01.05.1978

JAPANPrivate Opfer

Hirohito, 124. Kaiser aus der ältesten Herrscher-Dynastie der Welt, ist ärmer als jeder andere Monarch.
Fast jeden Morgen, nur sonntags nie, tritt die Phalanx der freiwilligen Helfer zur Gartenarbeit an. Frauen in blütenweißen Schürzen, die Männer nicht selten im dunklen Festtagsanzug: Auch schmutzige Arbeit verlangt Dekorum, wenn sie wie hier dem obersten Staatsbediensteten Japans gilt.
Pünktlich um 9.30 Uhr tritt der Hohe Herr zu der Arbeiterschar, um ihr für die Hilfe zu danken: Hirohito, 77, seit 52 Jahren Kaiser aller Japaner. Im altmodischen Rock -- der Monarch besitzt nicht einen einzigen traditionellen Tages-Kimono -, mildfreundlich durch runde Brillengläser blickend, die Schultern traurig hängend, richtet der Tenno einige Höflichkeitsfloskeln an die versammelten Amateurgärtner. Diese wagen kaum, ihr Glück zu fassen, dem Mächtigen menschlich so nahe zu kommen.
Dem Gütigen ist es ernst mit seinem täglichen Morgendank. Denn ohne die vielen Helfer, die manchmal jahrelang darauf warten, einmal unentgeltlich im Kaiserpark fegen zu dürfen, wäre der 200 000 Quadratmeter große Palastgarten kaum sauber und gepflegt zu halten. Angestellte Gärtner nämlich würden den "persönlichen Bediensteten" des Tenno zugerechnet, und die muß der Monarch aus eigener Tasche bezahlen.
Daran aber hapert's: Denn Hirohito, 124. Regent seiner Dynastie, frommer -- heute offiziell abgeschworener -Legende zufolge direkter Nachkomme der Sonnengöttin Amaterasu, ist der ärmste Monarch der Welt. Privatbesitz hat er kaum, keine Paläste, keine Ländereien. Mit der mageren Apanage für das Tenno-Paar von weniger als einer Million Mark im Jahr muß er den kaiserlichen Haushalt bestreiten, die persönliche Dienerschaft entlohnen und seine wissenschaftliche Arbeit -- Meeresbiologie -- finanzieren.
Königin Elizabeth von England, Schloßbesitzerin unter anderem zu Sandringham und Balmoral, steht mit ihrem persönlichen Jahresgehalt von 7,9 Millionen Mark wie ein Krösus neben dem Tenno. Selbst der junge Karl XVI. Gustaf von Schweden, der als armer König gilt, erhält vom Staat jährlich noch über 2,5 Millionen steuerfreie Mark. Nicht so Hirohito.
Armut, und zwar nicht nur unstandesgemäßer Bargeldmangel, war über die Jahrhunderte hin ständiger Begleiter der japanischen Kaiser. Wohl gehörte dem Herrscher, altchinesischer Staatslehre folgend, das gesamte Land, das er stückweise vergeben und wieder nehmen konnte -- in der Theorie.
Tatsächlich aber war der Tenno ("Himmlischer Herrscher") kaum je mehr denn williger Vorzeigesouverän mächtiger Militär-Klans. Vor 400 Jahren fehlte es des öfteren sogar am Geld für Krönungsfeierlichkeiten, und ein Hirohito-Vorgänger mußte selbstgefertigte Tuschzeichnungen auf der Straße verkaufen, um nicht zu verhungern.
Mit dem Tokugawa-Regime seit Beginn des 17. Jahrhunderts fielen Macht, Einfluß und Reichtum des Kaiserhofs auf einen Tiefpunkt, und die herrschende Militär-Oligarchie hielt den Monarchen über 200 Jahre lang klein. Ein loyaler Höfling etwa klagte, in wie "unwürdig zerschlissenen Gewändern" der Himmlische einhergehe, von wie "grobem, halbzerbrochenem Geschirr" er essen müsse.
Höfischer Glanz kehrte erst wieder in die Paläste mit Hirohitos Großvater Mutsuhito ein, der Nachwelt bekannt unter seinem Ära-Namen Meiji. Pracht und Reichtum des Hofes in Tokio konnten sich schon bald -- um die Jahrhundertwende -- mit europäischen Herrscherhäusern messen.
Doch auch diese verspätete Herrlichkeit war von nur kurzer Dauer. Als die Amerikaner 1945 das zerstörte Japan besetzten, taxierten sie als eine der ersten Amtshandlungen das Vermögen des "Mister Hirohito" und enteigneten ihn.
Genau 1 590 615 000 Yen (zum damaligen Kurs über 100 Millionen Dollar) waren des Tenno Besitztümer, "ohne Juwelen und Kunstschätze", nach US-Befund wert. Hierzu gehörten Bargeld und Wertpapiere, Villen und Ländereien von der Größe Schleswig-Holsteins: 13 500 Quadratkilometer. Dies alles verfiel dem Staat, der sich dafür allerdings die Sorgepflicht für die kaiserliche Familie aufhalste.
