29.05.1978

Das ganz gewöhnliche Volksempfinden

Juden-Hetze, Denunziation, Greuelpropaganda -- damit fand die Nazi-Zeitschrift „Der Stürmer“ begeisterte Leserschaft, mehr noch: Die Leser selbst lieferten dem Hetzblatt antijüdische Denunziationen. Ein US-Autor hat das Blatt und seinen Herausgeber Julius Streicher anhand bislang unveröffentlichter Dokumente analysiert.
Das deutsche Manns-Vorbild begann beim Kopf, beim "Schädel", wo im besungenen Idealfall "Alliebe und Religion sich konzentrieren". Buschige Augenbrauen, Bismarcken ähnlich, ließen "originelle, urwüchsige Seelenbeschaffenheit erkennen". Eine scharfkantige Nase erwies "korrekte und bestimmte Darstellungskraft" sowie "draufgängerische Kampfesweise".
Das Gesamturteil, 1933 verkündet von Alfred Richter, Direktor eines privaten Leipziger Rassekunde-Instituts, kam zu dem zutreffenden Schluß: "Wehe, wer sich diesem Mann entgegensetzt, dem kann er bestimmt eine streichen."
Des Rassenkundlers liebevolles Porträt galt einem fetten, glatzköpfigen Nazi-Führer, dessen Name für Millionen mehr als ein böses Omen war: Julius Streicher, Jahrgang 1885, NSDAP-
* Fred Hahn (Hrsg.): "Lieber Stürmer. Leserbriefe an das NS-Kampfblatt 1924-1945". Seewald Verlag, Stuttgart; 263 Seiten; 28 Mark.
Gauleiter von Franken, Herausgeber und Eigentümer des in Nürnberg erscheinenden antisemitischen Hetzblattes "Der Stürmer" -- 1946 vom Militärtribunal der Alliierten als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt und am 16. Oktober, gewissermaßen auf eigenem Platz, gehenkt.
Wie sehr der fränkische Hauptlehrer Streicher und sein "Stürmer" eins waren, wie genau dieses, mal mit offener Brutalität, mal mit Pseudo-Wissenschaftlichkeit operierende, Blatt bei seinem Publikum den Grundton des ganz gewöhnlichen antijüdischen Volksempfindens traf, wie wichtig schließlich Adolf Hitler diesen Streicher samt seiner judenfeindlichen Sado-Publizistik nahm -- das erhellt eine soeben erschienene Arbeit des US-Autors und jüdischen Emigranten Fred Hahn*.
Bei Durchsicht bislang unveröffentlichter Dokumente aus dem New Yorker Leo-Baeck-Institut stellte Hahn einen frappierend hohen Grad von Gemeinsamkeit zwischen der "Stürmer"-Redaktion und der Leserschaft fest: die "Stürmer"-Mentalität. Auf bezahlte Korrespondenten konnte die Schmier-Schrift aus diesem Grunde ebenso verzichten wie auf Agentur-Nachrichten. Denn die Leser selbst begriffen sich als ehrenamtliche "Stürmer"-Mitarbeiter und lieferten getreulich antijüdische Greuel-Meldungen und Denunziationen frei Haus ans Wochenblatt, das zeitweise eine Auflage von 800 000 Exemplaren erreichte, selten weniger als 500 000 (Brief-Auszüge siehe Seite 109).
Wer bei einem jüdischen Geschäftsmann ins Minus geraten war, bat den "lieben Stürmer" um Rat, ob er die Summe als arischer Volksgenosse ungestraft schuldig bleiben dürfe. Und wer später, an die polnische oder russische Front kommandiert, erstmals jüdische Menschen gesehen hatte, bestätigte dem "lieben Stürmer" gern, "daß es für uns keine größere und heiligere Aufgabe gibt als restlose Vernichtung des Judentums".
