09.01.1978

„Wir sind Lotosblüten auf einem Sumpf“

Über 100 000 in Banden organisierte Gangster zählt die Polizei in Japan. Die Yakuza, wie die Banditen genannt werden, erzielen mit Glücksspiel und Rauschgift, Erpressung und Prostitution jährlich Gewinne von etlichen Milliarden Mark. Von sich selbst behaupten die Banden, sie seien eine Ordnungsmacht: „Wir beschützen die Bürger.“
Gemessenen Schrittes trat der Held des Tages im frühen Morgenlicht durch das gewaltige Tor ins Freie -- elf Jahre hatte er, geächtet von der wohlanständigen japanischen Gesellschaft, auf diesen Augenblick des Triumphes warten müssen, auf ein Wiedersehen auch mit seinen Freunden. Er wußte, sie hatten ihn nicht vergessen, würden ihm nach langer Abwesenheit einen würdigen Empfang bereiten.
Er, Shigemasa Kamoda, gefürchteter Gangster-Boß, hatte sich standesgemäß vorbereitet:
In erbärmliches Drillich war er -- wegen erwiesenen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung per Schwert -- im Gefängnis zu Chiba eingekleidet worden; nun begann er seine neue Freiheit im Festtags-Kimono.
Ein über tausendstimmiger Hochruf empfing den Mafia-Maestro vor dem Gefängnistor: Seine Vasallen und Mitglieder befreundeter Banditen-Syndikate standen Willkommensspalier.
Nur die höheren Gangster-Chargen trugen, als sie einzeln ihren Diener machten, im Blickfeld in- und ausländischer TV-Kameras, gedeckt-vornehme Anzüge. Das Fußvolk, die große Schar der Gemeinen, hatte sich in Berufskleidung versammelt: Leuchtend weiß auf schwarzem Grund zierten Gruppen-Embleme die Rücken ihrer Jacken. Die japanische Unterwelt bekannte sich öffentlich.
Rund dreißig Polizisten, vorsichtshalber mit Helm und Schild gewappnet, sahen dieser Machtdemonstration gelangweilt zu; die Gangster scherten sich nicht darum. Schließlich kennen sich beide Seiten seit langem sehr gut.
Niemand auch nahm Anstoß, als die Herren Verbrecher sich publikumswirksam die Ehre gaben: Mit Pomp und in amerikanischen Wagen geleiteten sie ihren durch Japans Justiz jahrelang aus dem Verkehr gezogenen Häuptling in ein vornehmes Tokioter Hotel. Das Wiedersehensgelage dauerte zwei Tage.
"Wissen Sie", sagte ein Beobachter des gespenstischen Banditen-Korsos, "das regt keinen Japaner mehr auf. Wir kennen die Leute schon zu gut. Natürlich wissen wir, daß das Gangster sind; aber sie tun uns ja nichts Böses. Gangster gibt es überall. Wir haben eben unsere Yakuza."
Yakuza nennen sich Japans Syndikats-Banditen selbst; die Polizei spricht lieber und offiziell von "Gesetzesübertretern". Ein schöner Selbstbetrug ist"s, wenn sogar ein Polizeisprecher meint: "Unsere Yakuza sind nicht unbedingt schlechte Menschen. Auch wenn wir sie nicht mögen, sie sind Teil unserer Gesellschaft."
Das gibt es in der japanischen Gesellschaft? Gangster, doch leutselig, offen, niemandem Böses tuend?
In Wahrheit ist die Grausamkeit der japanischen Banditen allgemein bekannt; sie wurde in unzähligen TV-Filmen dargestellt; sie gehört zum gesicherten Wissen der japanischen Polizei. Allein für das Jahr 1976 verzeichnet das Polizei-"Weißbuch 1977" 418 Yakuza-Morde, 25 Tote im ewigen Bandenkrieg und 55 Verletzte -- darunter auch Opfer. die nicht aus der Unterwelt kamen.
