29.05.1978

Film: „Münchhausens“ Rückkehr

Der von ausländischen Kritikern wegen seiner „zeitlosen Schönheit“ gepriesene Ufa-Film „Münchhausen“ aus dem Jahr 1943 kommt wieder ins Kino -- in der Originalversion. Das mit ungewöhnlichen Farbeffekten prunkende NS-Prestigewerk, das nach dem Krieg nur in verstümmelter Form zu sehen war, wurde aufwendig restauriert.
Auf deutsche Städte fielen Bomben, die Berliner bangten und darbten, aber in den Babelsberger Ufa-Ateliers zelebrierten privilegierte Filmleute noch einmal die gute alte Zeit.
Mit gepuderten und geschminkten Perückenträgern, unter ihnen Hans Albers und Brigitte Horney, wurde in einer plüschig-exotischen Märchenwelt bombastischer Kintopp inszeniert, in einem Dekor aus requirierten Antiquitäten und auf Bezugschein beschafftem Fummel und Flitter,
Gedreht wurde -- unfreiwillige Ironie -- die Mär vom Lügenbaron Münchhausen "Münchhausen" entstand unter der speziellen Schirmherrschaft des NS-Propagandachefs Joseph Goebbels.
Der Filmfanatiker hatte das ambitiöse und politisch harmlose Spektakel 1941 in Auftrag gegeben: als Jubiläums-Film zum 25jährigen Bestehen der Ufa, das im März 1943 dann pompös gefeiert wurde. Mit einem Einspielergebnis von 25 Millionen Reichsmark wurde "Münchhausen" danach einer dei erfolgreichsten Ufa-Filme. Gochbels wollte mit "Münchhausen" vorexerzieren, zu welcher Prachtentfaltung trotz Notzeiten großdeutscher Film imstande sei. Besonders lag ihm daran, dem Ausland zu beweisen, daß die von ihm manipulierte Filmkunst "deutscher Art" doch internationales Niveau haben könne.
"Ich wünsche", so hatte er seinen Filmvasallen gesagt, "daß die Ufa einen Spitzenfilm dreht." Diese Produktion müsse "ganz Europa, ja die Welt von der Leistungsfähigkeit der deutschen Filmindustrie überzeugen".
Unter der Aufsicht des "Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda" war die alte glanzvolle Ufa auf den Provinzlergeschmack der Nazis heruntergekommen. Zugleich aber gierte der Kunst- und Glamourfreund Gochbels nach Extravaganz à la Hollywood.
Goebbels war denn auch clever genug, bei seinem kostspieligen Prestigefilm "Münchhausen" nicht einen strammen Pathetiker wie Veit Harlan Regie führen zu lassen, sondern den ungarischen Unterhaltungsroutinier Josef von Baky mit der Inszenierung zu betrauen und außerdem zu dulden, daß Bakys Freund Erich Kästner, der im Dritten Reich Schreibverbot hatte, unter dem Pseudonym Berthold Bürger das Drehbuch verfaßte.
Hans Albers, der Goebbels verhaßte Liebling des deutschen Kinopublikums, spielte mit hellblauem Strahlerblick die Titelrolle.
Später, nach 1945, erntete "Münchhausen" tatsächlich internationale Anerkennung. Vor allem französische Kritiker priesen das heute etwas verstaubt-operettenhaft wirkende Abenteurerepos.
An dem Film, der in einem eigens für ihn entwickelten Agfacolor-Verfahren und mit vielen brillanten Tricks gedreht wurde, gefielen den Cinéasten sein "erfinderischer Schwung" und seine "Perfektion". Geradezu ins Schwärmen kam jüngst "Variety": Das kunstvolle Nazi-Prestige-Werk", schrieb das amerikanische Showbusiness-Blatt über "Münchhausen", sei "in jeder Hinsicht außergewöhnlich", ein Film "von zeitloser Schönheit, zeitlosen Unterhaltungsqualitäten".
Das deutsche Nachkriegspublikum hatte diese Qualitäten bisher nicht in vollem Umfang würdigen können: Bei sporadischen Kino- und Fernsehaufführungen war "Münchhausen" nur in gekürzten und farblich defekten Fassungen gezeigt worden.
Erst jetzt wird wieder voller "Münchhausen"-Genuß möglich: Die
Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung und ihr filmtechnischer Experte Rudolf Göbel haben in sechsjähriger schwieriger Arbeit eine integrale "Münchhausen"-Fassung rekonstruiert, die von der Neuen Constantin in den Verleih genommen wurde und demnächst in deutschen Kinos laufen soll. Nach detektivischer Suche quer durch Europa konnten alle fehlenden Filmsequenzen eingefügt werden, und nach Hunderten von Experimenten gelang es mit Hilfe modernster Elektronik, die Originalfarben -- sie sind der besondere Reiz des Films -- nachzuschaffen,
Auch ausländische Verleiher interessieren sich für den wieder auf alten Glanz gebrachten "Münchhausen"; verkauft sind bereits die Aufführungsrechte für den Fernost-Markt.
"Münchhausen" zu einem aufsehenerregenden Farbfilm zu machen war Goebbels besonderer Ehrgeiz gewesen. Goebbels bewunderte die Farben der Hollywoodfilme und trieb die auf diesem Gebiet rückständige deutsche Filmindustrie dazu an, etwas Adäquates zu schaffen.
So mußten, mitten im Krieg, die Labors der Agfacolor-Werke für "Münchhausen" Sonderschichten einlegen, um das notwendige Farbfilmmaterial herzustellen. Jeder Szenenkomplex im Film sollte eine spezifische, Renaissancemalern und Rembrandt nachempfundene Tönung haben: der venezianische Karneval dunkelleuchtend, der Ball am russischen Hof winterlich blau, die Residenz von Braunschweig herbstfarben.
Damit die Ufa farblich und tricktechnisch besonders hervorragende amerikanische und britische Filme studieren konnte, ließ Goebbels Kopien des englischen "Dieb von Bagdad", von Disney-Produktionen und "Vom Winde verweht" durch Agenten aus dem Ausland heranschaffen.
"Kosten dürfen überhaupt keine Rolle spielen", hatte Goebbels den Ufa-Managern gesagt. Nach dieser Maxime wurden allein 800 Rokoko-Kostüme neu geschneidert. Für Schummerszenen requirierte man alle in Berlin auffindbaren Kerzen; aus Museen und Schlössern wurden Kandelaber und Meißener Porzellan herangeschleppt, Und Preußen-Kronprinz Wilhelm lieh den Filmern sein Tafelsilber.
Einmal erlag das Film-Volk dem großen Stil: In Venedig, bei Außenaufnahmen, gaben Schauspieler und Team ihr ganzes Geld für Lebensmittel- und Kleider-Einkäufe aus und konnten am Ende ihre Hotelrechnungen nicht bezahlen. Die Ufa mußte die vom ungewohnten Dolce vita verführten Deutschen auslösen.

DER SPIEGEL 22/1978
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