01.05.1978

„Ohne Warnung abgeschossen“

Sechs Stunden lang war es ein Flug wie jeder andere. Wir sollten schon bald in Anchorage, in Alaska, sein. Ich verließ meinen Platz, um mir einen Drink zu holen.
Wir sahen dann -- es war genau 20.37 Uhr -- ein Flugzeug, ohne Abzeichen. Ein Amerikaner, dachten wir. Jeder hat sieh dies Jagdflugzeug mal angeguckt, wie das so ist, wenn man sechs Stunden nichts gesehen hat. Die Maschine flog nahe an uns heran, man konnte den Mann im Cockpit erkennen.
"Da draußen fliegt einer vorbei", dachte ich, "der macht sich den Spaß, uns ein bißchen zu begleiten." Daß es eine Militärmaschine war, daran konnte es überhaupt keine Zweifel geben.
Dann drehte der nach oben weg, ich ging weiter nach hinten ins Heck, und plötzlich knallte es, ziemlich laut. Ich spürte, daß etwas meinen Arm streifte, ohne daß ich wahrnahm, was es war. Erst später bemerkte ich ein Loch im Ärmel. Offenbar von einem Geschoßsplitter.
Die Beschädigung in der Maschine dagegen sah ich sofort. Über der Sitzreihe 23 und 24 -- mein Platz war in Reihe 26 war die Verkleidung der Fenster aufgerissen, und es gab eine Einbuchtung nach innen: Ich sah die beschädigte linke Tragfläche, so als hätte King Kong eben mal zugegriffen. Daß geschossen worden war, hatten wir noch gar nicht wahrgenommen -- bis auf jene Passagiere natürlich, die tatsächlich verletzt worden waren.
Über Lautsprecher kam immer wieder die Anweisung vom Kapitän: hinsetzen, anschnallen, Ruhe bewahren. Er werde versuchen zu landen. Es gab Rauchentwicklung, es stank wie verbrannt. Kurzschluß, dachte ich, wer rechnet schon damit, beschossen zu werden.
Dann ist die Maschine im Sturzflug runter, von 10 000 auf etwa 500 Meter. Sonst wäre das Flugzeug mit den Einschußlöchern wohl auseinandergeflogen wegen des Drucks.
Alle blieben ruhig, keine Panik. Ich habe mich immer gefragt, wo um Gottes willen will der hier landen. Wir sind dann eine Stunde lang auf der Höhe von etwa 500 Meter geblieben. Wir sollten uns keine Sorgen machen, sagte der Kapitän immer wieder.
Die Stewardessen konnten auch nicht viel für uns tun, die blieben selbst angeschnallt sitzen. Es war uns immer noch nicht klar, daß wir beschossen worden waren, das haben wir erst nachträglich rekonstruieren können. Zumal wir nicht im Traum daran dachten, daß wir über der Sowjet-Union waren.
Irgendwann sagte der Pilot, jetzt ist es soweit, wir landen. Es ging dann runter wie bei einer normalen Landung, relativ sanft. Ich habe schon härtere Stöße erlebt, wenn ich auf normalen Flughäfen gelandet bin. Dann aber hat der Pilot die Boeing wie wahnsinnig gebremst, weil sein Platz nicht ausreichte, er hatte auf einem Acker aufgesetzt.
Zwei Stunden saßen wir nach der Landung in der Maschine. Da konnte man sich endlich um die Verletzten kümmern. Aber da kein Arzt an Bord war, wurde es für zwei ziemlich schlimm. Ein Japaner starb noch an Bord; einem anderen, ein Koreaner, hatte es den Arm zerfetzt -- der Blutverlust war so groß, daß auch er später starb.
Nach zwei Stunden tauchten Sowjet-Soldaten auf, die ersten, die ich in meinem Leben gesehen habe. Erst jetzt wurde richtig klar: Der sowjetische Abfangjäger hatte uns einfach abgeschossen. Und da konnte keiner begreifen, daß so etwas so ganz ohne Warnung passieren kann.
* Photo eines japanischen Passagiers.

DER SPIEGEL 18/1978
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