01.05.1978

CHILEReines Gewissen

Enthüllungen in einem anderthalb Jahre alten Mordfall zwingen den Diktator Pinochet zu politischen Konzessionen.
Den Vizeadmiral Patricio Carvajal überraschte die Nachricht auf Dienstreise in Japan, den Carabinero-General Mario Mackay bei einem offiziellen Besuch in den USA: Die beiden chilenischen Militärs, Außenminister seines Landes der eine, Landwirtschaftsminister der andere, hätten die Heimreise, so erfuhren sie, ohne Kabinettsrang anzutreten.
Unverhofft hatte ihr oberster Dienstherr in Santiago, Chiles Diktator General Augusto Pinochet Ugarte, vergangenen Monat verfügt, daß die Regierung umzubilden sei. Statt bisher neun Offiziere und sieben Zivilisten sind jetzt in Chile nur noch fünf Militärs, dafür aber elf Zivilisten Minister.
Es war nicht die einzige Überraschung, die General Pinochet seinen Landsleuten in jüngster Zeit bescherte.
Der Mann, der im September 1973 an der Spitze einer Militärjunta mit einem blutigen Staatsstreich gegen die Regierung des Sozialisten Salvador Allende die Macht an sich gerissen und seither mit eiserner Faust regiert hat, befahl nun plötzlich innerhalb weniger Wochen
* die Aufhebung des nach dem Futsch 1973 verhängten Belagerungszustands und eine Lockerung der nächtlichen Ausgangssperre;
* eine Amnestie für wegen politischer Vergehen von Militärgerichten verurteilte Chilenen und
* Vorlage eines Entwurfs für eine neue Verfassung, über die bis Ende nächsten Jahres eine Volksabstimmung abgehalten werden soll.
Zwar bedeutet all dies noch keineswegs die Rückkehr zur Demokratie: Statt des Belagerungszustands nämlich bleibt immerhin noch der ebenfälls 1973 verhängte Ausnahmezustand in Kraft, gewerkschaftliche Betätigung und politische Parteien sind nach wie vor verboten, und die von der Amnestie Betroffenen dürfen nicht etwa in Chile bleiben, sondern müssen zwangsweise ins Exil gehen.
Gleichwohl hat das Regime Pinochet seinen Untertanen nie zuvor solche Zugeständnisse gemacht wie jetzt -- und vieles deutet darauf hin, daß es keine ganz freiwilligen Zugeständnisse sind. Der General, der so viele Chilenen das Fürchten lehrte, kämpft vielmehr ein zähes Rückzugsgefecht um sein eigenes politisches Überleben.
Er kämpft dabei vor allem gegen einen Toten -- den früheren Allende-Minister Orlando Letelier, der am 21. September 1976 in seinem Washingtoner Exil von einer an seinem Wagen angebrachten und durch Fernsteuerung ausgelösten Bombe getötet wurde. Mit ihm starb seine amerikanische Assistentin Ronnie Karpen Moffitt; ihr Ehemann, der auf dem Rücksitz des Wagens saß, wurde verletzt.
Die Ermordung des Ex-Ministers, so ließ die Militärjunta nach dem Anschlag verlautbaren, sei ein "kaltblütiger und unmenschlicher Plan", den sie "verurteile". Schon damals vermuteten jedoch viele der ins Exil geflüchteten Chilenen, daß Pinochets gefürchtete Geheimpolizei, die Dina, das ihre zu dem "kaltblütigen Plan" beigetragen habe.
Denn der ermordete Letelier, von 1971 bis 1973 Chiles Botschafter in Washington sowie ehemals hoher Funktionär der Inter-Amerikanischen Entwicklungsbank (BID), hatte Einfluß und Freunde in amerikanischen Wirtschafts- und Diplomatenkreisen besessen und genutzt, um ausländische Wirtschaftshilfe für die Junta zu vereiteln, so gut er konnte. Noch elf Tage vor seinem Tod hatte ihm die Regierung in Santiago wegen "Behinderung der normalen finanziellen Hilfe für Chile" die chilenische Staatsbürgerschaft aberkannt.
Inzwischen hat sich der vage Verdacht, daß offizielle chilenische Stellen bei dem Attentat gegen den unbequemen Letelier ihre Hand im Spiel gehabt haben könnten, zu einem feinmaschigen Indiziennetz verdichtet, das sich immer enger zusammenzieht.
In anderthalb Jahren zunächst streng geheimer Ermittlungen fanden die für den Mordfall zuständigen amerikanischen Untersuchungsbehörden des District of Columbia heraus:
Am 17. August 1976, also rund einen Monat vor dem Attentat, beantragten in der US-Botschaft in Santiago zwei Militärs mit chilenischen Dienstpässen, ausgestellt auf die Namen Juan Williams Rose und Alejandro Romeral Jara, ein Diplomatenvisum für die USA. Sie erhielten es, nachdem der chilenische Außenminister beim US-Botschafter telephonisch interveniert hatte.
