06.06.2005

BANKENVorgänger gegen Nachfolger

Bei der HypoVereinsbank tobt ein Machtkampf zwischen altem und neuem Chef. Einer von beiden muss gehen - je nachdem, ob die Fusion mit der Unicredito zu Stande kommt oder nicht.
Der italienische Bankier beschämte seine deutschen Kollegen ausgerechnet im Kaisersaal des Frankfurter Römer - einem Wahrzeichen, das wie kaum ein anderes vom einstigen Stolz und Reichtum der Nation zeugt.
Hier, unter den Gemälden von 47 deutschen Regenten, wurde der damals 46jährige Chef der Unicredito, Alessandro Profumo, im Juni 2003 zum "European Banker of the Year" gekrönt. Der eloquente Genuese braucht keine rhetorischen Finessen, um Eindruck zu hinterlassen: die Aufzählung der Marktanteile seines Institutes, nüchterne Berichte über zweistellige Renditen und geglückte Fusionen mit Sparkassen reichten völlig aus.
Beim anschließenden Empfang gaben sich die krisengebeutelten Frankfurter Großbanken als Sponsoren der Preisverleihung knausrig. Es gab lediglich trockenes Salzgebäck. Vielleicht lag das aber auch daran, dass ihr Gast zwei Jahre zuvor versucht hatte, einen der Ihren, die Commerzbank, zu übernehmen.
In München ist Profumo dagegen hochwillkommen, zumindestens bei Dieter Rampl. "Unicredito könnte ein attraktiver Partner sein", schwärmte der Vorstandschef der HypoVereinsbank (HVB) im April dieses Jahres. Seither sind sich die beiden Bankmanager sehr nahe gekommen: Eine Fusion der beiden Unternehmen wird immer wahrscheinlicher.
Seit Monaten verhandeln die beiden Banker miteinander. Für die HVB wählten die Investmentbanker den Tarnnamen Hermes, der in der griechischen Mythologie als Götterbote mit Heroldsstab und Flügelschuhen dargestellt wird. Der alte Uranus aus dem griechischen Götterhimmel steht für Unicredito.
Dass der hoch gewachsene Profumo das Geschehen dominiert, versteht sich von selbst. Unicredito ist seit Jahren hochprofitabel und wird an der Börse mit 26 Milliarden Euro bewertet. Die HVB macht dagegen regelmäßig mit Wertberichtigungen in Milliardenhöhe Schlagzeilen, die Dividende fällt seit drei Jahren aus, die zweitgrößte deutsche Bank kommt nur auf einen Börsenwert von 15 Milliarden Euro.
Trotzdem will Rampl den Zusammenschluss durchziehen - es ist die einzige Chance, seinen Einfluss zu retten.
Im Hintergrund der deutsch-italienischen Affäre läuft ein verbissener Machtkampf unter deutschen Finanzmanagern: Rampl und sein Aufsichtsratschef Albrecht Schmidt haben sich verkracht.
Schmidt war Rampls Vorgänger als Vorstandssprecher. Vor ein paar Monaten stimmte er dessen Vertragsverlängerung nur nach langem Zögern zu. Rampl konnte seinen Job nur retten, weil ihn der Großaktionär Münchener Rück stützte.
Doch jetzt spitzt sich die Situation zu. "Kommt es zu dem Deal mit Unicredito, ist Schmidt erledigt", sagt ein ehemaliger Vorstand des Institutes. Rampl soll der Chairman des internationalen Bankkonzerns werden, Profumo bliebe der Chef und für Schmidt wäre kein Platz mehr.
Der Ausgang des Duells ist offen - mit Vorteilen für Rampl. Denn die Münchener Rück möchte ihre HVB-Anteile loswerden.
Spiegelbildlich zu dem Führungsstreit bei der HVB tobt auch bei dem Versicherer ein Generationenkonflikt, wenn auch weniger heftig. Mit Nikolaus von Bomhard ist seit Anfang 2004 ein neuer Vorstandschef im Amt, der jetzt mit der Hinterlassenschaft seines Vorgängers Hans-Jürgen Schinzler aufräumen will. Wie Schmidt bei der HVB ist auch Schinzler an die Spitze des Aufsichtsrates gerückt.
Schinzler hatte zunächst per Aktientausch ein 26-prozentigen Paket an der HypoVereinsbank erworben und bekam dafür viel Beifall. Die beiden Finanzunternehmen hatten gemeinsam viel vor. Von Synergien im IT-Bereich war damals die Rede, von gemeinsamen Vermögensverwaltungen und einer Vertriebskooperation. Aus alledem ist nicht viel geworden.
Rückblickend war Schinzlers Coup ein Flop. Die Beteiligung hat nicht nur die Erwartungen ihres Eigners enttäuscht, sie schadet der Münchener Rück regelrecht. Die Rating-Agentur Standard & Poor's hat den Konzern auch wegen ihrer Beteiligung an der maroden HVB herabgestuft, das kostet die Münchener Rück jedes Jahr einen dreistelligen Millionenbetrag an höheren Zinsen.
Um wieder besser bewertet zu werden, muss von Bomhard die Finanzbeteiligungen abbauen. "Wir haben derzeit zu viele Bankenrisiken", sagt er - und brüskiert seinen Vorgänger damit in aller Öffentlichkeit. Im Gegensatz zu Schmidt scheint sich Schinzler gegen die Übernahme der HVB nicht allzu heftig zu wehren.
Die Generationskonflikte in den Chefetagen der beiden Unternehmen sind die Folge einer Unsitte der deutschen Aktienkultur: Fast routinemäßig übernimmt der scheidende Chef den Vorsitz im Aufsichtsrat und wird damit Vorgesetzter seines eigenen Nachfolgers. Der tut sich deshalb schwer, frühere Fehler zu korrigieren.
