05.12.1977

Die Rollen sind verteilt

Zielsicher mehrte die Allianz-Versicherung Macht und Geld. Gemeinsam mit ihrem Schwester-Unternehmen Münchner Rück halt sie etliche Beteiligungen an Industrie-Konzernen. Im Versicherungsgeschaft ist sie ohnehin die Größte: Sie deckt ein Risiko-Volumen von 700 Milliarden Mark ab, gut das Vierfache des Bundeshaushalts.
Im Saal der Könige der spanischen
Hofburg zu Segovia erlebten 286 Auserwählte die Krönung ihrer Laufbahn -- auf harten, von Soldaten in Militärlastern herbeigekarrten Holzstühlen.
Die in schwarzes Tuch gekleideten Gäste empfingen die Weihen eines firmeneigenen Ordens und eine Goldmedaille mit der Einprägung "für hervorragende Leistung": Wolfgang Schieren, Generaldirektor des Münchner Versicherungs-Imperiums Allianz, ließ Mitte Oktober seine erfolgreichsten Policen-Jäger mit der auf zwölf Monate befristeten Mitgliedschaft in dem nach einem seiner Amtsvorgänger benannten "Dr. Hans-Heß-Club" auszeichnen.
Der Elitestempel auf Bewährung, in den Club-Statuten zum Inbegriff des "Gefühls der Solidarität und der Zugehörigkeit zur Allianz" geadelt, hält ein Heer von über 40 000 hauptberuflichen Akquisiteuren auf Trab. Jahr um Jahr versuchen sie, die Macht und die Milliarden des größten Versicherungs-Konzerns zu mehren.
Über beides verfügt der unter dem staatstragenden Adler-Emblem firmierende Alles-Versicherer schon heute reichlich. Fast zehn Milliarden Mark Prämien kassiert der unauffällige, aber in seiner Finanzhoheit unangefochtene Anführer des europäischen Geldadels pro Jahr -- dreimal mehr als die beiden Branchen-Verfolger Colonia und Gerling. Kaum ein Geschäft bleibt von den Allianz-Akquisiteuren unberücksichtigt: Wo immer neue Risiken auftauchen, ist Schierens Vertreter-Heer zur Stelle.
Der Münchner Moloch schützt in 40 Millionen Einzelverträgen die auf Sicherheit eingeschworenen Wohlstandsbürger vor den Folgen von Krankheit und Feuer, Einbruch und Wasserschäden, Altersarmut und Autounfällen, Flugzeugabstürzen und Atomverseuchungen, Gerichtsprozessen und Pillen-Katastrophen.
Der Firmenslogan, bescheiden, aber einprägsam in TV-Spots und auf Streichholzschachteln präsentiert, steht längst für alle Fälle: "Hoffentlich Allianz versichert".
Alles in allem deckt der Konzern ein Risikovolumen ab, das Bonns letztes Bundesbudget um mehr als das Dreifache übertrifft: 700 Milliarden Mark.
Den neuesten Verkaufs-Vorstoß plant der Konzern zum Jahreswechsel mit Hilfe des Hamburger Otto Versandes: Die "qualifizierten Nebenberufsvertreter des Versandhauses" sollen nach Plänen von Allianz-Vorstand Arno Paul Bäumer gezielt Otto-Kunden ansprechen und so die Prämieneinnahmen des Allianz-Ablegers Frankfurter Versicherung in den Wachstumssparten Unfall, Haftpflicht und Rechtsschutz mehren.
Auch auf der anderen Seite des Geschäfts, dem Anlegen der eingenomme-
* Von links: Kurt Hansen (Bayer), Franz Heinrich Ulrich (Deutsche Bank), Alois Alzheimer (Münchner Rückversicherung), Hans-Günther Sohl (Thyssen) auf der Hauptversammlung 1975.
nen Prämien, halten sich die Allianz-Männer nicht mit Kleinigkeiten auf. Zielstrebig bringt das Versicherungsunternehmen immer neue Anteile von hochklassigen Industrie-Konzernen unter seine Kontrolle.