Gangster-Syndikate gibt es in Japan seit Jahrhunderten, eine Bedrohung Außenstehender ist neu. Die Yakuza lebten traditionell in ihrer eigenen Welt. "Früher durften wir nicht einmal auf den Schatten anderer Menschen treten", erinnert sieh ein Bandenboß, "was immer wir auch taten, nie war uns erlaubt, katagi (anständige Menschen) zu belästigen" Trauriger Zusatz: "Die jungen Leute heute sind eben anders."
Heute enden Zufallstreffen mit der japanischen Mafia nicht selten tödlich. In einer Snackbar in Osaka vergnügte sich unlängst ein Gangster, allein und unerkannt, bei einem Whisky. Das angeregte Gespräch von zwei Gästen neben ihm störte, er fühlte sich gar beleidigt. So zog er eine Pistole, erschoß beide und verließ ruhig das Lokal.
Am Anfang der Karriere eines Bandenchefs in Tokio stand ein Boxer, den er nicht leiden konnte. "Da ging ich ihn einmal besuchen", erzählt er, höflich, leise, "und zeigte ihm als Warnung auch meine Pistole." Der Mord blieb bislang unaufgeklärt.
Kazuo Taoka, seit früher Kindheit heimisch in den Kreisen der Unterwelt von Kobe, lieferte sein Brutalitäts-Gesellenstück, als er gerade siebzehn Jahre alt war: Einem Passanten auf der Straße, der ihn wegen einer Rempelei am Kragen packte, stach er mit Zeige- und Mittelfinger die Augen aus.
Auch die schon Jahre zurückliegende Geschichte des Berufsringers aus Kobe, der sich bei einem Kollegen für im Suff gesprochene Beleidigungen nicht entschuldigen wollte, wird heute noch ehrfurchtsvoll in Nippons Untergrund gehandelt: An Kazuo Taoka, genannt "Der Bär", erging der Ruf, die Ringer-Entschuldigung einzutreiben.
Er tat"s auf seine Weise -- mit dem Kurzschwert. Dafür, daß der übel zugerichtete Athlet, dem er unter anderem zwei Finger abgehackt hatte, später nie wieder auftrat, hat Taoka eine simple Erklärung. "Wahrscheinlich", schreibt er in seinen Memoiren, "bestand wenig Bedarf an einem Ringer mit nur acht Fingern."
Kazuo Taoka ist eine Berühmtheit. So kann er seine Erinnerungen als Bestseller vermarkten, seine Vita gar in einem zweiteiligen Film-Epos nachgestalten lassen -- denn Herr Taoka ist ein ehrenwerter Mann, 65 Jahre alt inzwischen, herzkrank und, so seine Erklärungen ans Finanzamt, seit 1970 ohne Einkommen.
Wem kämen da Zweifel ob seines aufwendigen Lebensstils, seiner "Taokas Palast" genannten festungsgleichen Villa vor den Toren Kobes? All der Luxus, sagt Taoka-san und lächelt, "kommt vom hesokuri meiner Frau". Hesokuri sind die heimlichen Ersparnisse vom Haushaltsgeld.
Doch jedem Japaner ist der Name des schillernden Privatiers aus Kobe in weniger familiärem Zusammenhang geläufig: Taoka steht für Totschlag und Erpressung, für Syndikatsbanditentum. Eine oft gehörte Redensart, schon ein Sprichwort: "Selbst weinende Kinder werden ruhig, wenn sie den Namen Yamaguchi-gumi hören."
Die Yamaguchi-gumi ist Japans größte Bandengruppe, gewalttätigstes und skrupellosestes Unterwelt-Syndikat mit 11 000 Mitgliedern, wie die Polizei schätzt. Ihr unangefochtener Boß seit 32 Jahren, Pate der Paten: Kazuo Taoka, geboren am 28. März 1912 auf der Insel Schikoku.
Mag die Polizei auch immer wieder neue Schätzungen über die Stärke der Taoka-Gefolgschaft anstellen, mag sie seine Armee zu zersprengen suchen -- der Boß bleibt ruhig und fürchtet sich nicht.
Denn nach außen ist die Yamaguchigumi "lediglich eine Gesellschaft für Freundschaft und gegenseitige Hilfe", behauptet Taoka. "Übrigens ist sie nicht 10 000 Mann stark -- es sind 100 000."
