16.01.1978

Menachem Begin: Reden sind sein Leben

Ein groß-israelischer Nationalist, ein religiöser Fanatiker, ein ehemaliger Terrorist -- so sah die Welt anfangs Israels Premier Begin, von dessen Konzessionsbereitschaft heute der Frieden im Nahen Osten abhängt. Einer seiner ärgsten politischen Widersacher, der linksliberale israelische Politiker und Journalist Uri Avnery, zeichnet einen ganz anderen Begin. Er kennt ihn freilich gut wie kaum einer: aus der Widerstandzeit gegen die Engländer.
Als Jimmy Carter hörte, daß ein Mann namens Menachem Begin die israelischen Wahlen gewonnen hatte, soll er gefragt haben: "Menachem wer?". Dabei war auch Carter vor seiner Wahl ein unbekannter Mann gewesen. Anfangs hieß es auch über ihn Jimmy who" -- Jimmy wer?
Im Gegensatz zu Carter kam Begin jedoch keineswegs aus dem Nichts. Er hatte maßgeblich eines der stürmischsten Kapitel in der Geschichte des 20. Jahrhunderts beeinflußt -- den Krieg der jüdischen Untergrund-Organisation Irgun in den vierziger Jahren gegen die britische Palästina-Herrschaft.
Danach war Begin 26 Jahre lang der prominenteste Oppositionsführer Israels und nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 drei Jahre lang Minister in der nationalen Einheitsregierung.
Als die verblüffte Welt jedoch erfuhr, daß Menachem Begin Ministerpräsident Israels werden würde, eines
Oben: Irgun-Chef Begin küßt eine Flagge 1948 in Jerusalem. Rechte Seite: Wahlsieger Begim beim Dankgebet an der Klagemauer am 7. Juni 1977. Unten: Beim Treffen mit Sadat am 20. November 1977 in Jerusalem.
krisenreichen Landes in einer von Krisen geschüttelten Region, hatten die Regierungen und Nachrichten-Medien der Welt keine Ahnung, wer dieser Mann war.
Die CIA mußte für Präsident Carter in aller Eile ein Profil über Begin zusammenstellen, das jedoch nach Meinung von Insidern nichts weiter als eine Karikatur darstellte -- wie viele Begin-Porträts. Die beliebtesten zeigten einen gewalttätigen, blutrünstigen Terroristen:
Hatte Begin einst nicht an der Spitze einer terroristischen Untergrund-Organisation gestanden? Hatte er nicht das King-David-Hotel in die Luft gesprengt und dabei hundert Menschen getötet? Hatte er nicht das schreckliche Blutbad von Deir Jassin angeordnet?
In Wirklichkeit aber ist niemand von der gängigen Charakterisierung eines Terroristen weiter entfernt als Menachem Begin. Er trug nie Waffen, und als er den Untergrund befehligte, vertraute er mehr auf Tarnung als auf Pistolen und Leibwächter. So trat er als Tourist oder Rechtsanwalt auf, als erfolgloser Rabbi oder gar als deutscher Geschäftsmann.
Begin nahm nie selbst an einer militärischen Aktion teil. Als Irgun-Chef war er für die allgemeine Kampfführung verantwortlich und mußte vor allem den Massen die Aktionen erklären. Die eigentliche Planung lag in den Hunden des Planungsstabs, für ihre Durchführung waren die Kampfeinheit ten zuständig.
Schon der Anblick von Blut ließ Begin erschaudern. Als er zum ersten Mal, an Deck der "Altalena"* vor der Küste von Tel Aviv, Tote und Verwundete sah, fiel er fast in Ohnmacht. Bei Beschneidungszeremonien wendet er sich ab, um das Blut des Babys nicht sehen zu müssen. Vom Bild des Terroristen, der nachts auszieht, um zu töten und zu zerstören, ist er weit entfernt.
Ein weiteres absurdes Begin-Image ist das des wahnwitzigen Militaristen, einer israelischen Version der griechischen Obristen oder chilenischen Generäle. Begin war nie Soldat, außer in der polnischen Exil-Armee. Er bekleidete auch nie einen höheren militärischen Rang als den eines Gefreiten.
