24.04.1978

Allein mit dem Diesseits

Im Herbst 1975 appellierten in den USA 186 führende Wissenschaftler, darunter 18 Nobelpreisträger, an die Weltöffentlichkeit, astrologischen Voraussagen und Empfehlungen keinen Glauben mehr zu schenken. Für die Astrologie gebe es, so die Unterzeichner, nicht die geringste wissenschaftliche Grundlage, sie sei vielmehr als reiner Aberglaube zu betrachten,
Die Warnung war aus zwei Gründen interessant. Zum einen kann sie als Signal dafür gelten, wieweit nach Ansicht ihrer Verfasser das öffentliche Bewußtsein schon vom rechten Pfad rationaler Tugend abgewichen ist. Bemerkenswerter noch aber dürfte der Umstand sein, daß der Appell aus dem Zentrum der Gelehrtenrepublik ungehört verhallte. Die angesprochene Öffentlichkeit nahm schlicht keine Notiz. Mit Aufrufen "zu mehr Rationalität" finden wissenschaftliche Spitzenkräfte heute, wie es scheint, selbst dann kein Gehör mehr, wenn sie sich zu Sprechchören zusammentun.
Woran liegt das? Die Antwort ist leicht. Man braucht sich nur anzuhören, mit welchem Argument die Astrologen die Attacke der 186 wissenschaftlichen Koryphäen mühelos abwehrten. "Die reden nur so", ließ sich etwa der Autor eines verbreiteten "Lehrgangs der Astrologie" ungerührt vernehmen, "weil sie aus einer bestimmten (sprich: naturwissenschaftlichen) Denkweise kommen."
Damit war der Fall für den Mann erledigt. Im Unterschied zu den Unterzeichnern des Manifests hatte er nämlich begriffen, daß die Berufung auf dieses Etikett einem Argument heute längst keine fraglose Autorität mehr verleiht, daß es in den Augen vieler sogar zu größter Skepsis Veranlassung gibt.
Die letzten, die darüber erstaunt sein sollten, sind die Wissenschaftler selbst. Sie können nicht blind sein gegenüber der Tatsache, daß sie ihr Konto in den vergangenen Jahrzehnten maßlos überzogen haben. In der gleichen Ecke, aus der vor noch nicht allzu langer Zeit der Sieg über den Krebs und alle anderen Leiden als bevorstehend angekündigt worden war, entdeckt eine verunsicherte Öffentlichkeit heute eine ihr immer unheimlicher werdende technische Medizin, von der sie sich mit ihren Ängsten allein gelassen fühlt.
Aus den Laboratorien, in denen der Hunger besiegt werden sollte, dringen Meldungen über die künstliche Herstellung neuartiger Bakterien und andere bedrohlich klingende Manipulationen. Aus dem Siegeszug der Antibiotika ist längst eine Abwehrschlacht gegen resistente Erregerstämme geworden, die mit zunehmender Verbissenheit geführt wird und deren Ausgang ungewiß ist. Die Hoffnung auf eine glücklichere Zukunft hat der Angst vor einer übervölkerten, verschmutzten und immer lückenloser reglementierten Welt Platz gemacht.
Muß man die Liste noch verlängern? Man muß. Denn weitaus verheerender noch als alle bisher aufgezählten Enttäuschungen hat sich die Nichterfüllung einer anderen, der größten Verheißung von allen ausgewirkt: der Erwartung, daß die ausschließliche und totale Anwendung der menschlichen Vernunft zur Erkenntnis der Wahrheit, zum Verständnis der Welt und zur Sinnerfüllung des eigenen Daseins führen werde.
Kein Zweifel mehr ist daran möglich, daß der mit so großem Enthusiasmus begonnene Aufbruch auf halber Strecke endgültig steckengeblieben ist. Alle Formen des Glaubens, die sich nicht wissenschaftlich ausweisen konnten, wurden erfolgreich zerstört. Der
* In der ZDF-Wissenschaftssendung "vom Ursprung des Denkens.
Mensch ist mit dem Diesseits und seiner Vernunft endlich allein. Die Kälte hätte größer nicht sein können.
Was Wunder also, daß sich auf den Altären, von denen die Götter der Vergangenheit vertrieben wurden, nun viele kleine Götzen breitmachen. Es ist vielleicht erschreckend, aber ganz gewiß nicht unerklärlich, daß es in dieser Lage möglich wird, Menschen, die ihr metaphysisches Bedürfnis nicht mehr durch religiöse Inhalte befriedigen können, den Weltraum als Jenseits-Surrogat einzureden, in dem Außerirdische die Überwachungsaufgaben übernehmen, die einst den Schutzheiligen oblagen. Was Wunder, daß Gurus und Hare-Krischna-Centers Hochkonjunktur vermelden.
"Paranormale" und okkulte Phänomene sind stark gefragt. Die Gewalt der großen Flut treibt selbst nachweislich zusammengelogene Machwerke noch unwiderstehlich bis an die Spitze der Bestseller-Listen. Wer nach Beweisen fragt, hat sich schon als "Materialist" entlarvt. Wer kritische Fragen stellt, provoziert nur Haß. Ist die Reise in die Irrationalität also nicht mehr aufzuhalten? Wird die Flutwelle uns in ein "neues Mittelalter" zurückschwemmen?
