01.05.1978

Risiko geteilt

Der Aufsteiger VfB Stuttgart erwies sich als zugkräftigste Mannschaft, die je in der Bundesliga auftrat.
Die Menschenschlange vor der Geschäftsstelle in der Bad Canstatter Martin-Luther-Straße streckte sich 100 Meter lang. Angestellte, die das Büro verlassen wollten, mußten durch ein Fenster hinausklettern.
"Wir sind vom Ansturm schlicht überrollt worden", wunderte sich Geschäftsführer Ulrich Schäfer vom "Verein für Bewegungsspiele Stuttgart von 1893". Belagert von VfB-Fans, die um Bundesliga-Eintrittskarten anstanden wie DDR-Bürger, wenn es mal Bananen gibt, gingen den Stuttgartern einigemal tatsächlich die Fußball-Karten aus.
Außer dem späteren Weltpokalsieger Bayern München stieg noch keine Mannschaft so erfolgreich in die Bundesliga ein wie der VfB Stuttgart. Die beiden Mitaufsteiger FC St. Pauli und München 1860 rutschten unverzüglich wieder in die zweite Bundesliga ab.
Auch die mehrmalige Meistermannschaft Borussia Mönchengladbach benötigte zwei Jahre, bis sie sich an das rauhe Klima in der härtesten Liga der Welt gewöhnt hatte. Im ersten Jahr nach dem Aufstieg spielten sich die Stuttgarter in die Spitzengruppe und erkämpften sich das Anrecht, mit den erfolgreichsten europäischen Mannschaften am UEFA-Cup teilzunehmen.
Fast noch mehr bewundert und beneidet die Konkurrenz den wirtschaftlichen Erfolg: Der VfB setzte elf Millionen Mark um. In 16 Heimspielen zog er 871 055 Zuschauer ins Stuttgarter Neckar-Stadion (72 200 Plätze).
Mit der letzten Vorstellung werden es wohl mehr als 900 000 Besucher gewesen sein. Der bisher zugkräftigste Klub, Hertha BSC, hielt den Zuschauerrekord bisher mit 745 167 Besuchern. Er tritt in der fassungsstärksten Arena, dem Berliner Olympia-Stadion (86 000 Zuschauer), auf.
Das schwäbische Erfolgsmärchen beendete das düsterste Klubkapitel des VfB: Der Deutsche Meister von 1950 und 1952, der Pokalsieger von 1954 und 1958 war 1975 erstmals aus der höchsten deutschen Spielklasse abgestiegen. Mit etwa zwei Millionen Mark steckte der VfB Stuttgart im Debet.
Fehlgriffe mit teuren Stars hatten das Betriebsklima verdorben und die Mannschaft in überzahlte Legionäre und kurzgehaltene einheimische Spieler gespalten. Der Wiener Star Hans Ettmayer verlangte etwa: "Ich spiele, und ihr seid's die Renner." Wer damals einen Stuttgarter Fan verhöhnen wollte, bot ihm eine Freikarte für ein VfB-Spiel an.
Als sich Gerhard Mayer-Vorfelder, damals persönlicher Referent des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Karl Filbinger, um das Präsidentenamt beim VfB bewarb, soll ihm der Landesvater abgeraten haben. Mayer-Vorfelder wurde VfB-Präsident und Staatssekretär in Stuttgart, Regierungschef Filbinger wandelte sich inzwischen zum "VfB-Fan".
Meistermacher Hennes Weisweiler empfahl dem Rothhändle-Raucher Mayer-Vorfelder damals einen neuen Trainer: Jürgen Sundermann. Der hatte für Hertha BSC in der Bundesliga gespielt, einmal das Nationaltrikot getragen und war dann in der Schweiz mit dem FC Basel als Spieler zweimal Meister und später als Trainer mit Servette Genf Vizemeister geworden. Seit zehn Jahren ist Sundermann mit Hans Rosenthals "Dalli, Dalli"-Assistentin Monika verheiratet.
"Wir werden aufsteigen", suggerierte Sundermann den Stuttgarter Spielern. "Wer"s nicht glaubt, kann sofort für immer gehen." Mangels Kasse mußte er ohnehin aus dem eigenen Nachwuchs schöpfen, der es immerhin zur Meisterschaft in der Jugendklasse gebracht hatte. Aus der Abstiegsmannschaft waren der erfahrene Kapitän Hermann Ohlicher und Erwin Hadewicz übriggeblieben.
Einzig der Jugoslawe Dragan Holcer brachte Länderspiel-Erfahrungen ein. Der Trainer übertrug sein Selbstvertrauen auf die Mannschaft und schaffte 1977 den Aufstieg mit der jüngsten Mannschaft, die je in der Bundesliga spielte (Durchschnittsalter: 23,6 Jahre).