Als er im Untergrund mit dem schwedischen Vorsitzenden der Uno-Kommission zusammentraf, die 1947 Israel besuchte, fragte ihn dieser aus Protokollgründen, welchen Rang er in der Organisation bekleide. Der Schwede hörte voller Verwunderung, daß Begin in der Irgun keinerlei militärischen Rang innehatte, obwohl es in ihren Reihen viele Ränge gab.
Dabei war Begin in einer Bewegung aufgewachsen, die ganz bewußt militärische Sitten kultivierte. Sie wollte damit die zumeist in Gettos aufgewachsenen Juden zu Ordnung und Disziplin, zu Ruhm und Kampf für Unabhängigkeit erziehen. Das beeinflußte auch Begin. Noch heute zeigt er eine Vorliebe für militärisches Zeremoniell. Seine Entscheidung im vergangenen Jahr gegen starken Widerstand selbst aus den Reihen seiner Kabinettsmitglieder, zum 30. Jahrestag der Unabhängigkeit Israels eine Militärparade zu veranstalten, wurzelte in dieser Freude an militärischem Pomp.
Dabei ist Begin von Kopf bis Fuß Zivilist. In einer Regierung, in der drei prominente Generäle vertreten sind, fällt sein ziviles Image besonders auf.
Wer also ist Menachem Begin? Was und wer beeinflußte ihn? Welche Geisteshaltung nimmt er ein? Von welchen Idealen ist er beflügelt? Welche Charakterzüge haben ihn bisher geleitet -- und werden ihn in Zukunft leiten?
Für jeden, der sich ein Bild machen möchte über diesen Mann, der jetzt den Gang des Weltgeschehens in einem Maße beeinflussen dürfte, das in keinem Verhältnis zu der Größe seines Staates und dessen Bevölkerung steht, ist es von entscheidender Bedeutung, die Antworten auf diese Fragen zu kennen.
Der sicherste Schlüssel für die Analyse eines Charakters liegt meist in der Kindheit und dem Elternhaus. Über Begins Kindheit -- er wurde 1913 im damals polnischen Brest-Litowsk geboren -- ist freilich sehr wenig bekannt,
* Waffenschiff der Irgun, das auf Befehl Ben-Gurinus kurz nach der Staatsgründung versenkt wurde. weil seine Landung damals die vorherrschaft der provisorischen Regierung und den von der Uno unterstützten waffenstillstand bedroht hätte.
uniformierte Polen einen Rabbi belästigten, hob der Vater seinen Spazierstock gegen sie. Er wurde verhaftet und von der Polizei geschlagen, bis er blutete. Doch er kehrte höchst befriedigt nach Hause zurück.
Brest-Litowsk ging mehrmals in andere Hände über. Die Rote Armee nahm die Stadt im Krieg gegen Polen 1920 ein. Doch die Kommunisten wurden vom polnischen Marschall Józef Pilsudski besiegt. Als die polnischen Einheiten in die Stadt einrückten, war ihr Kommandeur, ein antisemitischer Adliger, überzeugt, daß alle Juden die Bolschewiken unterstützt hatten. So befahl er, die führenden Vertreter der jüdischen Gemeinde zu verhaften.
Als die Polizisten zu Seew Dov Begins Haus kamen, versperrten ihnen die beiden älteren Kinder, Sohn Herzl und Tochter Rachel, weinend und flehend den Weg. Vater Begin verblüffte die Polen mit einer für damalige Verhältnisse höchst ungewöhnlichen Frage: "Haben Sie einen Haftbefehl?" Die verdutzten Polizisten verschwanden, und dem Vater blieb auf diese Weise ein Schicksal erspart, das mit seiner Hinrichtung hätte enden können. Als die Deutschen ein zweites Mal in diesem Jahrhundert nach Brest-Litowsk kamen, diesmal unter Hitlers Fahne, um die Stadt gemäß dem Ribbentrop-Molotow-Pakt dann den Sowjets zu übergeben, zeigte der Vater erneut seinen Mut. Als Sekretär der Gemeinde ging er zu dem deutschen Kommandanten und verlangte die Namen der verhafteten Juden sowie die Erlaubnis, sie zu besuchen. Er hielt eine Bescheinigung in der Hand, daß er im Ersten Weltkrieg für die deutsche Armee als Dolmetscher tätig gewesen war.
