01.05.1978

„Ich identifiziere mich mit dem Kampf“

SPIEGEL: Miss Redgrave, uns hat weniger erstaunt, daß Sie den Oscar, zu dem wir Ihnen gratulieren, gewonnen haben, als die Tatsache, daß Sie ihn annahmen. Andere Künstler, die weniger politisch engagiert sind als Sie, Marion Brando 1973 etwa, haben sich geweigert, den Oscar in Empfang zu nehmen. Woody Allen, der den Oscar für "Stadtneurotiker" bekam, zog es vor, in New York Klarinette zu spielen, statt nach Hollywood zu kommen. Warum haben Sie den Oscar angenommen?
REDGRAVE: Ich empfinde den Oscar als eine Auszeichnung, einfach deshalb, weil sie von der gesamten Mitgliedschaft der amerikanischen Filmakademie verliehen wird. Die Entscheidung, ob man mit ihr einig ist oder nicht, wird also von Leuten, die etwas davon verstehen, getroffen.
SPIEGEL: Sie waren schon früher für den Oscar nominiert
REDGRAVE: ... ja, dreimal.
SPIEGEL: Sie haben den Oscar 1969 für "Isadora" damals wahrscheinlich deshalb nicht bekommen, weil Sie sich gegen den Krieg in Vietnam ausgesprochen haben. In Ihrer Dankadresse dieses Jahr sagten Sie, Ihr Oscar sei ein Nagel in den Sarg der McCarthy- und Nixon-Ära. Glauben Sie, daß ein Umschwung stattgefunden hat?
* Börries Gallasch, Wolfgang Limmer.
REDGRAVE: Ich weiß nicht, ob die Oscar-Entscheidung damals etwas mit meiner Einstellung zum Vietnam-Krieg zu tun hatte. Denn es gab ja schon eine sehr starke Opposition gegen den Vietnam-Krieg. Ich war vielmehr zusammen mit einigen großen Stars nominiert, einschließlich der Dame, die den Oscar auch gewann, Barbra Streisand. Ich selbst hätte in diesem Jahr für sie gestimmt.
SPIEGEL: Auch dieses Jahr sahen Sie sich politischem Druck ausgesetzt, wenn auch aus anderem Grunde. Die rechte Jewish Defense League versuchte Ihre Auszeichnung zu verhindern, wegen des Dokumentarfilms "Die Palästinenser", den Sie produzierten und der eindeutig für die Sache der PLO Partei ergreift. Die Jewish Defense League nannte Sie sogar "Die Hure der Palästinenser". Wann begann diese Kampagne gegen Sie?
REDGRAVE: Es fing an, als ich für den Golden Globe, den Preis der ausländischen Presse in Hollywood, nominiert wurde. Die Jewish Defense League verlangte daraufhin von dem Studio, das "Julia" produziert hatte, eine öffentliche Erklärung, daß es mich nicht wieder beschäftigen werde. Zudem drohte man Maßnahmen an, die nicht näher erläutert wurden.
SPIEGEL: Doch am Tag der Oscar-Verleihung erklärte der Generalsekretär der Jewish Defense League, er hoffe, Sie würden den Oscar gewinnen ...
REDGRAVE: ... was sehr widersprüchlich war, und er sagte es nur deshalb, weil die Methoden der Jewish Defense League auf Widerstand stießen.
* Mit Jane Fonda.
SPIEGEL: Während der Preisverleihung brandmarkten Sie die jüdischen Demonstranten vor dem Theater als zionistische Strolche", und Sie behaupteten, daß einige Mitglieder der Akademie und Sie selbst Verschiedentlich bedroht wurden.
REDGRAVE: Die Drohungen wurden auf einer Pressekonferenz der Jewish Defense League ausgesprochen. Sie hatten vor einer Reihe von Kinos demonstriert und Mäuse oder Ratten in Theater gejagt, die "Julia" zeigten. Sie hatten in New York Plakate aufgestellt mit der Behauptung, ich sei eine Prostituierte der PLO.
SPIEGEL: "Zionistische Strolche" ist nun aber auch kein schönes Wort.
REDGRAVE: Nein, das ist es nicht. Um die Sache klarzumachen: Ich glaube nicht länger, daß alle Zionisten Strolche oder daß alle Juden Zionisten seien. Ebensowenig sage ich, alle Deutschen seien während der Hitler-Zeit Faschisten gewesen.