Ein 15jähriges BDM-Mädchen klagte dem "Stürmer" sein Leid, daß viele in der Klasse noch immer mit Jüdinnen Freundschaft hielten. Wer einen besonders widerlichen antisemitischen Witz wußte, beeilte sich, ihn dem "Stürmer" zu berichten. Am liebsten freilich waren Streichers Redakteuren die handfesten Denunziationen, die jeweils in der Spalte "Kleine Nachrichten" (Untertitel: "Was das Volk nicht verstehen kann") versammelt wurden -- etwa so:
Die Junglehrerin Maria Schmidt aus Heiligenbrunn küßte ihre v o l l j ü d i s c h e Schwägerin am 13. April 1939 (!) in aller Öffentlichkeit auf einer Straße in Güssing.
Oder ganz lapidar aus derselben Schand-Spalte:
Die Familie Leonhard Breunig in Hainstadt geht fast täglich zu dem Juden M. Rosenbaum.
Das Verbindende zwischen den Einsendern und dem "Endlösungs"-Propagandisten Julius Streicher war, so recherchierte Hahn, "nicht etwa nur der Judenhaß, sondern Neid, Gier, pornographische Neigungen, Bereicherungssucht oder einfach die Lust, andere zu verleumden, ihnen zu schaden".
Ursprünglich hatte Streicher seinen "Stürmer", dessen erste Nummer am 21. April 1923 erschien, als Organ der Selbstverteidigung gegründet. Denn der rechtsradikale Pädagoge, wie sein Vorbild Hitler mit allerlei Ordensblech aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt, mußte sich in jenen Jahren häufig vor Gericht verantworten -- wegen Verleumdung, Veruntreuung und Verbreitung pornographischer Schriften.
Diese Anklagen vor allem versuchte er in den ersten "Stürmer"-Ausgaben zu entkräften. Doch die Entlastung mißlang: Im Dezember 1923 wurde Streicher nach langem Rechts-Gerangel aus dem Schuldienst der Republik entlassen, weil er während eines Krankenurlaubs faschistische Reden gehalten hatte. Erst von da an wurde Hetze gegen die Juden zum alleinigen "Stürmer"-Inhalt.
Seinem Schutzpatron Hitler hatte sich Streicher nach anfänglicher Gegnerschaft zu diesem Zeitpunkt längst auf Gedeih und Verderb verpflichtet: 1922 brachte er als Lokalmatador der Deutschen Sozialistischen Partei deren Nürnberger Anhänger geschlossen zur NSDAP. Und am 9. November 1923, als Hitler mit seinem rechtsradikalen Anhang beim Marsch auf die Münchner Feldherrnhalle fallierte, war Streicher die Aufgabe zugefallen, den Putschisten-Trupp als Festredner vor dem Rathaus zu begrüßen.
Hitler wiederum hielt seinem "Franken-Führer" bis zum Untergang des Dritten Reiches die Treue, obgleich Streicher nie in die engere Führungsclique aufrückte. Beeindruckt von der Tatsache, daß Julius Streicher es einerseits an regionaler Beliebtheit durchaus mit ihm aufnehmen, er andererseits aber der Streicherschen Hausmacht absolut sicher sein konnte, verlegte Hitler schon früh "Führertagungen" und später die Reichsparteitage ins Fränkische.
In "Mein Kampf" setzte Hitler dem alten Kämpfer an jener Stelle ein Denkmal, wo er die Gründerjahre der NSDAP und den "bewundernswerten Entschluß" anderer Parteigründer schilderte, "der stärkeren Bewegung" beizutreten. Hitler: "Dies gilt besonders für den Hauptkämpfer der damaligen Deutschsozialistischen Partei in Nürnberg, Julius Streicher." Sein Weg in die Partei war, so fand Hitler, "ein persönlich ebenso schwerer als grundanständiger Entschluß".