Die Nazis kehrten im Verlauf ihrer Invasion der Sowjet-Union ein drittes Mal nach Brest-Litowsk zurück. Für die dortigen Juden war es das Ende. Sie wurden zum Fluß getrieben, erschossen und ins Wasser geworfen.
An der Spitze des Zuges schritt Seew Dov Begin. Er sang das Gebet, das vor dem Tode gesprochen wird, und dann die zionistische Hymne Hatikwaa. So wenigstens stellt Begin sich die Szene aufgrund von Augenzeugenberichten vor. Zusammen mit seinem Vater wurde Begins Bruder Herzl getötet.
Begin selbst war inzwischen in den Händen der Sowjets. Seine Schwester Rachel, mit dem Rechtsanwalt Jehoschua Halperin verheiratet, konnte fliehen. Seine Mutter Hasia, die zur Zeit des Nazi-Einmarsches im Krankenhaus lag, wurde dort ermordet.
Auch die Mutterfigur taucht in Begins Kindheitsbeschreibungen als archetypisches Ideal auf -- als die jüdische Mutter.
Sie zeichnete sich durch unerschöpfliche Geduld aus -- ein Wesensmerkmal, das ihr Sohn Menachem von ihr geerbt hat und das er in ungewöhnlichem Maße an den Tag legt: 29 Jahre lang wartete er geduldig auf die Macht. Im täglichen Leben hört er allen möglichen Blödsinn mit unglaublicher Geduld an.
Seine Mutter kümmerte sich, meist unter äußerst schwierigen Verhältnissen, um den Haushalt. Immer fehlte Geld. Denn der "jüdische Stolz" und das öffentliche Amt brachten nichts ein. So mußte sie sparsam wirtschaften.
Die drei Kinder trugen zum Lebensunterhalt der Familie durch Nachhilfeunterricht bei, wobei sich Bruder Herzl -- später ein Mathematiker -- besonders hervortat. Es gelang den Eltern, den jüdischen Traum zu verwirklichen -- alle drei Kinder absolvierten die Universität.
Angesichts des Geldmangels konnte der junge Menachem, der die jüdische Volksschule verlassen hatte, nicht eines der beiden hebräischen Gymnasien der Stadt besuchen, sondern mußte auf das polnische Gymnasium gehen. Dort erhielt er eine solide Grundlage in Allgemeinbildung europäischen Stils.
Noch heute wendet Begin gern das Latein an, das er auf dem Gymnasium lernte, um fremdsprachige Begriffe zu erklären. Ebenso stolz ist er auf seine Kenntnisse der hebräischen Sprache, die er als Kind lernte.
In der Schule kam er unmittelbar mit dem Antisemitismus in Berührung, der tief im polnischen Volkscharakter verwurzelt war. Nach seinen eigenen Schilderungen geriet er wegen antisemitischer Äußerungen seiner nichtjüdischen Mitschüler oft in Schlägereien, von denen er zugerichtet, aber stolz nach Hause kam -- wie sein Vater. Er weigerte sich, am Sabbat zu schreiben, und kämpfte für dieses Recht. In Latein, seinem Glanzfach, bekam er schlechte Noten, nachdem er abgelehnt hatte, sonnabends Prüfungen abzulegen.
All diese Geschichten eignen sich hervorragend für offizielle Biographien. Über die Beziehungen in seinem Elternhaus, die Krisen seiner Jugend und über die Faktoren, die seinen Charakter prägten, aber sagen sie wenig.
In welchem Maße zum Beispiel beeinflußte ihn die Tatsache, daß er als drittes Kind im Schatten einer starken Schwester und eines begabten Bruders aufwuchs? Litt er unter seinem schlechten Sehvermögen und unter seinem offensichtlich jüdischen Aussehen?
Inwieweit auch waren sein Streben nach Macht, sein Ehrgeiz. seine Bewunderung des idealen "stolzer Juden" die Sublimie· rung eines Minderwertigkeitskomplexes, mi dem der junge Be
gin mit Sicherheit kein Mädchen beeindrucken konnte?
Betrachtet man die Photos des jungen Begin, so zeigen sie einen jungen Mann mit Brille, hinter der sich verträumte oder müde Augen verbergen, mit einer Judennase und der leicht vorspringenden Unterlippe, die ihn kennzeichnet. Der allgemeine Eindruck ist der eines introvertierten, schwächlichen Jünglings, eines Bücherwurms, kurzum, eines osteuropäischen Talmudschiilers.