SPIEGEL: Hat Ihr politisches Engagement Auswirkungen au# Ihre künstlerische Arbeit? Verweigert man Ihnen Filmrollen wegen Ihrer politischen Ansichten?
REDGRAVE: Ich habe erfahren, daß einige Regisseure sagten, sie würden mich nicht engagieren wegen des Palästinenser-Films. Ich hoffe, sie überlegen sich diese Entscheidung noch einmal, denn es handelt sich bei ihnen ausnahmslos um hervorragende Regisseure und verständige Leute. Sie sollten sich wenigstens zuerst den Film ansehen.
SPIEGEL: Sie haben nicht nur politische Ansichten, sondern Sie treten auch aktiv dafür ein. Sie sind Mitglied des Zentralkomitees der trotzkistischen "Workers' Revolutionary Party" und sind aktiv in der Parteiarbeit tätig. Glauben Sie, daß Ihre gegenwärtige Arbeit für die "Workers' Revolutionary Party" wirklich dazu beitragen könnte, zum Beispiel eine Gesellschaft zu schaffen, in der es das Problem der Arbeitslosigkeit nicht mehr gibt, zumindest, sagen wir mal, im Londoner Distrikt Brixton, wo Sie fast allabendlich auf den Straßen agitieren?
REDGRAVE: Dieses Viertel hat mit die höchste Arbeitslosigkeit in London. Es ist einer der schlimmsten Bezirke, was die Wohnsituation, die Versorgung mit Schulen und Krankenhäusern betrifft. Darunter leidet vor allem die Jugend, besonders die schwarze Jugend. Man könnte meinen, dies alles seien Probleme, die besonders Brixton betreffen, aber dem ist nicht so.
SPIEGEL: Zugegeben, aber wie wollen Sie und Ihre Partei diese Zustände beseitigen?
REDGRAVE: Durch eine Arbeiterregierung.
SPIEGEL: Wie wollen Sie denn eine Arbeiterregierung an die Macht bringen?
REDGRAVE: Indem wir die wahre Natur der Unterdrückung klarmachen. Bei dem über eineinhalb Jahre andauernden Streik im Grunwick-Kopierwerk und beim Streik der Feuerwehrleute ist die Konfrontation offensichtlich geworden. Die Leute dort haben bewiesen, daß sie zum Kampf entschlossen sind. Und irgendwann wird man diese Leute in Ämter wählen, weil man größeres Vertrauen in sie hat. Sie wollen die herrschende Schicht ablösen, und wie das zu geschehen hat, wird zu einer der dringendsten Fragen. Es ist eine Frage, die, wie ich glaube, die Arbeiter der ganzen Welt angeht.
SPIEGEL: Wie viele Mitglieder zählt Ihre Partei?
REDGRAVE: Einige Tausend.
SPIEGEL: Trotzdem, als Sie 1974 für einen Parlamentssitz kandidierten, bekamen Sie nur 300 Stimmen.
REDGRAVE: Es waren etwa 700.
SPIEGEL: Hat es Sie nicht enttäuscht, daß so wenige Wähler für Sie und Ihre politische Richtung gestimmt haben?
REDGRAVE: Ich war nicht enttäuscht, im Gegenteil. Zudem weiß ich, daß viele Wähler damals nicht für uns gestimmt haben, weil sie dadurch fürchteten, die Konservativen an die Macht zu bringen. Deshalb haben sie lieber für Labour gestimmt.
SPIEGEL: Was war eigentlich der Grund für Sie, einen Film über die Palästinenser zu machen?
REDGRAVE: Unsere Bewegung hat schon immer die PLO unterstützt, wie sie schon immer jede Befreiungsbewegung gegen Imperialismus und Kolonialherrschaft gefördert hat. Dieser Film, in dem die Palästinenser die Gründe ihres Kampfes erklären, war deshalb nötig, weil die Palästinenserfrage das zur Zeit wichtigste Problem in der Welt darstellt.
SPIEGEL: Sie haben für diesen Film ein ausführliches Interview mit Jassir Arafat geführt.
