12.12.1977

VERBÄNDEIch nicht

Die Mächtigen der deutschen Wirtschaft tun sich schwer, einen Primus zu wählen. Noch immer fand sich kein passender Schleyer-Nachfolger.
Cecilie Fürstin zu Salm-Reifferscheidt hatte Freunde und Verwandte in ihr Wasserschloß Dyck am Niederrhein geladen. Schon beim Sherry kam Fritz Berg, Altpräsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), "zur Sache": Im Januar meinte er, sei es soweit. Dann werde endlich das Erbe Hanns Martin Schleyers bestellt sein.
Die Auswahl des rechten Schleyer-Nachfolgers für die Spitzenpositionen der Wirtschaftsverbände BDI und BDA (Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände) fällt den Topmanagern schwer -- obgleich die Suche unmittelbar nach der Beerdigung des ermordeten Verbandschefs begann.
BDI-Altpräsident Hans-Günther Sohl etwa führte intensive "Gespräche am Rande" einer Tagung europäischer Wirtschaftsverbände in Brüssel. Bayer-Aufsichtsratschef Kurt Hansen "nutzte die Gelegenheit" bei dem 100-Jahre-Jubiläum des Deutschen Chemie-Verbandes in Berlin. Stahlhändler Otto Wolff wurde am Telephon "von einem hohen Bonner diskret danach befragt".
Im BDI-Hauptquartier ist die Nachfolgefrage tabu: Als sich die neun stellvertretenden Präsidenten Ende November zum ersten Arbeitsessen nach der Ermordung ihres Präsidenten trafen, wurde das "Thema Nummer eins (Brillenfabrikant und BDI-Vize Rolf Rodenstock) nicht behandelt. Über Personalfragen, gebot der Dienstälteste Sohl, 71, solle tunlichst nicht diskutiert werden. Das Amt werde bei einer Diskussion allzuleicht Schaden nehmen.
Das Amt, die Doppelpräsidentschaft von BDI und BOA, hatte Sohl selbst kreiert, Wegen der "heftigen Veränderungen unserer politischen und wirtschaftlichen Umwelt", begründete der frühere Thyssen-Chef damals die Amterfusion, müßte die Wirtschafts-Lobby "noch rationeller und politisch noch effizienter" vertreten werden.
Im Frühjahr 1976 redete er seinem schon zwei Jahre zuvor gewählten Nachfolger Kurt Hansen die Kandidatur aus und bot dem damaligen Arbeitgeber-Präsidenten Schleyer den Industrie-Chefstuhl an.
Schleyer nahm an -- und seither schwelt zwischen den beiden Unternehmer-Verbänden ein Dauerzwist.
Insbesondere die angestellten Manager der beiden Organisationen wollen von Fusion nichts wissen. Sie fürchten, das Zusammenlegen der beiden Spitzenjobs werde am Ende zu einer totalen Fusion führen, die dann manchen Geschäftsführer- oder Abteilungsleiter-Posten überflüssig machen werde.
Auch Sprecher der in der BOA vertretenen nichtindustriellen Verbände, wie Banken, Versicherungen oder Handel, drängten auf saubere Trennung. Ihr Argument: In der Industrie sei nur jeder dritte Arbeitnehmer beschäftigt. Eine Doppelpräsidentschaft von Industrie- und Arbeitgeber-Vereinigung könne leicht zu einer ungerechtfertigten Übermacht der Industrie führen.
Vorsorglich verständigten sich BDI und BOA erst einmal auf die Sprachregelung, der Doppelthron sei nur "auf die Person Schleyer" (BDI-Vizepräsident Hermann Brunner) zugeschnitten.
Auch bei den Industriellen selber sind Sohls Fusionspläne umstritten. Siemens-Chef Bernhard Plettner etwa hält auf deutliche Trennung. In einem an ein rundes Dutzend Großindustrielle verschickten Brief zählte der Münchner Manager auf einer halben Schreibmaschinen-Seite die "Pro-Argumente" auf. Für die "Kontra-Argumente" brauchte er neun Seiten.