Dieser Junge war von übermäßigem mystischem Glauben geprägt. Schon in früher Jugend legte er die Tefillin, die jüdischen Gebetsriemen, an -- ein tägliches orthodoxes Ritual, das er selbst im Untergrund beibehielt.
Er ist wie sein Vater stark religiös, wenn auch in unaufdringlicher Weise. Noch heute reist er nicht am Sabbat und prüft vor jedem Flug sorgfältig die Flugpläne, um den Sabbat nicht zu entweihen. Als er (bis vor vier Jahren) noch rauchte, verzichtete er am heiligen Sabbat auch darauf. Allerdings benutzt er am Sabbat das Telephon. Auch trägt er -- außer bei besonderen Anlässen -- weder Hut noch Käppchen.
Beim ersten Treffen eine
Zwillingsschwester zur Frau gewählt.
Als Begin mit 18 Jahren nach Warschau kam, um Jura zu studieren, war er bereits langjähriges Mitglied der Betar-Bewegung. Von Anfang an fühlte er sich durch die Macht des geschriebenen Wortes zur Betar hingezogen.
Wladimir Seew Jabotinsky, der Gründer der Betar, war in erster Linie Journalist. Seine Bewegung entstand 1925 buchstäblich aus seinen Schriften: Die Leser seiner Artikel in Riga und Berlin beschlossen, fast gegen seinen Willen, eine Bewegung zu gründen, um für die in seinen Artikeln so unverblümt und brillant geäußerte Meinung zu kämpfen -- seine Forderungen nach einer aggressiven zionistischen Politik, seinen nachdrücklichen Hinweis auf die Wichtigkeit militärischer Ausbildung, seine Idee, die sozialen Ziele zugunsten des Primats der reinen nationalen Idee aufzugeben. All das sprach den jungen Begin, den es so sehr nach "jüdischem Stolz" verlangte, unmittelbar an.
Betar-Leiter in Polen war Abaron Zvi Propes. Als Propes nach Brest-Litowsk kam, war er von dem jungen Begin beeindruckt und ernannte ihn zum Betar-Kommandeur der Region und später zu einem der neun "Kommando-Offiziere" der Betar in Polen, zum Leiter der Organisationsabteilung.
Begins Aktivität bestand ausschließlich in öffentlichen Reden. Er reiste
* Oben: Mit Frau und Tochter Hassia 1945 in Palästina. Unten: Auf den Namen Jonas Königshofer um 1944 in Palästina.
kreuz und quer durch Polen, von einer Gemeinde zur anderen, und hielt pausenlos Reden. Seine rhetorische Begabung kam während dieser Zeit erstmals voll zur Entfaltung. Reden zu halten wurde sein Lebensinhalt, bildete gleichsam den Mittelpunkt seines Privatlebens, soweit es überhaupt stattfand.
Als er auf einer Vortragsreise in die Stadt Drohobycz kam, machte er wie üblich einen Besuch bei dem Leiter der dortigen Zionistischen Revisionistischen Partei.
Begin selbst erzählte unlängst, was dann weiter geschah: "Am Tisch saßen zwei I7jährige Mädchen, Zwillinge. Trotz ihrer starken Ähnlichkeit wählte ich sofort eine der beiden und beschloß auf der Stelle, sie zu heiraten. Die Mädchen waren gut erzogen und nahmen daher nicht an den Tischgesprächen teil. Bei meiner Rückkehr nach Warschau schrieb ich jener, die ich auserkoren hatte. Wir begannen zu korrespondieren und beschlossen zu heiraten."
Der 24jährige Begin ließ sich während der Verlobungszeit von der Betar beurlauben, um beim Gericht von Drohobycz als Referendar zu arbeiten und eine Anwaltslizenz zu erwerben. Wenige Monate darauf heiratete er.
Begin braucht Reden
"wie der Suchtige die Drogen".
Begins Referendarzeit bei Gericht dauerte nicht lange. Er wurde zurückberufen, um in der Zentrale zu arbeiten und Reden zu halten. Nicht einen einzigen Tag seines Lebens hat er als Anwalt gearbeitet. Vielleicht geht seine übertriebene Vorliebe für Dokumente, juristische Floskeln und legalistische Exaktheit auf den nicht verwirklichten Traum zurück, Anwalt zu werden.