Das Heer der in Freundschaft Verbundenen hat für seinen Boß -- und sich selbst -- stets redlich gesorgt. Mit illegalem Glücksspiel, mit Prostitution, Rauschgifthandel und Erpressung, alles hinter seriösen Firmenfassaden verborgen, haben die Yakuza ihrem Chef Taoka allein 1976 zu einem Reingewinn von schätzungsweise zehn Millionen Dollar verholfen.
"Solange die Yamaguchi-gumi nicht in Stücke geschlagen ist", wetterte vor kurzem Seitaro Asanuma, oberster Polizist des Landes, "wird die Nation nicht an unsere Ernsthaftigkeit glauben." Sie tut"s wohl eh nicht.
Zwar läuft seit drei Jahren Asanumas "Operation Bulldozer" mit landesweiten Razzien, die etwa im vergangenen Jahr über 53 000 Festnahmen brachten. Allein an zwei Oktobertagen setzten Asanumas Fahnder über 5000 Banditen vorübergehend fest.
Aber selbst solche Zugriffe sind für die japanische Unterwelt kaum mehr als Nadelstiche, wenn auch lästige: "Sie stören die Harmonie", beklagt sich ein Tokioter Bandenchef.
Wirklich, mehr nicht. Denn die Yamaguchi-gumi mag zwar das größte Gangster-Syndikat sein, ist aber eben doch nur eine Gruppe von mehr als 2500 Yakuza-"Familien" im ganzen Land. "Insgesamt gibt es in Japan 110 000 Gangster", erklärt ein Sprecher der Nationalen Polizeibehörde im Brustton der Überzeugung -- und fügt mit entschuldigendem Achselzucken hinzu, das sei "natürlich nur die Zahl derer, die mal erkennungsdienstlich behandelt worden sind".
"Unsinn", grinst Masaaki 0. ("Bitte keine Namen. Die Bullen kennen mich seit langem zu gut"), polizeinotorischer Boß einer Kleinbande in Tokio, Spezialist für Kartenspiel und Pferderennen. "Im Großraum Tokio allein gibt es über 60 000 Yamaguchi-Leute aus Westjapan, und dann all die anderen, die schon immer hierher gehörten."
Das aber macht ja, da Tokio keineswegs die Syndikats-Zentrale ist, bei vorsichtiger Extrapolation der Zahlen eine Bandenwelt von rund einer Million Menschen -- knapp ein Prozent der Gesamtbevölkerung.
Japan, der ordnungsliebende Staat in Fernost, das oft beschworene "Preußen Asiens", scheint eine wahre Gangster-Hochburg, ein Paradies der Unterwelt zu sein.
Polizeibekannt sind illegale Yakuza-Einkommen von etwa 240 Millionen Mark im Jahr. "Natürlich ist das eine unzulängliche Schätzung", räumt ein Polizeisprecher in Tokio ein, "den wirklichen Betrag kann man nicht einmal raten." Ein Hundertfaches erst der offiziellen Summe gilt bei Untergrund-Insidern als realistisch.
Hinzu kommen die immensen Einkünfte aus legalem Fassaden-Business: Bars, Nightclubs, Bauunternehmen, Geldverleih und Stellenvermittlungs-Agenturen. Selbst die Yamaguchi-gumi begann vor 50 Jahren ihren Aufstieg als Vermittlungsbüro für jobsuchende Schauerleute im Hafen von Kobe.
Insgesamt werden heute -- und einmal mehr kann die Polizei nur schätzen -- über 27 000 Unternehmen, seriöse Firmen vom Börsen- bis zum Grundstücksmakler, von den Yakuza kontrolliert. Japans Mafia ist allgegenwärtig.
Und dabei gibt es eigentlich gar keine Gangster in Japan -- wenn man dem Sohn des berüchtigten Taoka senior, Mitsuru Taoka, 32, glauben will: "Sie hören das japanische Wort Yakuza und denken sofort an die US-Mafia, die nur an Crime und Money interessiert ist. Das ist falsch. Unsere Yakuza haben eine ehrenvolle Tradition und haben immer ihren Mitmenschen geholfen."
