24.04.1978

Bewährung um jeden Preis

Es sind öffentlich vor allem zwei Reaktionen auf das laut geworden, was im Exorzisten-Prozeß in Aschaffenburg zur Sprache kam. Eine Reaktion war Gelächter, Spott und Hohn.
Wie kann man so beschränkt, so dämlich und so bigott im Stil der Klamotte sein, heute noch an eine Personifizierung des Bösen zu glauben. Wie kann man im Jahr 1978 auf zwei Beinen daherkommen und ernsthaft davon sprechen, es seien sechs Teufel namens Judas, Lucifer, Kam, Nero, Hitler und Pfarrer Fleischmann (er soll im 17. Jahrhundert ein Mädchen verführt und getötet haben) durch Gebete beschworen und aus dem Körper eines Mädchens ausgetrieben worden.
Die andre Reaktion war Entsetzen, Empörung und Zorn. Denn eine vom zuständigen Bischof genehmigte Austreibung endete mit dem Tod der angeblich vom Bösen leibhaftig Besessenen; mit einem Tod, von dem man in Aschaffenburg hörte, er sei nicht menschlichem und kirchlichem Versagen zuzuschreiben, sondern eine Frucht des Glaubens, ein Sühnetod.
Gemeinsam war dem Hohn und dem Zorn, den beiden öffentlich besonders laut gewordenen Reaktionen, die Anrufung des Mittelalters. Es sei -- grotesk beziehungsweise alarmierend -- noch immer unter uns.
Doch wenn auch das "Rituale Romanum", das die Teufelsaustreibung im Recht der katholischen Kirche statuiert und regelt, 1614 erschienen ist: Im Exorzisten-Prozeß war nichts Vergangenheit. Dieser Prozeß war so sehr Gegenwart und alles andere als ein Spuk von vorgestern, daß weder Hohn noch Zorn angemessen sind.
In Aschaffenburg standen nicht Veränderer, sondern Bewahrer vor Gericht. Und es wurde sichtbar, daß nicht nur der Versuch, die Verhältnisse zu ändern, sondern auch der Versuch, die Verhältnisse vor jeder Veränderung zu bewahren, in die Gewalt führen kann.
23 Jahre alt war Anneliese Michel, Studentin der Pädagogik und der Theologie, als sie am 1. Juli 1976 starb. Sie wog noch 31 Kilo. Ihr Idealgewicht im Verhältnis zu ihrer Größe hätte etwa 50 Kilo betragen. Bei vierzigprozentiger Unterschreitung des Idealgewichts gerät der Mensch an die Grenze der Lebensfähigkeit. Diese Grenze war hier erreicht.
Anneliese Michel war in den Wochen und Tagen vor ihrem Tod körperlich extrem belastet. Sie starb an einer Lungenentzündung, der sie, bis zur Auszehrung abgemagert, nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Normalerweise wäre die mäßig-mittelgradige Lungenentzündung nicht tödlich gewesen. Die Beschreibung der Toten durch den Obduzenten, den Privatdozenten Dr. Schulz, ließ keinen Zweifel daran, daß man Anneliese Michel ansehen konnte, wie es um sie stand. Sie starb in ihrem Elternhaus.
So oft von Anneliese Michel in Aschaffenburg die Rede war, ihre Biographie blieb in entscheidenden Teilen dunkel. Sie litt an einer psychotischen Epilepsie, und der Privatdozent Dr. Köhler, ein Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, hat sich zur besonderen psychischen Verfassung des Anfallskranken eingehend geäußert.
Er sprach davon, daß es sich bei diesen "besonderen Charakterstrukturen um Folgen einer seelischen Fehlentwicklung handeln kann, die schon in der Kindheit beziehungsweise im jugendlichen Alter einsetzt". Er erwähnte, daß die Einstellung der Eltern eine große Rolle spielt, und er sagte auch, daß "bestimmte Formen der psychogenen epileptischen Persönlichkeitsstruktur als kompensatorische Reaktion auf eine unbewußte Aggressivität gegen den Vater interpretiert und angenommen" werden.
Auch bei Anneliese Michel hätte sich, so Dr. Köhler, die Bedeutung der Eltern für die besondere Charakterstruktur wahrscheinlich nachweisen lassen. Doch er verzichtete auf eine eingehende Befragung, weil diese "die Intimsphäre der Verstorbenen und auch lebender Personen verletzt hätte" und "die Interpretation der Zeugenaussagen in jedem Fall spekulativ geblieben wäre".
