01.05.1978

FILMSturm im Bierglas

„halbe-halbe“. Spielfilm von Uwe Brandner. Deutschland 1978. Schwarzweiß. 105 Minuten.
Im dritten Spielfilm des Münchner Schriftstellers Uwe Brandner scheint die Zeit stillzustehen. Da feiert die gute alte Schwabinger Gammler-Philosophie eines Werner Enke ("Zur Sache, Schätzchen!") fröhlich-schäbige Urständ, da latschen die Typen durch ihr Leben, als gäb's noch immer das wurstige Café-Frührentnertum, dessen schmuddelige Heimstatt einst die Gegend entlang der Münchner Leopoldstraße war. Eine Geschichte aus Deutschland im Sommer 77, wie uns der Verleih weismachen möchte? Allenfalls als wehmütige Träne im Jeanshemdenknopfloch der resignierten Dreißigjährigen.
Der Traum von Abenteuerfrische und Männerfreiheit -- ein Sturm im Bierglas. Hans Peter Hallwachs spielt viril-lässig Bert, einen Graphiker, der seinen Job verloren hat und mit 30 000 Mark abgefunden wurde. Er freundet sich mit Thomas, einem Wohnungsnachbarn (Bernd Tauber), an, einem ehemaligen Fluglotsen der Bundeswehr, der auf der Abendschule das Abitur nachholt. Sie teilen sich die Kaugummis, stehen gemeinsam kopf im Fahrstuhl, ziehen durch die Kneipen, reißen Mädchen auf von der frustrierten Neureichengattin bis zum "Disco-Zahn" und zur Bürgerrechtlerin.
* Mit Bernd Tauber, Agnes Dünneisen.
Bert investiert seine Abfindung in eine Schwindelfirma und entgeht dem Knast nur durch eine Kaution, die Thomas bezahlt. Bert läßt sie verfallen, weil er vergißt, sich bei der Polizei zu melden, gammelt am Stadtrand herum, bis er zufällig wieder Thomas trifft und beide erneut auf Kneipentour gehen.
Der spröde Charme des Films liegt in den kleinen Geschichten, die Brandner leichthändig nebenbei erzählt. Kauzige Kerle tauchen auf, wie der Bettler Baron Wurlitzer (Ivan Desny), der natürlich vom Sozialismus schwärmt, nachdem seine Familie das Vermögen durchgebracht hat. Im Krankenhaus, in das Thomas nach einer Schlägerei eingeliefert wird, liegen in seinem Zimmer zwei alte Patienten, von denen einer Merian-Hefte lesend von Rothenburg ob der Tauber und der andere von seinen Erektionen schwärmt.
In seinen besten Momenten ist Brandner so etwas wie ein Schwabinger Bukowski. Seine kargen Schwarzweißbilder (Kamera: Jürgen Jürges) fangen das schimmelige Milieu der Gammler und Kneipendesperados, das es trotz Nepp und Beton noch immer gibt, präzis ein. Freilich ist diese Wirklichkeit so vergessen -- und so wichtig -- wie eine Kellerassel unter Grümpel.
Im gesellschaftlichen Unterholz kreuchen Brandners Typen in der Freiheit von jeglicher Perspektive. Das schnelle Geld, das nächste Bier, ein neuer Aufriß -- weiter muß sie nicht reichen. In dieser Harmlosigkeit liegt keine große Verweigerung, höchstens der kleine Protest, auf offener Straße laut "Scheiße" zu schreien.
Von Wolfgang Limmer

DER SPIEGEL 18/1978
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