26.12.1977

LITERATURPoe in Venedig

Rausch-Exzesse, literarisches Vexier-Spiel: „Wer war Edgar Allan?“, der nachtmahrische Venedig-Roman des Österreichers Peter Rosei mausert sich zum Erfolgsbuch.
Gespenstisches geht um in einem spätherbstlichen Venedig. Eine rauschgiftsüchtige Contessa stürzt vom Dachgarten ihres Palazzo, ihre Liebhaberin wird von einer Schiffsschraube zermalmt, ein Drogen-Syndikat herrscht geheimnisvoll im Hintergrund, und ein mysteriöser Herr mit "kleinen, gepflegten Händen" scheint viele dunkle Fäden zu ziehen.
Er heißt Edgar Allan. Poe? Im jüngsten, siebten Bucht des hochbegabten Wieners Peter Rosei, 31, ist die Welt voll von Schrecken und Erschrecken, Rausch-Exzessen, weißem Wahnsinn. Verbrechen; alles scheint doppeldeutig und vielgesichtig, verstörend und verstört: die literarische Welt des Edgar Allan Poe.
"Wer war Edgar Allan?", betitelt Rosei seinen Roman, und das Fragezeichen steht hinter allem. was Roseis icherzählender Held erlebt: ein verbummelter Student von 25 Jahren, der mit etwas geerbtem Geld nach Venedig zieht, in einem brackigen Elendsviertel Quartier nimmt und auf maßlose Grappa- und Drogentrips geht.
Ein Horror-Film rollt ab, reißt gelegentlich. Dann wirft sich der verluderte Mensch in gutbürgerliche Schale und gondelt, ein "eleganter, junger Herr". zum Markusplatz, ins Café Quadri, wo er regelmäßig den mysteriösen Edgar Allan trifft, Amerikaner aus Boston wie Poe, Liebhaber von Schiffen und Meeren wie Poe und wie der große, tragische Schriftsteller offenbar auch ein Freund von Rausch und künstlichen Paradiesen.
Mit coolem Kunstverstand, mit einer Sprache, die kontorhaft registrieren und baudelairisch delirieren kann. baut Rosei ein literarisches Vexier-Spiel auf: ein Krimi im Stil der satanischen Romantik, mit ihren Doppelgängern und Schimären. nachtmahrischen Erfah-
* Peter Rosei: "Wer war Edgar Allan?". Residenz Verlag; 120 Seiten: 19,80 Mark.
rungen und der Angst, in all dieser Unheimlichkeit sein Ich zu verlieren, an sich irre zu werden. irre zu weiden.
Dieses "Bewegliche des Ichs" habe ihn interessiert, sagt Poe-Verehrer Rosei, und so kam er auf die "Figur des Rauschgiftsüchtigen". Rosei: "Die Arbeit eines Schriftstellers besteht darin, daß er nicht Drogen nehmen muß -- er kann es sich vorstellen." In Venedig, der zerbröckelnden, labyrinthischen Trauerschönheit, fand er dazu die "psychische Chiffre".
Rosei, nicht praktizierender Dr. jur., kennt Venedig gut. Er hat ganz Norditalien auf kleinen Wegen mit dem Moped erforscht, reist mit seinem Freund H. C. Artmann gern nach Amsterdam, Krakau "und solchen Städten". Er schätzt den "katholischen Kulturkreis"; in Indien "wüßte ich nicht, was ich tun sollte".
Eine Zeitlang war Rosei "Manager" des Großmuftis der Wiener "Phantastischen Malerei", Ernst Fuchs, dann arbeitete er als Direktor eines Schulbuchverlages. Seit zweieinhalb Jahren lebt er unterm Dach eines Bauernhofes nahe Salzburg, ein freier Schriftsteller.
Seinen Verlag, den Salzburger "Residenz Verlag", hat er somit bei der Hand. Dieser Austro-Suhrkamp, "Österreichs aktivstes literarisches Editionshaus" ("The Times Literary Supplement"), setzt sich, anders als große Bestsellerfabriken, ganz ungewöhnlich stark für junge Talente ein.
Österreichs literarische Vorhut fand hier ihre Heimstatt, H. C. Artmann, Rudolf Bayr, Barbara Frischmuth, innerhofer, Okopenko. und mit ihren feineren Sachen zählen auch der Alpen-Beckett Thomas Bernhard und der Sensibilissimus Peter Handke zu den Hausautoren.
Prinzip des Verlagschefs Wolfgang Schaffler, eines Dynamos auf Füßen: "Wir machen nur schöne, lohnende Originalausgaben -- kaufen keine Lizenzen und möchten Bücher von A-Z inhaltlich und optisch durchgestalten." Die ästhetisch vorzügliche Aufmachung besorgt der Zeichner und Bildhauer Walter Pichler.
Schaffler hatte sich seit 1971 für Rosei eingesetzt, gelegentlich "erschreckt" vom "Schreibzwang" des jungen Juristen, erschreckt auch von der "Erbarmungslosigkeit gegen sich selbst", mit der Rosei "nächtliche Erfahrungen niederschrieb, menschliche Gemeinheit und Bosheit schilderte" und eine "Verzweiflung artikulierte, die so unerträglich geworden war, daß sie nur noch ertragen werden konnte, wenn sie in Stumpfheit umschlug".
Mit seinen früheren Erzählungen, apokalyptische Reisen, Glanzstücke literarischer Mimikry, hatte Rosei schon Preise und Lobkritiken eingeholt. "Wer war Edgar Allan?" ist nun auch ein breiterer Erfolg; das Buch geht in die dritte Auflage.
"Nicht autobiographisch" nennt Rosei seinen Venedig-Trip. Doch ein "bewegliches Ich", die eingeborene Wiener Zerrissenheit und Katastrophensucht ist ihm ganz offenbar gegeben. In einem Aufsatz schrieb er: "Sollte das schön sein: in die Irre gehen? Ja, möchte ich sagen, wenn man es nur lange genug tut."

DER SPIEGEL 53/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 53/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LITERATUR:
Poe in Venedig

  • Künstler-Knirps Mikail: 5000 Euro für ein Bild
  • Jever statt Westeros: Ostfrieslands Promo-Film im Game-of-Thrones-Stil
  • Toronto: Blitz schlägt in 550-Meter-Fernsehturm ein
  • Beinaheabsturz: Planespotter fotografiert Notlandung von Regierungsflieger