Schierens nächster Vorstoß: der Einstieg in Deutschlands führende Rüstungs- und Raumfahrtgruppe Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB). Das neue Engagement (geplanter Allianz-Anteil: etwa acht Prozent) ist auch für den Allianz-General eine Premiere: Hatte sich die Versicherung bislang nur in reine Privatunternehmen wie die Stahlfirma Thyssen oder den Maschinen- und Anlagenbau-Konzern Gutehoffnungshütte GHH eingekauft, so steigt sie nun in eine Firma ein, deren Geschäfte von Rüstungsaufträgen und Staatseinflüssen abhängen.
Der schier unerschöpfliche Millionenquell für derlei Industrie-Engagements sprudelt vor allem aus den vier Schlüsselsparten des vielfach verflochtenen Prämien-Primus:
>der industriellen Feuer- und sogenannten technischen Versicherung (13,4 und 38 Prozent Marktanteil), bei denen die Allianz-Manager gut eine halbe Milliarde Mark einnahmen;
* der Unfall- und Haftpflichtversicherung (25 und 22 Prozent), die den Münchnern 1976 fast eine Milliarde Mark in die Kassen schwemmten;
* der Kraftfahrzeug-Versicherung (Marktanteil: 19 Prozent), die sich in der Prämien-Statistik mit stolzen zwei Milliarden Mark niederschlug, sowie
* der Lebensversicherung (Marktanteil: 24 Prozent), wo es der Allianz-Konzern einschließlich seiner Beteiligungsfirmen Hamburg-Mannheimer und Karlsruher Leben auf vier Milliarden Prämienmark brachte. Selbst vor den kaum einschätzbaren, in jedem Falle aber gigantischen Versicherungsrisiken, etwa der Schadensgarantie für Kernkraftwerke wie Biblis oder riesige Nordsec-Bohrinseln (Baukosten: jeweils zwei Milliarden Mark), braucht sich Schieren nicht zu scheuen: Über eine Sehachtelbeteiligung (25 Prozent) an der Münchner Rück ist er mit dem größten Rückversicherer der Welt engstens liiert.
Prämieneinnahmen von gut fünf Milliarden Mark (1976) machten diesen Versicherer der Versicherungen zu einem lohnenden Partner: Bei der Münchner Rück, die ihrerseits 25 Prozent des Allianz-Kapitals hält, kann sich die Allianz bei übergroßen Schadensrisiken absichern. Die Münchner Rück gibt dann einen Teil des Versicherungsvolumens an andere Partner gegen Beteiligung an den Prämieneinnahmen weiter.
Gemeinsame Sache machen die beiden "Münchner Schwestern" auch bei der Kontrolle wichtiger Tochtergesellschaften. So führen Allianz-80ß Schieren und der Chef der Münchner Rück Horst Jannott, kollegiale Konzernregie bei der Stuttgarter Allianz Leben, bei der Frankfurter Versicherungs AG sowie bei Karlsruher und Hamburg-Mannheimer. Gemeinsam halten sie auch die Mehrheit an der DKV in Köln, Europas größtem Krankenversicherer.
Der milliardenschwere Zweibund aus Allianz und Münchner Rück verdankt sein Entstehen einer Fehlkalkulation, die ausgerechnet einem der trick- und einfallsreichsten Geldmänner Westdeutschlands unterlief: August von Finck, bayrischer Privatbankier und Milliardär, wollte nach dem heimlichen Ankauf von fast 40 Prozent aller Allianzaktien Mitte der fünfziger Jahre die Alleinherrschaft in dem Prämien-Imperium übernehmen.
Doch die Machtübernahme mißlang -- wegen einer Eigenart des Versicherungsgeschäfts. Die meisten Assekuranz-Aktien nämlich sind sogenannte vinkulierte Namensaktien. Jeder Besitzwechsel dieser Papiere muß von dem Käufer dem Unternehmensvorstand gemeldet und von der Firmenleitung genehmigt werden.
