09.01.1978

VERBRECHENStarker Bartwuchs

Die Ermordung eines Polizisten kommt jetzt in Frankfurt vor Gericht. Gaben Terroristen die tödlichen Schüsse ab?
Er habe deutlich gesehen, meldete der Junge dem Revier, wie der Mann "plötzlich die Hose fallen ließ und an seinem erregten Glied spielte".
Polizeimeister Fritz Sippel, 22, und Kollege Rolf Korol, 23, rückten aus, im Freizeitgelände des Sprendlinger Stadtwaldes, südlich von Frankfurt, den Täter zu stellen. Kennzeichen: blaues Hemd mit Brusttasche.
In einer Gruppe von drei jungen Männern und zwei Mädchen, die in einer Kuhle am "Kiessee Bauer" lagerten, glaubte ein Kind den Mann zu erkennen, der sich hier "schon öfter in schamverletzender Weise gezeigt" habe -ein verhängnisvoller Irrtum.
Die Beamten sahen dem vermeintlichen Exhibitionisten aufs Hemd, schauten in den Paß und führten ihn zum Wagen, da fielen Schüsse. Polizeimeister Sippel wurde von zwei Kugeln unterschiedlichen Kalibers tödlich getroffen, eine durchschlug Brust und Bauch. die andere drang in den Kopf. Korol, den es an der Hand und der Schulter erwischte, feuerte noch ein ganzes Magazin auf die Täter, die im Gehölz untertauchten.
Der Mord in der Mulde, am 7. Mai 1976 geschehen, wird vom Mittwoch dieser Woche an 19 Tage lang vor einem Darmstädter Schwurgericht verhandelt, aus Sicherheitsgründen in der Strafvollzugsanstalt in Frankfurt-Preungesheim, wo kürzlich auch der Bombenbastler der "Roten Armee Fraktion", Dierk Hoff, seinen Prozeß hatte. Angeklagt sind
* der Student Detlef Schulz, 28, aus Enkenbach in der Pfalz, den Ermittlungen zufolge der verwechselte Exhibitionist, und
* der Maschinenbauer Johannes Roos, 24, aus Frankfurt, der laut Anklage einer der beiden Schützen gewesen sein soll, die das Feuer auf die beiden Beamten eröffneten. Ein Prozeß mit vielen Unbekannten steht an. Es fehlt der dritte Mann auf der Anklagebank; die beiden Mädchen, die sich noch vor der Schießerei davonmachten, blieben verschwunden.
Auch gab es bislang unterschiedliche Aussagen über die Beteiligung von Roos. Schwer durfte der Staatsanwaltschaft der Nachweis falten, wer welche Schüsse abgegeben hat -- zwei Rentner hatten gleich nach dem Schußwechsel die Patronenhülsen eingesammelt. Verteidiger Heinz Funke sieht "ganz schöne Widersprüche".
Der Prozeß bricht zudem mit einer Praxis, die bisher gängig war, wenn es Gewalttaten einer vermeintlichen terroristischen Gruppe gerichtlich zu bewältigen galt: Obwohl das Bundeskriminalamt die Tat von Sprendlingen auf seinen terroristischen Ereigniskalender neben "Stockholm-Überfall"", Opec-Anschlag" oder "Drenkmann-Mord" gesetzt hatte, reden die Ankläger diesmal nicht von einer "kriminellen Vereinigung".
Der "ganz normale Mordprozeß", so die Staatsanwaltschaft, wird womöglich offenlassen, ob sich am Kiesweiher nur ein loser Haufen zufällig traf oder ob ein fester Zirkel über neue Strategien beriet. Die Fahndung freilich zielte von Beginn an auf terroristische Kreise; zu typisch war der Tatablauf: erst Vorzeigen eines gestohlenen Passes mit altem Namen und neuem Bild, dann, bei Argwohn der Kontrolleure, Freischießen des Fluchtweges.
Als Schulz, zwei Wochen nach dem Mord, in Straßburg bei einem Handtaschen-Diebstahl gestellt wurde, waren Staatsschützer schnell sicher, der Gefaßte sei auch an der Kiesgrube gewesen. Das Photo auf dem am Tatort zurückgelassenen Paß deutete auf Schulz, Zeugen identifizierten ihn.
Ins Bild passe, fanden die Ermittler, auch die Vergangenheit des Verdächtigen: in Heidelberg Mitglied des "Sozialistischen Patientenkollektivs" und zusammen mit dem Stockholm-Attentäter Lutz Taufer zeitweilig Geschäftsstellenleiter im "Informationszentrum Rote Volksuniversität".
Registriert war, daß Schulz 1974 an der Besetzung des Hamburger Büros von Amnesty international beteiligt, war -- zusammen mit einer Gruppe, aus der sich eine ganze Reihe terroristischer Gewalttäter rekrutierte. Bekannt war auch, daß seine Schwester Brigitte wegen eines geplanten Anschlags gegen eine Maschine der Fluggesellschaft El Al in Israel in Untersuchungshaft saß.
Vorübergehend tippten die Fahnder auch auf den früheren BM-Anwalt Siegfried Haag und dessen Begleiter Roland Mayer als die anderen Mörder von Sprendlingen. In Verdacht geriet schließlich Johannes Roos, nachdem er ein Jahr nach der Tat in einem gestohlenen Auto und mit verbotener Waffe gefaßt worden war. Zeugen wollten den Angeklagten, bislang nur bei einer Hausbesetzung aufgefallen, als einen der Schützen von Sprendlingen wiedererkennen.
Bei der Rekonstruktion der Tat und der Identifikation von Roos könnten die Ankläger indes leicht in Bedrängnis kommen. Schulz wird angelastet, er habe aus kurzer Entfernung selbst einen der beiden tödlichen Schüsse auf Sippel abgegeben. Die Verteidigung glaubt aber, daß eine Kugel von seinem Kollegen Korol abgefeuert wurde -- im Reflex, als dieser an der Hand getroffen wurde.
Argument der Anwälte: Die Kugel hatte das Kaliber 7,65 -- wie Korols Polizeiwaffe. Das Tatgeschoß stammte "mit sehr großer Wahrscheinlichkeit", so ein Gutachten von einer Pistolenpatrone des Fabrikats "Geco" -- von Korol benutzte Munition.
Ob Roos am Tatort war, wird womöglich auch ein Dermatologe mit aufklären müssen. Die beiden Schützen im Hintergrund trugen nur Oberlippenbärte, Roos aber, darauf verweist die Verteidigung, wurde 15 Tage nach der Tat mit vollem Kinnbart gesehen.
Die Staatsanwaltschaft bemüht sich, die Kraft solcher Argumentation zu stutzen: Roos sei "sein starker, schneller Haarwuchs zustatten gekommen".