REDGRAVE: Jede Erklärung Arafats, wenn man sie überhaupt veröffentlichte, wurde vollkommen verdreht, oder man hat ihm Wörter in den Mund geschoben, die er niemals gesagt hat. Dasselbe gilt für alle Palästinenser. Deshalb ist es gerade jetzt wichtig, darüber einen Film zu machen und ihn so vielen Leuten wie möglich zu zeigen.
SPIEGEL: Ihre Partei hat das kürzlich von Palästinensern in Israel verübte Bus-Attentat begrüßt, das dann zu dem israelischen Vergeltungsschlag gegen den Libanon führte. Schließen Sie sich der Haltung Ihrer Partei an?
REDGRAVE: Ich begrüße und unterstütze das Bus-Attentat voll. Es handelt sich dabei um eine militärische Operation und nicht um einen Terroristenangriff.
SPIEGEL: Kommen wir auf Vanessa Redgrave, den Filmstar, zurück. "Julia" wie auch "Auf der Suche nach Mr. Goodbar" und "Am Wendepunkt" sind Filme über Frauen, wie sie vor einigen Jahren in Hollywood nicht möglich gewesen wären. Sehen Sie eine neue Welle von Frauenfilmen?
REDGRAVE: Der Hauptpunkt in "Julia" ist nicht die Freundschaft zwischen Frauen, und ich glaube nicht, daß darin der Grund für seinen Erfolg liegt. Er ist sicher nicht im üblichen Sinn ein politischer Film, und Fred Zinnemann ist kein politischer Regisseur. Er nimmt auch im eigentlichen Sinne keine politische Haltung ein, und doch ist er politisch. Die Geschichte dieser beiden Frauen wird mit einem Respekt für das, was sie getan haben, gezeigt, und deshalb respektiert er alle jene, die auf verschiedene Weise Widerstand leisten. Es geht um den Kampf gegen den Faschismus, und deshalb ist "Julia" auch cm politischer Film.
SPIEGEL: Wieweit identifizieren Sie sich mit der Rolle der Julia?
REDGRAVE: Ich identifiziere mich natürlich vollkommen mit dem Kampf, den Julia führt. Zu ihrer Zeit konnte sie nur das tun, was sie tat. Ich als Mitglied einer revolutionären Partei lebe natürlich unter anderen Bedingungen. Darin liegt der Unterschied.
SPIEGEL: Wie war Ihre Zusammenarbeit mit Fred Zinnemann bei diesem Film?
REDGRAVE: Ich halte "Julia" für den besten Film, den ich gemacht habe, nicht zuletzt deshalb, weil dieser Film auf einer wahren Begebenheit basiert. Obwohl jeder Schauspieler all seine Aufmerksamkeit und Konzentration jeder Vorlage widmet, gibt es trotzdem einen entscheidenden Unterschied zwischen Arbeit, die man als reiner Handwerker ausführt, und der Arbeit an einem Film, in dem sich die sozialen und politischen Aspekte mit dem eigenen Standpunkt decken. Das Ergebnis wird dann entscheidend anders sein. Dies war in "Julia" und in der Arbeit mit Fred Zinnemann der Fall.
SPIEGEL: Ihre Partnerin Jane Fonda ist wie Sie politisch aktiv.
REDGRAVE: Ich fühle mich Jane Fonda aus verschiedenen Gründen sehr nahe, sie stammt wie ich aus einer Schauspielerfamilie, und sie hat sich kurz nach mir politisch engagiert und ist sehr mutig gegen den Krieg in Vietnam eingetreten.
SPIEGEL: Was Ihre Zukunft betrifft, werden Sie jetzt nur noch Rollen akzeptieren. die Ihnen so nahe liegen wie "Julia"?
REDGRAVE: Solche Filme waren bis jetzt sehr selten. Ich glaube, daß, wie es schon Jane Fonda gesagt hat, der Erfolg von "Julia" die Filmfinanziers dazu ermutigen wird, häufiger in Filme zu investieren, die sich mit Konflikten von Frauen beschäftigen. Ich weiß nicht, ob es soweit kommt, aber wir werden sehen.
SPIEGEL: Wenn nicht, würden Sie auch wieder in einem völlig unpolitischen Film eine völlig unpolitische Rolle übernehmen?
REDGRAVE: Eher als in einem schlechten Film über Frauen. Das ist klarer und ehrlicher.
SPIEGEL: Miss Redgrave wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

DER SPIEGEL 18/1978
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