HVB-Aufsichtsratschef Schmidt leitete die HypoVereinsbank bis zu Rampls Amtsantritt 2003. Obendrein war er ein enger Vertrauter von Schinzler. Beide haben die deutsche Finanzwelt im vergangenen Jahrzehnt auf ihre Weise geprägt.
Schmidt, seit 1990 Chef der Bayerischen Vereinsbank, wurde 1997 zu einer Fusion mit der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank gedrängt. Die Hochzeit war vor allem politisch motiviert, denn die Frankfurter Konkurrenten drohten die beiden Münchner Institute zu schlucken.
Die Deutsche Bank hatte bereits über fünf Prozent an der Vereinsbank erworben, die Dresdner Bank war aufs Engste mit der Bayerischen Hypo verbunden. Die Staatsregierung aber wollte den Kahlschlag am Finanzplatz München nicht tatenlos hinnehmen und machte ihren Einfluss über ihre Beteiligung an der Vereinsbank geltend. Die übernahm die Hypo - und riss sich damit selbst ins Verderben.
Beide Banken waren hohe Risiken insbesondere auf den ostdeutschen Immobilienmärkten eingegangen. Zudem musste Schmidt dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber versprechen, dass es keine harten Sanierungsschritte und vor allem kein größeres Filialsterben samt Arbeitsplatzabbau bei den beiden bayerischen Banken geben würde.
Erst als es fast zu spät war und die HVB kurz vor der Pleite stand, zogen Schmidt und später Rampl die Notbremse. Seit 2000 gingen bei der größten Immobilienbank Europas über 9000 Arbeitsplätze allein in Deutschland verloren.
Noch immer hält das Land über die Bayerische Landesstiftung etwa fünf Prozent der HVB-Aktien, allerdings teilweise Vorzugsaktien, die nicht mit Stimmrechten ausgestattet sind. Bisher hat sich Stoiber in die Gespräche zwischen Unicredito und HVB aber nicht eingemischt.
Die Verhandlungen führten Rampl und sein Finanzvorstand Wolfgang Sprißler schon seit Monaten in aller Stille. Mittlerweile ist der Deal "bis auf die Personalfragen" praktisch ausverhandelt, berichtet ein Insider. Einige der HVB-Vorstände, darunter wohl der Kapitalmarktexperte Stefan Jentzsch und auch Rampl-Intimus Michael Mendel, dürften jedoch in den neuen Holdingvorstand aufrücken. Zurzeit arbeiten sich die Italiener im Datenraum durch die Kreditbücher der HVB - auf der Suche nach schlummernden Risiken.
Neben aufsichtsrechtlichen Fragen, mit denen sich die Behörden seit Tagen herumschlagen, sind die Arbeitsplätze in Deutschland einer der kritischsten Punkte.
Denn Profumo ist vor allem an dem hochprofitablen Osteuropa-Geschäft der HVB-Tochter Bank Austria interessiert, das er mit den eigenen Aktivitäten zusammenlegen will. Es entstünde ein neuer Marktführer in Osteuropa. Doch entgegen der Vermutungen vieler Beobachter will die Unicredito das Deutschland-Geschäft erhalten - aber sanieren.
Immerhin weiß Unicredito, groß geworden über den Kauf von Sparkassen, unter anderem aus Turin, Verona und Triest, wie im Privatkundengeschäft Geld zu verdienen ist. Warum sollte sie das in Bayern, wo die HVB auf einen Marktanteil von 15 Prozent kommt, nicht auch schaffen?
Allerdings müssen die Italiener zuvor noch einige Hindernisse aus dem Weg räumen. Auch die Österreicher von der Bank Austria wollen ein Wort mitreden. Die hat von der HVB bei ihrer Übernahme im Jahr 2000 eine Bestandsgarantie bekommen und wurde 2003 von Rampl teilweise an die Börse gebracht.
Außerdem ist die Unicredito finanziell nicht so stark, dass sie viel Bargeld für die HVB bieten kann. Wahrscheinlich erhalten die HVB-Aktionäre ein Umtauschangebot, das ihnen für jede Aktie etwa fünf Unicredito-Aktien offeriert. Kein sonderlich attraktiver Preis, doch der Unicredito reicht eine Mehrheit der Aktien, um die Bank zu kontrollieren. Auch wenn es, wie Rampl sich das wünscht, zu einem schnellen Deal kommt, wird sich Profumo viel Gestaltungsspielraum bei der künftigen Bank ausbedingen.
Aufsichtsratschef Schmidt wäre dann entmachtet. Mit Hilfe einiger Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat startete er in der vergangenen Woche eine Gegenoffensive. Erstes Resultat: Für 13. Juni ist eine Sondersitzung des Aufsichtsrats anberaumt, bei der es um Rampls Pläne geht.
Ob Schmidt die Arbeitnehmer auf seine Seite ziehen kann, ist allerdings fraglich. Denn die von Schmidt favorisierte Alternative zu einer Übernahme durch Unicredito wäre ein Zusammenschluss mit der Commerzbank. Und dem würden mit Sicherheit Tausende von Arbeitsplätzen zum Opfer fallen. CHRISTOPH PAULY, WOLFGANG REUTER
Von Christoph Pauly und Wolfgang Reuter

DER SPIEGEL 23/2005
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