12.12.1977

„Hier wird Luft verkauft“

Am Mittwoch dieser Woche wird die Bundesregierung das neue Energieprogramm verkünden. SPD-Linke unter Führung des Kieler Landesvorsitzenden Günther Jansen haben bereits Widerstand gegen die Bonner Pläne angekündigt, die den weiteren „Ausbau der Kernenergie“ vorsehen, sofern „bestimmte Vorkehrungen für die Entsorgungsvorsorge“ getroffen sind. Als Nachweis gelten Verträge mit der französischen Atommüllfabrik La Hague.
Hinkelsteine ragen aus den Wiesen. Über die engen, von Steinwällen gesäumten Landstraßen quälen sich Schwersttransporter, die Ladeflächen mit Zeltplanen verhüllt. Hinter einem Stacheldrahtzaun lagern zwei Meter hohe und ein Meter dicke Betonklotze, gefüllt mit radioaktivem Müll, die Hinkelsteine des Atomzeitalters. La Hague in der Normandie, die derzeit einzige kommerzielle Fabrik für die Wiederaufarbeitung atomarer Abfälle, wird von Schafen bewacht.
Nur am Tor der Atomanlage regiert die Sicherheit. Schwarzgekleidete Söldner der französischen Atombehörde CEA spielen, mit Knüppeln und Colts bewaffnet. Portier.
Wer die schwarzen Sheriffs passiert oder einfach den Zaun draußen an den Klippen überstiegen hat, dem stehen die Türen offen: Keine TV-Kameras beäugen die Schritte, keine Detektoren können Alarm schlagen, wenn jemand Unbefugtes tun wollte, keine Türschleusen zwingen den Gast zu Radioaktivitätstests, wenn bei einer Panne die Strahlendosis überschritten würde.
Pannen kann sich jeder bereitwillig ausdenken, sofern seine Phantasie sonst Undenkbares bewältigt. Der Gast aus Westdeutschland etwa, der, schönstes Reiseerlebnis, beim Anblick abgebrannter Brennelemente aus den heimischen Meilern Biblis oder Stade erschauern möchte er wird in einer gewöhnlichen Fabrikhalle zu einem gelbgestrichenen Bretterverschlag geführt, neben dem ein Sattelschlepper mittels Kran gerade von seiner heißen Blei- und Uranfracht befreit wird.
In dem Holzverhau gibt es Überzieher für die Schuhe, aus alten Jeans zusammengesteppt, und weiße Kittelhemden ohne Taschen, die mit dem grünen Band für Besucher. Wer wollte, könnte zum Kittel mit dem roten Streifen greifen und, als Maske, zum bereitgestellten Atemgerät: Er wäre ab sofort ein Angestellter der CEA-Tochter "Cogéma La Hague" und dürfte, was ihn treibt, erledigen.
Nach der Textilausgabe gerät der Gast über eine rostende Innentreppe in ein Herzstück der Atomfabrik, in das Lager für Brennelemente. Das merkt er freilich erst mal gar nicht.
Dem Laien ist nur sofort klar, daß hier irgendwas verpackt wird. Plutonium? Oder Uran? Überall liegen meterlange Rollen mit rosa Plastikfolie herum. Arbeiter wickeln unentwegt gebrauchtes Werkzeug oder Behälter ein.
In einem offenen Wasserbecken von der Größe eines mittleren Hallenbades ruhen merkwürdige Metallkisten, von den Arbeitern "Särge" genannt, aus deren Oberseite jeweils ein paar Stangen ragen. Das sind, erläutert ein Kenner schlicht, 200 Tonnen Brennelemente, genug Stoff, um fünf Reaktoren vom deutschen Biblis-Typ für ein Jahr unter Dampf zu halten.