Das nun wohl doch nicht. Es gibt Faktoren, die der Entwicklung Grenzen setzen. Keine der für die Existenz unserer Gesellschaft unentbehrlich gewordenen Maschinen wird in Zukunft davon ablassen, nach naturgesetzlichen Regeln zu funktionieren. Bei aller Skepsis gegenüber futurologischen Prognosen darf dennoch die Vorhersage gewagt werden, daß alle Versuche, Computerprogramme mit der Hilfe von Psi-Faktoren zu steuern, zum Scheitern verurteilt bleiben werden.
Sogar der begabteste Telekinetiker wird sich beim Autofahren auch in Zukunft nicht auf seine übernatürlichen Kräfte allein verlassen können. Und wer mit einem durchgebrochenen Magengeschwür der Hilfe einer naturwissenschaftlich orientierten Medizin entraten zu können glaubt, wird seinen Angehörigen wenigstens die nützliche Erfahrung hinterlassen, daß es kausale Zusammenhänge gibt, deren Außerachtlassung sich nicht empfiehlt.
Letztlich ist alles eine Frage des Maßes. Der die Rationalisten unter uns heute so erschreckende Anblick einer he ranrollenden Woge des Aberglaubens kommt ja nicht von ungefähr. Die Erschrockenen waren an der Entstehung des Phänomens ja nicht so ganz unbeteiligt. Denn diese Woge ist unleugbar auch ein Reflex auf den Autoritätsanspruch einer alle Wahrheiten für sich reklamierenden, also einer maßlos gewordenen Wissenschaft. Wer das heute schon vergessen hat, braucht nicht bis zu Büchner oder Haeckel zurückgreifen. Er braucht nur noch einmal das Protokoll des berühmten Ciba-Symposions nachzulesen, das unter dem Titel "Man and his Future" 1962 in London stattfand.
Es ist bereits heute, nur 16 Jahre später, nahezu unfaßlich, mit welcher Anmaßung und Bedenkenlosigkeit damals ein kleiner Kreis sich als geistige Elite begreifender Wissenschaftler über die "Masse" seiner Mitmenschen verfügen zu können glaubte.
Andererseits: Es gibt es noch immer, das "naturwissenschaftliche Weltbild", auch als Grundlage und Ausgangspunkt des Versuchs einer Sinnfindung. Es ist nach wie vor legitim zu versuchen, den Kosmos nicht einfach nur als gigantische Supermaschine zu verstehen, sondern als "großen Gedanken", wie ein englischer Astrophysiker es formulierte. Die Konfrontation mit diesem Aspekt ist es, welche die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften zu einem Erlebnis werden lassen kann, das weit über die Ebene eines bloß intellektuellen Genusses hinausführt.
Aber die "Wahrheit", die hier zu holen ist, wird nur in Mini-Portionen verabreicht und ohne Gewähr. Sie ist niemals endgültig und zu keiner Zeit fester Besitz, Sie vermittelt Geborgenheit nur als das Ergebnis permanenter geistiger Bemühung. Deshalb ist der Zweifel berechtigt, ob es sinnvoll sei, sie jedermann als Antwort zuzumuten. Auch ein Kunstwerk enthält ja Wahrheiten, die nicht jeden Menschen trösten können.
Der Rationalist darf vor allem aber nie wieder vergessen, daß der Mensch aus der Vernunft allein ganz offensichtlich nicht leben kann. Die Wahnwelten des Aberglaubens sind ein Entziehungsphänomen. Unsere Gesellschaft steht mit anderen Worten heute vor der Aufgabe, legitime Anlässe zur Befriedigung des zum Wesen des Menschen gehörenden metaphysischen Bedürfnisses von neuem zu entdecken. Niemand bestreitet, daß die Aufgabe ungeheuer und daß sie risikoreich, daß sie ein Wagnis ist. Aber wir haben keine Alternative, wenn das Bewußtsein unserer Kultur nicht endgültig im Aberglauben verkommen soll.
Damit schließt sich der Kreis. Denn Aberglaube in der Vielfalt seiner Formen ist es heute vor allem, der die Chance zur Wiederentdeckung legitimer Glaubensmöglichkeiten unter sich zu begraben droht. Auch aus der trügerischen Geborgenheit abergläubischer Scheinparadiese läßt der alte Adam sich nur unter heftigem Widerstreben vertreiben.
Das wäre noch nicht schlimm, wenn es nur die kretinösen Spielarten okkulter und anderer "Para" -Wissenschaften gäbe. Aber es wird uns nicht erspart bleiben, den Aberglauben auch mitten in der Kirche selbst aufzuspüren -- in der Gestalt sinnentleerter Wortattrappen, zum Selbstzweck gewordener Gewohnheiten und oberflächlicher "Erbauung". Da müßte zuvor auch noch die Verheißung des Marxismus als der Entwurf eines Paradieses durchschaut werden, der nach den Proportionen eines abergläubisch verzerrten Menschenbildes zugeschnitten ist.
Für die Lebensdauer einer einzigen Generation ist die Aufgabe hoffnungslos zu groß. Das Gefühl der Resignation und der eigenen Ohnmacht ist unabweislich. In der Tat: Die Lage, in der ein kritischer Rationalist sich heute vorfindet, ist alles andere als beneidenswert. Aber kritisch, wie er ist, sollte er sich auch nicht verhehlen, daß er sie mitverschuldet hat. Denn diese Lage ist letztlich auch eine Folge der Tatsache, daß er selbst der Versuchung des Aberglaubens nicht widerstehen konnte, indem er der Ratio, der er anhängt, eine alleinseligmachende Wirkung zuzuschreiben bereit war.

DER SPIEGEL 17/1978
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