Man kann den Menschen Begin unmöglich verstehen, ohne nicht gleichzeitig den Redner Begin zu sehen. Fast könnte man sagen, der Redner Begin ist der Mensch Begin.
Rhetorische Fähigkeiten sind ein Charakterzug. Bei Begin bilden sie den Brennpunkt seiner Persönlichkeit. Ein Mann des gesprochenen Wortes unterscheidet sich sehr stark von einem Mann des geschriebenen Wortes. Daher gibt es nur sehr wenige, die in beidem brillieren. Zu ihnen zählten Winston Churchill, Leo Trotzki und -- für Begin so wichtig -- Jabotinsky.
Menachem Begin dagegen gehört nicht zu ihnen. Selbst bei seinen eingeschworenen Anhängern, die von seinen Reden hingerissen sind, wecken seine Artikel kein Interesse -- ganz im Gegensatz zu Jabotinskys Artikeln, die eine ganze Generation beeinflußt haben.
Selbst Begins interessantes Buch über seine Erfahrungen und Erlebnisse im Untergrund, "Die Revolte", ist alles andere als gut. Es ist schlecht konzipiert, springt von einem Thema zum anderen, läßt äußerst wichtige Ereignisse aus und behandelt statt dessen häufig Dinge ohne Belang.
Anders der Redner Begin. Er spricht ohne vorbereiteten Text. Aber jeder Satz ist perfekt konstruiert, jeder Punkt und jedes Komma sitzen an der richtigen Stelle, die ganze Rede rollt ohne jedes Stocken, ohne jede unvorhergesehene Pause ab.
Oft wird Begins Politik selbst eine Funktion der Rede: Seine Politik als Ministerpräsident basiert auf seinem absoluten Glauben, daß es zwischen ihm und den Vereinigten Staaten nicht zur Konfrontation kommen wird. Er ist sicher, daß seine Reden Carter immer wieder überzeugen werden. Und wenn das nicht gelingt, wird seine Redekunst die amerikanischen Juden zur Rebellion anstacheln, sie werden sich an den Präsidenten wenden und ihm Begins Willen aufzwingen.
Wie alle großen Redner kann Begin Opposition oder Kritik nicht vertragen. Er vermag einem Gegner mit äußerster Geduld zuzuhören, mit Menschen auf Versammlungen zu debattieren und den Worten anderer voller Langmut zu lauschen. Aber er kann von denen, die ihm nahestehen, keine echte Kritik vertragen. Schmuel Merlin, ein Freund aus Warschau und Fraktionsmitglied in der ersten Knesset, behauptet, Begin habe ihn nicht mehr gegrüßt, nachdem er an ihm Kritik geübt hatte.
Der große Redner ist das Gegenteil eines objektiven Menschen. Er hätte kein großer Redner werden können, wenn er nicht glauben würde, daß jedes Wort aus seinem Mund die reine, ausschließliche und selbstverständliche Wahrheit ist. Er selbst aber hält sich für den Inbegriff der Objektivität. Auch Begin ist davon überzeugt.
Natan Jalin-Mor, ein anderer Kamerad aus der Warschauer Zeit und als Chef der Lehi (einer anderen Untergrund-Vereinigung, auch unter dem Namen "Stern-Bande" bekannt) später Begins Rivale, weiß zu diesem Thema eine amüsante Anekdote zu erzählen: 1944, als er mit Begin im Untergrund zusammentraf, um mit ihm die Möglichkeit einer Kooperation zwischen Irgun und der Lehi zu erörtern, fragte Jalin-Mor: "Angenommen, wir akzeptieren Ihren Vorschlag und schließen uns zusammen. Was passiert, wenn zwischen den beiden Organisationen Meinungsverschiedenheiten auftreten? Wer soll entscheiden?"
Begin antwortete: "Ein objektiver Schiedsrichter."
"Und wer wird dieser Schiedsrichter sein?" fragte Jalin-Mor.
"Ich!" antwortete Begin in vollem Ernst.
"Ich war ganz verblüfft", berichtet Jalin-Mor. "In meinem ganzen Leben bin ich keinem Menschen begegnet, der so wenig objektiv ist."
Der große Redner berauscht nicht nur seine Zuhörer, er berauscht sich auch selbst -- ein Phänomen, das auch für Begin gilt.