Genau diese Erlaubnis aber wollten die um eine Finck-Vorherrschaft besorgten Vorstände des Versicherungstandems nicht erteilen. Genervt trat der abgeschmetterte Bankenbaron seine Allianz-Papiere bis auf fünf Prozent an einen von der Deutschen und Dresdner Bank angeführten Bankenpool ab.
Zusammen mit der Bayerischen Vereinsbank besitzen die beiden größten deutschen Privatbanken seither knapp ein Drittel aller Allianz-Anteile -- zum
* Container-Frachter.
Wohle ihrer Bilanzen: Der Wert ihrer Aktienpakete stieg um nicht weniger als das Fünfzehnfache. Vereinsbank-Senior Werner Premauer: "Eines unserer besten Geschäfte."
Die glücklichen Bankiers können den "siamesischen Zwillingen" (Branchenjargon)jedoch kaum hineinregieren. Denn die beiden Versicherungen haben ihrerseits Aktien ihrer Besitzer aufgekauft. Mit Beteiligungen von jeweils knapp zehn Prozent zählt das bayrische Duo zu den größten Einzelaktionären der drei mächtigen Banekonzerne.
Die Creme des deutschen Finanz- und Industrieadels drängt sich auf die mit 28 500 Mark Jahrestantieme dotierten Kontrollposten der Allianz. Thyssen-Altvorsitzender Hans-Günther Sohl und Elektro-Patriarch Peter von Siemens gaben sich ebenso die Ehre wie Egon Overbeck von Mannesmann, Bayer-Chefkontrolleur Kurt Hansen und Hans Merkle von Bosch. Neuester Rats-Kandidat: Nachwuchs-Bankier und
Ponto-Nachfolger Hans Friderichs, der neben seinem Hauptkonkurrenten Wilfried Guth von der Deutschen Bank Platz nehmen soll.
Während die Allianz-Führer stets darauf achteten, den Einfluß der beiden Großbanken unter Kontrolle zu halten, geriet die Münchner Schwester zunehmend in die Machtsphäre der von Friderichs-Vorgänger Jürgen Ponto ehrgeizig geführten Dresdner Bank. Anstelle des ermordeten Großbankiers übernahm jüngst der mit der Dresdner eng liierte ehemalige Hoechst-Chef Karl Winnacker den Vorsitz im Rück-Rat. Mit ihm am Tisch sitzt Thyssen-Chef Dieter Spethmann, an dessen Stahlkonzern die Dresdner als Hausbank verdient. Noch in diesem Dezember wird auch Helmut Haeusgen, Interims-Chef der Dresdner Bank, in das Kontrollgremium der Münchner Rück einziehen.
Für die Rückversicherung der Münchner ist gesorgt. Rück-Chef Jannott sitzt im Verwaltungsrat der Dresdner. Wenige hundert Meter weiter, beim Konkurrenten Deutsche Bank, wirkt Kollege Schieren als Vize des erlesenen "Beraterkreises der Gesamtbank".
Ganz nach Art der Banken berufen auch die Allianz-Gewaltigen ihre Industrie-Klientel in eine Vielzahl von kontaktfördernden Beiräten. Vom hanseatischen Zigaretten-Konsul Friedrich Kristinus bis zum bayrischen Postkutschen-Prinz Johannes von Thurn und Taxis, vom Duisburger Stahlhändler Jörg Henle bis zum Berliner Springer-General Peter Tamm treffen sich zweimal jährlich 151 Prämienzahler zu Fachvorträgen und Manager-Buffets.
Diese Séancen können wichtig werden. Viele Beiräte nämlich erhalten neben rund 3000 Mark Beirats-Tantiemen fürs eigene Konto stattliche Firmenkredite, die sie noch enger an den Assekuranz-Konzern binden.
Zusammen mit ihren Kollegen von der Münchner Rück pumpten die Allianz-Geldverleiher Darlehen, Schuldscheine und Hypotheken im Wert von gut sechs Milliarden Mark in die Wirtschaft.
