01.05.1978

„Laßt dies das Ende aller Kriege sein“

An meinem ersten Tag im Amt des Präsidenten -- es war der 16. Oktober 1970 -- kam Sami Scharaf zu mir. Er war Nassers Vertrauter und Präsidentschaftsminister gewesen. Er brachte einen Stapel Akten, die er mir vorlegen wollte.
"Was soll das sein?" fragte ich.
"Die Texte der Telephongespräche", antwortete er, "die wir abgehört haben."
"Tut mir leid, ich will diesen Unsinn nicht lesen. Nur dann, wenn diese Texte irgendwelche die Staatssicherheit betreffenden Informationen enthalten, werde ich sie ansehen und dann eine Entscheidung fällen. Wenn es aber nur Berichte über Telephongespräche zwischen braven Bürgern sind, dann will ich nichts damit zu tun haben! Und außerdem, wer hat euch das Recht gegeben, die Telephone dieser Leute abzuhören? Nimm diese Akten weg!"
Ich fegte sie von meinem Tisch. Scharaf sammelte seine Papiere auf und ging. Ich befahl sofort, daß das Abhören von Telephonaten einzustellen sei und in Zukunft nur auf ausdrückliche richterliche Weisung erfolgen dürfe.
Dank einer inneren Kraft, die ich stets in mir fühlte, habe ich nie davor zurückgescheut, bestehende Verhältnisse in Frage zu stellen. Und nun spürte ich, daß ich eine gewaltige wirkliche Macht ausüben konnte, die zum Guten eingesetzt werden mußte.
Wenn ich auf das in jenem frühen Stadium meiner ersten Amtsperiode getane Werk zurückblicke, so finde ich ein Dekret besonders bedeutsam, das jede Staatsverwaltung von Privatbesitz aufhob. Es wurde am 16. Dezember 1970 erlassen. Dies war eines der Dinge, die das Volk -- fast ohne Hoffnung -- ersehnt hatte.
Als ich die Macht übernahm, konnte ich die Natur von Nassers Nachlaß, um es milde zu sagen, erst undeutlich erkennen. Ich wußte, daß wesentliche menschliche Rechte verletzt, wenn nicht überhaupt aufgehoben worden waren. Die Machthaber führten mir täglich ihren Machtmißbrauch vor Augen. Ich warnte sie: Obwohl ich bis zum äußersten tolerant sei, könne ich doch nicht gestatten, daß ihr schändliches Verhalten so weitergehe.
Sie verstanden nicht, daß das schlimmste und häßlichste Erbteil Nassers ein "Berg von Haß" war -- jener Geist des Hasses, den Nasser auf allen Ebenen, bis hinunter zur kleinen Einheit der Familie, hervorgerufen hatte. Es gab eine Menge Menschen, die für das Regime arbeiteten und ihre eigene Verwandtschaft ausspionierten -- wie unter den faschistischen Regimen. Kann man noch tiefer sinken?
Auch in den ersten vier Jahren der revolutionären Herrschaft kamen Irrturner und Verletzungen der Menschenrechte vor, aber ihr Ausmaß war doch begrenzt. Erst nach 1956 nahmen diese Fehler so gewaltige Ausmaße an.
Nasser hätte nach dem Krieg von 1956 seinen "Sieg" durch die Wiederherstellung der Freiheitsrechte des ägyptischen Volkes untermauern müssen. Aber er tat es nicht. Das Ergebnis war, daß das Volk sich zu allem, was die politische Führung tat, passiv verhielt.
Wenn aber im Volk einmal ein wenig Unbehagen merkbar wurde, so hielt man dies sofort für "konterrevolutionär". Der Privatbesitz wurde unter
* Bei der Verbrennung von Spitzelberichten des ägyptischen Geheimdienstes der Nasser-Ära 1971. © Verlag Fritz Molden, Wien-München-Zürich-Innsbruck.
Staatsverwaltung gestellt, und Massenverhaftungen wurden vorgenommen. So zerstörte man die menschliche Würde.
Das schwerste Unrecht, das dem ägyptischen Menschen angetan worden ist, war die "Kultivierung der Angst". Die Revolution wurde schließlich zu einem großen, finsteren und schrecklichen Abgrund reduziert, der Angst und Haß hervorrief und aus dem es keinen Ausweg gab.
Die Erbschaft, die Nasser mir hinterließ, befand sich in einem jämmerlichen Zustand. Im Bereich der Außenpolitik besaßen wir -- von der Sowjet-Union abgesehen -- keine normalen Beziehungen zu irgendeinem Land.
Nassers Politik wurde durch seine emotionellen Reaktionen beeinflußt. Seine Umgebung war also imstande, ihn stets zu dem zu bringen, was sie wollte. Sie versorgte ihn mit bestimmten Informationen, und zwar zu jenem Zeitpunkt, an dem bei ihm eine besonders starke Reaktion zu erwarten war, die dann wieder heftige internationale Auswirkungen hatte.
Es gab unter Nasser kein funktionierendes Außenministerium, keine durchdachten politischen Konzepte, es gab nur den Präsidenten selbst. Nassers wirtschaftliche Erbschaft war in einem noch viel schlimmeren Zustand als die politische.
Wir hatten, aus krasser Dummheit, das sowjetische Muster des Sozialismus kopiert, obwohl es uns an den notwendigen Hilfsmitteln und Bodenschätzen, an technischen Fähigkeiten und an Kapital mangelte. Von 200 Millionen ägyptischen Pfund im Jahre 1952 war das Budget des Landes auf zwei Milliarden bei Nassers Tod gewachsen.
Das war jedoch kein echtes Wachstum, obwohl wir durch die Verstaatlichung der ausländischen Konzerne nach der Drei-Mächte-Aggression von 1956 und durch die Freigabe von 400 Millionen Pfund durch England (Währungsreserven seit dem Zweiten Weltkrieg, die Eden nach der Verstaatlichung des Suez-Kanals hatte einfrieren lassen) ausreichende Mittel besessen hatten.