Nach einer großen Rede in der Knesset verläßt er das Podium und nimmt aus Höflichkeit noch einige Minuten Platz. Dann verläßt er den Saal, geht auf dem Korridor auf und ab und nimmt mit einem bescheidenen Lächeln die Glückwünsche seiner Freunde und Gegner entgegen. In diesen Augenblicken sind seine Augen verschleiert, er ist unfähig, ein ernstes Gespräch zu fuhren. Nach einer halben Stunde oder einer Stunde reagiert er wieder normal.
Vielleicht ist die größte Gefahr im Wesen eines großen Redners, daß er seine Reden braucht wie der Süchtige seine Drogen. Da der große Redner dramatisches Material benötigt, um seine Zuhörer mitzureißen, könnte der Redner als Politiker Dinge tun, die unbewußt dem Zweck dienen, sich dieses Material zu verschaffen.
Menachem Begins Tätigkeit als Ministerpräsident läßt sich durch die großen Reden zusammenfassen, die er hielt -- die große Rede, als die Walilergebnisse bekannt wurden, die Rede in Kaddum, der umstrittenen Siedlung der Gusch Emunim auf dem Jordan-Westufer, wo er von "vielen Allon-More" (dem hebräischen Namen der Siedlung) sprach, die Rede im Weißen Haus, die Rede vor den New Yorker Juden, die Rede vor der Knesset in Gegenwart des ägyptischen Präsidenten Sadat.
Begins ganzes Leben kann als ein Gebirgskamm beschrieben werden, dessen Gipfel aus Reden bestehen. Beginnend mit der Rede, die er mit 13 Jahren von einem Tisch im Park von Brest-Litowsk zu Ehren des jüdischen Feiertags Lag ba-Omer hielt. Die Juden applaudierten ihm. Seitdem hat ihn der Applaus nicht verlassen.
Selbst als der Untergrund ihm vier Jahre des Schweigens auferlegte, hörte er nicht auf zu reden. Die Irgun-Pamphlete und Wandzeitungen waren nichts anderes als gedruckte Reden Menachem Begins, die er fast alle selbst schrieb.
Menachem, das war Demagogie."
Einige seiner Reden brachten ihm bittere Erfahrungen ein: Als er kreuz und quer durch Polen reiste, um zu reden, mußte er sich oft gegen die spöttischen Bemerkungen seines Bruders Herzl verteidigen. Der mathematische Verstand des älteren Bruders konnte die rhetorische Logik des Jüngeren nicht akzeptieren. "Menachem", fragte er ihn, "was hast du heute gesagt? Das war Demagogie! Hat es überhaupt einen Inhalt?"
In seinem Buch "First Tithe" ("Erster Zehnter") schildert Israel Scheib-Eldad die Sitzungen der Oberkommandos der Haganah, Irgun und Lehi während jener kurzen Epoche, als die drei Untergrundbewegungen der "Hebräischen Widerstandsbewegung" zusammenarbeiteten. Eldad nahm als einer der Lehi-Vertreter daran teil.
"Auf diesen Sitzungen war Menachem für gewöhnlich der Hauptredner. Er hatte stets eine Rede parat, und sie war immer sehr eindringlich. Er begann mit einer Analyse der politischen Situation, zog die notwendigen Schlußfolgerungen und machte Vorschläge. Seine Rede dauerte immer lange, aber sie war schön und sehr logisch aufgebaut."
Arthur Koestler, der die ersten Reden Begins hörte, nachdem dieser aus dem Untergrund aufgetaucht war, kritisiert sie in seinem Buch "Verheißung und Erfüllung": "Ich hörte Begins erste öffentliche Rede in Tel Aviv in einem Freilichtkino" während Tausende sich auf den Straßen und in den Höfen der umliegenden Häuser drängten. Es war eine enttäuschende Rede -- emotionale Rhetorik ohne konstruktiven Inhalt."
Einer der Wendepunkte in Begins Leben, die bis heute nicht geklärte Altalena-Affäre, ist an drei Reden geknüpft, von denen zwei nie gehalten wurden.
