01.05.1978

„Sollen in Italien andere Normen gelten?“

Wochenlang fahndete der hochgerüstete italienische Staat nach den Entführern des früheren Premiers Aldo Moro. Obschon Regierung und Parteien eine Härte zeigten, die ihnen kaum jemand zugetraut hätte, vollbrachten die Entführer ein Katz-und-Maus-Spiel, wie es makabrer in keinem der bisherigen Entführungsfälle ablief.
In ihrem Versteck, wo immer zwischen Südtirol und Sizilien, konnten Aldo Moros Entführer feiern: Die Publizität im Fall Moro übertraf jede der bisherigen Entführungen.
Mochten die Kommuniqués aus dem Untergrund noch so abstruse Vorwürfe gegen den Staat und gegen Moros Partei, die regierende Democrazia Cristiana (DC), enthalten -- sie standen in der Weltpresse. Und selbst Große der westlichen Welt befaßten sich erstmals mit Italiens Roten Brigaden, als seien sie wirklich jene Streitmacht im Guerillakrieg, als die sie sich gern betrachten.
Aus Washington ließ US-Präsident und Sonntagsprediger Jimmy Carter der römischen Regierung bestellen, er bete mit dem amerikanischen Volk für die baldige Rückkehr des entführten Spitzenpolitikers.
Aus New York appellierte Uno-Generalsekretär Kurt Waldheim gleich zweimal "im Namen der Menschlichkeit" an die Terroristen, sie sollten ihr Opfer freilassen.
Und im Vatikan schrieb der greise Papst -- erstmals mit eigener Hand in demutsschwerer Geste: "Auf den Knien" bat der Pontifex die Terroristen, ihr Opfer freizugeben, "einfach so, ohne Bedingungen". Wohl als Gegenleistung versicherte er den "Menschen der Roten Brigaden" sogar, daß er sie trotz allem liebe -- fürwahr ein frommer Vorsatz.
Der Papstbrief, von Radio Vatikan in 26 Sprachen verbreitet, wurde vorletzten Sonnabend um 10.30 Uhr in Rom der Presse übergeben. Wenige Stunden später lief das erste Ultimatum ab, das die Roten Brigaden, ganz anders als die Schleyer-Entführer, erst nach nervenaufreibenden 35 Tagen schließlich stellten. Die Regierung, so forderten die italienischen Stadtguerillas, solle "kommunistische Gefangene" freilassen, andernfalls werde Moro hingerichtet.
Doch das Ultimatum, das Fristen setzte, aber keine Gefangenenzahlen nannte, verstrich, die Spannung stieg weiter, in der Hauptstadt ebenso wie in Turin, wo Mitglieder der Brigaden wegen "bewaffneter Bandenbildung mit dem Ziel, den Staat umzustürzen" vor Gericht stehen.
"Italien: letzter Akt?" heißt ein Film von Massimo Pirri, der vergangene Woche in den italienischen Kinos lief: Er schildert, wie Terroristen einen Minister und seine fünf Leibwächter niederschießen, wie der Staat Sondergesetze erläßt und die Polizei sich besonders mit angeblichen Sympathisanten der Terroristen, befaßt.
In der römischen DC-Zentrale an der Piazza del Gesù bekräftigten hohe Funktionäre, mit den Verbrechern dürfe nicht verhandelt werden. Aber draußen, auf der Piazza, diskutierten Hunderte von Bürgern, ob nicht doch, über die Caritas etwa, Kontakt zu den Entführern hergestellt werden könne. Ein DC-Mitglied: "Ganz gleich. wie die Sache ausgeht, der Fall Moro ist eine schreckliche italienische Tragödie."
Zwei Tage später endlich, vergangenen Montag, forderten die Brigadisten, die sich als Vorhut einer kommunistischen Revolution verstehen, im Tausch gegen den DC-Präsidenten erstmals konkret die "unmittelbare Freilassung" 13 inhaftierter Genossen, darunter ihr vor Gericht stehender Boß Curcio, aber auch der zu lebenslänglich verurteilte Raubmörder Mario Rossi.
Außerdem spielten die Brigadisten der römischen Zeitung "Vita" einen neuen Brief des entführten Moro an Partei-Sekretär Zaccagnini zu. Darin mahnt Moro, der im "Volksgefängnis" der Roten Brigaden offenbar schwerstem psychischem Druck ausgesetzt ist, es gehe doch nur "um den Austausch einiger Kriegsgefangener (Krieg oder Guerilla-Krieg, wie man will), wie es üblich ist, wo Krieg herrscht, in höchst zivilisierten Ländern ... Warum sollen in Italien andere Normen gelten?".
Sollte er sterben müssen, klagte Moro weiter, trage seine Partei die Schuld daran -- "deshalb fordere ich, daß an meinem Begräbnis weder Vertreter des Staates noch Männer der Partei teilnehmen".
