21.11.1977

Heroin: Die Türken kommen

Der westdeutsche Heroinmarkt wird neuerdings von Türken beherrscht. Sie haben -- so in Frankfurt -- Israelis und Araber verdrängt und den Rauschgifthandel derart intensiviert, daß Westdeutschland als Umschlagplatz schon mit den führenden Niederlanden konkurriert. Der Türken-Stoff, hochkonzentriert, ist besonders gefährlich.
Einst baute Ismail Karaca*, 44, auf den Feldern von Tirebolu in der türkischen Provinz Giresun Haselnüsse an. Dann rangierte er auf dem Bahnhof im westfälischen Hamm Güterwaggons und schleppte in einem Walzwerk Eisenträger, bis ihm "die Arbeit zu schwer" wurde.
Karaca machte es sich leichter. Mitte Mai dieses Jahres packte er einen Plastikbeutel mit 2,8 Kilogramm Herom auf den Rücksitz seines Wagens, deckte die Ware mit einem Bündel Bananen zu und fuhr von Hamm zu einem Treff mit deutschen Dealern nach Duisburg. Am Autobahnkreuz Kaiserberg wurde der Türke bei einer Verkehrskontrolle festgenommen.
Schon lange prahlte Emin Demir, 46, bei Trinkgelagen mit türkischen Landsleuten, er wäre "längst Millionär", wenn ihm jemand das in der Heimat besorgte Heroin abnehmen würde. Aus einem Strumpf kramte Demir eine Probe hervor und bezog Prügel -- der Stoff bestand aus Milchpulver.
Da machte der Türke ernst. Er flog nach Istanbul, belieh seinen Grundbesitz em Bosporus und kaufte drei Kilogramm Heroin. Demir ließ sich als Versteck einen Leibgurt anfertigen und fuhr mit der Bahn in die Bundesrepublik zurück -- eine beschwerliche Reise, weil er "durch die große Hitze am Bauch wund" gerieben wurde. Vor Übergabe des Stoffs griff ihn die Polizei.
Bereits in den sechziger Jahren war Ah Erkovan, 41, im Rauschgifthandel tätig. Nach Verbüßung einer Haftstrafe in Jugoslawien zog es den Türken nach Rotterdam, wo er ein Café aufmachte -- eine Kontaktstelle für Heroinlieferanten und Abnehmer.
Jetzt orientierte sich Erkovan wieder heimwärts. In Istanbul übernahmen Landsleute für ihn Heroin im Wert von 1,5 Millionen Mark, stopften den Stoff in den Heizungsschlauch eines Mercedes und transportierten die heiße Ware durch den Balkan bis ins Schließfach Nr. 2320 auf dem Frankfurter Rhein-Main-Flughafen. Beim Versuch, das Pulver loszuschlagen, gerieten Erkovan und seine Helfer Anfang August an zwei Polizeiagenten.
Die Fälle sind symptomatisch. Türken von jedem Schlag, Ganoven mit Vergangenheit wie Grünlinge, denen der Job nicht mehr genug abwirft, machen sich auf dem deutschen Rauschgiftmarkt breit. Sie überschwemmen die Szene mit Heroin aus dem Mittleren und Nahen Osten, kommen über Land und Wasser, fallen mit dem Jet ein und rollen im Hellas-Express an, den Stoff versteckt in Bowlingkugeln und Kehrichtbesen.
Kaum ein Tag, an dem Fahnder im Bundesgebiet nicht einen Deal mit türkischer Teilnahme aufdecken, einen Kurier aus Istanbul abfangen oder einen ganzen Ring türkischer Rauschgifthändler sprengen. Beispiele aus den letzten Monaten:
* In einem Münchner Park beobachtete die Polizei zwei Türken, Vater und Sohn, die auf einer Bank Vögel fütterten. Plötzlich ging einer ins Gebüsch und holte 1,5 Kilogramm Heroin. In ihren Socken hatten die beiden je 10 000 Mark versteckt. > Auf dem Frankfurter Flughafen entdeckten Zollbeamte im doppelten Kofferboden eines Passagiers
Die Namen der Türken sind geändert.
aus Istanbul 2,5 Kilogramm Stoff. Der 65 Jahre alte Türke, ehemals Polizeibeamter, täuschte einen dienstlichen Fahndungsauftrag vor. > Von einer Kneipe in der Berliner Stromstraße fuhren mehrere Türken mit zwei Kombiwagen nach Neukölln und Tempelhof. Unterwegs hielten die Fahrzeuge vor verschiedenen Gaststätten -- einer stieg aus und brachte ein paar Briefchen Heroin ins Lokal.