Menachem Begin fürchtete die Ankunft des Altalena-Schiffes mit den Waffen für die Israelis. Zunächst versuchte er zu verhindern, daß es den französischen Hafen verließ. Als er jedoch feststellte, daß das Schiff bereits unterwegs war, versuchte er es nach Jugoslawien umzuleiten. Aber auch das mißlang, und das Schiff erreichte die Küsten Israels. Es sollte vor der Frishman-Straße in Tel Aviv vor Anker gehen, wurde dann aber auf Befehl der Haganah nach Kfar Vitkin umdirigiert.
Dort war der Strand von Kommandos der regulären Armee umlagert. Regin erklärte sich einverstanden, die Waffen der Armee zu übergeben -- unter der Bedingung allerdings, daß 20 Prozent den unabhängigen Irgun-Einheiten in Jerusalem überstellt würden. (Da Jerusalem Israel noch nicht offiziell einverleibt war, operierten Irgun- und Lehi-Einheiten dort noch selbständig).
Begin forderte, die restlichen 80 Prozent den Irgun-Einheiten zu übergeben, die in die reguläre Armee des neuen Staates eingetreten waren. Israel Galili, der damalige Armee-Führer Ben-Gurions, lehnte ab.
Auch Hillel Cook, Vertreter jenes US-Ausschusses, der das Schiff geschickt hatte, wies Begins Vorschlag energisch zurück. "Sie schaffen einen gefährlichen Präzedenzfall", behauptete er aufgebracht. "Sie liefern einen Vorwand, die Irgun-Einheiten den Haganah-Einheiten in der Armee vorzuziehen. Das wird der Haganah später einen Vorwand gehen, Irgun-Einheiten nicht mit den Waffen auszurüsten, die sie erhalten. Wir müssen die Waffen der Armee überstellen und Gleichbehandlung aller fordern."
Begin, Jaakow Meridor und Haim Landau, die bei der Unterredung zugegen waren, ließen sich überzeugen. Regin rief Galili wieder an und erklärte: "Wir haben mit den Kameraden beraten. Wir haben uns geirrt. Wir erklären uns damit einverstanden, daß 20 Prozent an die Irgun-Einheiten in Jerusalem ausgeliefert und de anderen 80 Prozent dem Heeresarsenal übergeben werden, wo sie dann je nach Bedarf verteilt werden sollen."
"Eine Schau, die als Tragödie endete."
Dann stellte Begin, so einige Zeugen, noch eine merkwürdige Bedingung: "Ein Irgun-Vertreter wird bei jeder Einheit erscheinen, die Waffen erhält, um ihr zu sagen, daß der Irgun die Waffen gebracht hat."
Möglicherweise lieferte diese Bedingung Ben-Gurion, der Begin damals abgründig haßte, eine letzte Handhabe. Jedenfalls erhielt Begin keine Gelegenheit, die erhoffte Rede vor den Truppen zu halten. Nach einem Zehn-Minuten-Ultimatum eröffneten die Haganah-Streitkräfte das Feuer auf Irgun-Soldaten, die mit Munitionskisten am Ufer von Kfar Vitkin warteten. Begin, der auf dem Weg dorthin war, um eine Rede zu halten, bestieg eilends das Schiff, das Kurs nahm auf seinen ursprünglichen Bestimmungsort, einen Ankerplatz vor der Frishman-Straße in Tel Aviv.
Israel Scheib-Eldad berichtet in seinem Buch auch von der zweiten nicht gehaltenen Rede: "Als die Lautsprecherwagen in Tel Aviv verkündeten, er (Begin) würde vom Deck des Schiffes vor der Frishman-Straße sprechen, war meine unmittelbare Reaktion "Eine Show!". Natürlich wußte ich nicht, daß diese Show mit einer Tragödie enden würde.
"Selbst ein großes rednerisches Talent muß sich zuweilen zurückhalten, muß wissen, wann der richtige Moment gekommen ist, seine Gabe voll zu nutzen. Eine Rede vom Deck des Waffenschiffs schien mir ein Beispiel für Begins Kurzsichtigkeit zu sein.
"Die Show um 16.00 Uhr auf dem Strand fand nicht statt. Statt dessen kam ... Ben-Gurions Befehl, das Feuer auf das Schiff zu eröffnen. Ich könnte mir vorstellen, daß Begin eine sehr scharfe, sehr eindringliche, sehr überzeugende Rede vorbereitet hatte, mit Sicherheit weit schärfer, eindringlicher und überzeugender als die Rede nach der Katastrophe ... Aber ich meine, daß es keinen praktischen Sinn hatte, die Massen aufzufordern, die Rede zu hören.
