12.12.1977

„Wir brauchen Hilfen“

SPIEGEL: Herr Dr. Bund, über 33 Millionen Tonnen Steinkohle, mehr als ein Drittel einer Jahresproduktion, türmen sich an Ruhr und Saar auf Halde. Neben hohen Direktsubventionen von Bund und Ländern bringen die Stromverbraucher über den "Kohlepfennig" noch einmal zwei Milliarden für den Bergbau auf. Jetzt fordern Sie weitere Überbrückungshilfen. Zahlen die Bürger nicht in ein Faß ohne Boden?
BUND: Zunächst einmal müssen Sie von den 33 Millionen Tonnen zehn Millionen abziehen. Die nationale Kohlenreserve ist eine energiewirtschaftlich notwendige Bevorratung für künftige Notzeiten Was den Kohlepfennig angeht, so handelt es sich hierbei keinesfalls um eine Subvention für den Bergbau, sondern eine Umlage innerhalb der Elektrizitätswirtschaft für eine auch in Zukunft sichere Stromversorgung.
SPIEGEL: ... damit die Stromkonzerne ihre Kraftwerke mit Kohle anstatt mit billigerem Gas oder Öl be-feuern. Ohne diesen Preisausgleich hätte Bonn ja wohl kaum auf die Elektrizitätswirtschaft politischen Druck ausüben können, dem Bergbau auf zehn Jahre jährlich durchschnittlich 33 Millionen Tonnen Kohle abzunehmen.
BUND: Ich würde das nicht politischen Druck nennen. Unsere Energiepolitiker gingen einfach davon aus, daß wir eine bestimmte Menge Steinkohlenstrom haben sollten, und forderten Bergbau und Stromerzeuger auf: einigt Euch. Anderenfalls wären sicherlich im politischen Raum andere Lösungen erwogen worden.
SPIEGEL: Nun fordern Sie ja für die am 14. Dezember vom Bundeskabinett zu beratende zweite Fortschreibung des Energieprogramms zusätzlich zu den bisherigen Hilfen weitere Bonner Subventionen von mehreren hundert Millionen Mark. Wofür?
BUND: Wir brauchen diesen Beitrag des Staates, um die zur Zeit bestehenden Überkapazitäten bis zu dem Augenblick zu erhalten, in dem wir unsere gesamte Fördermenge wieder absetzen können. Was diese Vorhaltung kostet, ist in den Preisen nicht unterzubringen. In der Stromwirtschaft ist dieses Prinzip im übrigen eine Selbstverständlichkeit. Hier gibt es ja zur Zeit ebenfalls erhebliche Überkapazitäten, die die Stromproduzenten sich voll vom Verbraucher bezahlen lassen, was wir auch für vernünftig halten.
SPIEGEL: Die Differenz zwischen der technisch möglichen Produktion des deutschen Bergbaus von 94 Millionen Tonnen und dem diesjährigen Absatz von nur 79 Millionen ist allerdings erheblich.
BUND: Wenn die Energiepolitik darauf Wert legt, daß die deutsche Kohle aus Gründen gesicherter Energieversorgung ihre Position gegen andere Energieträger behauptet, dann muß man auch den Preis dafür bezahlen wollen. Dieser Preis ist natürlich ein besonderer Preis für ein Produkt mit Versorgungs-Sicherheit.
SPIEGEL: Wann werden Sie denn soviel verkaufen, wie Sie produzieren können?
BUND: So wie es heute aussieht, können wir die Vollauslastung unserer Kapazitäten ab 1982 erwarten. Bis zu diesem Zeitpunkt haben wir eine Durststrecke zu überwinden. Aus volkswirtschaftlicher Verantwortung fühlen wir uns verpflichtet, die dann nötigen Kapazitäten bereitzuhalten.
SPIEGEL: Wie würden Sie die geforderten neuen Subventionen bezeichnen?
BUND: Um den der Kohle gestellten Auftrag erfüllen zu können, brauchen wir gewisse Überbrückungshilfen für die notwendige Kapazitätsvorhaltung.
SPIEGEL: Halten Sie nach all den Fehlprognosen der letzten Jahre eine Renaissance der Kohle im nächsten Jahrzehnt für absolut sicher?
BUND: Alle Parteitage waren der Meinung, man wird die Kohle brauchen, die Wirtschaftsinstitute rechnen damit, die Ministerien, aus der Ölindustrie hört man es, auch das Ausland teilt diese Ansicht.
SPIEGEL: Kalkulieren Sie bei Ihrer Prognose nicht die Möglichkeit ein, daß Ihnen unvorhersehbare Ereignisse, wie ein starkes Abfallen des wirtschaftlichen Wachstums, ihren Zeitplan durcheinanderbringen?
BUND: Man kann sich niemals ganz hautnah mit seinen Kapazitäten an den Verbrauch legen. Natürlich kennen auch wir bei der Kohle nicht mit Sicherheit die Zuwachsraten, sonst wären wir Propheten. Auch hier gilt das Wort: Ein wenig zuviel Energie ist immer besser als zuwenig Energie.
SPIEGEL: Der Kohle-Verkauf an die deutschen Stahlkonzerne ging immerhin von 27,5 Millionen Tonnen im Boomjahr 1974 auf unter 19 Millionen Tonnen in diesem Jahr zurück.
BUND: Natürlich kam diese anhaltende Talfahrt auch für uns überraschend. Wir gehen davon aus, daß zumindest in nächster Zukunft bei der Stahlindustrie noch keine entscheidende Wende zum Positiven eintritt.
SPIEGEL: Gerade die Stahlindustrie hat es in ihrer bislang schwersten Krise geschafft, sich weitgehend durch Kurzarbeit der abgesackten Nachfrage auch ohne nennenswerte Stillegung von Produktions-Anlagen anzupassen. Tut Ihr Unternehmen im Vertrauen auf ständig sprudelnde Subventionen nicht zuwenig, um durch Feierschichten die Halden in Grenzen zu halten?
BUND. Unser Stillegungsprogramm umfaßt ein Viertel der gesamten Kokereikapazität. Darüber hinaus haben wir in den beiden vergangenen Jahren jeweils zehn Tage Kurzarbeit gefahren.
SPIEGEL: Das ist offenbar zuwenig. Immerhin bleiben durch eine solche Aktion drei Millionen Tonnen unverkäuflicher Kohle in der Erde.
BUND: Sie dürfen hierbei auch den Grad der Belastbarkeit unserer Belegschaft nicht übersehen
SPIEGEL: ... wobei Ihre Bergleute im Gegensatz beispielsweise zu den Stahlarbeitern damit rechnen können, die Differenz zwischen Kurzarbeitergeld und ihrem vollen Lohn aus der Firmenkasse ausgeglichen zu erhalten.
BUND: Sie vergessen, was wir unserer Belegschaft in den letzten Jahren an Belastung haben zumuten müssen. Seit Gründung der Ruhrkohle AG im Jahre 1969 haben wir die Zahl der Bergwerke von 52 auf 29 reduziert und unsere Belegschaft um 50 000 auf nur noch 136 000 zurückgeführt. Das sind fast 30 Prozent. Die Zahl der kaufmännischen und technischen Angestellten in den Führungsstäben drückten wir sogar um 40 Prozent. Selbst aus den Reihen der Vorstände unserer Gesellschaften strichen wir jeden zweiten.
SPIEGEL: Reicht dies aus, um ihre Kohlenberge im nächsten Jahr nicht noch weiter wachsen zu lassen, die schon jetzt mehr als viereinhalb Milliarden Mark binden?
BUND: Wir haben den ganz klaren Vorsatz, weiteren Haldenzugang im kommenden Jahr auf jeden Fall zu vermeiden.

DER SPIEGEL 51/1977
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