Hätten wir es richtig angefangen, so könnten wir heute eine Großmacht sein. 1961 waren die Nationalisierungsmaßnahmen angeordnet worden; ein wirtschaftlicher Aufschwung hätte beginnen können -- mit Hilfe der verstaatlichten Industrie ebenso wie mit einer gesunden, richtig geförderten Privatwirtschaft.
Jedoch unser Sozialismus war in der Praxis vom Marxismus angekränkelt. Das freie Unternehmertum wurde als übler Kapitalismus betrachtet und die Privatwirtschaft als Ausbeutung und Raub. Die Initiative des einzelnen hörte auf, und es folgte eine schreckliche Passivität des Volkes, an der wir bis zum heutigen Tag leiden.
Der Staat sollte für Arbeit, Wohnungen und Ausbildung sorgen, ohne daß die Bürger positive Anstrengungen machen mußten. Dieses Zurückschrecken vor jedem individuellen Risiko leitete den Beginn des totalen ökonomischen Zusammenbruches ein.
Als ich die Macht übernommen hatte, begriff ich die bittere Wahrheit. Ich rief Dr. Hassan Abbas Saki, den damaligen Minister für Wirtschaft, zu mir und fragte ihn nach der Lage. Er antwortete einfach: "Die Staatskassen sind leer. Wir sind fast bankrott!"
"Wie konnte das geschehen, Hassan? Was hast du getan? Hast du Nasser nicht davon unterrichtet?"
"Nun", antwortete er, "ich habe versucht, ein Budget zu erstellen, wobei ich die Ausgabenposten von einem Teil des Voranschlages in den anderen verlegt habe, aber jetzt kann ich nicht einmal mehr das!"
Es gelang mir damals, 200 Millionen ägyptische Pfund zu borgen, aber Dr. Saki sagte, daß dies keineswegs genügen werde. Äußerst bestürzt aber war ich, als ich erfuhr, daß wir schon bald Schwierigkeiten haben würden, den Sold unserer Soldaten und das Gehalt unserer Beamten zu bezahlen.
Und das war der Schlüssel zur Lösung: Wir mußten die Situation andern. die eine Folge der Niederlage von 1967 war. Unser Selbstvertrauen und das Vertrauen der Welt in ups mußte wiederhergestellt werden. Die Wirtschaftslage war nur die eine Seite des Problems.
Die Hauptaufgabe war, die Schande und Demütigung der Niederlage zu beseitigen. Mir schien es tausendmal ehrenhafter für uns -- für meine 40 000 Söhne in den Streitkräften und für mich -, bei der Überquerung des Suezkanals zu fallen, als diese Schande weiter zu ertragen.
Als Mr. Richardson, der von Nixon zu Nassers Begräbnis entsandte Sonderbotschafter, nach Washington heimgekehrt war, legte er einen Bericht vor, in dem stand, Sadat werde kaum mehr als vier oder fünf Wochen an der Macht bleiben. Im Inland eröffneten Sowjet-Agenten innerhalb der ägyptischen Führung den Kampf um die Macht.
Zu jener Zeit konferierten die Führer Ägyptens, Syriens, Libyens und des Sudans, um nach einer Formel für die Einheit unter den arabischen Ländern zu suchen. Der wichtigste Machtblock, er umfaßte Ali Sabri, Schaarawi Gumaa und Sami Scharaf, die alle Sowjetagenten waren, hielt dies für die richtige Gelegenheit, den Kampf gegen mich zu beginnen.
Ali Sabri, der der ägyptischen Delegation angehörte, gab eine Erklärung ab, wonach die besonderen internen Verhältnisse Ägypten nicht gestatteten, mit irgendeinem Staat eine "Vereinigung" einzugehen. Er und die übrigen Delegierten, die die mir von Nasser hinterlassene politische Führung Ägyptens bildeten, versuchten jedes nur mögliche Hindernis zu errichten, um eine Vereinigung mit Libyen und Syrien scheitern zu lassen.
Gaddafi verriet mir nicht, daß sie mit ihm Verbindung hielten, um unsere Bemühungen zunichte werden zu lassen. Aber Syriens Präsident Assad bemerkte: "Du bist in einer eigenartigen Lage: Kaum erklärst du uns etwas, sagt deine Begleitung hinter deinem Rücken schon das Gegenteil."
Nach dem Scheitern dieser ersten Konferenz trafen die Delegierten Ägyptens, Libyens und Syriens, geführt von ihren Präsidenten, in Bengasi zu weiteren Gesprächen zusammen. Ich betonte, wir hätten nicht die Absicht, irgend jemanden durch unsere Bemühungen um Einheit in Verlegenheit zu bringen.
Gaddafi schwieg, und auch Ali Sabri gab keinerlei Kommentar ab. Die Verhandlungen begannen nun ernsthaft, doch schon zwei Tage später wurde ganz klar, daß wir kein Übereinkommen erreichen würden. Unser Gepäck war bereits auf den Flugplatz vorausgeschickt worden, als in letzter Sekunde die syrische Delegation einen Zusatz zu einer schon vorher diskutierten Formulierung vorschlug.
Dieser Zusatz wurde Gaddafi vorgelegt und erwies sich als ein Durchbruch, denn er stimmte ebenso wie ich dieser neuen Formel zu. Das "Abkommen von Bengasi" wurde unterzeichnet.
In Kairo berief ich das Oberste Exekutivkomitee der "Arabischen Sozialistischen Union" zu einer Sitzung ein und legte dessen acht Mitgliedern das Abkommen vor. Nach längerer Debatte ergab sich, daß die Mehrheit -- die Sowjet-Agenten" die den größten Machtblock in der Führung darstellten -- eine Oppositionsgruppe gegen das Abkommen gebildet hatte und zu einer ersten Kraftprobe mit mir bereit war, um mir ihre Vormundschaft aufzuzwingen.
Bei der Abstimmung stimmten fünf -- die Sowjetagenten in der Führung -- dagegen und nur drei (Vizepräsident Hussein El-Schafei, Ministerpräsident Mahmud Fausi und ich) dafür.