"Hätte tatsächlich die Absicht bestanden, Tel Aviv zu erobern, so hätte es eine gewisse Logik gehabt. Aber da ich leider sagen muß, daß diese Absicht nicht bestand und somit auch kein praktischer Nutzen darin lag, die Waf-
* Links: Beim ersten US-Besuch als Premier in New York. Rechts: Als Oppositionspolitiker in Israel.
** In Jabotinkys biblischem Roman nennt Samson in seinem Testament den Kindern Israels drei Gebote: Eisen, einen König und Lachen.
fen dort zu entladen, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß der entscheidende Faktor Showmanship, Effekthascherei, war."
"Die Rede nach der Katastrophe", wie Eldad sie nannte, war vielleicht Menachem Begins berühmteste Rede. Sie ging in die Geschichte als die "Rede der Tränen" ein. Wie all seine Reden damals wurde sie über den Irgun-Untergrundsender ausgestrahlt.
Eldad schildert sie voller Erbitterung so: "Und so erleben wir ein weiteres Verbrechen, am gleichen Tage begangen -- das Verbrechen der Tränen.
"Aus allen Fenstern und Cafés ertönte die Stimme, dieselbe Stimme, die noch vor wenigen Wochen, am Tage der Unabhängigkeitserklärung, Stärke und Großmut vermittelt hatte. Es war eine gebrochene Stimme. Das Publikum ist schockiert -- der Irgun-Kommandeur weint in der Öffentlichkeit."
Dann fügt Eldad noch eine bissige Bemerkung hinzu: "Tränen rühren, bringen aber nichts hervor. Lachen ist fruchtbarer als Weinen. Die Mächtigen lachen, daß es die Feinde erschauern läßt. Dieses Lachen aber hat Menachim Begin nicht von Jabotinskys Held** gelernt. Nicht zufällig habe ich hier den Namen Jabotinsky erwähnt. Während der Rede empfand und erklärte ich, was ich später wiederholt habe: Jabotinsky hätte nicht mit Tränen reagiert. Keineswegs. Er war wirklich stahlhart."
Jene Rede der Tränen, die Menachem Begin in Tel Aviv über den Rundfunksender des Irgun hielt, hat Begins Image lange Zeit geschadet.
Der Held des Untergrunds, der das große Empire besiegt hatte, zeigte sich vor den jungen Israelis plötzlich als gefühlsduseliger Mann, der in Zeiten größter Belastung öffentlich weinte. In den Augen der (im Lande geborenen) Sabras, die solche Zurschaustellung von Gefühlen nicht gewohnt und nach sechs Monaten des Krieges durch Tausende von Toten ziemlich abgestumpft waren, war das ein Zeichen der Schwäche.
Begin verteidigt sich in seinem Buch "Die Revolte": "An jenem Abend 1948, als die Altalena zerstört wurde, sprach ich im Radio über das Schiff, seine Waffen und seine Toten. Ich war zu Tränen gerührt. Mächtige Helden aller Klassen hörten mir aus ihren Sesseln zu und machten sich über meine "verweichlichte Gefühlsduselei" lustig. Mögen sie spotten! Es gibt Tränen, deren sich kein Mann zu schämen braucht."
In Wahrheit weint Begin ziemlich oft. Als er noch ins Kino ging (in letzter Zeit sieht er lieber zu Hause fern), konnten seine Nachbarn häufig beobachten, wie er bei gefühlsbetonten Szenen Tränen vergoß, vor allem wenn sie das Schicksal der Juden berührten.
Am Abend nach der Zerstörung der Altalena weinte Begin, weil er die Toten und Verwundeten um sich herum gesehen hatte und der Anblick ihn erschütterte. Er weinte, weil an jenem Tage das eingetreten war, was er am meisten fürchtete -- Bürgerkrieg.
Aber sein Weinen war auch ein rhetorischer Effekt, es war Teil der großen Rede.
Im nächsten Heft
Begins Lehrmeister Jabotinsky -- Kampf gegen die Briten -- Begins Verhandlungen mit Sadat
Von Uri Averny

DER SPIEGEL 3/1978
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