08.05.1978

TÜRKEIRache für Hamido

Die bewaffnete Rechte schürt einen Bürgerkrieg, um den sozialdemokratischen Premier Ecevit zu stürzen.
Schokolade für seine Enkel vermutete Hamid Fendoglu, Bürgermeister der ostanatolischen Stadt Malatya, in einem Paket, das aus Ankara an ihn abgeschickt worden war.
Als er es öffnete, wurden er, seine Enkel Ahmed und Bozkurt sowie seine im achten Monat schwangere Schwiegertochter von der Explosion einer Fünf-Pfund-Bombe zerrissen. Nur seine Frau, die sich im Nebenzimmer aufhielt, überlebte das Attentat.
Der Mordanschlag am 17. April führte in Malatya zu "Zuständen wie im Libanon", schrieb das Istanbuler Massenblatt "Hürriyet". In der 130 000-Einwohner-Stadt tobte tagelang Bürgerkrieg.
Die Wut des Mobs richtete sich gegen alles, was als links gilt. Denn Hamid Fendoglu war ein Rechter gewesen, orthodoxer Moslem und Kurde.
Aus den Kurdendörfern strömten bewaffnete Bauern in die Stadt, in der bereits die lokalen "Grauen Wölfe" wüteten: eine Mord- und Terrororganisation der "Nationalen Bewegungspartei" des Hitler-Verehrers Alparslan Türkes, eines Zyperntürken, der von einem neuen Großtürkischen Reich träumt.
In grünen Parkas mit dem Abzeichen der Grauen Wölfe, die Gesichter vermummt, stürmten die Türkes-Banden durch die Stadt, steckten Partei- und Versammlungslokale der Linken in Brand, plünderten Geschäfte, zerstörten vier Druckereien, drangen in Schulen ein und entführten Schüler -- drei von ihnen wurden später gefoltert und ermordet vor der Stadt gefunden.
Zwei Tage lang beherrschte der Mob mit dem Schlachtruf "Rache für Hamido" die Stadt, bis Militär eingriff. Erst als tausend Soldaten die Stadt von der Umgebung abgeschnitten hatten und Düsenjäger im Tiefflug über die Dächer heulten, kehrte wieder Ruhe ein. Bilanz des Malatya-Aufruhrs: acht Tote, 60 Verletzte, 230 Verhaftete, 473 zerstörte Häuser.
Wie immer, wenn in einem Winkel der Türkei Blut fließt, töteten Anhänger der Getöteten nun ihrerseits. Seit Malatya forderten politische Auseinandersetzungen weitere zehn Menschenleben -- türkischer Alltag, so scheint es.
Allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres sind in der Türkei bei politischen Attentaten über 220 Menschen ums Lehen gekommen, explodierten 300 Bomben. Seit 1975 forderte der politische Straßenkampf beim schwerkranken Mann am Bosporus schon über 600 Menschenleben.
Dennoch hatte der Bürgerkrieg in Malatya eine neue Qualität: Wenige Tage nach dem Attentat konnte die Polizei seine Urheber orten und 24 Beteiligte verhaften: Es waren "Graue Wölfe", darunter der Sohn eines faschistischen Abgeordneten, die das Sprengstoffpaket in einem ihrer Stützpunkte hergestellt hatten -- dem sogenannten Kernenergie-Zentrum in Ankara.
Gleichzeitig konnten drei Oberschüler, Mitglieder der "Grauen Wölfe", mit Sprengstoff in ihren Schultaschen verhaftet werden. Sie hatten den Auftrag, damit Parteibüros ihrer eigenen Nationalen Bewegung in die Luft zu jagen -- auf Befehl ihrer Führung. Sie wollte damit Rachefeldzüge gegen alles Linke provozieren, dabei den seit Januar regierenden sozialdemokratischen Premier Bülent Ecevit stürzen und sich selbst wieder an die Macht bomben -- oder aber einen Putsch der Armee provozieren.
Dieses Ziel hatte der General Kemal Ersun mit markigen Worten skizziert: "Durch Sabotageaktionen und politische Morde einen Bürgerkriegszustand schaffen -- und dann kommen wir." Ersun wurde zwar 1977 "aus Gesundheitsgründen" aus der Armee entlassen -- doch gleichgesinnte Kameraden haben die Uniform noch an. Sie sind Mitglieder einer Geheimorganisation innerhalb der Streitkräfte, die sich "Konter-Guerilla" nennt und der -- wie seinerzeit den griechischen Putsch-Obristen -- enge Beziehungen zum amerikanischen Geheimdienst CIA. nachgesagt werden.
