29.05.1978

MEDIZINGift Im Filter

Was bislang nur Nierenkranken half, soll nun auch Schizophrene heilen -- die Blutwäsche mit der künstlichen Niere.
Sie hören Stimmen oder empfangen Signale aus einer fremden, übernatürlichen Welt. Einige folgen wie Marionetten den wirren Befehlen göttlicher Mächte; andere halten sich für das Opfer einer vermeintlichen allgegenwärtigen Verschwörung.
Mitunter treiben unklare Ängste die Patienten in flackernde Unruhe. Manchmal aber versinken sie auch in brütende Reglosigkeit; unansprechbar und starr wie Statuen verharren sie, oft viele Jahre, in derselben Pose.
An der bizarren Krankheit mit den kaum überschaubaren und vielfach widersprüchlichen Erscheinungsformen leiden in aller Welt rund 30 Millionen Menschen. Jeder zweite Insasse in den psychiatrischen Kliniken der Industrieländer wird dort aufgrund der Diagnose "Schizophrenie" verwahrt -- nicht selten lebenslang: Nur 20 Prozent der Schizophrenen konnten bislang dauerhaft geheilt werden.
Neuerdings jedoch gibt es einen Hoffnungsschimmer für die Wahnkranken. Psychiater, Urologen und Biochemiker in Europa und den USA erproben seit kurzem gemeinsam ein Heilverfahren, bei dem die Schizophrenie gleichsam aus dem Blut der Patienten herausfiltriert wird -- mit Hilfe von Dialysegeräten, die normalerweise zur Behandlung von Nierenpatienten dienen.
Auf die Idee, Schizophrene mit der sogenannten künstlichen Niere zu kurieren, sind die Mediziner vor etwa sechs Jahren durch Zufall gekommen. Damals behandelte der Urologe James R. Cade an der Universität von Florida in Gainesville eine Patientin mit Nierenversagen, die zugleich an Schizophrenie erkrankt war. Nach mehreren Dialyse-Vorgängen bemerkte Cade, daß bei der Kranken nicht nur die Harnvergiftung schwand; auch die Schizophrenie-Symptome klangen allmählich ab.
Seither hat Nierenspezialist Cade insgesamt 25 Schizophrene der Dialyse-Kur unterzogen, in 16 Fällen mit Erfolg. Cades Kollege Herbert Wagemaker, der an der Universität von Louisville bisher 21 Wahnpatienten mit der Blutwäsche traktiert hat, verzeichnete bei 18 von ihnen eine deutliche Besserung.
Mittlerweile testen skandinavische, aber auch westdeutsche Forscher die verheißungsvolle Methode. In München, am Max-Planck-Institut für Psychiatrie und an der Universitätsklinik, haben die Mediziner vor rund zwei Monaten mit den Versuchen begonnen: Von bislang sieben Patienten an der Uniklinik konnten zwei ins Normalleben zurückehren.
Dennoch bleiben die Wissenschaftler vorläufig skeptisch. Zu oft schon hatten sich anfangs erfolgversprechende Therapieversuche -- vom Insulin- oder Elektroschock über die Schlafkur bis zur Lobotomie, bei der bestimmte Nervenbahnen im Gehirn operativ durchtrennt werden -- als Fehlschlag oder doch nur als Teilfortschritt erwiesen.
Bei der Fülle verschiedener Schizophrenie-Formen, meint der Münchner Psychiatrie-Professor Norbert Matussek, sei wohl kaum damit zu rechnen, daß die Dialyse alle Spielarten der Krankheit heilen könne; außerdem sei vorerst noch unklar, wie die Linderung des Psycho-Leidens durch die Blutwäsche überhaupt bewirkt werde.
Immerhin ist sicher, daß in den Filtern der Dialyse-Automaten zumindest eine Substanz hängenbleibt, die im schizophrenen Krankheitsprozeß eine wichtige Rolle spielen muß. Sie gehört, wie die US-Forscher Frank Ervin und Roberta Palmour ermittelten, zur Hormon-Familie der sogenannten Endorphine, die im Hirnstoffwechsel etwa bei der Schmerzempfindung mitwirken.
Im Dialyse-Filtrat Schizophrener entdeckten die beiden Wissenschaftler nun eine Endorphin-Variante, die im Blut der Kranken zunächst vergleichsweise konzentriert, nach mehreren Blutwäschen aber nur noch in geringen Mengen vorkommt.
Allerdings: Noch wissen die Forscher nicht, ob das verdächtige Hormon, "Beta-Endorphin", die Krankheit tatsächlich auslöst; womöglich, rätseln sie, sei das Beta-Endorphin auch nur das vereinzelte Bruchstück eines Mosaiks, dessen Umrisse die Wissenschaftler gerade erst zu erahnen beginnen.
Um das biochemische Puzzle der Wahnkrankheit vollständig zusammenzusetzen, schätzt Forscher Ervin, "werden wohl noch ein paar Jahre nötig sein".

DER SPIEGEL 22/1978
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 22/1978
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MEDIZIN:
Gift Im Filter