01.05.1978

ÖKONOMIEGenetische Bande

Nach Meinung einiger US-Ökonomen ist die Überlegenheit des Kapitalismus über den Sozialismus biologisch zu begründen.
Eingefleischten Marktwirtschaftlern waren Wohltäter stets suspekt. Sie gelten ihnen als Merkwürdige, die so gar nicht in die Wettbewerbs-Welt passen. Der Urahn aller Nationalökonomen, Adam Smith, hatte gar ihre Existenz rundweg bestritten.
"Wir sind nicht bereit, bei irgend jemand einen Mangel an Selbstsucht zu vermuten", schrieb der schottische Moralphilosoph und Begründer der modernen Nationalökonomie. Auch die angeblich Uneigennützigen seien in Wahrheit nur gut getarnte Egoisten.
Smith und seine Jünger vermochten diese Selbstsucht-These allerdings nur mit dem vagen Hinweis auf die "menschliche Natur" zu begründen. Doch einige amerikanische Wirtschaftsprofessoren sind nun überzeugt, die scheinbar Selbstlosen mit Hilfe der Biologie tatsächlich als eigennützig überführt zu haben.
Nach Ansicht dieser "Bio-Ökonomen" (US-Wirtschaftsmagazin "Business Week") sind Wünsche und Bedürfnisse der Menschen trotz deren langer Kulturgeschichte letztlich noch immer weitgehend von biologischen Faktoren, nämlich von den in jeder Körperzelle vorhandenen Genen oder Erbanlagen, geprägt.
Das menschliche Erbgut sei -- wie auch das aller anderen Lebensformen -- aus biologischer Sicht nur auf ein höchst eigennütziges Ziel getrimmt: auf die "Fitness", die das Überleben der Gene sichert -- notfalls auch durch scheinbar uneigennütziges Verhalten.
"Die wirtschaftlichen Aktivitäten des Menschen", hatte etwa der Biologe A. J. Lotha schon vor mehr als zwei Jahrzehnten behauptet, "sind nur hochspezialisierte und weiterentwickelte Formen des allgemeinen biologischen Existenzkampfes." Und der Anthropologe Alexander Alland schlug vor, die gesamte menschliche Kultur nur als ein Produkt biologischer Anpassungsvorgänge zu begreifen.
Den durch ihre Gene auf eigennütziges Handeln programmierten Individuen -- so folgern die Bio-Ökonomen nun reichlich kühn -- wird letztlich nur das auf Selbstsucht aufgebaute kapitalistische System gerecht. Eine Gesellschaft dagegen, die ihren Bürgern ein zu hohes Maß an Gemeinsinn abverlangt, wird aus genetischen Gründen einfach nicht florieren können.
Die Menschen könnten nicht so umgemodelt werden, erläutert etwa Professor Jack Hirshleifer von der University of California in Los Angeles, daß sie in "sozialistische Gesellschaften wie etwa die sowjetische ohne einen ungeheuren Verlust an Effizienz" eingepaßt werden könnten.
Wie aber ist denn der gemeinhin als altruistisch angesehene Typ des treusorgenden Familienvaters oder des barmherzigen Samariters in das biologische Modell eines ständigen Überlebenskampfes der Individuen einzupassen? Hätte der Samariter, der durch seinen Einsatz für den Nächsten seine eigenen Überlebenschancen mindert, in dem schon von Evolutionstheoretiker Charles Darwin beschriebenen Selektionsprozeß nicht längst ausgerottet werden müssen?
Um solche Zweifel an ihren Theorien auszuräumen, machten sich Genetiker und Soziobiologen zunächst einmal daran, die Familie als angeblichen Hort des Altruismus zu entzaubern.
Nach soziobiologischer Lehre geht es einem Organismus nicht nur ums eigene Überleben. Er ist darauf gedrillt, den Fortbestand seiner Erbmasse, seines "Genotyps" zu sichern.
Vermeintlich aufopferungsbereite Eltern sind daher "genotypisch" gesehen nichts anderes als pure Egoisten: Durch die Fürsorge gegenüber dem Nachwuchs oder anderen nahen Verwandten tragen sie selbstsüchtig dazu bei, ihren Genbestand über den eigenen Tod hinaus zu erhalten.
Eine Mutter etwa, die ihr Kind unter Lebensgefahr aus einer brennenden Wohnung rettet, schützt damit nur die 50 Prozent der Gene, die sie mit ihrem Kind gemeinsam hat.
Nach dieser Gen-Arithmetik müßte beispielsweise ein Mensch bereit sein, sein Leben zur Rettung von zwei Geschwistern (der Genbestand von Geschwistern ist zu mindest 50 Prozent identisch) oder vier Halbgeschwistern oder acht Vettern hinzugeben.
Daß Menschen (oder Tiere) sich in der Realität durchaus nicht immer so genetisch-brüderlich verhalten, führen die Soziobiologen auf unterschiedliche Umweltbedingungen zurück. So können Geschwister in einer lebensfeindlichen Umgebung trotz ihrer engen genetischen Bande zu scharfen Konkurrenten werden. Im Extremfall werden sie sogar -- wie etwa in den Nestern einiger Vogelarten üblich -- gegeneinander ums Überleben kämpfen.
Schon schwerer taten sich die Soziobiologen, scheinbar völlig altruistische Akte gegenüber Nicht-Verwandten als eigennützig zu enttarnen. Sie argumentierten, daß es Umweltbedingungen gebe, in denen eine Gruppe mit scheinbar uneigennützigen Mitgliedern erfolgreicher ist als eine konkurrierende Gruppe offener Egoisten.
In einem Prozeß der "Gruppen-Selektion" werde sich daher schließlich die erste Gruppe durchsetzen. Indirekt zahle sich somit die scheinbar uneigennützige Tat eines Gruppenmitgliedes auch für dieses selbst aus: Das Florieren der Gruppe sichert die Gene des Mitglieds -- ein Argument, das, durch die bio-ökonomische Brille gesehen, immerhin für eine soziale Marktwirtschaft statt eines "Catch as catch can"-Kapitalismus zu sprechen scheint.
In einem "ökonomischen Modell des Altruismus" wies auch Wirtschaftsprofessor Gary S. Becker von der University of Chicago nach, daß ein Mensch, der sich wie ein Altruist verhält, manchmal besser fährt als ein sturer Egoist. Mit seinem scheinbaren Altruismus hält er nämlich die Empfänger seiner Wohltaten unter Umständen davon ab, ihm einen Schaden zuzufügen, der ihn empfindlicher träfe als die Hingabe der Spendengelder.
Die meisten Ökonomen lehnen einstweilen die Bio-Lehre als verfehlten Versuch ab, den alten Argumenten für eine konservative Wirtschaftspolitik einen neuen naturwissenschaftlichen Unterbau zu verpassen. Die Theorie habe nur "einen sehr geringen Erklärungswert", meinte etwa Nobelpreis-Ökonom Kenneth Arrow. Die biologischen Triebe des Menschen seien längst von Kultur und Geschichte überlagert.
Immerhin debattierte bereits die höchst seriöse American Economic Association auf ihrer letzten Tagung über das Thema -- gegen den Protest linker Ökonomen. Die Union of Radical Political Economics lamentierte, die Bio-Ökonomie sei nur eine Neuauflage der Nazi-Theorie von einer biologisch überlegenen Herren-Rasse.

DER SPIEGEL 18/1978
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