Sie waren aber überrascht, als ich vorschlug, das Thema dem Zentralkomitee vorzulegen. Nun versuchten sie verzweifelt, das Komitee auf ihre Seite zu ziehen, aber vergeblich: Das Abkommen wurde dort einstimmig angenommen. Die erste Kraftprobe endete so mit einem totalen Sieg für mich, und sie schienen sich zumindest für den Augenblick damit abzufinden.
Im Januar 1971 mußte ich einen Entschluß hinsichtlich des "Rogers-Planes" fassen*. Wieder berief ich das Oberste Exekutivkomitee ein; an der Sitzung nahmen auch der Verteidi-
* US-Außenminister Rogers hatte einen Waffenstillstand und Verhandlungen zwischen Israel und den Arabern vorgeschlagen.
gungsminister und der Außenminister teil. Die Opposition vertrat die Ansicht, der Zermürbungskrieg gegen Israel solle wiederaufgenommen werden. Es war klar: Sie wollte mich und ganz Ägypten in eine schwierige Situation bringen.
Ich schloß die Diskussion daher mit der Erklärung, daß ich den Zermürbungskrieg so lange nicht aufnehmen könne, als nicht die von der Sowjet-Union versprochenen Fla-Raketen geliefert und alle lebenswichtigen zivilen Einrichtungen Oberägyptens wirkungsvoll geschützt seien.
Ich betonte, daß ich einer Verlängerung der Feuereinstellung auf Grund des "Rogers-Planes" nur für 30 Tage -- endend am 7. März 1971 -zustimmen würde, um den USA und vor allem Israel eine letzte Chance zu geben, ihrer Verantwortung nachzukommen.
Am 4. Februar 1971 kündigte ich vor dem Parlament eine neue Initiative an: Falls die Israelis ihre Truppen auf die Sinai-Pässe zurückzögen, sei ich bereit. den Suezkanal wieder zu eröffnen. Meine Truppen würden auf das Ostufer übersetzen. Dann wäre ich willens, die "Rogers-Plan"-Feuereinstellung um sechs statt um drei Monate zu verlängern. Schließlich erklärte ich mich bereit, unter Vermittlung Dr. Jarrings, des Repräsentanten des UN-Generalsekretärs, ein
Friedensabkommen mit Israel zu schließen.
Keiner meiner Gegner wußte im voraus von meiner Initiative. Sie wurden überrascht und waren sprachlos. Die Welt jedoch hieß meinen Vorschlag willkommen. Es war, als ob sie nun begriffe, daß wir -- vielleicht zum allerersten Mal -- realistisch statt emotionell und irrational handelten.
Im März 1971 stattete ich der Sowjet-Union zum erstenmal als Staatspräsident einen Besuch ab. Am Verhandlungstisch im Kreml erklärte ich die Schwierigkeiten und unsere gegenwärtigen vitalen Bedürfnisse. Ich begann mit zwei grundlegenden Punkten, die ich auch in allen folgenden Treffen mit den Sowjetführern betonte.
Der erste Punkt war, daß es keineswegs unsere Absicht sei, Sowjet-Soldaten unsere Schlachten für uns schlagen zu lassen, und der zweite, daß wir keinesfalls eine Konfrontation zwischen den USA und der Sowjet-Union heraufbeschwören wollten. Ich war erregt, und es gab einige heftige Rededuelle zwischen mir und Ministerpräsident Kossygin, auch mit Marschall Gretschko, dem Verteidigungsminister.
Ich bediente mich dabei wiederholt einer scharfen Sprache, und so hatte Breschnew offenbar das Gefühl, eingreifen zu müssen. Er erklärte mir, daß die Sowjetregierung bereit sei, Ägypten mit verschiedenen Arten von Waffen zu versorgen. Es waren zwar nicht jene, die wir erbeten hatten, aber wir sagten, daß wir sie annehmen würden, da wir dringend Waffen brauchten, welcher Art auch immer.
Die Sowjet-Union änderte ihre Methode uns gegenüber niemals. Bei diesem Zusammentreffen sagte ich: "Ich danke Ihnen, aber ich muß doch zu Protokoll geben, daß es immer noch Differenzen zwischen uns gibt." Im Verlauf unserer hitzigen Debatten erklärte man mir, die Sowjets seien bereit, uns auch mit Raketen ausgerüstete Flugzeuge zu liefern und für deren Bedienung ägyptische Besatzungen auszubilden -- unter der Bedingung, daß ihr Einsatz an die Erlaubnis der Sowjetregierung gebunden bleibe. Ich wurde bleich vor Zorn!
"Niemandem", sagte ich, "ist es gestattet, eine Entscheidung über ägyptische Angelegenheiten zu treffen, außer dem Volk von Ägypten, repräsentiert durch mich, dem Präsidenten von Ägypten. Ich will eure Flugzeuge nicht."
Breschnew nahm mich dann zur Seite: "Sie kennen doch die MiG-25-Flug-Zeuge, von denen Sie vier haben?" "Sie sind ausgezeichnet."
"Ich werde Ihnen 30 MiG-25-Bomber schicken."
"ln dem Fall nehme ich zurück, was ich über unsere Differenzen gesagt habe, natürlich vorausgesetzt, daß die Piloten ihre Befehle von mir erhalten." Breschnew lieferte uns niemals die versprochenen Flugzeuge. Ich gab schließlich Befehl, daß die vier MiG-25 mit Sowjet-Besatzungen nicht starten dürften. Da die Sowjets sich weigerten, die Maschinen an uns zu verkaufen, wurden sie schließlich abgezogen. Im April 1971 sandte die Sowjet-Union die Fla-Raketen. Ein Teil der versprochenen Munition traf ebenfalls ein, aber der Rest kam erst mit der Luftbrücke im Oktoberkrieg 1973.