Von Anstand konnte bei Streicher allerdings keine Rede sein. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung zeigte sich rasch, daß dieser NS-Gauleiter von Typ und Charakter ein primitiver Gewaltverbrecher war. Joseph Goebbels vertraute seinem Tagebuch bereits 1926, nach einer Führertagung im streichertreuen Bamberg, bittere Klagen darüber an, wie stark der Einfluß der Landsknechtsfraktion um Streicher und den Münchner Hitler-Vertrauten Hermann Esser mittlerweile geworden war: "Ich bin wie geschlagen", notierte Goebbels, "welch ein Hitler? Ein Reaktionär? ... Bolschewismus ist jüdische Mache! Wir müssen Rußland beerben! 180 Millionen!!! Fürstenabfindung! Grauenvoll! ... Streicher nickt. Esser nickt ... Ach Gott, wie wenig sind wir diesen Schweinen da unten gewachsen."
Ähnlich bemüht, gegenüber dem stiernackigen Fanatiker Streicher auf Distanz zu gehen, waren auch andere, feinere Nazi-Führer: Rudolf Heß hielt ihn für "verrückt", für den SS-Chef Heinrich Himmler war er schlicht "ein Narr", und der 1945 zusammen mit Streicher angeklagte Propagandasprecher Hans Fritzsche nannte ihn "das häßliche Schwein". Großadmiral Karl Dönitz wurde im Lager Mondorf-les-Bains nicht müde zu versichern, keiner seiner Offiziere hätte Streichers unflätiges Blatt auch nur mit der Zange angerührt.
Des Deutschen Reiches dickem Marschall Hermann Göring, ebenfalls auf faschistische Reputierlichkeit bedacht, gelang es immerhin, den nicht salonfähigen Parteigenossen aus der Nürnberger Alleinherrschaft zu kippen. Wegen der 1938/39 mit äußerster Brutalität und Willkür von Streicher illegal betriebenen "Arisierungen" in Franken trat im Februar 1940 das oberste NSDAP-Parteigericht zusammen: Reichsleiter Walter Buch, sechs Gauleiter, Rudolf Heß als Vertreter Hitlers und Luftwaffen-General Karl Bodenschatz als Beauftragter Görings hielten Justiz über den "Zar von Franken".
Während der viertägigen Verhandlungen kam zur Sprache, was der damalige Sekretär der jüdischen Gemeinde in Nürnberg, Bernhard Kolb, später so beschrieb: "Die Juden wurden gezwungen, ihren Grundbesitz zu Schleuderpreisen, meistens um ein Zehntel des Einheitswertes, zu veräußern. Außerdem wurden sie auch genötigt, ihre Kraftfahrzeuge zum Preis von RM 50 für einen zu verkaufen ... Männer und Frauen wurden geschlagen und sonstig mißhandelt. Alles das
* Jüdische Bürger werden gezwungen, die Straße zu scheuern.
geschah so lange, bis die Betreffenden mürbe waren."
Nach Abschluß der Aktion "besaß" Streichers Stellvertreter Karl Holz 5508 notariell beglaubigte Grundstücke. Die Autos wurden für 200 Mark pro Stück an verdiente NSDAP-Mitglieder weitergereicht. Gauleiter Streicher selbst hatte derweil in Umkehrung des "Stürmer"-Wahlspruchs "Die Juden sind unser Unglück" sein privates Glück machen wollen, indem er einem verhafteten jüdischen Bankier Aktien im Wert von 112 000 Mark für fünf Prozent abzupressen versuchte.
Dennoch durfte das NS-Tribunal, so wollte es Hitler, keinen Urteilsspruch fällen: Streicher behielt seinen Gauleiter-Titel, durfte das Amt jedoch nicht mehr ausüben. Der "Stürmer" blieb sein persönliches Eigentum, von ihm fortan von seinem Gut in Pleikersdorf aus dirigiert.