Daran ist nichts auszusetzen, im Gegenteil. Doch soviel besonnene Reserve wird Gutachtern sonst kaum gestattet. In Aschaffenburg waltete eine rühmenswerte Diskretion, eine unübliche Zurückhaltung gegenüber Details. Auch die Biographien der Eltern, von Josef Michel, 60, und Anna Michel, 57, also, blieben blaß.
Sie heirateten 1950. Die 1952 geborene Anneliese hatte drei jüngere Schwestern. Eine 1948 geborene Schwester starb 1956. Es wurde jedoch nur die Schulzeit, die Berufsausbildung erwähnt. Vater Michel besitzt ein Sägewerk, er ist Zimmermeister. Mutter Michel hat das Lyzeum und die Handelsschule besucht.
Nichts über Kindheit und Jugend der Anneliese Michel, nichts darüber, welche Ängste, welche Verdrängungen in ihrer familiären Umgebung vielleicht wirksam waren; nichts darüber, was in der Familie Michel zu einer überanstrengten und das Kind Anneliese überanstrengenden, seine Entwicklung schädigenden Religiosität geführt haben könnte.
1969 suchte Anneliese Michel zum erstenmal einen Arzt wegen Anfällen auf, die nachts aus dem Schlaf heraus auftraten. Bis zum Sommer 1975 war sie von verschiedenen Ärzten beraten worden. Man half ihr, aber so häufig, wie sie den Arzt wechselte, wie sie immer wieder ansetzte und abbrach, scheint keiner bis zu ihr durchgedrungen, über den körperlichen Befund hinausgekommen zu sein.
Sie hatte Angst vor dem Etikett "geisteskrank", vor den Auswirkungen, die ein Klinikaufenthalt für ihren Berufsweg haben könnte. Einmal, 1973, sprach sie immerhin von Fratzen, die sie behelligen, über den Teufel, der in ihr sei, wollte aber nicht mehr sagen, und der Arzt respektierte das und fragte nicht weiter.
Ihre Anfälle sind behandelt worden, doch nun setzte das ein, was Dr. Köhler in Aschaffenburg vortrug: "Nach der erfolgreichen medikamentösen Unterdrückung der Anfälle kommt es zur unbewußten Symptomverschiebung, das heißt, an die Stelle der epileptischen Anfälle tritt nun die epileptische Psychose."
Sie geriet in den Bereich, in dem "die vom Stigma des Anfallsleidens geprägte Persönlichkeitsentwicklung, Erziehungsschäden, die vom Anfallskranken als gefährdet erlebte Beziehung zum Vater, beziehungsweise eine gestörte Elternbeziehung überhaupt" psychodynamisch wirksam werden. Es entwickelte sich jene Form der Psychose, "die stets in engem Wechselspiel mit den Personen der Umgebung entsteht".
Eine Umgebung, die nur zu bereit war, diese Entwicklung aufzugreifen, zu nähren und sich von ihr nähren zu lassen, stand bereit. Hannes Burger hat das in der "Süddeutschen Zeitung" unübertrefflich geschildert: "Die Familie Michel war offensichtlich in der eigenen Pfarrei ziemlich isoliert und zu den "frommen Spinnern' gezählt worden, weil sie sich mehr zu jenen "religiös schwärmerischen Randgruppen' hingezogen fühlte, vor denen in der Diözese Würzburg wiederholt gewarnt worden war. Eine enge Freundin der Familie, die Zeugin Thea Hein, die sich dem Gericht mit primitiven Worten und extrem schlichtem Geist präsentiert, betätigte sich als Managerin eines blühenden "Erscheinungs-Tourismus': Mit Busreisen bringt sie Gläubige von verengter sektiererischer Frömmigkeit zu einer Reihe von kirchlich nicht anerkannten Wallfahrtsorten."
Gelegentlich einer solchen Reise zu "Mama Rosa" nach San Damiano in Oberitalien entdeckt Thea Hein die Resessenheit von Anneliese Michel. Und sie findet die Priester, die ihr diese Entdeckung bestätigen. Der Pfarrer Ernst Alt, 40, der jetzt in Aschaffenburg vor Gericht stand, schreibt den zuständigen Würzburger Bischof Josef Stangl an.
Ein "Gutachten" des 83jährigen Jesuitenpaters Adolf Rodewyk, eines Spezialisten in Sachen Exorzismus, wird beschafft. Im Sommer erteilt der Bischof den Auftrag zum "Großen Exorzismus an den "Pater Arnold" genannten Salvatorianerpater Wilhelm Renz, 67.