Meine "Friedensinitiative" vom 4. Februar leitete eine ägyptische diplomatische Offensive ein: die einzige Alternative zu einer militärischen Aktion, die ich damals nicht unternehmen konnte. Daraufhin traten die USA mit dem Vorschlag an mich heran, Außenminister William Rogers solle nach Ägypten kommen. Ich begrüßte diesen Vorschlag. Für die Sowjet-Union und ihre Handlanger in Ägypten war es ein Schock.
Damals waren die führenden Köpfe des Machtblocks, der für die Sowjets arbeitete, aber auch andere Verschwörer zu der Erkenntnis gekommen, daß ich an Boden gewann. Also mußte ihr Komplott, das meinen Sturz bezweckte, rasch durchgeführt werden.
Zunächst forderten sie von mir, den Innenminister Schaarawi Gumaa (einen der Sowjet-Agenten und Hauptverschwörer gegen mich) zum Ministerpräsidenten zu ernennen. Ich weigerte mich. Vielmehr hatte ich mich damals schon entschlossen, den bisherigen Vizepräsidenten Ah Sabri auszuschalten, der der wichtigste Agent der Sowjet-Union war.
Ich ließ den sowjetischen Botschafter kommen und erklärte ihm: "Ich informiere Sie, weil ich fürchte, daß die westliche Presse schreiben wird, ich hätte Moskaus Mann Nr. 1 in Ägypten abgesetzt und Sie auf diese Weise verärgert. Sie sollten wissen, daß Moskau keine Männer in Ägypten hat. Sie haben es mit einer Regierung und nicht mit einzelnen zu tun. Ich entlasse Ah Sabri, weil ich zwar Meinungsverschiedenheiten, nicht aber einen Machtkampf gestatten kann."
Aber der Sowjet-Machtblock blieb aktiv. Gegen Ende April wurde die Tätigkeit der Verschwörer geradezu fieberhaft. Sie kamen täglich zusammen und stifteten andere zum Mitmachen an, sie verbreiteten im ganzen Land Gerüchte. Ich hatte aber den Kampf gegen die Verschwörer sorgfältig geplant. Die Stunde Null war der 1. Mai 1971.
Sie taten alles, um unsere Maifeier zu einem Fehlschlag werden zu lassen. Doch sie wurden enttäuscht. Meine 1.-Mai-Rede erweckte allgemeines Interesse, und die Feierlichkeit war ein großer Erfolg. Am 2. Mai 1971 enthob ich Ali Sabri aller Positionen, die er bis dahin innegehabt hatte.
Am 13. Mai 1971 sollte ich der Tahrir-Provinz einen Besuch abstatten. Da erfuhr ich, daß ein Plan bestand, mich dort zu ermorden. So erklärte ich, müde zu sein, und verschob die Reise. Nun war ich entschlossen, mit den Verschwörern Schluß zu machen.
Am 11. Mai hatte mir ein Polizeioffizier eine Bandaufnahme von abgehörten Telephongesprächen zwischen zwei Hauptanstiftern des Komplotts gebracht, aus denen eindeutig hervorging, daß sie sich verschworen hatten, mich und das Regime zu stürzen. Die Aufnahme enthüllte ferner, daß an dem Tag, als ich dem Zentralkomitee das Vereinigungsabkommen vorgelegt hatte, das Rundfunkgebäude umzingelt worden war. Hätte ich den Versuch unternommen, mich über das Radio an das Volk zu wenden, so wäre ich dort ermordet worden.
Angesichts dieser Beweise durfte ich nicht länger zögern, diese Leute zu entmachten. Ich begann mit der Entlassung des Innenministers Schaarawi Gumaa.
Später an diesem 13. Mai, genau drei Minuten vor 23 Uhr (dem Zeitpunkt der letzten Nachrichtensendung von Radio Kairo), erschien Aschraf Marwan, der Schwiegersohn Nassers und Direktor von Sami Scharafs Büro. Er überbrachte mir die Demission des Präsidenten der Nationalversammlung, des Verteidigungsministers, des Informationsministers, des Ministers für Präsidialangelegenheiten, einiger Mitglieder des Zentralkomitees und sogar einiger Mitglieder des Obersten Exekutivkomitees.
Dieser Schachzug sollte die verfassungsmäßigen Körperschaften lähmen. Ich akzeptierte jedoch die Demissionen und ließ die Nachricht darüber sogleich über den Rundfunk verbreiten. Außerdem stellte ich alle Beteiligten unter Hausarrest.
Noch während dieser Nacht bildete ich die Regierung um. So kam es, daß das Volk, statt vor einem Zusammenbruch der konstitutionellen Einrichtungen zu stehen, sich vor Freude kaum fassen konnte. Der Alpdruck des Machtkampfes, der Ägypten so lange gelähmt hatte, war endlich vorbei.
Es war auch notwendig, die Übeltaten dieser Leute rasch wiedergutzumachen. Ich befahl, daß alle im Innenministerium archivierten Tonbandaufnahmen von privaten Gesprächen sofort zu verbrennen seien. Dann ordnete ich die Auflassung aller Internierungslager an und verbot willkürliche Festnahmen.
Die Ereignisse des 13. Mai 1971 und der folgenden Tage stellten eine ernsthafte Anstrengung meinerseits dar, den Kurs der Revolution vom 23. Juli 1952 zu korrigieren. Man konnte sie als erste Bausteine zu dem Gebäude unserer gegenwärtigen sozialistischen Gesellschaft betrachten, die von wirklich sozialer Gerechtigkeit charakterisiert ist,
* Beim Abbruch des politischen Gefängnisses Tura bei Kairo 1971.
statt von unsinnigen sozialistischen Schlagworten.
Ende Mai 1971 besuchte der sowjetische Staatspräsident Podgorny Ägypten. Er wünschte, daß sofort ein sowjetisch-ägyptischer Freundschaftsvertrag abgeschlossen werden solle. Ich stimmte zu, wohl hauptsächlich, um die Ängste der Sowjetführung zu beschwichtigen, denn ich wußte, daß sie in außenpolitischen Belangen stets übertrieben mißtrauisch waren.
Als ich Podgorny zum Flugplatz begleitete, um ihn zu verabschieden, bat ich ihn, seinen Kollegen in Moskau die folgende Botschaft zu übermitteln: "Bitte haben Sie Vertrauen zu uns ... Vertrauen ... Vertrauen!"
"Geben Sie mir vier Tage", sagte Podgorny, "und alle Waffen, die Sie verlangt haben, werden an Sie abgesandt werden, einschließlich der "Vergeltungswaffe"."
Das war Ende Mai. Ich wartete während des ganzen Juni, Juli, August, September, Oktober auf die Erfüllung des Versprechens, aber ohne jeden Erfolg. Die Sowjet-Führer hatten die Gewohnheit, plötzlich für lange Zeitabschnitte zu verstummen, was mich verbitterte.
Ich hatte angekündigt, 1971 werde das Jahr der Entscheidung sein, sei es durch eine friedliche Lösung oder durch Krieg. Am 12. Dezember berief ich den sowjetischen Botschafter und erinnerte ihn, daß ich bisher keinerlei Waffen erhalten hatte. Es müsse ein Weg aus dieser Situation gefunden werden, da ich mich bloßgestellt fühlte, denn es war mir nicht gelungen, das Jahr 1971 zu einem "Jahr der Entscheidung" zu machen.
Am 1. und 2. Februar 1972 war ich in Moskau. Ich fragte nach den Gründen für die Verzögerung der Waffenlieferung. Breschnew sagte, er nehme die Verantwortung dafür auf sich. Der Grund liege in notwendigen bürokratischen Arbeiten und ähnlichem. "Ich bin nicht überzeugt, daß dies so ist", erwiderte ich. "Wenn sich das wiederholt, werde ich handeln und eine Entscheidung treffen müssen." Ich war außer mir vor Zorn.
Das Treffen endete damit, daß sie mir eine Liste all jener Waffen vorlasen, die sie "sofort" absenden wollten. Es waren zwar nicht die wesentlichen Waffen, die ich gewollt hatte, aber es war besser als nichts.
Damals hatten Breschnew und Nixon vereinbart, zu einem ersten Gipfelgespräch im Mai 1972 zusammenzutreffen, um eine internationale Entspannung herbeizuführen. Schon im April flog ich zu neuen Gesprächen nach Moskau. Wir kamen überein, daß sie uns nach dem Besuch Nixons in Moskau eine detaillierte Analyse der Lage zukommen lassen würden. Zum Zeitpunkt der Präsidentschafts-Wahlkampagne in den USA sollten die in unseren alten Verträgen vereinbarten Waffenlieferungen abgeschlossen sein, damit alle Vorbereitungen für eine militärische Aktion getroffen werden konnten -- für den Fall, daß nach der US-Präsidentenwahl im November 1972 alle Wege zum Frieden weiterhin blockiert blieben. Die Sowjetführer stimmten diesem Plan zu.
Am 14. Mai traf Marschall Gretschko, begleitet vom Oberbefehlshaber der sowjetischen Luftwaffe, in Ägypten ein. Ich wußte, daß dieser Besuch -- nur acht Tage vor dem Eintreffen Nixons in Moskau -- dem Ziel diente, den Einfluß der UdSSR im Nahen Osten zu demonstrieren, doch das störte mich nicht.
Nixons Besuch in Moskau fand am 22. Mai statt. Die erste Entspannungserklärung wurde von Washington und Moskau gemeinsam herausgegeben; darin verlangten sie eine Entschärfung der militärischen Lage im Nahen Osten. Es war ein gewaltiger Schock für uns, denn wir hinkten 20 Schritte hinter Israel her. "Militärische Entschärfung" konnte in diesem Zusammenhang nur Nachgeben gegenüber Israel bedeuten.
Die sowjetische "Analyse" traf bei mir am 6. Juni 1972 ein -- um mehr als zehn Tage verspätet. Sie besagte, daß in der Nahost-Frage kein Fortschritt er-Methode ab, nach der die Sowjet-Führer mit uns umgehen. Bitte übermitteln Sie alles, was ich nun sage, an die Sowjet-Führer als eine offizielle Mitteilung." Ich erklärte:
Erstens: Ich weise die Botschaft der Sowjetführer nach Form und Inhalt zurück. Sie ist nicht akzektabel. Ich weise auch diese Methode, mit uns zu verkehren, zurück.
Zweitens: Ich habe mich entschieden, auf die Dienste sämtlicher sowjetischer Experten (etwa 15 000) zu verzichten. Sie sollen binnen einer Woche ab heute in die Sowjet-Union zurückkehren. Ich werde diesen Befehl dem Verteidigungsminister übermitteln.
Drittens: Es gibt sowjetisches Kriegsgerät in Ägypten, wie vier MiG-25-Flugzeuge und eine Anlage für elektronische Kriegführung, mit sowjetischen Besatzungen. Diese Ausrüstung muß entweder an uns verkauft oder aber in die Sowjet-Union zurückgebracht werden.
Viertens: Keine Geräte, die der Sowjet-Union gehören, werden in Ägypten bleiben. Entweder Sie verkaufen sie an uns oder Sie ziehen sie innerhalb der gesetzten Frist ab.
Fünftens: All dies muß innerhalb einer Woche von heute an durchgeführt werden.
Der Botschafter glaubte nicht, daß es mir Ernst war, er hielt das Ganze für einen Erpressungsversuch. Am folgenden Morgen rief ich den Verteidigungsminister und befahl ihm, alle von mir getroffenen Entscheidungen durchzuführen. Am 16. Juli waren die Befehle ausgeführt. Da die Sowjet-Union sich weigerte, uns die Flugzeuge und die elektronischen Anlagen zu verkaufen, wurden sie zusammen mit den Experten abgezogen.
Einer der Gründe für meine Entscheidung war, daß im Rahmen meiner Strategie kein Krieg ausgefochten werden konnte, solange sowjetische Experten in Ägypten arbeiteten. Aber die Sowjet-Union, der Westen und Israel deuteten die Ausweisung der Experten als einen Hinweis, daß ich mich nun endgültig entschlossen hätte, keinen Krieg mehr zu führen: Genau dies wollte ich sie glauben lassen.