Sprechchöre feierten den Trainer: "Sundermann -- Wundermann" und "Jürgen, laß die Löwen los". Doch wie ein Weltmeister im Tiefstapeln dämpfte Sundermann die wachsenden Erwartungen der Anhänger. "Wir kämpfen gegen den Abstieg", verkündete er noch, als der VfB sich schon im oberen Tabellendrittel eingenistet hatte.
Starkult erstickte er sofort. "Du mußt auf dem Teppich bleiben", knurrte er den Jung-Nationalspieler Hans Peter ("Hansi") Müller, 20, an. "Er kann mit einem Trick eine Abwehr ausspielen", schwärmte Sundermann. "Solche Leute sind selten geworden." Aber er holte ihn auch einmal vom Platz, als er zu eigensinnig Tricks für die Tribüne vorführte. Ungerührt ließ sich Sundermann dafür auspfeifen.
Inzwischen berief Bundestrainer Helmut Schön Hansi Müller in sein WM-Aufgebot und mit Karl-Heinz Förster, 19, noch einen Sundermann-Schüler.
Wie Sundermann die Spieler vor sportlichem Überschwang bewahrte, mühte sich der Vorstand, die Kasse zu sanieren. Anders als vormals Selbstdarsteller Dr. Peter Krohn, der durch ungebremsten Aktionismus den HSV im Gerede gehalten hatte, versuchten es die Stuttgarter ohne künstlichen Wirbel. "Schwäbisch solide und ernsthaft", so Geschäftsführer Schäfer, ein früherer Bürgermeister der Gemeinde Heiningen/Waldrems, setzten sie sich im Bundesligageschäft durch.
Im sportlichen Bereich ließen sie den Trainer entscheiden. Vertrauen bei der Mannschaft und den Klubanhängern sammelten die fünf Vorstandsmitglieder, indem jeder von ihnen je 120 000 Mark verbürgte. Da stundeten auch die Spieler zeitweilig Teile ihres Einkommens. So trugen die Schwaben zuerst ihre Schulden ab.
Dann beteiligten sie ihre Spieler an Chance und Risiko: Neben einem Grundgehalt zwischen 5000 und 10 000 Mark sowie einer 30 000-Mark-Prämie für den vermiedenen Abstieg kassieren auch Ersatzspieler bis zu 1500 Mark Siegprämien. Zudem beteiligt der VfB seine Stammspieler mit 3000 Mark für jeweils 1000 Zuschauer über einem Saisonschnitt von 25 000 Besuchern.
Bei einem Schnitt von 55 000 Zuschauern pro Heimspiel ergibt das ein Zubrot von 90 000 Mark. So haben die Spieler "gut und fürstlich" (Schäfer) eine Viertelmillion verdient. Der Klub holte Bankfachleute, mit denen die Spieler über vernünftige Anlagen beraten konnten.
Der VfB hätschelt seine Fans und kassiert sie gleichzeitig ab. Zu jedem Spiel lädt er eine Musikkapelle aus Baden-Württemberg ein, die ihn nur Freikarten kostet und das Publikum unterhält. Bis zu 1000 Freikarten pro Spiel verteilt der Klub auch an Fans, die auf eigene Kosten aus der Schweiz oder dem Elsaß angereist sind. "Werbung im Stil des Schneeballsystems" nennt das Geschäftsführer Schäfer. Fans heißen beim VfB "Kunden", Imagepflege bezeichnet er als "Kundenbetreuung".
Den Werbevertrag mit der Textilfirma "Frottesana" verlängerte der VfB trotz besserer Angebote, weil der Sponsor eingesprungen war, als es den Stuttgartern schlechtging. Aus der Bandenwerbung im städtischen Stadion zieht der Klub 50 Prozent (140 000 Mark).
Als in den einschlägigen Stuttgarter Geschäften die rote Strickwolle ausging, weil sie zu Schals in den rotweißen Klubfarben verarbeitet worden war, nahm der VfB auch den Souvenirhandel in eigene Regie. Er gründete die "VfB-Shop-Werbe-Vertriebsgesellschaft" und nahm 38 Artikel ins Angebot, vom Originaltrikot bis zum rotweißen Lolly. 200 000 Mark brachten die Kicker-Devotionalien ein.
Trotz der Rekordeinnahme hob der Klub die zunächst eingefrorenen Preise an. In der kommenden Spielzeit kostet ein Sitzplatz auf der Haupttribüne 30 statt 25 Mark, eine Dauerkarte statt 290 nun 410 Mark. Nur für Stehplätze bleibt es bei acht Mark.
"Wir können es uns nicht leisten, auf soviel Geld zu verzichten", wehrte der Präsident Proteste ab. Trotz erhöhter Preise setzte der VfB bis zur letzten Woche schon 6500 Dauerkarten ab, 1400 mehr als im letzten Jahr.
Was der VfB aus dem Ländle der Häusle-Bauer mit dem Gewinn anfängt? Er baut ein Klubhaus, möglichst dicht am Stadion.

DER SPIEGEL 18/1978
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