Ein Ermittlungsverfahren gegen Bischof Stangl ist eingestellt worden. Nach dem Tod von Anneliese Michel hat er Aussagen über den Satan, die "eine Drohbotschaft beabsichtigen", verurteilt. Doch wenige Tage vor dem Tod Anneliese Michels hat Pfarrer Alt dem Bischof geschrieben, das Mädchen sei "zum Skelett abgemagert". In einem in Aschaffenburg verlesenen Brief des Bischofs an die Staatsanwaltschaft wird wiederholt zum Ausdruck gebracht, daß der Bischof schließlich noch andere Verantwortlichkeiten gehabt hätte und nicht in der Lage gewesen sei, sich im einzelnen um die laufende Korrespondenz zu kümmern.
In 67 Sitzungen ringt Pater Renz mit Teufeln und Dämonen, und er zeichnet diesen Kampf auch auf Tonbandkassetten auf. Anneliese Michel will keine ärztliche Hilfe, und das wird bis zuletzt als ihre freie Entscheidung von den Eltern und den Geistlichen hingenommen. Sie werde noch einmal eine Heilige werden, hat der Heiland zu Anneliese Michel gesagt. Wer einer Gläubigen auf dem Weg zur Heiligkeit beisteht, dem ist das Geschenk, die Gnade widerfahren, beistehen zu dürfen. Pater Renz in seinem Schlußwort: "Sie hat in heroischer Weise ihr Leiden für Deutschland, für die Jugend, die lag ihr besonders am Herzen, und für die Priester, die ihren Beruf an den Nagel gehängt haben, auf sich genommen."
Was Pater Renz aus dem Mund von Anneliese Michel hörte von den Teufeln, ist genau das, was er und die um diesen Fall von Besessenheit gescharte Gruppe von Gläubigen hören wollten. Es war das "Wechselspiel mit den Personen der Umgebung" entstanden, von dem der Gutachter Dr. Köhler in Aschaffenburg sprach; ein Wechselspiel, in dem Anneliese Michel "geradezu die Inhalte ihrer psychotischen Geistesgestörtheit angeboten wurden", die "anzunehmen und weiterzuentwickeln" sie "auf Grund ihrer psychischen Struktur nur allzu bereit war".
Was angeboten, angenommen und bereitwillig weiterentwickelt wurde, war bewahrend, war Widerstand gegen jede Veränderung. Die Teufel lobten die Reformer in der Kirche, denn deren Wirken nützte ihrem Teufelswerk. Die "religiös schwärmerischen Randgruppen" und ihre Aktivitäten jedoch griffen die Teufel an, denn diese Aktivitäten schadeten ihnen. Die Mächte der Finsternis, die Schuld am Tod von Anneliese Michel tragen, sind Hasch, Sex, Terror und Alkohol. Vater Michel klagte sie in seinem Schlußwort an.
Er sagte auch: "Wir lehnen das Landgericht Aschaffenburg wie jedes weltliche Gericht ab." Und der Vorsitzende Richter Elmar Bohlender vergewisserte sich sogleich: Nein, diese Äußerung stellte keine Ablehnung des verhandelnden Gerichtes im Sinne der Prozeßordnung dar. Sie war nur an diese ganze Welt gerichtet. Sie bestritt lediglich jedem irdischen Gericht die Kompetenz darüber, daß eine Kranke zu Tode gebetet worden ist.
Weder Hohn noch Zorn sind angemessen. In Aschaffenburg sind wir der Gewalt begegnet, an die auch das Bewahren, der Widerstand gegen Veränderung geraten kann. Wie jene, die Veränderungen um jeden Preis für ihren Auftrag halten, können auch die, denen es um das Bewahren geht, jeden Preis begründen. Nichts ist zu teuer, ist unmenschlich gewesen. Ihr Weltbild ist genauso fugenlos wie das der gewalttätigen Veränderer. Man kann es nicht aufbrechen. Es ist kein Gespräch möglich.
Die Rechtsanwältin Marianne Thora als Verteidigerin des angeklagten Pfarrers Alt: "Noch nie aber in den 30 Jahren meiner Tätigkeit hat mich die Verteidigerpflicht dazu veranlassen müssen, mit solchem Ernst und solchem Nachdruck ... zu sagen, daß derjenige, der hinter dieser Barriere sitzt, bis zum Urteil als "nicht schuldig' zu behandeln und kein Freiwild für abträgliche Qualifizierungen ist." An die Unschuldsvermutung wird sonst eher aus der Perspektive der Veränderer erinnert.