Ein anderer Grund für die Ausweisung war, daß die Sowjet-Union glaubte, sie habe eine privilegierte Stellung in Ägypten inne. Der sowjetische Botschafter nahm schließlich eine Position ein, die mit jener des britischen Hochkommissars in den Tagen der britischen Okkupation Ägyptens vergleichbar war.
Daraufhin zog ich mich nach Alexandria zurück und begann mit den Vorbereitungen für den Kampf. Ich rief Hafis Ismail, meinen Berater für nationale Sicherheit, zu mir und sagte ihm, daß die USA nun bestimmt mit uns in Verbindung treten würden und er daher die notwendigen Alternativen für einen erfolgreichen Dialog mit den Amerikanern vorbereiten müsse.
Den Verteidigungsminister Mohammed Sadik wies ich an, er solle dem Obersten Rat der Streitkräfte meine Anordnung mitteilen, ab 15. November müßten die Streitkräfte kriegs- und angriffsbereit sein. Ich beauftragte ferner Mamduh Salim, der damals für die Zivilverteidigung verantwortlich war, auch die "Heimatfront" für den Krieg vorzubereiten.
Am 30. August sandte ich der Sowjet-Union eine Botschaft, in der ich den Sowjetführern erklärte, daß ich ihnen noch eine Chance geben wolle, uns ihren guten Willen zu beweisen und auf unsere Forderungen bis Oktober 1972 zu reagieren. Sollte bis dahin jedoch keine Antwort erfolgt sein, würde ich mich als frei betrachten, jene Entschlüsse zu fassen, die ich für richtig hielt.
Zwei Tage später meldete mir Verteidigungsminister Sadik, die Streitkräfte seien schon ab 1. November einsatzbereit. Ich berief daher den Obersten Rat der Streitkräfte für den 28. Oktober ein. Ich forderte jeden Truppenkommandeur auf, mir über die Bereitschaft seiner Verbände zu berichten: Der November stand ja vor der Tür.
Ich erinnerte sie an die im Sommer von mir erteilten Befehle. Generalmajor Nawal, dem der Nachschub der Armee unterstand, überraschte mich jedoch mit der Frage: "Ich habe bisher von keinem solchen Befehl gehört. Darf ich fragen, was er enthielt? Ich weiß nichts von einem Befehl Eurer Exzellenz!"
Ich wandte mich an Sadik: "Was soll das bedeuten? Wir sind doch übereingekommen, daß Sie diesen Rat einberufen und ihm sagen werden, daß wir am 15. November zur Eröffnung des Krieges bereit sein müssen. Haben Sie mir nicht zwei Tage später berichtet, daß alles schon am 1. November bereit sein werde, zwei Wochen vor dem Stichtag?"
Der Verteidigungsminister flüsterte mir zu: "Ich hielt es nicht für ratsam, Herr Präsident, jedermann alles zu sagen. Ich habe daher nur die Oberbefehlshaber der Armeen informiert, um die Geheimhaltung zu sichern."
Was für eine Art von Geheimhaltung sollte das wohl sein, dachte ich. Kann man denn den Entschluß zum Krieg gerade vor den Leuten geheimhalten, die diesen Krieg führen sollen? Immerhin war Generalmajor Nawal verantwortlich für die Versorgung der Armee mit Lebensmitteln, Wasser, Munition und Treibstoff, ohne die keine Truppe ihren Kampfauftrag erfüllen kann.
Die Zweifel, die ich dem Verteidigungsminister gegenüber hegte, waren auf diese Weise bestätigt worden. Er wollte nicht kämpfen, weil er fürchtete, daß tatsächlich eine Schlacht stattfinden könne. Ich fragte daher nun die Oberbefehlshaber der Armeen persönlich nach dem Stand der Kampfbereitschaft, beginnend mit Generalmajor Abd el-Munim Wassil, der die 3. Armee befehligte. Seine Antwort war erschütternd.
"Wir sind vollkommen exponiert, Herr Präsident", sagte er. "Jeder Versuch, Truppenverbände auf unserer Seite des Kanals zu konzentrieren, kann von den Israelis beobachtet werden. Daher werden sie uns angreifen, bevor wir noch den Übergang erzwungen haben."
"Der Grund dafür ist", so erklärte er weiter, "daß die Israelis eine Kette großer Erdbefestigungen, an die 14 Meter hoch, auf dem Ostufer des Kanals gebaut haben. Die unsrigen sind viel niedriger, kaum höher als drei Meter."
Diese Worte bedeuteten nichts anderes, als daß der Verteidigungsplan 200, den Nasser mir hinterlassen hatte, sinnlos geworden war. Es war ein vollkommen vernünftiger Verteidigungsplan gewesen. Verteidigungsminister Fausi hatte auch dafür gesorgt, daß der Plan 200 anwendbar blieb.
Als die Israelis ihre Erdbefestigungen um einen Meter erhöhten, wurden unsere um eineinhalb erhöht. Aber der neue Verteidigungsminister Sadik hatte damit aufgehört, so daß es bei uns keinen Ausbau mehr gab. Die Israelis bauten ihre Befestigungen weiter, bis sie schließlich 14 Meter hoch waren.
Ich verließ die Versammlung, entschlossen, einen Ersatz für Sadik zu finden, den defätistischen Verteidigungsminister, der mich belogen hatte. Ich rief Generalmajor Ahmed Ismail Ah zu mir, den inzwischen verstorbenen Feldmarschall, der damals Chef des Nachrichtendienstes war. Ich eröffnete ihm, er solle den Oberbefehl übernehmen und am nächsten Morgen zu mir kommen, damit er als Verteidigungsminister vereidigt werden könne.