DER SPIEGEL 2/1978
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 2/1978
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

VERBRECHEN:
Starker Bartwuchs

Video 01:03

Mountainbike-Massenkarambolage Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht

  • Video "Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen" Video 00:48
    Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen
  • Video "Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln" Video 20:40
    Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln
  • Video "Naturphänomen in Ungarn: Atompilz über dem Plattensee" Video 00:36
    Naturphänomen in Ungarn: "Atompilz" über dem Plattensee
  • Video "Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop" Video 01:01
    Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop
  • Video "Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet" Video 01:08
    Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet
  • Video "Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch" Video 01:03
    Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch
  • Video "Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt" Video 01:10
    Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt
  • Video "Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D" Video 01:17
    Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D
  • Video "Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen" Video 01:16
    Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • Video "Rettungsschiff Open Arms: Weitere Flüchtlinge springen ins Meer" Video 01:08
    Rettungsschiff "Open Arms": Weitere Flüchtlinge springen ins Meer
  • Video "Uber Boat: In Cambridge kommt der Kahn per App" Video 00:58
    "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Video "Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun" Video 29:10
    Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Video "23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven" Video 01:06
    23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven
  • Video "Ein Jahr Greta Thunberg: Ikone und Hassfigur" Video 02:41
    Ein Jahr Greta Thunberg: Ikone und Hassfigur
  • Video "Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom Höllenberg veröffentlicht" Video 01:03
    Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht