12.12.1977

WÄHRUNGSchlägt voll durch

Durch nachlässige Wirtschaftspolitik ließ Washington den Dollar-Kurs fallen und verschärfte damit die ökonomischen Schwierigkeiten anderer Länder.
Auf dem Weg von den nahöstlichen Ölstaaten nach Washington machte US-Finanzminister Michael Blumenthal Anfang November Station in Bonn. Dort berlinerte der aus Deutschland stammende Amerikaner seinem Amtskollegen Hans Apel vor, daß er mit den Westdeutschen voll auf Linie liege: "Wir brauchen einen starken Dollar." Dafür werde Washington sich einsetzen.
Als Blumenthal Bonn verließ, wurde für einen Dollar noch 2,24 Mark bezahlt. Dann ging es munter bergab -- bis auf 2,16 Mark am Dienstag voriger Woche.
Die wichtigste Währung der westlichen Hemisphäre war auf ein neues Rekordtief abgesackt. Und die Bonner wußten nun endgültig, was sie von den Versprechungen des amerikanischen Finanzministers zu halten haben: nichts.
Tatenlos, so registrierten vergrätzt die bundesdeutschen Staatslenker, hatten die Amerikaner dem rapiden Verfall ihrer Währung zugesehen.
Mit ihrer Gleichgültigkeit nährten sie in Bonn den Verdacht, daß die Washingtoner Administration ihre Politik nur noch für den Hausgebrauch mache. Ein Kabinettsmitglied berichtete über die Stimmung in der Ministerrunde: "Da wurden Zweifel wach, oh die USA noch ihre Führungsrolle in der westlichen Welt wahrnehmen wollen."
Doch während etwa die Schweizer sich öffentlich über die Carter-Regierung beschwerten (Notenbankchef Fritz Leutwiler: "Die USA lassen uns hängen"), hielten die Deutschen sich nach außen auffallend zurück, In der zutreffenden Erkenntnis, daß Carter und seine Crew sich von europäischem Tadel nicht beeindrucken lassen würden, gab Hans Apel im Kabinett die Parole aus: "Wir sollten die Amerikaner nicht vors Schienbein treten. Das bringt nix."
Um so deutlicher formulierten die Bonner intern ihre Kritik. Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff: "Die Amerikaner tun so, als wenn das gar nicht ihre Währung wäre."
Der Unmut der Westdeutschen wie der anderen Europäer ist verständlich. Denn der niedrige Dollarpreis begünstigt die amerikanische Industrie gegenüber der internationalen Konkurrenz: Je niedriger der Dollar bewertet wird, desto teurer sind europäische Waren im Vergleich zu amerikanischen Produkten.
Nur kurzfristig sind die bundesdeutschen Exporteure gegen Kursschwankungen des Dollars gefeit: Entweder haben die Firmen ihre Auslandskontrakte in Markbeträgen abgeschlossen, oder sie haben durch Kurssicherungsgeschäfte sich vor Währungsverlusten geschützt; das heißt, sie haben die Dollarbeträge, die sie erhalten werden, im voraus ihrer Bank zu einem bestimmten DM-Kurs verkauft. "Aber was nützt das schon", klagt ein VW-Manager, "in einem Vierteljahr schlägt der Kursrutsch voll durch."
Die Ungewißheit darüber. wo sich der Dollarkurs einpendeln wird, verleitete zumindest schon viele Auslandskunden zum Abwarten. "Größere Abschlüsse", so die Erfahrung der Gutehoffnungshütte, des größten Maschinenbauers Europas, "sind in den letzten Wochen überhaupt nicht mehr kontrahiert worden."
Die Unsicherheit auf den Auslandsmärkten könnte auch auf die Inlandsbestellungen durchschlagen. Die Bonner Konjunktursteurer fürchten. daß jetzt die notorische Investitionsunlust der deutschen Unternehmer noch verstärkt wird. Wirtschafts-Staatssekretär Otto Schlecht: "Das wirkt schon
nach dem Motto, daß fünfzig Prozent an der Konjunkturpolitik Psychologie ist."
Ohnedies sind die einstmals kräftigen Export-Zuwächse inzwischen magerer geworden. Waren die bundesdeutschen Ausfuhren über Jahrzehnte hinweg ein bis zwei Prozentpunkte im Jahr flinker als der Welthandel gewachsen, so marschieren die Westdeutschen inzwischen im Gleichschritt mit den anderen Handelsnationen.
Ursache des Kursrutsches ist die völlig aus dem Lot geratene Handelsbilanz der USA: In diesem Jahr geben die Amerikaner für Einfuhren rund 30 Milliarden Dollar mehr aus, als sie durch Exporte im Ausland verdienen; fürs nächste Jahr wird das Defizit noch höher geschätzt. Nun überschwemmen die Dollar aus Washingtons Notenpresse die internationalen Geldmärkte.
Die Dollar-Flut rührt vor allem von den unablässig wachsenden Ölimporten der USA her, Deckten die Amerikaner bis in die späten sechziger Jahre hinein ihren Ölverbrauch zu etwa 75 Prozent aus heimischen Quellen, so mussen sie heute mehr Rohöl einführen, als sie selbst fördern.
Präsident Carters Versuch, den aberwitzigen Ölverbrauch seiner Landsleute durch ein Energie-Sparprogramm zu drosseln, ist praktisch gescheitert: Der Kongreß blockt den Präsidenten ab, von Carters ehrgeizigem Programm bleibt nur ein Torso übrig. Das Riesendefizit in der Handelsbilanz führte zu Zweifeln an der Funktion des Dollars als Leitwährung der westlichen Welt.
Als das Bonner Kabinett vergangenen Mittwoch über die Dollar-Schwäche diskutierte, zeigten sich denn auch die sachverständigen Minister allesamt pessimistisch. Wirtschaftsgraf Lambsdorff prophezeite: "Die Amerikaner kriegen ihre Leistungsbilanz nicht in Ordnung."
Und das heißt eben: Wie während des Vietnamkriegs wird Washington nun wieder die Welt überreichlich mit Dollar eindecken. Bundesbank-Vizepräsident Karl Otto Pöhl sorgt sich bereits um das "riesige Inflationspotential", das nun wieder heranwächst.
Verzweifelt versuchen vor allem die wirtschaftlich schwächeren Europäer, Damme gegen die Dollar-Woge zu errichten. So haben, um den Dollar-Kurs nicht noch tiefer fallen und damit die Verkaufschancen der eigenen Exportwirtschaft schädigen zu lassen, etwa die Briten in den letzten Monaten 16 Milliarden Dollar gekauft, und auch die Frankfurter Bundesbank beteiligte sich an den Stützungskäufen.
Doch das half wenig; die gewaltigen Dollar-Massen drückten den Kurs der US-Valuta immer tiefer. "Wer soll denn da gegenhalten?" fragt Wirtschaftsminister Lambsdorff resignierend.
Schon fast wie ein Verzweiflungsakt mutet es da auch an, wenn die Bonner Regenten erwägen, dem mächtigen Verbündeten auf einer neuen Weltwirtschaftskonferenz ins Gewissen zu reden. "Irgendwann", so ärgert sich Wirtschafts-Staatssekretär Otto Schlecht, "muß man die Amerikaner auf ihre globale wirtschaftliche Verantwortung hinweisen."
Das letztemal geschah dies auf dem Londoner Gipfel -- vor sieben Monaten.

DER SPIEGEL 51/1977
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