Ahmed Ismail Ali machte meinen Sorgen ein Ende, als er mir am 30. November mitteilte, daß unsere Verteidigungsvorbereitungen abgeschlossen seien. Er sei nun dabei, einen Plan für die Offensive zu entwerfen. Die Grundzüge dieses Planes waren im Januar 1973 fertiggestellt.
Ahmed Ismail Ali hatte etwas in der militärischen Geschichte noch nie Dagewesenes getan: Er hatte jeden Offizier der Verbände, die entlang des Kanals stationiert waren, ersucht, die jetzt 20 Meter hohen Befestigungen auf unserer Seite zu besteigen, auf den Sinai hinüberzublicken und einen genauen Angriffsplan zu entwerfen.
Die Offiziere hatten so Gelegenheit, Zuversicht zu fassen, und nahmen an der Planung der Aktion teil, die sie ja schließlich selbst einmal ausführen sollten.
Inzwischen war unser Ministerpräsident Asis Sidki am 16. Oktober 1972 nach Moskau gereist. Bei den Gesprächen gaben sich die sowjetischen Führer sehr erregt und bekundeten größte Verärgerung über meine Entscheidung, die 15 000 sowjetischen Experten auszuweisen. Sidki brachte wieder nichts anderes als ein Bündel Versprechungen nach Hause, die niemals gehalten wurden.
Im Februar 1973 wurden zwei diplomatische Reisen von Hafis Ismail, meinem Berater für nationale Sicherheit, und von Generalleutnant Ahmed Ismail Ali unternommen. Hafis Ismail führte eine Unterredung mit Henry Kissinger, die keinerlei Ergebnis brachte. Im selben Monat reiste General Ismail nach Moskau.
Der Kreml hatte inzwischen herausgefunden, daß tatsächlich -- wie ich wiederholt betont hatte -- vor dieser Entscheidung kein Kontakt zwischen mir und den USA bestanden hatte. Das größte Waffenlieferungsgeschäft, das wir jemals abgeschlossen haben, war das Ergebnis dieses Besuches. Zum ersten Mal begannen in Rekordzeit sowjetische Lieferungen einzutreffen.
Im April 1973 kam Präsident Hafis el-Assad insgeheim nach Ägypten. General Gamasi, damals Operationschef der Streitkräfte, legte uns Pläne vor, die für den Kriegsbeginn drei Stichtage nannten: den ersten im Mai, den zweiten im August, den dritten im Oktober.
Die geeignetste Zeit schien der Oktober. Der Angriff konnte am Jom-Kippur-Tag stattfinden -- dem Bußtag der luden -, dem 6. Oktober, an dem alle öffentlichen Dienste in Israel stilliegen würden. Nach dem Oktober (von November bis zum Frühjahr) sind die Bedingungen an der syrischen Front aus klimatischen Gründen für eine militärische Aktion nicht günstig.
Obwohl ich keineswegs die Absicht hatte, den Krieg im Mai anzufangen, begann ich doch zur Täuschung eine Kampagne in den Massenmedien und ordnete verschiedene Maßnahmen der zivilen Verteidigung an, um die Israelis glauben zu lassen, daß der Krieg unmittelbar bevorstehe. Tatsächlich gab es denn auch eine totale Mobilisierung in Israel, während wir in Wirklichkeit militärisch völlig ruhig blieben.
Ich wiederholte dies im August, und die Reaktion der Israelis war die gleiche. Nach dem Oktoberkrieg fragte man Mosche Dajan, warum er im Oktober nicht mobilisiert habe. Er antwortete: "Sadat hat mich zweimal dazu gebracht, und es kostete uns jedesmal zehn Millionen Dollar. Beim dritten Mal glaubte ich, es sei nicht ernst, aber er hat mich hereingelegt!"
Ende August unternahm ich eine Reise nach Saudi-Arabien, Katar und Syrien. Ich traf Präsident Assad am 28. und 29. August. Wir beschlossen, daß Angriffstag ("D-Day" im militärischen Jargon) der 6. Oktober 1973 sein sollte.
Unterdessen besuchte ich regelmäßig alle Einheiten unserer Streitkräfte, erklärte ihnen die politische Situation und sagte ihnen, daß der Krieg unmittelbar bevorstehe. Am 5. Juni gingen die letzten Befehle hinaus.
Im September 1973 kam der Außenminister eines gewissen Landes, um mich zu besuchen. Ich hielt meinen strategischen Täuschungsplan ein und sagte ihm: "Bitte berichten Sie Ihrem Präsidenten und bitten Sie ihn, dies als strenges Geheimnis zu behandeln: Ich werde im Oktober in New York bei der Uno sein, aber ich möchte dies jetzt noch nicht ankündigen."
Ich wußte, daß ein Bericht darüber schon in kürzester Zeit Israel erreichen werde! Und so war es auch. Israel glaubte auch dank dieser Nachricht, daß ich nicht vorhatte, Krieg zu führen.
Am 30. September 1973 berief ich den Nationalen Sicherheitsrat ein und ersuchte die Mitglieder, mir ihre Lage-Beurteilung zu geben. Wir hatten eine ausführliche Diskussion; einige Mitglieder traten für Krieg ein, andere zögerten.
Als sie geendet hatten, sagte ich: "Nun, nachdem Sie dies alles gesagt haben, lassen Sie mich Ihnen mitteilen, daß unsere Wirtschaft auf dem Nullpunkt angekommen ist. Wir haben Verpflichtungen (gegenüber den Banken usw.), denen wir gegen Ende des Jahres nachkommen müssen, dazu aber nicht imstande sein werden. In drei Monaten, sagen wir etwa Anfang 1974. werden wir nicht mehr genug Brot haben. Ich kann die Araber auch nicht mehr um nur einen einzigen Dollar bitten. Sie sagen, daß sie uns Hilfe geleistet haben, um den Verlust der Suezkanalgebühren zu ersetzen, obwohl wir nicht gekämpft haben oder nicht kämpfen wollten."