Obwohl sich vor allem die auf internationales Renommee erpichten Außenpolitiker der Parteihierarchie wiederholt über die Pogrom-Postille beschwerten, sperrte sich Hitler bis zum letzten Augenblick gegen ein Verbot oder auch nur mildernde Eingriffe. Statt dessen lobte er Streichers Verdienste, mit Nürnberg eine "marxistische Hochburg" erobert zu haben. Nur weil Streicher so konsequent "auf dem Juden herumgeschimpft" habe, dozierte Hitler etwa im April 1942 im Führerhauptquartier, habe er "die Arbeiterschaft von ihren jüdischen Führern trennen" können.
Auf "Stürmer"-Exzesse angesprochen, verteidigte sie Hitler stets mit dem Hinweis, in Wahrheit sei der Jude noch viel "teuflischer", als er von Streichers Sudel-Truppe dargestellt würde. Hitlers von Sentimentalität und Seelenverwandtschaft bestimmte Zuneigung verstand Streicher noch aus dem machtpolitischen Abseits geschickt zu nutzen. Als der "Führer" 1944 erst Robert Ley, dann Joseph Goebbels ausschickte, um sich nach Streichers Wohlbefinden und Wünschen zu erkundigen, wartete der "Stürmer"-Herausgeber mit dem Pathos eines Stammesfürsten auf.
Denen, so erzählte er stolz dem amerikanischen Psychologen Gustave M. Gilbert im Nürnberger Kriegsverbrechergefängnis, habe er geantwortet: "Sagen Sie meinem Führer, daß ich nichts wünsche, außer neben meinem Führer zu sterben, falls eine Katastrophe das Vaterland befallen sollte."
Genau wie diese hohle Pose Hitler "unheimlich beeindruckte" (Streicher), so glaubte er auch an andere Ausgeburten Streicherschen Rassenwahns ob der "Stürmer" nun ausschweifend das Märchen von jüdischen Ritualmorden nacherzählte oder die obskuren Theorien von NS-Scharlatanen verbreitete. wonach "ein einziger Beischlaf mit einem Juden" genüge, dem deutschen Weib das "Blut für immer zu vergiften".
Trotz ihrer offenkundigen Unsinnigkeit wurden solche und ähnliche "Stürmer"-Stupiditäten für mehr als ein Jahrzehnt in Deutschland zur Staatsdoktrin. "Woche um Woche, Monat um Monat", so beschrieben die alliierten Richter 1946 Streichers Schuld, "verseuchte er die Gedankengänge der Deutschen mit dem Giftstoff des Antisemitismus und hetzte das deutsche Volk zur aktiven Verfolgung auf."
Dieses Ziel, so resümiert "Stürmer"-Forscher Hahn vorsichtig, sei indessen "nicht vollständig erreicht" worden. Andererseits könne sich kaum "zum Beschützer der Juden gewandelt haben", wer während der NS-Zeit "als Autor, Briefschreiber oder Aktivist der "Stürmer"-Mentalität verfallen war". Und das waren, ausweislich der zweiundzwanzig "Stürmer"-Jahrgänge" Hunderttausende.
Der "Judenhetzer Nummer eins" (Urteilsbegründung) hatte, wie psychiatrische Gutachten ergaben, den niedrigsten Intelligenz-Quotienten aller in Nürnberg Angeklagten. Gleichwohl kam die Ärztekommission zu dem von Gilbert so zusammengefaßten Ergebnis: "daß Streicher, obwohl er an neurotischen fixen Ideen leide, nicht geisteskrank sei".
Im Gegenteil -- Großdeutschlands Stürmer Julius Streicher war auf kleindeutsche Weise hellwach. Kurz vor dem Todesurteil im Nürnberger Prozeß bot er an, "eine Gruppe in Palästina" zu leiten: Wenn die Juden bereit seien, ihn "als einen der ihren zu akzeptieren, würde ich für sie kämpfen".
Der Faschismus, trotz Millionen ermordeter Juden -- ein Jux: Über dieses letzte Angebot, so entnahm Fred Hahn den Prozeß-Protokollen, lachten sich die Todeskandidaten "Jodl und Rosenberg inzwischen krank".

DER SPIEGEL 22/1978
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