Die Metallquader stehen dichtgedrängt auf dem Beckenboden, darüber, acht Meter hoch, klares Wasser. Von der Decke tropft es. Am Poolrand dümpelt ein Schlauchboot, mit dem, wer mag, die Atomsoße durchschiffen kann. Wenn mal einer reinfällt, schadet das den Brennstäben nicht. Am Ufer hängen Rettungsringe, Aufschrift HAO (Hochaktive Uranoxid-Anlage). Das Wasser, sagt der Betriebsdirektor Maurice Delange, wird ständig erneuert, damit die Kühlung der heißen Stengel gesichert ist und sie nicht von selbst eine Kettenreaktion anfangen.
Bisher, heißt es, ist noch keiner baden gegangen. Bisher haben auch die Dichtungen gehalten, die das Wasser am Auslaufen hindern. Und außerdem: Gibt es mal ein Leck, dann bleiben, so versichern die Techniker, zwölf bis 24 Stunden Zeit, um das Loch zu stopfen. Bloß der Strom für Werkzeuge und Ventilation dürfte dann nicht wegbleiben -- wie am 27. Mai 1977, als auch alle Notstromaggregate ausfielen.
Neben dem Wasserbecken, über einer stählernen Plattform, schwenkt gerade ein Kran ein in Blei gefaßtes Brennstabbündel. Wohl um ihnen das nötige Sicherheitsgefühl zu gehen, dürfen selbst unbeteiligte Arbeiter und Besucher den Transport verfolgen. Und tatsächlich: Das Seil hält.
Dennoch muß hier etwas falsch sein: Probleme, so ein interner La-Hague-Bericht des Bonner Innenministeriums, betreffen "insbesondere die Manipulationen bei der Entladung abgebrannter Brennelemente. Hier treten die größten und zeitlich konzentriertesten Strahlenexpositionen auf".
Hinter dem eisernen Tor versuchen Experten, mit einer ferngesteuerten Spezialschere die vier Meter langen Brennstäbe des deutschen Meilers Stade kleinzukriegen. Die Schnipsel werden in Salpetersäure solange gekocht, bis sich der Inhalt -- Uran und Plutonium -- von den Hülsen löst.
Ob das Kochrezept stimmt, weiß niemand: Bisher haben die Franzosen erfolgreich noch keinen einzigen Brennstab aus einem deutschen Reaktor wiederaufgearbeitet, sondern nur aus französischen, deren Brennstoffe bis zu zehnmal weniger Spaltprodukte und Plutonium enthalten.
Bei einem ersten Test im Jahre 1976 versuchte sich die Cogéma an 14,6 Tonnen aus einem Schweizer Kernkraftwerk, deren Abbrand aber gleichfalls nicht die deutschen Werte erreicht. Der Versuch, so Betriebsleiter Delange, "war erfolgreich"; die Anlage wurde nämlich daraufhin stillgelegt.
Jetzt ist das einzige Lagerbecken erst einmal voll. Delange zeigt auf ein Loch in normannischer Erde, wo ein zweites Wasserlager gebaut wird. Es ist frühestens 1980 fertig. Bis dahin hat ein einziger Reaktor vom Biblis-Typ 120 Tonnen Brennelemente abgebrannt, die es aufzubewahren gilt -- wo auch immer.
Monsieur Delange sieht darin nur Gutes: "Wir gehen bewußt langsam vor, um die Machbarkeit zu testen." Dafür verhandelt derselbe Delange um so schneller mit ausländischen Kunden, die alle in La Hague ihren Nuklearmüll loswerden möchten.
Eine Leistung, die sie derzeit nicht erbringen kann und die einstweilen nirgends auf der Welt sonst käuflich ist, hat die Cogéma für -zig Millionen vornehmlich Japanern und Deutschen angedient. 6000 Tonnen Atommüll rollen in den nächsten zehn Jahren vertragsgemäß nach La Hague.
"Hier wird", erläutert der Energie-Sekretär der Gewerkschaft CFDT, Michel Roland, "Luft verkauft."

DER SPIEGEL 51/1977
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