Am folgenden Tag berief ich den Obersten Rat der Streitkräfte ein. Der Reihe nach trat jeder Oberbefehlshaber vor die detaillierte Operationskarte und erklärte seinen Plan und die Rolle, die ihm für den Feldzug zugeteilt worden war. Am Ende sagte ich: "Jeder von Ihnen muß absolut darauf vorbereitet sein, daß jetzt jede Minute der Auslösebefehl von mir erlassen werden kann."
Der "Count-down" hatte schon früher begonnen: zehn Tage vor der Stunde Null. Unsere Kriegsschiffe waren zu diesem Zeitpunkt ausgelaufen, um ihre Bereitstellungsräume einzunehmen. Jede Flotteneinheit hatte versiegelte Befehle erhalten, die erst geöffnet werden durften, sobald sie ein bestimmtes Kodewort empfangen hatten.
Am 3. Oktober rief ich -- wie vorher zwischen Präsident Hafis el-Assad und mir vereinbart -- den sowjetischen Botschafter zu mir und erklärte ihm: "Ich möchte Sie offiziell davon informieren. daß Syrien und Ägypten militärische Aktionen gegen Israel unternehmen werden. Ich möchte, daß mir die sowjetischen Führer dringendst eine Antwort auf diese Frage geben: Welche Haltung wird die Sowjet-Union einnehmen?"
Er fragte mich, wann wir die "militärischen Aktionen" unternehmen wollten. Ich antwortete, das Datum sei noch nicht festgesetzt. Am folgenden Tag verlangte der sowjetische Botschafter dringend, empfangen zu werden.
Ich erwartete die Antwort auf meine Frage, doch gleich nach seinem Eintreten sagte er: "Ich habe eine dringende Botschaft der sowjetischen Führung für Sie. Moskau fragt an, ob Sie gestatten, daß vier große Transportflugzeuge in Ägypten eintreffen, um sowjetische Familien nach Moskau zurückzubringen. Die Flugzeuge würden morgen früh hier sein."
Was für ein schlechtes Vorzeichen, dachte ich. Es bedeutete wohl, daß sie an meine Niederlage glaubten und daher um das Leben ihrer sowjetischen Bürger fürchteten. Ich sagte: "Ich habe keinen Einwand. Sie können ihnen sagen, daß ich dem zustimme, aber. wo ist eigentlich die Antwort der Sowjetführung auf meine Anfrage?"
Er sagte, er habe aus Moskau keine andere Botschaft für mich erhalten. Tatsächlich trafen am nächsten Tag, dem 5. Oktober, vier große Transportmaschinen ein und brachten die sowjetischen Bürger nach Hause.
Am Donnerstag, dem 4. Oktober, war ich in den Tahira-Palast übersiedelt, der als Kriegshauptquartier dienen sollte. Am Freitag fuhr ich zu der kleinen minarettlosen Moschee, in der ich vor fünfzig Jahren beten gelernt hatte. Ich saß in der stillen Moschee, überwältigt von dem Gefühl, Gott nahe zu sein, während Bilder meiner Kindheit vor mir auftauchten, Bilder der Unschuld und Reinheit.
Danach fuhr ich still nach Hause und saß am Abend auf meinem Balkon und beobachtete den schönen jungen Ramadanmond. Obwohl mir die Bedeutung des Bevorstehenden völlig bewußt war, erwartete ich doch den Morgen, an dem der Krieg die Welt erschüttern würde, genau wie jeden anderen Tag, den ich erlebt hatte.
Es mag sonderbar klingen, aber ich schlief am Vorabend der Schlacht besser als in den meisten Nächten zuvor. Am Morgen war ich entspannt, und meinem Verstand schien zusätzliche Kraft zuzufließen, in dieser Stunde, da ich meinen eigenen D-Day erwartete. Im nächsten Heft
Ein 20-Minuten-Angriff zerstört Israels militärischen Nimbus -- Moskau drängt Kairo zum Waffenstillstand -- Sadat: "Ich will nicht gegen die USA Krieg führen

DER SPIEGEL 18/1978
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 18/1978
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Laßt dies das Ende aller Kriege sein“

Video 03:25

UFO-Berichterstattung "Natürlich sind das UFOs!"

  • Video "Video aus Hongkong: Marsch der Millionen im Zeitraffer" Video 01:02
    Video aus Hongkong: Marsch der Millionen im Zeitraffer
  • Video "Golanhöhen: Siedlung Beruchim heißt jetzt Trump Heights" Video 00:53
    Golanhöhen: Siedlung "Beruchim" heißt jetzt "Trump Heights"
  • Video "Video aus Frankreich: Hagel zerstört Windschutzscheibe" Video 01:02
    Video aus Frankreich: Hagel zerstört Windschutzscheibe
  • Video "Massive Störung: Ganz Argentinien und Uruguay ohne Strom" Video 00:57
    Massive Störung: Ganz Argentinien und Uruguay ohne Strom
  • Video "Putin, der Eismann: Geschenk für Xi Jinping" Video 00:59
    Putin, der Eismann: Geschenk für Xi Jinping
  • Video "Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock" Video 01:22
    Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock
  • Video "Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm" Video 02:15
    Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm
  • Video "Filmstarts: Ich tippe auf... Zombies!" Video 06:53
    Filmstarts: "Ich tippe auf... Zombies!"
  • Video "Videoanalyse zum Iran-Konflikt: Die Gefahr wächst" Video 01:19
    Videoanalyse zum Iran-Konflikt: "Die Gefahr wächst"
  • Video "Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt" Video 04:02
    Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt
  • Video "Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: Die Angst wechselt die Seiten" Video 01:23
    Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: "Die Angst wechselt die Seiten"
  • Video "US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen" Video 00:59
    US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen
  • Video "Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn" Video 01:07
    Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn
  • Video "Besetzte Kreuzung in Berlin: Am liebsten 'ne Fahrradstraße" Video 03:26
    Besetzte Kreuzung in Berlin: "Am liebsten 'ne Fahrradstraße"
  • Video "UFO-Berichterstattung: Natürlich sind das UFOs!" Video 03:25
    UFO-Berichterstattung: "Natürlich sind das UFOs!"