01.05.1978

ISRAELVom hohen Roß

Eine außerparlamentarische Opposition macht Front gegen den harten Kurs von Ministerpräsident Begin.
Im Oktober 1973 kämpfte Juval Nerija noch zwölf Tage, nachdem die Ägypter seine Einheit am Suezkanal überrannt hatten.
Er sammelte Versprengte zu neuen Einsatztrupps, holte Verwundete aus dem Feuer, wechselte den Panzer, wenn der getroffen war, und lag feuernd hinter einem Maschinengewehr, als ihn schließlich Kameraden bargen -- mit Kugeln in der Brust, gebrochenem Bein und Brandwunden im Gesicht. Das Vaterland ehrte Juval Nerija mit dem höchsten Tapferkeitsorden.
Heute kämpft der Sinai-Soldat für den Frieden.
Nerija, inzwischen 28 und Student in Jerusalem, schloß sich "Schalom achschaw" an, der Bewegung "Frieden jetzt". Denn es sei Zeit, daß "jeder Israeli vom hohen Roß" steige und eine Regierungspolitik bekämpfe, "die uns vom Frieden wegführt".
Eine Befriedung verhindert nach Meinung von Schalom achschaw Premier Begin, weil er vom biblischen Israel träumt und sich weigert, eroberte arabische Gebiete zu räumen. Unter der Losung "Frieden ist wichtiger als Groß-Israel" schickten die Friedensstreiter eine "Mahnwache" vor die Jerusalemer Wohnung des Ministerpräsidenten. 30 000 Bürger kamen zur ersten Großveranstaltung am 1. April in Tel Aviv.
Angesichts solcher Bewegung im Judenstaat schöpfte Ägyptens Präsident Sadat wieder Hoffnung für seine fast gescheiterte Friedensinitiative: "Das israelische Volk hat meine Friedensgeste verstanden und bejaht. Nur Begin bleibt weiterhin hartnäckig."
Tatsächlich stehen nur noch 59 Prozent der Israelis hinter ihrem Premier, gegenüber 79 Prozent vor vier Monaten.
Und 55 Prozent sind heute besorgt, daß Begins Besiedlungspolitik die Friedenschancen ernsthaft beeinträchtigen könnte. Immer mehr Israelis auch sprechen das öffentlich aus.
So schrieben vor einigen Wochen 350 Reserveoffiziere, unter ihnen Jom-Kippur-Kriegsheld Nerija, einen kritischen Brief an den Premier. "Wir wollten herausstellen, daß wir Leute sind, die ihre vaterländische Pflicht erfüllt haben", erklärt Panzerhauptmann Amir Bar-On, "daß wir nicht als Linke und Defätisten abzutun sind."
Begin kanzelte die Brief schreiber dennoch ab -- als inkompetent. Aber an Universitäten und in Kibuzzim gewannen die Soldaten Anhänger. 70 000 Israelis unterzeichneten einen Aufruf an die Regierung, eine flexiblere Politik zu betreiben. Rund 1000 Treffen veranstalteten die Friedensfreunde. "Plötzlich fanden wir uns als Leiter einer Art Bewegung wieder", erklärt Pzali Reschev, ein Jurastudent.
Ein halbes Jahr nach Sadats Friedensinitiative versucht mithin erstmals eine außerparlamentarische Opposition, den Judenstaat auf entschiedenen Verständigungskurs zu drängen. Sie entwickelte sich nach Meinung des Fallschirmjäger-Reservisten David Zucker, "weil Israels politisches System keine direkte Antwort auf Sadats Herausforderung ermöglichte".
Nur aus dem zum Bunker-Komplex erstarrten Sicherheitsbedürfnis vieler Israelis ist erklärbar, daß sich in Israel, dem einzigen Nahost-Staat mit pluralistischer Struktur, offener Gesellschaft und freier Presse, keine nennenswerte politische Kraft gegen den harten Kurs des Nationalisten Begin entwickelt hatte.
Die nach fast 30 Regierungsjahren in die Opposition abgewählte Arbeiterpartei ist zerstritten. Teile von ihr hatten versucht, den klerikal-konservativen Regierungschef rechts zu überholen, als Begin zu Beginn der Sadat-Initiative die Bereitschaft andeutete, Siedlungen zu räumen.
Stark geschwächt ist auch die erst vor den Wahlen im vergangenen Jahr entstandene linksliberale "Demokratische Erneuerungsbewegung" des Archäologie-Professors Jadin. Sie verlor ihren Protest-Geist, seit sie Begins Regierung beitrat, angeblich um auf den rechten Ultra mäßigend einwirken zu können. Anstelle von über elf Prozent im Mai 1977 würden heute nur noch vier Prozent der israelischen Wähler Jadins Partei ihre Stimme geben.
Israels neue Friedens-Apo will "nicht die Regierung absetzen", sondern sie lediglich "veranlassen, ihre Politik zu ändern", so der Aktivist Jossi Bar-Arzi von der Schalom-achschaw-Bewegung.
Ihre Anhänger stammen vorwiegend aus der alten aufgeklärten Elite der europäisch geprägten Einwanderer, für die der Extremist Begin ohnehin nie wählbar war. Die Rechten in Israel und die unterprivilegierten orientalischen Juden dagegen stehen nach wie vor überwiegend fest hinter Begin.
Dessen Regierung nimmt die Herausforderung durch Schalom achschaw immerhin so ernst, daß sie eine eigene außerparlamentarische Gegenbewegung fördert: "Schalom ve-bitachon" ("Sicherer Frieden").
Am 15. April veranstaltete diese Gruppe, deren treibende Kraft Begins Privatsekretär Jechiel Kadischai ist, auf dem Tel Aviver Rathausplatz eine Gegendemonstration mit Losungen wie "Wir lieben Dich, Begin". Es erschienen rund 40 000 Teilnehmer, etwas mehr als bei Schalom achschaw -- aber weniger als die Hälfte der vom regierenden rechten Likud-Block erhofften 100 000 Begin-Freunde.
"Offizielle Solidaritätsdemonstrationen können nicht vertuschen, daß Begins Siedlungspolitik jeden Fortschritt zum Frieden blockiert", urteilt die unabhängige Knesset-Abgeordnete Schulamit Aloni.
Der Panzerreservist Bar-On, 29, erklärt, per Anekdote, weshalb sich viele Soldaten gerade seiner Waffengattung für Schalom-achschaw einsetzen:
Ein General fragte seine drei Fahrer, ob Israel den Arabern das besetzte Land zurückgeben sollte. Der Chauffeur der Zivil-Limousine antwortete: "Keinen Zentimeter." Der Fahrer des vorwiegend zwischen den Stäben benutzten Jeeps meinte: "Vielleicht ein Stück Land für ein Stück Frieden."
Der Panzerfahrer aber, der im Kriegsfall an die vorderste Front muß, rief: "Gebt ihnen alles zurück, je eher je besser."

DER SPIEGEL 18/1978
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