Bei einer Fusion könnten laut Plettner Vorteile wie "Einheit der Meinungsäußerung", "Durchschlagskraft" sowie "Kopfzahl- und Kosteneinsparungen" bei weitem nicht die "Auswirkungen negativer Art" aufwiegen: > "Konflikte bei der zwischenverbandlichen Koordinierung wirtschaftspolitischer Grundaussagen" seien wegen "des Übergewichts der Industrie" fast zwangsläufig, > der "komplizierte und schwerfällige Meinungsbildungsprozeß" vergraule vielen Unternehmern "die Lust zur Mitarbeit",
* die "Neigung zu Kompromissen und damit zu sehr verallgemeinernden Aussagen" nehme zu,
* "das vom gemeinsamen Präsidenten zu bewältigende Arbeitsvolumen wäre für einen aktiven Unternehmer kaum noch zumutbar". Im übrigen, meinte Plettner, müsse jeder Doppelpräsident "eine Integrationskraft" zu bieten haben, "die schon ans Übermenschliche grenzt".
Dem Stuttgarter Chef des Elektro-Konzerns Bosch, Hans L. Merkle, wie Plettner 801-Präside, scheint das Doppelmandat gar lebensgefährlich. Merkle im Kreise trauernder Schleyer-Kollegen: "Das Amt war sein Schicksal."
Dieses Schicksal schreckt offenbar auch Deutschlands Star-Manager: Woche um Woche wurde die Kandidatenliste des Präsidenten-Machers Sohl kürzer.
Sohls erster Wunsch-Kandidat, Egon Overbeck, Chef bei Mannesmann und Duzfreund Schleyers" mußte passen, weil sein Aufsichtsratschef Friedrich Wilhelm Christians (Deutsche Bank) dagegen war.
Dem BDI-Vizepräsidenten Kurt Werner, Chef einer familieneigenen Maschinenbaufabrik in Darmstadt, verbot die Verwandtschaft den Abgang nach Köln. Andere Topmanager aus dem Kreis der 38 BDI-Präsidiumsmitglieder, wie Veba-Vorstandssprecher Rudolf von Bennigsen-Foerder oder Thyssen-Chef Dieter Spethmann, wurden von Sohl gar nicht erst gefragt: Sie sind mit ihrem Job voll ausgelastet.
Mangels Masse suchte der 71jährige Head-Hunter, der erst im Herbst den früheren FDP-Wirtschaftsminister Hans Friderichs in den Vorstand der Dresdner Bank vermittelte, nach geeigneten Außenseitern. Unversehens tauchten Unions-Politiker wie Gerhard Stoltenberg und Kurt Biedenkopf in der Kölner Gerüchte-Küche auf -- und gingen schnell wieder unter.
Ludwig Poullain, Chef der Westdeutschen Landesbank, kam Ende November ins Gerede -- und winkte ab. Ein anderer Sohl-Kandidat, der Kölner Stahlhändler Otto Wolff, will auch nicht: "Ich würde das nicht machen."
Während Sohl trotz aller Rückschläge unverdrossen nach einem potenten Doppelpräsidenten Ausschau hält, benennen die Arbeitgeber diesen Mittwoch einen neuen Hilfspräsidenten. Otto Esser, Geschäftsführer der Darmstädter Pharma-Fabrik E. Merck, wird sich auf der BDA-Mitgliederversammlung in der Godesberger Stadthalle als künftiger Vollpräsident einer vom BDI geschiedenen BDA empfehlen.
Der zweite Star-Redner der Veranstaltung, Flick-Manager Eberhard von Brauchitsch, bringt für Präsidenten-Würden ein unangenehmes Handikap mit: Er ist noch immer damit ausgelastet, die aus Flicks Daimler-Aktien erlösten Milliarden mit Bonner Segen steuerfrei anzulegen.
Enttäuscht über den langwierigen Posten-Poker im Industrielager, gab nun auch der letzte BDI-Kandidat auf, den sich Sohl für den Fall einer Ämtertrennung aufgespart hatte -- Rolf Rodenstock. Der Brillenfabrikant und Vize in beiden Verbänden ist verärgert. "Es sind schon zu viele Namen gehandelt worden. Ich habe genug zu tun."

DER SPIEGEL 51/1977
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