In den USA "nahm zumindest einer der Männer", so der amerikanische Untersuchungsbericht, "Kontakt zu einer der Personen auf, die als verantwortlich für den Mord gehalten werden".
Ausgeführt wurde die Tat, vermuten die amerikanischen Ermittlungsbehörden, von Castro-feindlichen, in den USA lebenden Exilkubanern, genauer, von einem oder mehreren Mitgliedern jener berüchtigten "Brigade 2506", die einst von der CIA finanziert und für die Invasion in der Schweinebucht 1961 gedrillt worden war. Den Kontakt zwischen führenden Figuren der Brigade 2506 in Miami und den aus Chile eingereisten Männern mit den Diplomatenpässen soll Chiles Konsul in Miami, Héctor Durán, hergestellt haben.
Nachdem das Bundesgericht in Washington 21 verdächtige Kubaner vernommen hatte, wandte es sich im vergangenen Februar schließlich mit einem offiziellen Ersuchen um Amtshilfe an die Regierung in Santiago: Der zuständige US-Ermittlungsrichter William Bryant bat um Einvernahme von Juan Williams Rose und Alejandro Romeral Jara.
Die chilenischen Behörden winkten erst mal ab: In keiner der drei Teilstreitkräfte gebe es jemanden, der Alejandro Romeral Jara oder Juan Williams Rose heiße; der Name Romeral Jara gar existiere in ganz Chile nicht, ließ das Innenministerium wissen.
Doch nun veröffentlichte die chilenische Presse die Paßfotos der Gesuchten, und wenige Tage später waren beide identifiziert: Alejandro Romeral Jara als chilenischer Hauptmann der Infanterie Armando Fernández Larios, 28, und Juan Williams Rose als der nordamerikanische Staatsbürger Michael Vernon Townley Welch, 35, der seit über 20 Jahren in Chile lebt.
Fernández Larios, von Pinochet für seine Beteiligung am Sturm auf den Moneda-Palast während des Putsches gegen Allende mit einem Orden "für besondere Verdienste" ausgezeichnet, war Mitarbeiter der Geheimpolizei Dina, die Pinochet direkt unterstand.
Der Elektroingenieur Townley, dessen chilenische Ehefrau während der Allendezeit militantes Mitglied der rechtsradikalen Bewegung "Patria y Libertad" (Vaterland und Freiheit) gewesen war, hatte aktiv gegen die Allenderegierung gekämpft. Linke Zeitungen veröffentlichten damals sein Photo als das eines CIA-Agenten.
Die Betroffenen, nachdem man sie denn endlich gefunden hatte, bestritten, mit falschen Diplomatenpässen in die Vereinigten Staaten eingereist zu sein. Doch die Hoffnung der chilenischen Regierung, damit werde die Sache ihr Bewenden haben, erfüllte sich nicht:
In ultimativer Form mit der kaum verhüllten Drohung, den amerikanischen Botschafter in Santiago, George Landau, abzuberufen -- verlangten die Beamten des Menschenrechts-Kämpfers Jimmy Carter von der Regierung Pinochet Mithilfe bei der Aufklärung des Falles. Schließlich wurde die Richterin Juana González vom Obersten Gericht in Santiago mit den Untersuchungen beauftragt.
Der Mann freilich, der am ehesten Licht in die Sache hätte bringen können, war leider, so stellte sich heraus, schon tot: Carlos Guillermo Osorio Mardones, der Beamte, der die falschen Diplomatenpässe ausgestellt und die Anträge auf Erteilung der Einreisevisa für die beiden Paßinhaber befürwortet hatte, kam bereits am 22. Oktober 1977 ums Leben. Todesursache, so die Santiagoer Tageszeitung "La Tercera" damals: "Selbstmord durch Kopfschuß"; "Herzanfall" schrieb einen Tag später die Zeitung "El Mercurio", gleichfalls in Santiago.
Die wahre Todesursache ist bis heute offiziell nicht bekannt -- obwohl die Familie des Toten nach neunmaligem vergeblichem Insistieren schließlich doch noch die Exhumierung der Leiche erzwang. Fest steht jedoch, daß Guillermo Osorio keineswegs, wie die Regierung glauben machen möchte, irgendein kleiner Paßbeamter war, der entweder eigenmächtig oder in Unkenntnis der Folgen gehandelt hat. Er war vielmehr ein Diplomat mit engen Verbindungen zu den Spitzen des Regimes:
Als Dritter Sekretär der chilenischen Botschaft in Bonn teilte er -- Anfang der sechziger Jahre -- mit seinem damaligen Botschafter Arturo Maschke Tornero die Vorliebe für strammes Deutschtum. Osorio, der gut Deutsch sprach, brüstete sich vor seinen deutschen Freunden mit seiner Vergangenheit in der chilenischen Nazi-Jugendorganisation der dreißiger Jahre und ebnete jenen 236 Siegburger Bürgern den Weg, die 1961 in Chile die deutsche Siedlung "Colonia Dignidad" gründeten -- unter Pinochet ein berüchtigtes Folterzentrum der Geheimpolizei Dina.
