28.11.1977

FINGERABDRÜCKEDiese Schmiere

Für den Selbstmord der Stammheim-Häftlinge konnte kein absolut schlüssiger Beweis gefunden werden -- Schluderei bei der Spurensicherung oder Grenzen der Kriminaltechnik?
In Fernsehkrimis, klagte letzte Woche ein Ermittler vom baden-württembergischen Landeskriminalamt (LKA) über Amateure von der Mattscheibe, werde leider "immer alles falsch gezeigt" -- zum Beispiel, daß Tat-Schußwaffen "mit einem Tuch aufgenommen und dann darin eingewickelt werden".
Denn nach Krimi-Manier hatte der Stuttgart-Stammheimer Justizvollzugsbeamte Erich Götz gehandelt, als er am Morgen nach Mogadischu dem noch röchelnden BM-Häftling Jan-Carl Raspe die Pistole fortnahm: Götz wickelte die Waffe, eine Neun-Millimeter-Pistole des Fabrikats Heckler & Koch, zunächst in sein Taschentuch, packte sie später wieder aus und schlug schließlich ein Geschirrtuch darum.
Auf seher Götz trug so womöglich dazu bei, daß bis heute für Raspes Selbstmord (Schuß in die Schläfe) noch kein absolut schlüssiger technischer Beweis gefunden wurde -- und auch für die Suizide seiner Mithäftlinge Andreas Baader und Gudrun Ensslin fehlt nach wie vor eine alle Zweifel beseitigende Bestätigung, wie sie klar identifizierbare Fingerabdrücke auf den Tötungswerkzeugen hätten liefern können.
Aber weder an Raspes Heckler & Koch noch an Baaders 7,65er ungarischen Fabrikats, noch an dem Kabel, mit dem sich Gudrun Ensslin erhängte, fanden Kriminaltechniker die Abdrücke von Fingerkuppen, deren Papillarlinien für jeden Menschen unverwechselbare Kennzeichen sind; die runde Oberfläche des nur zwei Millimeter starken Plattenspielerkabels, das Gudrun Ensslin benutzte, war viel zu klein, um einen zusammenhängenden Papillarlinienabdruck aufzunehmen.
An Raspes Waffe wurden die Fingerspuren, wenn denn welche vorhanden gewesen waren, wahrscheinlich beim Umwickeln mit Taschen- und Geschirrtuch verwischt und vernichtet. Baaders Pistole schließlich lag in einer Blutlache, die bei der Entdeckung des Selbstmordes, so ein Stuttgarter Kripo-Beamter, "wegen der Ausdünstung des Blutwassers bereits ziemlich eingedickt und zudem mit Gewebsfetzen durchmischt" war; in "dieser Schmiere" seien Spuren "nicht mehr kenntlich zu machen" gewesen -- Ermittlerpech, das allerdings auch die Grenzen der sogenannten Daktyloskopie aufzeigt.
Zwar wurde bereits 1905 in London ein Mörder mit Hilfe der Daktyloskopie überfährt, die auf der Erkenntnis beruht, daß "Papillarleisten-Bilder" -- der Hautlinienverlauf einschließlich der sogenannten "Minutien" (zum Beispiel Häkchen, Gabelungen oder Unterbrechungen in den Linien) -- an jedem Finger eines jeden Menschen einmalig sind.
Vier Jahre später faßten bayrische Polizisten einen Serieneinbrecher, der in der Umgebung des Münchner Marsfeldes 24mal in Wirtshäuser eingestiegen war, anhand eines an einem Toilettenfenster hinterlassenen Daumenabdrucks. Mittlerweile ist die Daktyloskopie laut Bundeskriminalamt (BKA) "für die Polizei unverzichtbar".
Nach dem Mord an dem Gemüsehändler Wolfgang Ihns aus Schenefeld bei Hamburg im Herbst 1972 beispielsweise führten auf einer Bierflasche gefundene Fingerabdrücke auf die Spur des Täters, eines Dänen, der von der Ehefrau des Gemüsehändlers und deren Freundin gedungen worden war.
So hatten Beamte vor ein paar Jahren bei der Aufklärung eines Einbruchs im holsteinischen Itzehoe, bei dem eine Zwölfjährige vom Täter schwer verletzt worden war, nichts an der Hand als einen Daumenabdruck und den Hinweis, der Täter habe vermutlich einen uniformähnlichen Anzug getragen: Die Kripo begann, von allen rund 6000 Soldaten des Bundeswehr-Standortes Itzehoe Daumenabdrücke zu nehmen. Als etwa 3000 Mann gedrückt hatten, war der Täter gefaßt.