Allein für Schiffshypotheken und Flottenkredite warf Konzern-Boß Schieren mehrere hundert Millionen Mark aus, vor allem für Hapag-Lloyd, die Deutsche Dampfschifffahrt-Gesellsehaft "Hansa" und die Reederei-Gruppe Essberger. Ihren Dank statteten die expansiven Großreeder auf Hanseaten-Art ab: Bei der Taufe des Supertankers "Wilhelmine Essberger" vor zwei Jahren durfte Schieren-Gattin Anneliese die Sektflasche gegen den Bug des Riesen schleudern.
Daneben schleusten Schierens in München und Stuttgart residierende Geldverwalter über 2,5 Milliarden Mark in Grundstückskauf und Bauprojekte.
Aus insgesamt 29 475 Mietwohnungen kassieren die Großgrundbesitzer jährlich über 215 Millionen Mark Miete. Das klotzige Bonner Presse-, Regierungs- und Hotelzentrum "Tulpenfeld" gehört ihnen ebenso wie aufwendig gebaute Wohnparks in den besten Lagen von Köln, Stuttgart und München. Erst in diesem Frühsommer kauften die Stuttgarter der SPD-eigenen Buchdruckerei und Verlagsanstalt Auerdruck für 26 Millionen Mark das Hamburger Pressehaus ab.
Das Führungskorps des Konzerns selbst residiert unter dem Wappen des Adlers zumeist in den teuersten City-Lagen deutscher Großstädte. In Köln hält Schierens Regionalfürst Ernst Wunderlich am repräsentativen Kaiser-Wilhelm-Ring in einem Kolossalbau die Stellung. Sein Frankfurter Kollege Prosper Graf zu Castell-Castell residiert direkt an der Oper, und in Stuttgart hält Landesdirektor Gerhardt Brühl im klassizistischen Prunkbau an der Remsburgstraße hof. Am Hamburger Großen Burstah setzten sich die Münchner mit einem hypermodernen Laden- und Büropalast auf einer schwimmenden Betonwanne (Baukosten: über 30 Millionen Mark) ein besonders kostspieliges Denkmal ihrer Marktführerschaft.
Über ihre sechs Zweigniederlassungen (Hauskürzel: "ZN"), 146 Bezirksdirektionen und 1400 örtliche Inspektorate versuchen die Allianz-Akquisiteure, ihre ohnehin unbestrittene Spitzenposition auszubauen und der Konkurrenz weitere Marktanteile abzunehmen. Helmut Bossenmaier, Vertriebschef und Koordinator der gesamten Konzernplanung, beschreibt die aggressive Verkaufsstrategie in der leisen Tonlage der Branche: " Bis vor zwei Jahren rangierte bei uns noch eindeutig die Formel Rendite vor Umsatz."
Ihre Offensive starteten die Allianz-Strategen auf dem hart umkämpften Automarkt, um den sich fast alle großen Versicherer bemühen. Sie mobilisierten ihr Vertreterheer, insgesamt 48 000 haupt- und nebenamtliche Verkäufer. durch vierstellige Erfolgsprämien. Dann, im März dieses Jahres, schockten sie die gesamte Konkurrenz durch eine überraschende Rückvergütung von teilweise über zehn Prozent der Jahresprämien.
Zugleich versuchten die Allianz-Manager, auf die Kosten zu drücken. Schon frühzeitig zogen sie in allen Großstädten einen Schaden-Schnelldienst auf, der Bruch und Beulen taxiert, noch ehe Werkstätten überzogene Rechnungen präsentieren können.
In einem "Allianz Zentrum für Technik" in München simulieren Ingenieure und Wissenschaftler auf einer speziellen Crash-Strecke Unfälle. Sie testen Material und Sicherheit gängiger Pkw-Modelle und konzipieren für die Autokonzerne reparaturgerechtere Verarbeitung und Ersatzteile.
Stolzere Zuwachsraten noch versprechen sich die Münchner von der Sparte Lebensversicherung, in der, so Allianz-Vertriebschef Bossenmaier, "noch ein Marktpotential bis zu 50 Prozent des bisherigen Geschäftes zur Verteilung ansteht". Zusammen mit den sechs regionalen Statthaltern des Konzerns studierte Schierens oberster Absatzplaner ein Konzept ein, mit dem die ohnehin im Lebensversicherungs-Geschäft übermächtigen Branchenführer im kommenden Jahr noch einmal 15 bis 20 Prozent zulegen wollen.