Lang, wenngleich nicht immer ruhmreich, ist die Geschichte der Yakuza bestimmt:
Vor rund 400 Jahren lebte in Edo, dem heutigen Tokio, ein gewisser Banzuin Chobei, Spieler und Schläger, Urahn aller Yakuza, legendärer Führer und Heros der Unterdrückten -- der selbst heute noch japanischen Schülern in dieser Rolle nahegebracht wird.
Banzuin, erster in Japans Kriminal-Annalen verewigter Profi-Gangster, wurde reich als Stellenvermittler: Arbeiter für Straßen und Gebäude benötigte das 1603 zum Regierungssitz erhobene Fischerdorf Edo die Menge. Und Banzuin gab den harten Burschen, die ohne Job waren oder als Ex-Krieger den Sprung ins befriedete Japan, nach Jahrzehnten des Bürgerkrieges, nicht schafften, was sie brauchten: Arbeit auf dem Bau; Geborgenheit in einer familiengleichen Gruppe; Freizeit bei Karten- und Würfelspiel.
Vor allem aber hatte Banzuin ein Aggressionsventil für seine Truppe parat: Er formierte Gruppen von "Stadtwächtern", die den Frieden der Gemeinde sichern sollten, Wirten und Wirtschaftsführern ihren Schutz angedeihen ließen und Bewohner "ihres" Territoriums vor Übergriffen anderer Banden bewahrten.
Aber auch um sozialen Lastenausgleich war Banzuin besorgt, wie die Legende schulbuchgerecht noch heute behauptet. Seine Stadtwächter nahmen -- gewaltsam oft -- angeblich nur von den Reichen und verteilten die Beute unter die Armen. Freilich: Die beutebeglückten Armen waren ausschließlich er selbst und seine Bande.
Verständlich, daß dieses überaus erfolgreiche Bandenmodell schnell viele Nachahmer fand: Es hatte den Reiz des Verbotenen für sich und war doch vertrautes Spiegelbild der streng hierarchisch gegliederten japanischen Gesellschaft, wies jedem einzelnen Mitglied seinen festen Platz in der Gruppe zu -- und die Gruppe nahm jedem die Qual individueller Entscheidungen ab.
Zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts schlossen sich so Japans Karten- und Würfelspieler zusammen und kontrollieren bis auf den heutigen Tag ihren Markt. Auch die "tekiya", ambulante Händler, Schausteller und Budenbesitzer bei Tempelfesten, erkannten, daß es sich in einer "Familie" besser leben lasse, das Syndikat ein nicht zu unterschätzender und überdies profitabler Ordnungsfaktor sei.
Dieser Meinung war zeitweilig sogar Japans Regierung. Im 18. Jahrhundert ernannte sie Banden-Bosse zu "Aufsehern", die sonst familienlos ausufernde Unterwelt unter Kontrolle zu halten, verlieh ihnen dafür gar die Würde "eines Nachnamens und zweier Schwerter", Symbole der Samurai-Kaste.
Der Samurai, sagenumwobener Krieger des frühen Feudaljapans, hatte es den Banditen von jeher angetan: Ihm in seinem rigorosen Ehrverständnis nachzueifern war höchstes Ziel -- bis in den Tod. So auch galt und gilt ein gewaltsamer Tod dem Yakuza wie seinem Samurai-Vorbild als poetisch-tragisches Geschick.
"Wir sind Lotosblüten auf einem Sumpf", prahlte ein Bandenführer vor wenigen Wochen in Kobe, "wir halten um den Preis unseres Lebens an unserem Ehrenkodex fest. Wenn ich als Boß nicht meine Jungs unter Kontrolle hätte, wäre diese Stadt übler dran."