Ein entführter Spitzenpolitiker, der in einem offenen Brief an seine Parteifreunde von der eigenen Beerdigung redet, ihnen aber die Teilnahme daran versagt -- derart Makabres hat es in der Geschichte europäischer Entführungen noch nicht gegeben.
Ungewohntes zeichnet den Fall Moro auch sonst noch aus: Da raffte sich der schwache italienische Staat diesmal zu einer Demonstration der Härte auf, setzte er alle Mittel zur Terroristenjagd ein und bewies sogar eine moralische Standfestigkeit, die ihm kaum jemand zugetraut hätte -- und doch nützte die ungeheure Anstrengung sechs Wochen lang nichts, spielten die Terroristen mit dem hochgerüsteten Staat Katz und Maus.
Das Wechselbad numerierter schriftlicher Kommuniqués, blutiger Attentate und überraschender Polizei-Einsätze hatte schließlich Mitte voriger Woche ein beispielloses Klima von Unsicherheit und Angst entstehen lassen. Bisherige Höhepunkte des Dramas:
* 15. April: Aldo Moro, melden die Terroristen, "ist schuldig und wird deshalb zum Tode verurteilt".
* 18. April: Nach einer mit "Rote Brigaden" gezeichneten Mitteilung wurde Moro "durch "Selbstmord" hingerichtet", die Leiche liege im Duchessasee im Abruzzengebirge. Taucher, Polizeihunde und Patrouillen werden eingesetzt, finden im zugefrorenen See aber nur die Leiche des Schafhirten Angeli.
* 20. April: Die Brigadisten dementieren die Todesmeldung vom 18., wollen durch ein Moro-Photo beweisen, daß der Entführte lebe, und verlangen seinen Austausch gegen kommunistische Gefangene. Am gleichen Tag ermorden Extremisten den Mailänder Gefängnisbeamten Francesco Di Cataldo.
* 26. April: Der DC-Politiker Girolamo Mechelli wird beim Verlassen seiner Römer Wohnung niedergeschossen; Brigadisten nennen ihn einen "Diener der Multinationalen". Der Fall Moro zeigt. wenn es dieses Beweises noch bedurft hätte, wie planvoll und flexibel die italienischen Terroristen vorgehen. Im Vergleich zu ihnen, urteilte vergangene Woche ein römischer Kripo-Beamter, "wirken die Entführer des Herrn Schleyer geradezu phantasielos".
Jedenfalls stürzte die raffinierte Taktik der Brigaden Italiens Parteien in zunehmende Verwirrung. Zunächst nämlich schien es, als gehe es den Moro-Entführern lediglich um einen "politischen Prozeß" gegen den bedeutendsten Christdemokraten, also eine Demonstrationstat. Dann, Ende März, als sie Moro den Vorschlag eines "Gefangenenaustausches" machen ließen, ging es anscheinend um Freipressung ihrer Genossen.
Erst am 18. April forderten die Brigadisten selbst diesen Handel, nannten aber keine Namen. Schließlich, am 24. April, nannten sie zwar 13 Namen, stellten aber keine Frist für die Freilassung dieser Extremisten.
Moros Familie bemühte sich von Anfang an um Kontakte zu den Entführern -- und geriet darüber in Streit mit Moros Partei, die überraschend hart blieb, so hart, daß Senator Raniero La Valle, ein prominenter Linkskatholik, klagte, in Italien habe sich eine Art "preußische Partei" gebildet, die bereit sei, Aldo Moro zu opfern, nur um· das Staatsprestige zu verteidigen. "Dieses Land", wunderte sich La Valle, "zeigt plötzlich ein Gesicht, das wir noch nicht kannten: ganz spartanisch, ganz Staatsräson, keinerlei Emotionen mehr."
Doch die KPI, im Fall Moro noch staatsbewußter als sonst schon in jüngster Zeit, konterte: Es gehe keineswegs um ein abstraktes, wohl gar "preußisches" Prinzip. Wenn der demokratische Staat derartigem Druck weiche, gäbe er sich selbst auf. Darum: "Keine Kungelei mit den Roten Brigaden!"
Ein Austausch schien bis Mitte vergangener Woche kaum vorstellbar, und viele, wenn nicht die meisten Italiener gaben bereits die Hoffnung auf, Aldo Moro noch zu retten. Anonyme Anrufer bei der Agentur Ansa erklärten -- Sadismus all' Italiana -, Moro sei hingerichtet, aber ebenso, Moro sei freigelassen.
Manche Politiker, zumal in der DC, trösteten sich mit der Hoffnung, der Tod des Opfers bringe den Entführern politisch nichts ein -- doch das hängt wiederum allein vom Urteil der Terroristen ab.
Die Appelle Waldheims und des Papsts hätten die Roten Brigaden über Gebühr aufgewertet, klagte der römische Soziologie-Professor Franco Ferrarrotti vergangene Woche: "Die Roten Brigaden haben ihr Spiel schon gewonnen."

DER SPIEGEL 18/1978
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