Schon jetzt haben sechs Millionen Deutsche die Vorsorge für Alter und private Schicksalsschläge in die Obhut der in Stuttgart residierenden Konzern-Tochter "Allianz Leben" gelegt- mit einem Vertragsvolumen von fast 70 Milliarden Mark.
Den Finanzplanern kam der Geldstrom gerade recht: Sie machten aus den Prämien ein Vermögen aus Grundstücken und Industriebeteiligungen. Wertpapieren und Hypotheken, das mit 16 Milliarden Mark mehr als dem doppelten Börsenwert von Daimler-Benz entspricht.
Auf einem ähnlich hohen Policenberg wie die Stuttgarter thronen die Bosse der vier anderen Lebenstöchter: außer der Hamburg-Mannheimer und Karlsruher die Berlinische und die Wüstenrot Leben.
Um sein Firmenquintett in Hochform zu halten, läßt Arno Paul Bäumer, Schierens Sparten-Chef, die Konzernfirmen unter vollen Konkurrenzbedingungen gegeneinander kämpfen. Mit den härtesten Bandagen ficht dabei die Hamburg-Mannheimer um Marktanteile. Sie übertraf in den letzten drei Jahren die Zuwachsraten der Mutter stets um 100 Prozent -- und riskierte gelassen einen handfesten Krach mit dem Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen. Präsident Walter Rieger ließ die an 105-Vorbildern orientierten anstößigen Werbe- und Vertriebsmethoden des Unternehmens untersagen (SPIEGEL 44/1977).
Das Münchner Stammhaus selbst dominiert mit einem Marktanteil von 90 Prozent den Schadenschutz beim Kraftwerkbau. Die Münchner Rück verkauft über ihre Tochter Europäische Reiseversicherung alle Policen für Gepäck und Reisende.
Die Allianz Leben schließlich hat sich das Presseversorgungswerk vorbehalten, das die Alterssicherung der deutschen Journalisten reguliert.
Wenn es ums internationale Großgeschäft geht, marschieren die beiden Münchner Schwestern gern im Gleichschritt. Allianz und Münchner RUck versichern als Mehrheitsgesellschafter der Hermes Kreditversicherung im staatlichen Auftrag deutsche Exportgeschäfte gegen politische und wirtschaftliche Risiken.
Ihre engen, durchs Policen-Geschäft gepflegten Verbindungen zur Großindustrie nutzte die Allianz in den letzten Jahren zu einer Reihe spektakulärer Beteiligungen an namhaften deutschen Konzernen. Für die Anlage eines hochwertigen Beteiligungs-Portefeuilles engagierte Vorstands-Chef Schieren einen Industrie-Experten: Klaus Götte, bis 1972 Finanz-Chef bei Krupp.
Der gelernte Bankier begann unverzüglich, faule oder unattraktive Firmen-Engagements abzustoßen und nach rentierlicheren Einstieglöchern in die Industrie zu suchen. So trennte sich Götte von Aktienpaketen der Essener Stern-Brauerei, der Portland-Cementfabrik Hardegsen, der Wiesbadener Mayo-Klinik und des Fertighaus-Produzenten Rolu.
Vor drei Jahren schlug der ehemalige Kruppianer gar die Allianz-Beteiligung an der Edelstahlschmelze Stahlwerke Südwestfalen los -- an seinen ehemaligen Arbeitgeber Krupp.
"Um nicht politisch Anstoß zu erregen" (Götte), senkten die vorsichtigen Allianz-Disponenten allzu einflußreiche Industrie-Bastionen auf optisch gefälligere Minderquoten ab.
So verkauften sie im Sommer 1975 fast die Hälfte ihres 48-Prozent-Anteils an der Düsseldorfer Energieholding Conti-Gas an die Ruhrkohle AG. Etwa gleichzeitig strich Götte bei Europas führendem Maschinenbau- und Industrieanlagen-Konzern, der Oberhausener GHH, den Allianz-Part zusammen. Götte: "Als Versicherung wollen wir woanders nicht mehr soviel unternehmerische Verantwortung tragen."