Das ist nicht einmal ganz falsch. Denn die straff organisierten Banden tragen dazu bei, daß es kaum Kriminalitäts-Wildwuchs gibt: "Tagsüber schützt die Polizei die Bürger", behauptet denn auch Hideomi Oda, Direktor der mächtigen Yamaguchi-Bande, eines der größten Gangster-Konglomerate der Neuzeit, "nachts beschütze ich sie." Wo der Boß nicht will, sind Übergriffe der Yakuza so gut wie unbekannt. Denn die Disziplin ist hart, kompromißlos, Loyalität keine leere Formel, absoluter Gehorsam die Grundregel des oft blutigen Spiels.
Einer jeden Gangster-Familie steht der "oyabun" vor, beraten von wenigen "Direktoren", also dem inneren Führungszirkel. Darunter kommt die große Schar der Erpresser, Schläger, Spieler. Zuhälter und Dealer. Unter ihnen wieder stehen die "Lehrlinge".
Rekrutierungsprobleme sind unbekannt. Denn, brüstet sich ein Tokioter Oyabun: "Wer in dieser Gesellschaft ist schon bereit, Jugendlichen ohne Bildung, ohne Geld, ohne Familie eine faire Chance zu geben? Nur wir. Deshalb wird unsere Welt bleiben, wie sie ist."
In der Tat, sie ist geblieben, wie sie stets war: feudalistisch und menschenverachtend autoritär. Auf Ungehorsam, auch unbewußten, steht häufig der Tod. Und wer bei Fehlern gestellt wird, darf in der Familie bestenfalls auf Vergebung per Selbstverstümmelung rechnen:
"Als ich das erste Mal vom Oyabun Geld fürs Kartenspiel bekam und am nächsten Morgen nicht mehr wußte, wo ich es gelassen hatte, hat er mich nur verprügelt", erzählt Kenichi A., 26, in seiner Tokioter Minibar, seinem "Alibi fürs Finanzamt". "Beim zweiten Mal schickte der Oyabun mich in den Knast -- ich übernahm bei der Polizei die Verantwortung für einen seiner Deals."
"Vor kurzem habe ich wieder besoffen Geld verloren. Da mußte er ab", sagt Kenichi und hebt die linke Hand: Vom kleinen Finger blieb nur ein vernarbter Stumpf.
In der Yakuza-Welt werden gravierende Fehltritte häufig so geahndet: Der Missetäter kniet vor dem Oyabun nieder, schneidet sich mit dem Kurzschwert den linken kleinen Finger am ersten Gelenk ab, überreicht demütig
* Zur Strafe für ein Vergehen mußte sich der Spielmacher den kleinen Finger abschneiden (Pfeil).
Vergebung heischend das Fingerglied, in ein Seidentuch gebunden, seinem Meister. Nimmt der es an, ist Gnade gewährt; verschmäht er es, hat der Delinquent wohl sein Leben verwirkt.
Eine verschworene Gemeinschaft, lebenslang, sind die Yakuza; Zweifel daran können für Mitglieder tödlich sein.
Dieser Korpsgeist wird auch öffentlich geübt -- und die Offentlichkeit nimmt kaum Anstoß, bewundert ihre Yakuza gar. Ausnahmsweise nur hängt am Eingang eines Badehauses in Osaka ein Schild mit der Aufschrift: "Tätowierte haben keinen Zutritt." Als mutiger Beweis einer Bandenzugehörigkeit gelten Tätowierungen in Japan; Tätowierter gleich Yakuza, heißt die gängige Formel.
Bis zu vier Jahren dauert die peinvolle Prozedur, den Mann -- nicht selten auch eine Frau -- vom Oberschenkel bis zum Hals in ein Farbkaleidoskop von Göttern, Dämonen und Blumen zu verwandeln. "Das ist wahre Kunst", behauptet Mitsuaki Owada, als Tätowierungs-Großmeister Horinishiki I. hochgeehrt. "Ich bringe damit Helligkeit in die Welt. Deshalb spreche ich auch nicht von Tätowierung, sondern von Schnitzwerken."
Doch nicht alle Yakuza sind tätowiert. Kenichi A. etwa, Pistolenbesitzer und -benutzer, weist die Frage nach Schnitzwerk entrüstet von sich: "Wir sind Spieler -- wir gebrauchen unseren Kopf. Nicht den Körper."
