01.05.1978

POPMUSIKNeben der Norm

Hollywoodstar Kris Kristofferson und seine Frau Rita Coolidge bereisen als Rock-Interpreten Europa.
Eine seiner besten Songzeilen, aus dem Lied "Me And Bobby McGee", hat Janis Joplin kurz vor ihrem Herointod 1970 derart eindrucksvoll vorgetragen, daß daraus ein Slogan der Hippie-Generation geworden ist: "Freedom's just another word for nothing left to lose."
Wer den Sänger, Gitarristen und Filmakteur Kris Kristofferson, 41, allerdings derzeit zusammen mit seiner Frau Rita Coolidge auf Europatournee erlebt, hat kaum noch den Eindruck, die Freiheit, die er meint, bestehe darin, daß nichts mehr zu verlieren sei.
Durch den Film "A Star is Born", in dem er einen resignierenden Rockmusiker spielt, der mit dem Sportwagen fast vorsätzlich in den Tod rast, ist Kristofferson in die Superstar-Kategorie Hollywoods aufgerückt. Und da auch Rita Coolidge mit dem Song "Higher And Higher" sowie zwei weiteren Hits am Popularitätsbarometer immer höher klettert, hielte er es für "wahnsinnig, jetzt nicht auf die Bühne zu gehen und zu arbeiten".
Das Paar jobbt redlich auf dieser Tournee. Rund drei Stunden dauert das Programm: Kristofferson mit der Band, Rita Coolidge mit der Band, davor ihr prominenter Begleitgitarrist Billy Swan solo, danach noch einmal Kristofferson und Coolidge im Duett. Das ist, so abwechslungsreich die exzellente Combo auch musiziert, fürs Publikum fast etwas strapaziös.
Zwar sind die meisten Songs Ohrwürmer -- von "Help Mc Make It Through The Night" bis "Sunday Mornin' Comin' Down". Doch das Tempo der Kristofferson-Lieder, ihre rhythmischen und melodischen Strukturen bleiben sich überwiegend gleich.
Um jeden Preis scheint er es all seinen Fans recht machen zu wollen. Er befürchtet wohl, irgendeiner könne sein Lieblingslied vermissen und danach rufen. Publikumsstimmen in einem Konzert machen ihn zugegebenermaßen unsicher: "Wenn einer lacht, weiß ich nicht, ob sich ein Musiker einen Gag erlaubt hat, oder ob sich der Lacher über mich lustig macht."
Auch wenn ein Filmregisseur von ihm fordere, er möge "etwas mehr geben", so erzählt Kristofferson, bewirke das bei ihm "einen Pawlowschen Effekt". Er reagiere dann blockiert: "Ich habe eben eine so gottverdammt definitive Vorstellung von dem, was für mich richtig ist."
Seine Biographie liest sich freilich nicht so, als habe er das allzeit genau gewußt. Eher schon läßt sich sein mehrfach "in falsche Richtungen gelaufenes" Leben zwischen Wahrheit und Phantasie auf den Nenner jenes wandelnden Widerspruchs" bringen, den er einmal in einem Songtext formuliert hat:
He's a poet, he's a picker. He's a prophet, hes a pusher. Hes a pligrim, & a preacher, & a problem when he's staned. He's a walking contradictian partly truth and partly fiction taking every wrang direction an his lonely way back home.
Frühzeitig war der Sohn eines amerikanischen Generalmajors schwedischer Abstammung auf die Rolle dies Südstaaten-Sunnyboys aus dem Musical "Oklahoma" gedrillt worden. Als Musterschüler in Brownsville, Texas, hatte er ein Oxford-Stipendium gewonnen und es bei der US-Army als Hubschrauberpilot immerhin bis zum Hauptmann gebracht.
Doch schon als Kind hatte er heimlich Radkappen von Autos abmontiert und später bei der Armee im Suff zwei Autos und vier Motorräder kaputtgefahren. 1965, als er sich freiwillig nach Vietnam gemeldet hatte und statt dessen an der Militärakademie West Point englische Literatur lehren sollte, sprengte er die programmierte Karriere sowie die Routine-Ehe mit einer Jugendfreundin.
Nach einer Trampfahrt blieb er in der Country-Musikmetropole Nashville hängen und leerte als Studio-Hilfskraft -- beispielsweise bei Bob-Dylan-Produktionen -- zunächst einmal Aschenbecher. Seine Songs mit ihrer fürs betuliche Nashville ungewohnt urbanen Mischung aus relaxter Melodik und dem Bekenntnis zum schnellen Leben rückten ihn indes bald ins Zentrum des Musikgeschäfts.
Mit einer Bande ausgeflippter Musikanten. die ihn teils heute noch begleiten, tobte er -- zumeist volltrunken -- durch Amerikas Folk-Clubs und Konzerthallen. Seinen ersten Auftritt in Los Angeles verschlief er auf dem Parkplatz eines Supermarkts" nachdem er sich mit Whiskey gefüllt hatte. Als er aufwachte, hatten Passanten bereits einen Krankenwagen bestellt.
Fürs übersättigte Hollywood jedoch kam der sensible Trunkenbold, der "Rubirosa des Rock" ("Stereo Review"), gerade recht. Gesellschaftskolumnisten brachten den Frauenliebling -- zu Recht oder zu Unrecht -- mit beinahe jeder Party-Löwin der Filmstadt in Verbindung. Und nachdem er als Songautor, etwa für Dennis Hoppers Zivilisationsklage "The Last Movie" (1970), erst einmal Studio-Terrain betreten hatte, war er auch rasch vor der Kamera erwünscht.
Mit dem erfolglosen Gitarristen im Debüt-Film "Cisco Pike" (1971), der von einem skrupellosen Polizisten zum Drogenhandel gezwungen wird, konnte sich der Musikant mühelos identifizieren, obgleich er -- wenig glaubhaft -- vorgibt, damals keinerlei Erfahrungen mit Marihuana gehabt zu haben: "Ich wußte nicht mal, wie man einen ordentlichen Joint rollt."
Immer waren es Außenseiter, Charaktere neben der Norm, die Kristofferson überzeugend verkörperte: den sturen Farmer in "Alice lebt hier nicht mehr" (neben Ellen Burstyn), den jugendlichen Desperado in "Pat Garrett jagt Billy the Kid" (neben Bob Dylan), das Rockmusik-Wrack in "A Star is Born" (neben Barbra Streisand).
Doch der Choleriker und Erotiker, der leicht brüllte und im Streit gern einmal zuschlug, scheint zahm geworden zu sein. Der ehemalige Kettenraucher qualmt heute nicht mehr, der frühere Trinker ist trocken, und der Begriff "Selbstkontrolle" erscheint immer wieder im Gespräch mit Kristofferson.
Das Schlafzimmer sei ihm in seiner Villa in Malibu Kalifornien, der wichtigste Raum: "Da bin ich ganz allein und von der Umwelt abgeschirmt." Ein breiter goldener Ehering signalisiert, daß er vor den Anfechtungen der Star-Existenz in der Familie Geborgenheit sucht. Die Pfarrerstochter Rita Coolidge, die er 1973 geheiratet hat, besuche ihn "nach Möglichkeit" an jedem Drehort. Auch die vierjährige Tochter Casey ist immer dabei.
"Glück", befand das "Time"-Magazin über die Kristoffersons, das sei "eine Ehe auf Tournee". Wirklich?

DER SPIEGEL 18/1978
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DER SPIEGEL 18/1978
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