus Industrie und Banken -- unter ihnen Dietrich Natus von der Frankfurter Metallgesellschaft und Commerzbank-Vorstand Armin Reckel.
Die Abgänge sollen an diesem Mittwoch ersetzt werden: Neben Mommsen werden die Firmenanwälte des Hauptaktionärs Ogem und des Hauptgläubigers WestLB künftig die Aufsicht über BuM führen. Kein Problem für Mommsen: "Ich habe schon immer schwierige Aufsichtsratsposten übernommen, aber nie Katastrophenfälle."
Schwierig wird der Job in jedem Fall. Nach den Krisen-Sitzungen von Aufsichtsräten und Bürgschaftsprüfern im Februar, als nur eine 100-Millionen-Staatsbürgschaft die Firma bei Kasse hielt, müssen die Baumanager neue Bruchstellen abdichten: Wenige Wochen nach Auszahlung des vom Land Nordrhein-Westfalen verbürgten Groß-Kredits waren die Düsseldorfer wieder einmal klamm.
Längst reichen die Einnahmen aus den Auslands-Baustellen in Algerien, Saudi-Arabien und Nigeria nicht mehr aus, um die im Inland auflaufenden Verluste auszugleichen.
Schon im Februar, behauptete der inzwischen geschaßte BuM-Chef Heinz-Friedrich Hoppe vor dem Bürgschaftsausschuß, habe er seine Aufsichtsräte Grothgar und Udink in einem "hausintemen Schreiben" "auf einen wichtigen Geschäftsvorfall aufmerksam" gemacht. Das zweite Halbjahr 1977, 50 Hoppes Brief, werde seine Nigeria-Tochter "einen Verlust in Höhe von 12,5 Millionen Mark ausweisen" -- halb soviel, wie BuM im Jahr auf deutschen Baustellen verlor.
Zwar hält Ogem-Chef Udink laut einem vertraulichen Bericht der staatlichen "Treuarbeit", die den Konzern prüfte, Hoppes traurige Botschaft "für falsch": Er glaube, versicherte der Holländer, "an ein Durchkommen".
Doch wenig später meldeten einst zuverlässige BuM-Geldgeber wie die First National Bank of Chicago, die Allgemeine Elsässische Bankgesellschaft und die Commerzbank "erhebliche Zweifel" an. Das Nigeria-Geschäft" meinten die Bankiers, sei eine "offene Flanke" des Konzerns.
Zur Vorsicht mahnt alle 58 Finanziers" die einschließlich diverser Bankbürgschaften nach der letzten internen Aufstellung der Deutschen Bundesbank genau 811 Millionen Mark an den Baukonzern ausgeliehen haben, die allzu knappe Kapitaldecke des Branchen-Fünften.
Während etwa der Spitzenreiter Philipp Holzmann in seinem Jahresabschluß 1976 ein Eigenkapitalpolster von 13,1 Prozent der Bilanzsumme vorwies, kamen beim expansionsfreudigen BuM-Konzern magere 7,6 Prozent zusammen -- die niedrigste Quote im Vergleich der 15 Größten vom Bau.
Die neuesten Hochrechnungen fielen noch knapper aus. Die BuM-Kapitalquote, die 1974 immerhin bei 11,4 Prozent lag, war im vergangenen Jahr erstmals unter die kritische Sieben-Prozent-Marke gesackt. Dieses Jahr, meinen Firmenkenner, seien wegen der hektischen Geschäfte und der auflaufenden Verluste allenfalls noch fünf Prozent zu halten.
Einstweilen weigert sich der Großaktionär Ogem (Anteil am BuM: 44 plus weitere sieben Prozent über eine deutsche Treuhandbank) den längst fälligen Kapitalnachschub zu leisten. Die Holländer begnügten sich damit, zwei ihrer altgedienten Manager in die Düsseldorfer Bauzentrale zu entsenden.
Diese Taktik, so befürchten rheinische Politiker und Bankiers, deute darauf hin, daß die Holländer doch ihren alten Plan durchsetzen und das lukrative Arabien-Geschäft aus dem Konzern herauslösen. Mommsen bliebe dann nur noch die Aufsicht über alle verlustträchtigen Baustellen.
Auch diese Aussicht allerdings kann Mommsen nicht schrecken: "Zum Geschäft von Aufsichtsräten", meint er markig, "gehört es, Risiken zu bewerten und den Kopf hinzuhalten."

DER SPIEGEL 18/1978
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