Frau Thora stellte gegen die Anklage nicht nur die "Nachfolge Christi der Studentin Anneliese Michel", sie ließ diese Nachfolge auch übergreifen: "Wir alle stehen voller Bewunderung vor den Fällen, in denen in Prag ein junger Student und in der DDR ein evangelischer Pfarrer ihr Leben als Fanal für Freiheit und Gerechtigkeit geopfert haben. Die Erwägungen der Anneliese Michel und ihre Entscheidung, das ihr Auferlegte bis zum Ende als Sühne durchzutragen, sind nicht schlechter als die Erwägung in den zitierten Fällen."
Frau Thora, Mutter von acht Kindern und katholisch, hat gegenüber "Bild am Sonntag" erklärt, sie glaube an den Teufel und an die Besessenheit. Nichts gegen die Identifizierung des Verteidigers mit der angeklagten Überzeugung seines Mandanten -- solange diese in jedem Strafverfahren akzeptiert wird.
Auch Frau Thora würde, wäre sie von der Besessenheit eines Kindes überzeugt, einen Exorzisten rufen. Sie würde allerdings auch einen Arzt hinzuziehen. Doch was würde sie den tun lassen? In Aschaffenburg sagte der Psychiater und Neurologe Professor Sattes, eine psychiatrische Behandlung Anneliese Michels sei ab Ostern 1976, spätestens ab April oder Mai nötig gewesen. Man hätte ihr durch Medikamente, die sie ruhig stellten, und vielleicht auch durch Elektroschocks noch helfen können. Frau Thora hatte Kritik an einer Medizin geübt, die den Teufel nur durch den Beelzebub ersetzt.
Die Verteidiger der vier Angeklagten sprachen in Aschaffenburg von einem Angriff auf die Religionsfreiheit. Artikel 4 des Grundgesetzes, der auch von der Freiheit des Glaubens, von der Unverletzlichkeit des religiösen und des weltanschaulichen Bekenntnisses handelt, wird in der Bundesrepublik vor allem respektiert, was das religiöse Bekenntnis angeht. 1971 hat das Bundesverfassungsgericht in einer Entscheidung, die vor allem von Rechtsanwalt Schmidt-Leichner, dem Verteidiger Josef Michels, massiv herangezogen wurde, über den Täter befunden, der sich aus Glaubensüberzeugung gegen die staatliche Rechtsordnung auflehnt, weil er sich verpflichtet fühlt, dem höheren Gebot des Glaubens zu folgen: "Ist diese Entscheidung auch objektiv nach den in der Gesellschaft allgemein herrschenden Wertvorstellungen zu mißbilligen, so ist sie doch nicht mehr in dem Maße vorwerfbar, daß es gerechtfertigt wäre, mit der schärfsten der Gesellschaft zu Gebote stehenden Waffe, dem Strafrecht, gegen den Täter vorzugehen."
So hoch wurde das religiöse Bekenntnis schon 1971 gewertet. Heute ist der Rang des weltanschaulichen Bekenntnisses in der Tiefe unter ihm kaum noch auszumachen. Als die Anklage in Aschaffenburg nur Geldstrafen wegen fahrlässiger Tötung gegen die beiden Geistlichen beantragte und empfahl, von einer Bestrafung der Eltern (wegen der Folgen der Tat für sie) abzusehen, schien es so, als würde vor der Gewalt der Bewahrer kapituliert werden.
Das Gericht jedoch verurteilte alle Angeklagten am Freitag vergangener Woche zu je sechs Monaten Freiheitsstrafe, die es zur Bewährung aussetzte. Die von der Verteidigung bemühte Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1971 sei davon ausgegangen, daß eine Frau, die 1962 ihrer Glaubensüberzeugung wegen ärztlichen Beistand verweigerte und starb, anders als Anneliese Michel bis zuletzt entscheidungsfähig gewesen ist. Das Gericht habe nicht über Glaubensfragen zu entscheiden gehabt. Verurteilt worden seien vier Bürger, die hätten erkennen können, daß Anneliese Michel einen Arzt dringender benötigte als Gebete.
Das Urteil wird nichts über die Verurteilten vermögen. Nicht anders als die Veränderer sehen auch die Bewahrer um jeden Preis in den irdischen Gerichten die Gerichte eines für sie nicht zuständigen Systems. Die Zahl derer, mit denen kein Gespräch mehr möglich ist, wächst überall.

DER SPIEGEL 17/1978
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