Spieler mit Karten und Würfeln sind aber fast alle Yakuza.
Jeden Tag gehen irgendwo in Japan die verschlüsselten Telephonate an jene hinaus, die der Spielleidenschaft frönen. Ihrem System steht die Polizei machtlos gegenüber; Zufallstreffer ermöglichen ihr nur den einen oder anderen Erfolg. Mehr als 6000 Festnahmen wegen illegalen Glücksspiels zwar 1976 -- aber wer nicht gesteht oder durch Mitspieler belastet wird, ist meist nach wenigen Stunden schon wieder frei.
An einem trüben Herbsttag in Tokio sind Spieler in ein bedrückend enges, unauffälliges Apartment gebeten. Die Gäste werden standesgemäß im bandeneigenen Cadillac vorgefahren.
Die Spielfläche ist mit weißem Tuch ausgelegt. Elf Männer hocken mit gekreuzten Beinen da. Nur der Spielmacher, der mit dem Fingerstumpf, kniet traditionell japanisch.
Vor ihm liegt verdeckt das "hana fuda"-Spiel: 96 Plastikkärtchen mit Blumen und Tieren, den Symbolen der einzelnen Monate. Sie bestimmen den Wert der Karten. Drei Blumen wirft der Spielmacher vor sich, drei vor sein Gegenüber, Bildseite nach unten.
Drückende Stille. Welche Seite hat mehr Punkte? Doch die 20 verliert. Blackjack auf japanisch. Massenweise Geldscheinbündel, jedes mindestens 100 000 Yen (900 Mark), fliegen auf das weiße Tuch. Auf beiden Seiten müssen die Einsätze gleich hoch sein: Das Haus kann nie verlieren.
Ein glückloser Kartenfan hat bald seine gesamte Barschaft verloren. Der Boß drängt ihm aus seiner Schatulle wieder Geld auf, nur damit "das schöne Spiel nicht unterbrochen wird". Über Zinsen und die ruppig-blutigen Methoden, ausstehende Schulden später einzutreiben, wird an diesem Abend vornehm geschwiegen.
Nach vorsichtigen Schätzungen finden in Japan wöchentlich fast 100 solcher Karten-Partys statt. Über die dabei erzielten Umsätze weiß selbst Bandenchef Masaaki O. "nur, daß ich davon meine Familie gut ernähren könnte".
Unlängst verhaftete die Polizei in Kobe einen Direktor der Yamaguchigumi wegen Glücksspiels. Bei seiner Party hatten angeblich in einer Nacht 100 Millionen Yen (900 000 Mark) ihre Besitzer gewechselt.
"Wir haben doch nur mit Leuten zu tun", verteidigt ein Tokioter Oyabun sein Geschäft, "die wünschen, was wir zu bieten haben." Das ist eine ganze Menge: Neben dem einträglichen Glücksspiel (dazu gehört auch das Buchmachergeschäft bei Pferderennen) etwa Porno und Prostitution.
Vor 20 Jahren hatten in Japan alle bis dato hochgeachteten Bordelle schließen müssen. Seither ist die Prostitution fest in Banditen-Hand. Über 1000 Türkische Bäder zählt allein die Metropole Tokio; mehr als zwei Drittel der dort beschäftigten "Masseusen" stehen fest im Dienst von Yakuza-Zuhältern. Daneben das ungezählte Heer der Bar-Hostessen, der Möchtegern-TV-Starlets, der Straßengängerinnen -- die Polizei weiß, daß sie mit ihrer Vermutung, Prostitution bringe den Yakuza im Jahr fünf Millionen Mark ein, weit hinter der Realität zurückbleibt.
Vor drei Jahren erst wurde das Kartenspiel als größter Geldbringer der Yakuza entthront: Drogen sind das Geschäft mit Zukunft. 150 Millionen Mark, heißt es offiziell, betrage der Jahresverdienst.
Ein Vielfaches dieser Summe aber dürfte allein die Yamaguchi-gumi erzielen.