Das häuft sich. Rund 50 Kilogramm des gefährlichen Mohnprodukts stellten bundesdeutsche Fahnder in diesem Jahr bei türkischen Importeuren und Verteilern sicher. Was unbemerkt bis in die oft tödliche Spritze des Fixers gelangt, liegt ein Vielfaches darüber. Die Türken beherrschen, wie BKA-Fahnder schätzen, derzeit 85 Prozent des Heroinmarktes im Bundesgebiet.
Die Frankfurter Szene, früher von Israelis und Arabern gleichermaßen gut versorgt, bezieht jetzt, so der Frankfurter Kriminaloberkommissar Peter Loos, "die Masse aus türkischen Händlerkreisen". In Berlin, wegen seines reichhaltigen und preisgünstigen Angebots vielen Fixern eine Reise wert, waren unter den 237 in diesem Jahr ertappten Rauschgifttätern weit mehr als die Hälfte türkische Staatsangehörige, Gastarbeiter auch, so der Berliner Rauschgiftfahnder Hans-Werner Lukas, "die nur ein kleines Zusatzgeschäft machen wollen".
Die Händler stießen, analysiert Erich Strass, Leiter des Rauschgiftdezernats im Bundeskriminalamt (BKA), den
* Dezernats-Chef Erich Strass (l.). Referent Hans Georg Fuchs bei der Präsentation von beschlagnahmtem Rauschgift und Dealer-waffen.
Markt, "in ein Vakuum, das die Chinesen hinterlassen haben". Noch im vergangenen Jahr waren 80 Prozent des im Bundesgebiet beschlagnahmten Heroins aus fernöstlichen Gefilden eingeschleust worden. Den im "goldenen Dreieck" (Burma, Thailand, Laos) produzierten, in den Giftküchen von Hongkong aufbereiteten Stoff schmuggelten vorwiegend chinesische und malaysische Kuriere zum europäischen Umschlagplatz Amsterdam.
Der Rückzug der Chinesen kam zwangsläufig. Holländische und deutsche Fahnder, oft gemeinsam auf Suche, brachten die Rauschgiftroute Hongkong -- Amsterdam -- Bundesrepublik immer besser unter Kontrolle. So spürten holländische Beamte vergangenen März im Hafen von Rotterdam 126,9 Kilogramm Heroin auf -- eine Menge, die ganze Fixerkolonien über Monate high machen könnte.
Lieferanten des bislang größten Heroinfundes in Holland waren die beiden Chinesen Jacky Yeung und Eddy Wong. Mitte Oktober wurden sie zu je neun Jahren Freiheitsentzug verurteilt, die bislang höchste Strafe, die ein niederländisches Gericht gegen Drogenhändler verhängte.
Mangelnder Nachschub für den holländischen Markt trieb die Preise in die Höhe (bis zu 1000 Mark für das Gramm), brachte die Türken auf den Plan -- und wieder einmal in Verruf. Auf den Feldern Anatoliens, rund um die Stadt Afyon (zu deutsch: Opium), blühte der schwarze Mohn, aus dem Bauern den Opiumsaft zogen. Der Extrakt wurde, zu Rohopium getrocknet, von Gangstersyndikaten nach Marseille verschifft und dort für den Markt in den USA zu Heroin verfeinert.
Die "French Connection" riß, als die türkische Regierung im Jahre 1971 nach einem Deal mit den suchtgeplagten Amerikanern den Mohnanbau stoppte -- gegen 35 Millionen Dollar Entschädigung. Doch seit zwei Jahren wachsen die Pflanzen wieder in den sieben Provinzen Anatoliens, freilich unter verschärfter staatlicher Kontrolle.
Die Auflagen der Behörden an die Bauern: Die Mohnkapseln dürfen nicht mehr angeritzt werden, nur noch heile Pflanzenköpfe kauft der Staat für medizinische Zwecke auf. Spezialflugzeuge sollen getarnte Mohn felder entlarven.
Gleichwohl, so argwöhnten vor allem US-Politiker, fließt noch genug Saft aus türkischen Kapseln in falsche Kanäle. Sichere Erkenntnisse über die Anbaugebiete freilich fehlen. BKA-Fahnder Strass hielte es für wenig ergiebig, wenn in Anatolien "ein Bäuerlein in irgendeiner Ecke noch ein bißchen Opium für die Händler herstellt". Es sei bei den scharfen Überprüfungen, so Strass, "viel bequemer, ungefährlicher und billiger", den Stoff in anderen Gebieten zu beschaffen, in Afghanistan etwa, Pakistan oder Iran.
Bundesdeutsche Rauschgiftfahnder sammelten bei ihren jüngsten Aufgriffen immerhin Spuren, die in den Süden der Türkei führen: in ein Gebiet nahe der Grenze zu Syrien. Hier vermuten BKA-Beamte die Labors, in denen das Heroin aufbereitet wird -- Ware bester, also schlimmster Qualität.