Denn Tenno Hirohito, dem man angeblich ansieht, daß "in seinen Adern Blut eines 2500jährigen Kaisertums fließt" (so Ex-Großkämmerer Kanroji), blieben als Eigentum lediglich Möbel, Kleidung, Bücher und Dokumente im Wert von 250 000 Mark.
"Unser Kaiser ist ein auf Lebenszeit Angestellter der Nation", sagt Takenari Sugawara, ein Sprecher des Kaiserlichen Hofamtes in Tokio. Angestellter allerdings zu Vorzugskonditionen: Im Tokioter Palast sowie in mehreren Villen an der See und im Gebirge wohnt die Herrscherfamilie mietfrei, muß jedoch der Stadt Tokio ihren Obolus in Form von Einwohnersteuer entrichten. Über die Höhe dieser Abgabe, die gewöhnlich nach der Einkommensteuer bemessen wird, allerdings schweigt das Finanzamt.
Seit zehn Jahren werden neue Residenzen auf Staatskosten errichtet. In Spenderlaune ließ sich so die Regierung 1968 die Betonvilla im Badeort Shimoda 750 Millionen Yen (7,3 Millionen Mark) kosten, den Neubau des kriegszerstörten Palastes in Tokio sogar 130 Millionen Mark.
Weniger großzügig ist der "Rat zur Bewirtschaftung des kaiserlichen Haushalts" unter Vorsitz des Ministerpräsidenten bei der Gehaltsbemessung für seinen höchsten Angestellten. Alle Jahre wieder wird über die Höhe der Tenno-Apanage neu beraten, kräftige Zuschläge gibt es automatisch, wenn Japans Inflationsrate über 10 Prozent liegt. Ansonsten steigt das "Otemotokin" (Handgeld) nur, sobald die allgemeinen Bezüge im öffentlichen Dienst um mehr als 10 Prozent erhöht werden.
Derzeit hält der Wirtschaftsrat kaiserliche Jahresbezüge von 190 Millionen Yen (1,8 Millionen Mark) für angemessen. Doch von dieser Summe geht knapp die Hälfte an Kronprinz Akihito und seine Familie. Und auch die 25 persönlichen Bediensteten müssen aus diesem Topf bezahlt werden.
Hirohito, zwölffacher Buchautor, darunter so profunder Untersuchungen wie "Die Opisthobranchia * der Sagami-Bucht" oder "Einige Hydrozoen" der Amakusa-Inseln", ist ein international anerkannter Meeresbiologe. Der Tokioter Regierung aber gilt seine Wis-
* Opisthobranchia: Kiemenschnecken; Hydrozoen: Klasse der Nesseltiere.
senschaft als Hobby: Das aufwendige Forschungsinstitut auf dem Palastgelände muß er selbst unterhalten.
Glücklicherweise hat der Kaiser einen Großteil der Laboreinrichtung umsonst bekommen. Allein zu seinem 70. Geburtstag schenkte ihm der "Verband ehemaliger Angestellter des Kaiserlichen Hofamtes" ein Mikroskop, schenkte ihm die Kaiserin ein Mikroskop, schenkten ihm Premier und Kabinett gar einen ganzen Satz Mikroskope. Und selbst Bundespräsident Scheel brachte jüngst seinem ostasiatischen Gastgeber, auf dessen Wunsch, ein Mikroskop mit.
Großzügigere Geschenke als indirekter Weg, das Kaiser-Gut zu mehren, wären kaum zulässig. Die japanische Verfassung stellt in Artikel 8 ausdrücklich fest, daß "dem Kaiserhaus kein Besitz gegeben, noch welcher von diesem angenommen werden kann".
"Die Frage, ob der Tenno reich oder arm ist", bemerkt lakonisch Hofamtssprecher Sugawara, "ist für uns Japaner irrelevant. Der Kaiser versinnbildlicht die Nation."
So ungefähr steht das auch in der Verfassung, die dem armen Tenno weitere finanzielle Lasten auflädt. Denn trotz seines Abstiegs vom Vorkriegs-"Göttlichen" zum menschlichen "Symbol der Einheit des Volkes" (Verfassungstext) blieb er oberster Priester des Shinto-Kults, der ehemaligen Staatsreligion.
Den vielen religiös-rituellen Verpflichtungen kann sich der Kaiser nicht entziehen. Aber gemäß dem amerikanischen Besatzerwillen, daß Staat und Religion strikt zu trennen seien, besucht er nun Schreine und opfert dort als Privatmann: auf eigene Kosten.

DER SPIEGEL 18/1978
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