21.11.1977

FAHNDUNGFrau all

Ein Kölner Beamter, der einen heißen Tip zur Schleyer-Fahndung gab, steht wegen Mißbrauchs des Polizei-Notrufs vor Gericht.
Leopold Färber, Beamter in der Justizvollzugsanstalt Köln-Ossendorf, kam gerade vom Schichtdienst nach Hause, als sein Telephon klingelte. Es war gegen 15 Uhr. Er vernahm kölschen Dialekt: "Ruf zwischen 22 und 23 Uhr die Polizei an und sag, daß Schleyer im Uni-Center ist. Wenn du das nicht tust, dann geht ding Frau all."
So jedenfalls schildert Färber den Hergang, der ihn naturgemäß erschrecken mußte -- die kölsche Drohung "all gehen" bedeutet, daß Schlimmes passieren könnte. "Wer ist denn da? Was soll denn das?" habe er dann geantwortet, doch der anonyme Anrufer sei nicht mehr in der Leitung gewesen.
Färber wartete bis 22.15 Uhr und wählte dann die Polizeinummer 110. Ohne seinen Namen zu nennen, gab er an: "Schleyer befindet sich im Uni-Center." Das war am 15. September 1977; der Arbeitgeber-Präsident war zehn Tage zuvor entführt worden.
Zwar hatte die Polizei keine sicheren Spuren, aber Schleyer wurde zu diesem Zeitpunkt noch in Köln vermutet oder doch in der Nähe. Hochhäuser wie das Uni-Center -- der Kölner Komplex zählt fast tausend Appartements und Wohnungen -- galten als kritische Objekte; die Wohnanlage ist zudem nicht weit vom Tatort entfernt, wo Schleyers Begleiter erschossen wurden.
Neunzig Minuten später war die Polizei an Ort und Stelle -- aber nicht im Uni-Center an der Luxemburger Straße 124 in Köln-Sülz, sondern auf der andern Rheinseite in Köln-Kalk, an der Haustür von Leopold Färber. Er war über eine Fangschaltung als Anrufer ermittelt worden und sollte sich nun zur Sache äußern.
Und da er zur Sache keine anderen Angaben machen konnte als die über den mysteriösen Anruf, den er selber bekommen haben will, war bald nicht mehr vom heißen Tip, sondern von widerrechtlicher Benutzung des Notrufs 110 die Rede: Sein Anruf wurde ihm als Behinderung und Belästigung der Polizei ausgelegt -- Strafanzeige.
In dieser Woche wird verhandelt. Färber ist nach Strafgesetzbuch Paragraph 145 angeklagt: "Wer absichtlich oder wissentlich . . . Notrufe oder Notzeichen mißbraucht", dem drohen bis zu einem Jahr Freiheits- oder Geldstrafe. Und das Absonderliche ist:
Hätte Färber seinen Hinweis über die zentrale Telephonnummer 27 51 des Polizeipräsidiums an die Schleyer-Sonderkommission durchgegeben, wäre ihm die Strafverfolgung erspart geblieben. Denn unter dieser Nummer wurden jegliche Schleyer-Hinweise, auch anonyme, entgegengenommen. Auf 110 aber drückte der Polizeibeamte die Taste für die Anruferermittlung -- wie immer, "wenn er den Eindruck hat, daß ihn einer auf den Arm nehmen will und damit zudem die Leitung blockiert" (ein Polizeisprecher).
So stand Färber schon unter Anklage, als das Schicksal des Entführten noch ungewiß war, und -- im sogenannten beschleunigten Verfahren -- Anfang November auch vor Gericht. Der Schnellrichter kam zum Zuge, weil nach Meinung der Staatsanwaltschaft "der Sachverhalt einfach und die sofortige Aburteilung möglich" war, nach Meinung der Verteidigerin Färbers, Franz-Seher, aber, weil "man damit die peinliche Sache lautlos vom Tisch wischen wollte".
Merkwürdiges gab es in der Tat: Die Presse war über den Termin nicht unterrichtet. Die auf neun Uhr angesetzte Verhandlung begann außerdem fünf Minuten früher; sie war auch bereits nach zwölf Minuten zu Ende.
Die Rechtsanwältin beantragte nämlich Verhandlung vor einem ordentlichen Gericht statt vor dem auf Dirnen, Nepper und Penner spezialisierten Schnellrichter sowie die Ladung leitender Beamter vom Bundesgrenzschutz und Bundeskriminalamt. "Einer Einstellung des Verfahrens würde ich energisch widersprechen", meinte die Anwältin. Und: "Mein Mandant verdient nicht eine Strafe, sondern das Bundesverdienstkreuz."