Das im Gegensatz zu den klumpigen "Hongkong-Rocks" sehr feine Pulver, bräunlich bis weiß, zeichnet sich durch höchste Reinheit
aus. Konzentrate bis zu 90 Prozent werden in Umlauf gebracht und erhöhen die Gefahr der Überdosierung beim Fixer. Ermittler Strass: "Je höher der Grad der Reinheit, um so schmaler der Grad, auf dem sie wandeln."
Schwierigkeiten bereitete den Süchtigen bislang, das nahöstliche Pulver für den Schuß zu verflüssigen; Vitamin-C-Präparate oder Zitronensaft dienten als Lösungsmittel. Solche Zutaten sind jetzt überflüssig. Die Organisationen im Osten haben, so die Erkenntnis der Rauschgiftexperten, qualifizierte Chemiker angeheuert: Korsen aus den Zeiten der "French Connection".
Achtsam gehen die Händler vor, wenn sie im Bundesgebiet einen Brocken an deutsche oder amerikanische Dealer absetzen. Türkische Spezialitäten: penible Prüfung der Abnehmer, ausgedehnte Gegenobservation vor der Übergabe -- Eigenschaften, die Fahnder in diesem Ausmaß noch bei keiner anderen ausländischen Gruppe ausmachten.
Man muß, erfuhr ein in Frankfurt stationierter Agent der amerikanischen Drug Enforcement Agency (DEA), "lange mit denen herumspielen". Und BKA-Ermittler Werner Pietrzik stellte fest, daß sie vor der Übergabe schon mal "einen leeren Koffer zum Test hinstellen".
Geradezu typisch, was Fahnder nach einem Tip aus der Unterwelt am 1. August auf dem Frankfurter Flughafen bei einem Scheinkauf beobachteten. Während im Zimmer 521 des Sheraton-Hotels der Boß der Bande die Verhandlungen mit zwei Polizeiagenten hinauszögerte, sondierten die Komplizen das Terrain. Polizeibeamte, die fünf Helfer beschatteten, registrierten: Ab etwa 15.00 halten sich die Personen 3 und 4 in unmittelbarer Nähe des hellgrauen Mercedes-Pkw auf. Sie nehmen vorerst keine Verbindung auf. Sie beobachten aufmerksam die vorbeigehenden Fluggäste. Gegen 15.30 betreten Personen 1, 3 und 4 die Abflughalle B und beobachten den Personenverkehr. Person 5 hält sich beobachtend im Bereich des Schalters der Turkish Airlines auf. Und sechs Stunden später:
Zwischenzeitlich erschienen die Personen 4 und 6 wieder in der Halle und gingen, dort erneut ihre Umgebung beobachtend zwischen den Toren 5 und 6 hin und her. Gleichzeitig kam aus Richtung Cafeteria-Transiträume die Person 5 zurück, begab sich zu einer Sitzgruppe an Tor 5 und setzte sich dann in einen Sessel. Die Person 2 zündete sich eine Zigarette an und gab in Blickrichtung ein Handzeichen. Nicht immer können Fahnder die Händler und Helfer so leicht im Auge behalten. In den Türkenvierteln der Großstädte, hinter dem Frankfurter Hauptbahnhof oder in Berlin-Kreuzberg, ist für die Dealer gut unterkommen.
Die Geschäftemacher rekrutieren sich, wie Oberkriminalrat Konrad Beer vom Bayerischen Landeskriminalamt erforschte, "nicht aus den braven Gastarbeitern, die den Dreck wegräumen -- Im Restaurant "Bosporus" oder im Hotel "Bahnhof" finden die Hintermänner aber leicht Kontakt zu Landsleuten, die sich illegal im Bundesgebiet aufhalten, arbeitslos oder ihres Jobs überdrüssig sind. Manch einer erliegt dann schnell den Verlockungen.
Ein Beamter in Berlin, wo allein 85 000 Türken leben, sieht schon "ein neues politisches Problem" auf die Stadt zukommen. Ferit Ablum, der in Frankfurt ein türkisches Restaurant betreibt, schimpft auf die Händler: "Die machen uns doch alles kaputt." Und schon zeichnet sich ab, daß sich das Zentrum des europäischen Heroinhandels verlagert -- von Holland nach Deutschland.
An der holländischen Grenze wurden Ende Oktober 1,5 Kilogramm Heroin in einem Hamburger Wagen sichergestellt, der auf der Fahrt nach Utrecht war. In Kehl fanden Zollfahnder im Kaffeeglas eines Türken 630 Gramm. Die Fracht sollte über den Rhein.

DER SPIEGEL 48/1977
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