Während der Allendezeit pflegte Osorio, damals chilenischer Konsul im argentinischen Patagonien, enge Kontakte zu den rechtsradikalen Verschwörern der "Patria y Libertad", denen er nach Kräften half, im Patagonien benachbarten Süden Chiles eine logistische Basis aufzubauen.
Unter Pinochet schließlich stieg Osorio zum Leiter der Konsularabteilung und danach zum Chef des Protokolls auf und erfreute sich des ungetrübten Vertrauens der neuen Machthaber. Den damaligen Geheimpolizeichef Oberst Manuel Contreras Sepúlveda empfing er gelegentlich zu privaten Besuchen in seinem Haus.
Contreras war es denn auch, der gemeinsam mit einem anderen hohen Militär, dem General Forestier, Osorio am 22. Oktober von einem offiziellen Empfang zurück nach Hause begleitete. Kurz darauf, so die Ehefrau Osorios, habe sie ihren Mann tot aufgefunden.
Contreras aber gab wenig später die Leitung der inzwischen in "Nationales Informationszentrum" umbenannten Geheimpolizei ab und stieg zum General und persönlichen Sonderberater des Präsidenten Pinochet auf -- bis er am 21. März dieses Jahres plötzlich "auf eigenen Wunsch" aus der Armee ausschied und von der Bildfläche verschwand.
Der jähe Sturz des Generals Contreras alarmierte all jene Kräfte des Regimes, die ohnehin mit wachsendem Mißtrauen verfolgten, wie Präsident Pinochet versuchte, sich zum alleinigen Caudillo des Landes aufzuspielen: Spätestens im Januar, als Pinochet über die Köpfe der übrigen Juntamitglieder hinweg eine Volksabstimmung erzwang, bekam die vom Regime gern präsentierte Fassade der Einigkeit Risse -- und die peinlichen Untersuchungen im Fall Letelier vertiefen diese Risse fortwährend.
Deutlich sichtbares Zeichen dafür ist die ungewohnt ausführliche Berichterstattung der gegängelten chilenischen Presse über den Fall -- irgend jemand im Regime hat offenbar Interesse daran, daß die Schuldigen gefunden werden, um sich selbst reinzuwaschen.
Dieser Jemand könnte der Luftwaffenchef Gustavo Leigh seih, Juntamitglied und seit langem Rivale Pinochets. Mehrmals verkündete der General im vergangenen Monat, daß Chile unbedingt aus der Rolle des international Verfemten herauskommen müsse.
Auf einer Rede am Tag der Luftwaffe etwa erklärte er, es sei an der Zeit, wieder politische Institutionen einzuführen, deren Grundlage eine "objektive und nicht an eine Person gebundene Rechtsordnung" sein müsse. In Privatgesprächen soll er mehrmals vorgeschlagen haben, alle vier Juntamitglieder einschließlich Pinochets müßten zurücktreten und vier neuen Oberbefehlshabern die Macht übergeben, die möglichst rasch Wahlen ausschreiben und eine zivile Regierung einsetzen sollten.
Darauf trat Pinochet die Flucht nach vorn an: Wenige Tage nachdem US-Staatsanwalt Eugene M. Propper in Santiago eintraf, um die beiden Verdächtigen im Fall Letelier endlich vor Ort mit einem Katalog von 55 Fragen konfrontieren zu lassen, kündigte Chiles Staatschef bei einer Fernsehansprache Amnestie und Vorlage eines Verfassungsentwurfs an. Was Letelier angehe, so erklärte er zugleich, habe er persönlich "ein reines Gewissen".
Drei Tage später lieferte er einen der beiden Verdächtigen, den Amerikaner Townley, an Washington aus. "Mein Mann hat doch lange Zeit für die Sicherheitsdienste der Regierung gearbeitet", empörte sich dessen Ehefrau, "dies ist die größte Infamie, die meine Regierung meinem Ehemann antun konnte."
Sechs Tage danach bildete Pinochet die Regierung um, abermals eine Woche später unterschrieb er den angekündigten und erweiterten Amnestie-Erlaß, der unter anderem auch den zum Exil verurteilten Chilenen die Rückkehr ermöglicht, sofern sie sich verpflichten, sich politischer Betätigung zu enthalten.
Und seither wartet er darauf, ob Townley in Washington auspackt.

DER SPIEGEL 18/1978
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