Der Justizoberst Emin Deger, Rechtsberater im Verteidigungsministerium, veröffentlichte im Sommer 1977 ein Buch unter dem Titel "CIA, Konter-Guerilla und die Türkei", in dem er aus einem bei der Ausbildung der türkischen Streitkräfte benutzten CIA-Lehrbuch zitiert: "Es sind Aktionen durchzuführen, die in der Öffentlichkeit den Eindruck erwecken sollen, sie kämen von Revolutionären. Hierbei darf vor Grausamkeiten nicht zurückgeschreckt werden."
Ex-Obrist Deger sieht in der innenpolitischen Entwicklung der Türkei seit 1971 eine "minuziöse Anwendung dieser Lehrsätze".
Einen grausigen Höhepunkt erlebte die politische Gewalttätigkeit in der Türkei am 1. Mai 1977. An die 150 000 Menschen hatten sich zur Mai-Feier des Gewerkschaftsverbandes Disk in Istanbul versammelt. "Kurz vor Versammlungsschluß schossen Attentäter in die Menge. 38 Männer und Frauen blieben tot auf dem Platz -- eine Untat von "Maoisten", erklärte die rechte Regierung Demirel und begann wieder, zahlreiche Linke zu verhaften.
"Solche Aktionen kommen nicht von Kindern, sondern von einer starken Organisation", schrieb hingegen der damalige Oppositionsführer Ecevit, heute Premier. Er meinte damit die Konter-Guerilla-Einheiten -- und nicht nur sie.
Es gibt zahlreiche Querverbindungen zwischen den Faschisten des Alparslan Türkes, der Konter-Guerilla in den Streitkräften und dem militärischen Geheimdienst MIT. Türkes hat einen nahen Verwandten im MIT sitzen, und wiederholt wurde der Verdacht laut, daß Türkei" "Graue Wölfe" ihre Informationen über potentielle Mord-Opfer direkt vom MIT bekommen. Als der sozialdemokratische Abgeordnete Süleyman Genc einen solchen Verdacht aussprach, explodierte kurz darauf vor seinem Haus eine Bombe.
Dennoch wird immer mehr über die Organisation der Konter-Guerilla bekannt. Ihre Führung arbeitet im Gebäude des Generalstabs in Ankara. Ihren Deckmantel findet sie im STK, dem "Untersuchungsausschuß für Mobilmachung", gegründet von den ehemaligen Militärkommandanten von Istanbul, Izmir und Ankara, den Generalen Faik Türün, Mahmut Unlutürk und Kemal Ersun.
Mitglieder müssen den Schwur ablegen: "Wenn ich Informationen über das, was ich lerne oder was ich tue, weitergebe, wird mein Körper von dieser Welt verschwinden."
Zwar hat der sozialdemokratische Premier Ecevit nach den Ereignissen von Malatya versprochen, "die Nester des Terrors auszuheben", da sonst "ein Bürgerkrieg unvermeidbar" sei -- doch ab er dazu die Macht und insbesondere genügend Rückhalt in der Armee hat, ist mehr als fraglich.
Alparslan Türkes ist, obwohl er im Parlament nur eine Mini-Fraktion von 16 der insgesamt 450 Abgeordneten kommandiert, zuversichtlich, daß er die stärkeren Bataillone hat. "Im Falle eines offenen Kampfes können wir auf fünf Millionen Bewaffnete zählen", behauptete er, bevor er sich vorletzte Woche in die Bundesrepublik absetzte, um seine Anhänger unter den türkischen Gastarbeitern zu mobilisieren.
Daheim in der Türkei sagte einer der Gründer der Konter-Guerilla, der Ex-General Türün, dem Sozialdemokraten Ecevit dessen Schicksal voraus: Es werde Ecevit gehen wie dem chilenischen Präsidenten Allende, "der auch mit den Kommunisten paktierte: Jeder weiß, was aus ihm geworden ist".

DER SPIEGEL 19/1978
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