12.12.1977

„Eine unübersehbare Gefährdung“

SPIEGEL: Bundesverkehrsminister Gscheidle hat vorgeschlagen, zum Schutz gegen mögliche Terroranschläge bewaffnete Sicherheitsbeamte an Bord von Lufthansa-Maschinen mitfliegen zu lassen. Befürwortet die Lufthansa, obwohl sich die Piloten bisher dagegen ausgesprochen haben, diesen Vorschlag?
UTTER: Die Lufthansa vertritt nach wie vor die Meinung, daß bewaffnete Sicherheitsbeamte an Bord für alle Betroffenen, Passagiere und Besatzung, das Risiko nur vergrößern. Die Sicherheitsmaßnahmen zur Verhinderung von Entführungen müssen am Boden getroffen werden. Diese Grundsatzhaltung befindet sich in Übereinstimmung mit nahezu allen internationalen Liniengesellschaften.
SPIEGEL: Die amerikanischen Fluggesellschaften ließen zeitweilig sogenannte "sky marshals" mitfliegen.
UTTER: Sie haben sie wieder zurückgezogen, nachdem die Bodenmaßnahmen das erforderliche Niveau erreicht hatten. Das sollte zu denken geben.
SPIEGEL: Bewaffnete Luft-Sheriffs sind immer noch regelmäßig an Bord aller Maschinen der israelischen Fluggesellschaft El Al. Tatsächlich wurde in den letzten Jahren keine El-Al-Maschine entführt.
UTTER: Auch bei der El Al liegt der deutliche Schwerpunkt der Sicherheitsmaßnahmen am Boden. Im übrigen läßt sich nicht beweisen, daß nicht erfolgte Entführungen bei El Al auf die Gegenwart von bewaffneten Sicherheitsbeamten zurückzuführen sind.
SPIEGEL: Ließen sich bewaffnete Flugbegleiter so schulen, daß sie in keinem Fall die Passagiere gefährden?
UTTER: Eine bewaffnete Auseinandersetzung während des Fluges bedeutet eine unübersehbare Gefährdung des Flugzeuges und aller seiner Insassen. Es kann unserer Meinung nach nicht ausgeschlossen werden, daß solche Sicherheitskräfte, selbst wenn sie in ausreichender Zahl und entsprechend geschult zur Verfügung ständen, an Bord von den Entführern enttarnt würden. Im Fall einer Entdeckung aber kommt es entweder zur Entwaffnung oder zur Auseinandersetzung.
SPIEGEL: Hielten Sie denn unbewaffnete, aber beispielsweise in Karate ausgebildete Luft-Sheriffs für nützlich?
UTTER: Die Annahme. ausgebildete Karatekämpfer könnten gegen Schußwaffen führende Angreifer bestehen, ist irreal.
SPIEGEL: Könnte die Geschäftsleitung der Lufthansa oder die Bundesregierung die Idee der Luft-Sheriffs auch ohne Zustimmung der Flugkapitäne in die Tat umsetzen?
UTTER: Die Verantwortung für eine sichere Flugdurchführung liegt ausschließlich in den Händen des Kapitäns und muß in allen Phasen des Fluges, auch bei Entführungen. in seinen Händen bleiben.

DER SPIEGEL 51/1977
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