Schierens Pakethändler suchen seither nach "kleineren, überschaubaren Industrie-Engagements, die man leicht wieder veräußern kann". Am liebsten sind ihnen lene Firmen, bei denen bereits ein professioneller Industrie-Partner den Ton angibt. Musterfall: Die Allianz kaufte vor zweieinhalb Jahren ein Firmen-Viertel der Frankfurter Energieholding Lahmeyer (Jahresumsatz 1976: 106 Millionen Mark), die vom Essener Stromkonzern RWE beaufsichtigt wird.
Nur Aufsichtsrats-Chef Hans-Günther Sohl gelang es, die Allianz-Aufkäufer von ihren Beitritts-Prinzipien abzubringen. Als bei Sohls Thyssen-Konzern vor zwei Jahren die in Südamerika lebenden Thyssen-Erben bei der fälligen Kapitalerhöhung nicht mehr mitziehen wollten und dadurch auf eine steuerlich ungünstige Anteilsquote von unter 25 Prozent abzusinken drohten, sprach Sohl in München vor. Der Besuch lohnte sich. Obwohl bei Deutschlands führendem Stahlkonzern keine andere Firma nennenswerte Aktienposten besitzt, beteiligte sich Götte mit rund 100 Millionen Mark an der Gesellschaft der Erben und erwarb damit einen 4,8-Prozent-Anteil an Thyssen.
Mit ähnlichen Offerten anderer Konzerne dürfen die Milliarden-Verwalter rechnen. Immer mehr Großunternehmen nämlich können den nötigen Kapitalnachschub nicht mehr aus eigener Kraft durchhalten und müssen sich nach neuen Partnern umsehen. Andererseits fallen die wegen ihres industriellen G roßbesitzes ins politische Schußfeld geratenen Universalbanken als Paketaufkäufer häufig aus.
Um die Kritik an ihrer Allmacht abzufangen, placierten die beiden größten Banken bereits geräuschlos erste Großpakete in München. So trat im Frühjahr die Dresdner Bank einen Teil ihrer Beteiligung an der Düsseldorfer Chemie-Holding GFC an die Münchner Rück ab: Die von dem rheinischen Weißmacher-Konzern Henkel majorisierte Beteiligungsfirma ist mit über 25 Prozent einziger Großaktionär der Frankfurter Edelmetall-Schmelze Degussa.
Schwester Allianz griff zu, als die Deutsche Bank ihren auf 57 Prozent angewachsenen Daimler-Anteil kräftig reduzierte und bei Schieren wegen Übernahme eines 115 Millionen teuren Aktienpostens vorsprach. Erst als sich Bonn weigerte, das Geschäft nach dem Steuer-Spar-Paragraphen 6b zu belohnen, machte Götte das Geschäft wieder rückgängig:., Durch das Bonner Nein kamen wir nicht mehr auf unsere Mindestrendite von sieben Prozent."
Wo immer der über eine Dispositionsmasse von 22 Milliarden Mark verfügende Finanzchef aufkreuzt, hat er neben Spitzenrenditen ein zweites, gleichrangiges Ziel im Sinn: Als Teilhaber können die Versicherungs-Chefs mühelos das Management der Konzerne von den Vorteilen der Allianz-Policen überzeugen. Vertriebsvorstand Bossenmaier: "Sobald Herr Götte irgendwo eingestiegen ist, haben wir den Brief im Kasten."
Erst jüngst demonstrierten die Bayern die Vorzüge der Doppelstrategie: Der Stahlkonzern Thyssen (Allianz-Beteiligung: 4,8 Prozent) erhöhte per 1. Oktober die Allianz-Quote im industriellen Feuerversicherungsgeschäft von bisher 20 auf 30 Prozent -- zu Lasten der Konkurrenz. Zufrieden konnte der zum Thyssen-Aufsichtsrat berufene Schieren in München berichten, daß die bislang in hartem Wettbewerb gegeneinander operierenden vier Thyssen-Versicherer (Allianz, Colonia, Provinzial Düsseldorf und der Haftpflichtverband der Deutschen Industrie) künftig in einem von der Allianz angeführten Policen-Pool vereinigt werden.
