09.01.1978

LEHRERGegen Notenterror

In niedersächsischen Schulen vergaben kommunistische Lehrer, klassenkämpferisch, nur Einsen und Zweien -- aber nicht einmal damit kamen sie bei den Eltern an.
Der niedersächsische Kultusminister Werner Remmers (CDU) hatte sieh Übersicht verschaffen wollen. Von seiner Behörde ließ er zusammenstellen, was so an Verfahren gegen radikale Lehrer im Lande anhängig war. Und nun, da alles beisammen war, konnte er sich "keinen besonderen Reim darauf machen",
An die 30 Lehrer wurden seit Anfang 1976 in Niedersachsen entlassen oder vorläufig des Dienstes enthoben, gegen ein halbes Dutzend wird vorermittelt. Darunter nur ein Pädagoge von der orthodoxen DKP, der Rest fast ausnahmslos vom Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) -- und genau das verblüffte den Minister: daß "die so offen zu Werke gehen". Die niedersächsische Radikalen-Tabelle weist mehr entlassene K-Bündler aus als die Listen anderer Bundesländer, und das hat womöglich einen spezifischen Grund: Trotz der notwendigen Etatbeschränkungen hat Niedersachsen auch in den Jahren 1976 und 1977 jeweils 4000 neue Lehrer eingestellt, ohne Rücksicht auf die Studien-Orte der Bewerber und bei relativ liberaler Überprüfung der Kandidaten.
So entpuppten sich manche Neulehrer erst im nachhinein als Rote von der radikalen Sorte; und vorzugsweise auf dem flachen Land, in Ostfriesland, Butjadingen oder in der Wesermarsch, wo es Lehrer gemeinhin nicht hinzieht, sondern verschlägt, machten sich KBW-Pädagogen an die Arbeit: heimlich Zellen aufzubauen und offen Agitation zu betreiben.
Auf dem Wochenmarkt verkauften sie das KBW-Organ "Kommunistische Volkszeitung" ("KVZ"), im Unterricht schimpften sie gegen "Schulunterdrückung". Gesteuert vom Zentralkomitee (ZK) des KBW und verpflichtet von der "Gesellschaft zur Unterstützung der Volkskämpfe" (GUV), in der die mit dem KBW sympathisierenden Intellektuellen "grundorganisiert" sind, wandten sie sieh in den Klassenzimmern insbesondere gegen "Notenterror". Darunter verstanden sie, klar vernehmbar in Nordenham wie in Bodenfelde, den "Kampf gegen jede Fünf und Sechs".
Prompt verteilten sie keine schlechten Noten, ließen es bei Einsen bis Vieren bewenden oder vergaben, wie in einer 10. Hauptschulklasse im Regierungsbezirk Oldenburg, Einheitszensuren für bestimmte Klassen und Fächer
in Deutsch nur Zweien und Dreien, in Rechtschreibung nur Einsen und Zweien. In Delmenhorst einigte sich eine KBW-Lehrerin mit den Schülern auf die Einheitsnote Zwei für Musik.
Erkennbar suchten die jungen Pädagogen, die bis dahin meist unbeanstandet unterrichtet hatten, neuerdings die Auseinandersetzung mit der Kultusbürokratie. Die Schul-Agitatoren unterrichteten schon mal unter dem Motto "Gewehre für die Jugend Zimbabwes". Und in der "KVZ" wurde aufgefordert, "Schulunterdrückern" notfalls "gewaltig auf ihre schmutzigen Pfoten" zu klopfen. Eine Heisfelder Lehrerin bekannte sich gar offen dazu, ihre Schüler "an Stelle des Fachunterrichts und auch außerhalb der Schulzeit in Diskussionen und Demonstrationen für ihre politischen Ziele" einbezogen zu haben.
Solche Bekenntnisse, so ungenierte Auftritte reichten glatt zu Dienstsuspendierungen selbst für Beamte auf Lebenszeit, und das Aufsehen, das dabei erhofft wurde, war schon wieder ins politische Kalkül genommen: als Hilfsmittel zur ersehnten Mobilisierung der "Massen". ZK-Resolution:
Im Kampf gegen das bürgerliche Schulwesen gehen wir ... dazu über, den täglichen kleinkrieg der Schüler gegen das Notensystem in eine Kampagne gegen die den und den und gegen Nichtversetzung zu überführen, die vor dem Zeitpunkt der Jahreszeugnisvergabe die form von Massenaktionen ... annehmen muß. Um die "Bewegung der Schüler" in stärkerem Maße zu unterstützen, verfügte das KBW-ZK diese "politische Linienänderung" schon im April. Mit ihr sollten die Lehrer ihre "vornehme Zurückgezogenheit" ablegen. notfalls durch "Opferung vieler Leute" -- was denn auch geschah.
Nur blieb, typisch für die zu Fehleinschätzungen neigenden Funktionäre des KBW, die erhoffte Mobilisierung von Schülern und Eltern aus. Und Erfolgsmeldungen in der "KVZ" lasen sich dann gar nicht mehr wie Erfolgsmeldungen: "Auf dem Nordenhamer Marktplatz sammeln sich ... ca. 30 Eltern. Schüler und Lehrer ..."
Während sich die KBW-Leitung gegen diese "offensichtlichen Tatbestände abschottete", erkannten die Lehrer, die rund zwanzig Prozent der KBW-Mitgliedschaft ausmachen, ihre "Niederlage" sehr bald, und manche versuchten auf ihre Art. mit den Parteiweisungen klarzukommen. Einige stiegen bei GUV und KBW aus, andere suchten, wie ein Betroffener zugab, in der Notenkampagne von Fall zu Fall zu lavieren, um ihren Job nicht für nichts aufs Spiel zu setzen.
Die mangelhafte Umsetzung der ZK-Beschlüsse in den anderen Ländern der Bundesrepublik ist denn wohl auch die eigentliche Ursache für die herausragende Rolle, die Niedersachsen in der KBW-Schulpolitik zu spielen scheint. Die anderen Bundesländer verzeichnen, wenn überhaupt, bisher nur Einzelgänger, Rheinland-Pfalz und das Saarland sogar "nicht einen Fall" -- ein womöglich trügerischer Erfolg.
Denn Niedersachsen, so weiß einer der angeleiteten KBW-Lehrer, "verzerrt ein bißchen das Bild". Das Land liege im Schulkampf seiner Organisation "eher etwas unter KBW-Schnitt".

DER SPIEGEL 2/1978
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