Kaum eine Straftat, vom Serien-Automatendiebstahl bis zum Terroristen-Anschlag, bei der Fingerabdrücke als Indiz keine Rolle spielten: Durch eine Vielzahl von Techniken -- etwa das Überstreuen einer potentiellen Fundstelle mit Rußpulver, Einsatz eines sogenannten Magnetpinsels, photochemische oder chemische Verfahren wie die Anwendung von sublimierenden Joddämpfen, mit denen sich beispielsweise auf Zeitungspapier Fingerspuren in Form von Schweißablagerungen feststellen lassen -- gelang es inzwischen, Papillarlinienab- und -eindrücke auch unter ungünstigsten VorFahrikat Heckler & Koch, Kaliber 9 Millimeter.
aussetzungen aufzuspüren und sichtbar zu machen.
Mit Hilfe der Daktyloskopie konnten schon Leichen identifiziert werden, deren Finger-Haut bereits weitgehend verwest oder völlig mumifiziert war. Brandstifter-Fingerspuren fand die Kripo schon auf Benzinkanistern, die direkt neben dem Brandherd gestanden hatten und von der Feuerwehr unter Wasser gesetzt worden waren.
Gleichwohl ist die Daktyloskopie, so ein Fachmann, "keine kriminalistische Wunderwaffe", und ihre Möglichkeiten werden, wie Kriminaldirektor Ernst Wigger vom schleswig-holsteinischen LKA sagt, oft "pauschal überschätzt" -- nicht nur weil gewiefte Einbrecher Handschuhe tragen und "die statistische Wahrscheinlichkeit, daß alte Ganoven Fingerabdrücke hinterlassen, mit deren zunehmender Erfahrung sinkt" (Wigger); nicht nur weil aus personellen Gründen, so Leitender Kriminaldirektor Paul Neuendorf vom Bundeskriminalamt, "die Spurensicherung leider nicht immer so möglich ist, wie man es haben möchte".
Denn wie es schlechte "Spurenleger" gibt, Menschen etwa, deren Hautleisten sehr fein sind, gibt es auch schlechte "Spurenträger": Ein kriminalistischer Idealfall wäre eine saubere Glasscheibe, auf der eine Fingerspur meist schon mit dem bloßen Auge sichtbar ist; erfolglos dagegen geht eine Spurensuche sehr häufig etwa auf locker gewebten Stoffen aus -- aber auch auf Schußwaffen.
Einerseits weisen zum Beispiel Pistolen, wie sie Baader und Raspe besaßen, zahlreiche Rundungen und Ecken auf, die kaum Auflageflächen für Fingerkuppen bieten. Überdies wird eine Pistole mit dem Handballen gehalten und mit einem Fingerglied abgezogen: Fingerkuppen kommen mit der Waffe in aller Regel nur dann in Berührung, wenn der Schlitten zum Durchladen oder Scharfmachen nach hinten gezogen wird. Doch dieser Schlitten hat aus Gründen der Griffigkeit gewöhnlich eine geriffelte Oberfläche, die als Spurenträger ungeeignet ist.
Zudem sind Schußwaffen durchweg -und das traf auch auf die Pistolen zu, die Raspe und Baader in ihren Zellen versteckt hatten -- gut geölt. Ist das Öl flüssig, können Fingerspuren darin, wie Fachleute sagen, "verlaufen". Hat das Fett dagegen etwa infolge niedriger Temperaturen eine festere Konsistenz, kann es geschehen, daß es die Papillarleisten-Bilder des potentiellen Spurenlegers verschmiert -- statt eines Stempelbildes seiner Fingerkuppen hinterläßt er nun nur einen konturenlosen Tupfer.
Schließlich: In der Ausnahmesituation, in der er sich befindet, wird ein Schütze in aller Regel stärker transpirieren als gewöhnlich und Fingerspuren noch im Entstehen mit seinem perlenden Schweiß fortwaschen.
So könnte es denn wohl sein, daß sich auch an Raspes Neun-Millimeter-Heckler & Koch schon keine brauchbare Fingerspur mehr befand, als der Justizvollzugsbeamte Götz sie mit dem Taschentuch aufhob, anstatt die Waffe fachmännisch, wie ein Experte rät, "etwa durch den Lauf mit einem festen Gegenstand anzuheben, der keine Spuren verwischt und auch keine neuen setzt".
* Aus dem daktyloskopischen Archiv des Bundeskriminalamts, das mit Hilfe eines neuentwickelten Klassifizierungssystems die vorhandenen 18 Millionen Abdrücke im Computer speichern kann; Grundlage ist eine Formel zur Beschreibung des jeweiligen Abdrucks, die pro Fingerspur bis zu 100 Buchstaben, Ziffern und Zeichen umfaßt.

DER SPIEGEL 49/1977
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