Beim Ottobrunner Luft- und Raumfahrt-Konzern Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) wollen die Allianz-Akquisiteure nicht einmal die Abwicklung ihres Einkaufs abwarten. Obwohl noch immer nicht feststeht, wann die Münchner das acht Prozent starke Paket übernehmen, riefen sie bereits zur "Herbstoffensive auf MBB", so ein Gerling-Vorstand.
Mit der Ablösung Gerlings als Konsortialführer bei MBB würden die Kölner eine weitere Schlappe einstecken. Den ersten Schlag versetzten die Allianz-Bosse dem traditionell größten deutschen Industrie-Versicherer vor drei Jahren, als Hans Gerlings Herstatt-Bank in einem Strudel wilder Devisen-Spekulationen unterging. Mehrere Großunternehmen kappten rigoros Gerlings Geschäftsquoten oder warfen die Kölner -- wie Thyssen in der Feuersparte -- ganz heraus.
Die Münchner nutzten die Chance. Sie zogen am Marktführer vorbei und setzten sich im letzten Jahr mit einem Anteil von 13,4 Prozent bereits fast zwei Punkte von Gerling ab.
Diese Gewinne versprechen reichen Lohn. Denn in kaum einer anderen Sparte -- so stellten Schierens Analysten in einer Expertise für die letzten fünf Jahre fest -- wurde so glänzend verdient wie im Industrie-Geschäft mit den Groß-Konzernen. Nur 70 Prozent der bei den 175 größten Unternehmen eingetriebenen Prämien wanderten als Schadenersatz an die Firmen zurück.
Erfolgsanalysen und Langfrist-Programme entwerfen ist Allianz-Chef Wolfgang Schierens größte Leidenschaft. Der Konzern-Premier, der seinen Typ durch mausgraue Anzüge unterstreicht, absolvierte kürzlich eigens einen Spezialkurs für elektronische Datenverarbeitung, um sich seinen Computer-geschulten Fachkollegen auch im Detail gewachsen zu zeigen.
Ähnlich pingelig führt der in zwölf Jahren vom einfachen Außendienst-Inspektor in der Eifel zum ersten Mann in der Münchner Zentrale aufgestiegene Aachener auch seinen Vorstand.
Jeden ersten Montag im Monat ist in München Schieren-Tag. Pünktlich um halb zehn trifft sich die 14 Mann starke Top-Mannschaft des Konzerns zur Routine-Konferenz. Um 14 Uhr führt der Firmenboß zwei Stunden lang in der Finanzkommission Regie, der außer den Lebensversicherern Arno Paul Bäumer und Karl Reutter die Allianz-Vorstände Götte und Bossenmaier sowie Chef-Controller Peter Adolff angehören. In dieser Sechser-Gruppe werden die wichtigsten Einzelgeschäfte besprochen.
Nachmittags um vier beginnt dann die dritte Schieren-Schicht: ein meist vierstündiges Palaver der sieben Spartenchefs über die Lage der Allianz. Den Konferenzreigen beschließen die sechs Gau-Direktoren, die ihrem obersten Konzernherrn am folgenden Vormittag ihre Aufwartung machen.
So hingebungsvoll sich der spröde Technokrat seinen Manager-Planspielen widmet, so rar macht er sich außerhalb der an Münchens Englischem Garten gelegenen Konzern-Zentrale. Selbst in dem von seinem Firmenkonglomerat beherrschten Branchenklub "Gesamtverband der Versicherungswirtschaft" läßt sich der kontaktscheue Allianz-General meist durch seine Vorstandskollegen vertreten.
Auch von Öffentlichkeitsarbeit hält der Chef wenig. Typischer Schieren-Spruch: "Schreiben Sie nicht, daß wir den höchsten Gewinn in unserer Geschichte gemacht haben."

DER SPIEGEL 50/1977
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