Weiche Drogen kosten 40 000 Yen die Einheit, ab Boot aus Korea. Der bandeninterne Zwischenhandel bringt einen Profit von 300 Prozent. Danach wird der Stoff auf 50 Prozent Reinheit gestreckt und "auktionsmäßig an den Meistbietenden verkauft".
Harte Drogen, Heroin, spielen kaum eine Rolle. Vor einigen Jahren gar gründeten Kazuo Taoka und seine Yamaguchi-gumi in Jokohama ein "Büro der Liga zur Ausrottung des Rauschgifthandels". In den Vorstand dieses Unternehmens lockte Taoka mehrere Oberhausabgeordnete, Schriftsteller und einen Universitätsrektor.
Bedenken, auch nur moralischer Natur, stellten sich bei den Honoratioren wie bei den meisten Japanern nicht ein. Denn Yakuza zu sein, wieviel weniger also noch, mit ihnen in Verbindung zu stehen, ist keine Schande.
"Solange wir ihn nicht auf frischer Tat ertappen", stellt ein Gangsterjäger der Tokioter Polizei fest, "ist jeder Yakuza ein ehrbarer Bürger."
"Ich hin ein Yakuza, und ich bin stolz darauf" mit diesen Worten wurde ein "Nationales Symposium" rechtsradikaler politischer Gruppen eröffnet -- von einem Herrn Yamada, millionenschwerem Bauunternehmer.
Zur Hochzeitsfeier von Taokas Sohn Mitsuru kamen Politiker wie der Parlamentarier Noboru Goto oder ein Ex-Bürgermeister von Kobe. Glückwunschtelegramme gingen ein von etlichen Filmstars und von Nobusuke Kishi, Ex-Ministerpräsident Japans. "Hier wird kein Nachfolger für ein Imperium gefeiert", rief Hotel- und Eisenbahn-Tycoon Goto aus, "sondern nur ein einfacher junger Mann."
Offen bekennen sich Yakuza, oft provokant, zu ihrem Gangstertum: Die Yamaguchi-gumi gibt gar eine eigene Zeitschrift heraus, vierfarbig auf Glanzpapier. Themen: Relevantes aus der Unterwelt, hübsch aufbereitet, so daß selbst die Polizei es chic findet.
Wird der Tod eines prominenten Gangsters betrauert, sperrt die Polizei wichtige Straßen für die Yakuza-Gäste. Selten nur wird Unmut laut, wie letzthin in Osaka, als die Stadtverwaltung den Banditen auch noch städtische Busse zur Verfügung stellte.
Publizität wünschen sich die Yakuza-Familien, weil diese sie im Gefühl ihrer Einzigartigkeit bestärkt. Doch zwei Dinge mögen sie öffentlich nicht leiden:
Das Massenblatt "Yomiuri Shimbun" hatte in einem Artikel gewisse Yakuza als "Mörderbande" und "gemeine Verbrecher" tituliert zwei Tage später demolierten die so Gekränkten mit Stahlrohren und Schlagringen die Redaktion. Elf Redakteure waren krankenhausreif geschlagen, ehe die Polizei dem blutigen Treiben ein Ende setzte.
Die Zeiten haben sich geändert: Einschüchterung und Erpressung von Großunternehmen versprechen ein neues Aktionsfeld" sind Tausenden von Yakuza schon Haupteinnahmequelle.
Als da der SPIEGEL vor vier Jahren schrieb, daß viele Aktionärsversammlungen japanischer Großunternehmen eine Farce seien, da Yakuza auf Firmenwunsch jeden Ansatz einer kritischen Frage mit physischer Gewalt abblockten, rief lediglich ein freundlicher Herr das SPIEGEL-Büro an:
Er habe nichts zu dementieren, sagte er, aber wenn man schon über dieses Thema etwas berichten müsse, könne man das denn, bitte, nicht etwas positiver sagen? Schließlich seien Yakuza keine Gangster.
Seinen Namen wollte der Herr nicht sagen, wohl verständlich, aber zu einem rang er sich auf Nachfrage durch: "Ich bin nur beauftragt, von Kazuo Taoka, den kennen Sie doch?" ·

DER SPIEGEL 2/1978
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