Denn sie konnte darauf verweisen, daß drei Wochen nach dem Notruf Färbers bei einer Razzia von Kripo und Bundesgrenzschutz im Uni-Center die Wohnung Nummer 2601 in der 26. Etage als Terroristen-Quartier aufgestöbert worden war.
Nicht Färbers Hinweis am 15. September hatte die Aktion ausgelöst. Erst Ende September vielmehr brachte die Routine-Überprüfung aller seit dem 1. Juni geschlossenen Mietverträge des Uni-Centers die Polizei weiter: auf die Spur einer "Barbara Marquardt", die als "wissenschaftliche Assistentin" am 10. August die Miete von 620 Mark sofort akzeptiert und eine Kaution von 1050 Mark bezahlt hatte. Es war, wie sich herausstellte, die steckbrieflich gesuchte Terroristin Adelheid Schulz.
Aber die Wohnung war leer, als die Beamten am 5. Oktober eindrangen. Sie fanden einige Möbelstücke vor, einen Kühlschrank, verdorbene Lebensmittel, drei Matratzen und ein paar Kleidungsstücke -- darunter ein Hemd von Harms Martin Schleyer. Die Spurensicherung ergab" daß die Räume zumindest am Entführungstag noch bewohnt gewesen waren.
Ein paar Tage später, bei einer neuerlichen Großfahndung im Uni-Center" wurde im ersten Untergeschoß der Tiefgarage auf Parkplatz Nummer 135 ein auberginefarbener Alfa Romeo Giulia 1600 Super mit dem falschen Kennzeichen K-XY 847 entdeckt. Das Auto war von Adelheid Schulz benutzt worden, im Wagen lag noch der Kaufvertrag.
Ein "seriös gekleideter" jüngerer Mann, so erinnerte sich der private Verkäufer in Rösrath bei Köln, hatte das Fahrzeug am 23. Juli dieses Jahres ohne Feilschen für 2900 Mark gekauft. Als Käufer wurde alsbald der ebenfalls steckbrieflich gesuchte Terrorist Rolf Heißler ausgemacht. Noch drei Tage vor dem Attentat war der Alfa im Süden Kölns zusammen mit jenem Mercedes gesichtet worden, mit dem die Terroristen dann in Köln-Braunsfeld den Schleyer-Konvoi zum Halten zwangen.
Kein Zweifel also, daß das Uni-Center vor und auch für eine gewisse Zeit nach der Tat zum Bewegungsfeld der Terroristen gehörte -- Grund genug für die Rechtsanwältin Franz-Seher, die Telephon-Aktivitäten ihres Mandanten positiv, jedenfalls nicht strafrechtlich zu würdigen.
Sie will dem Gericht in dieser Woche erklären, möglicherweise hätten Kölner Ganoven, aufgescheucht durch die verdeckte Dauerfahndung in Köln, etwas über Terroristen im Uni-Center in Erfahrung gebracht und dies auf dem Umweg über einen Beamten, den sie womöglich aus eigener Haftzeit als zuverlässig in Erinnerung hatten, der Polizei mitteilen wollen.
Die Kölner Polizei, die den Tip damals an die zuständige Sonderkommission weiterreichte, tut den Informanten Färber indessen als "Scherzbold" und "Wichtigtuer" ab (so ein Polizeikommissar). Zudem habe er sich bei seinem Anruf mit den Worten "Hier ist die RAF" gemeldet.
Das freilich war ihm in der Vernehmung nicht vorgehalten worden, die -- von Färber bestrittene -- Behauptung fand sich erst in der knappen Anklageschrift. Und wenn schon: In der ersten Fahndungsphase war jeder Hinweis wichtig, die RAF-Zitierung hätte eher alarmierend wirken müssen.
Die Anwältin sieht denn auch in dem neuen Prozeß die Position ihres Mandanten in jedem Falle besser als die der Polizei: "Wird Färber bestraft, dann traut sich niemand mehr, der Polizei anonyme Hinweise zu geben, wie sie seit der offenen Fahndung sogar erwünscht sind. Wird Färber freigesprochen, dann gesteht die Polizei einen Riesenfehler in der Terroristenfahndung zu."

DER SPIEGEL 48/1977
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