12.12.1977

Fernsehgewalt: „Leidtragende sind die Kinder“

127 Minuten täglich sitzt der Durchschnittsdeutsche vor dem Fernsehgerät, Kinder eingeschlossen -- und bei so manchem Augenblick fließt Blut, wird geprügelt, gewürgt, geschossen. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Bildschirm und Brutalität, daheim gesehener und später ausgeübter Gewalt? Nach zahlreichen internationalen Forschungen gingen nun auch die deutschen Fernsehanstalten in großangelegten Aktionen dem Problem nach.
Genau 80 Leichen, die bei 200 Verbrechen an- und umfielen, zählte der Hildesheimer Medienforscher Professor Heribert Heinrichs binnen einer Programmwoche des deutschen Fernsehens, und für ihn ist das schon "eine Art Mördersyndrom".
Da hätte er mal woanders zählen sollen. Die Japaner bringen es auf 40 TV-Tote pro Tag. Und in den USA, hat einer errechnet, sind stündlich im Schnitt zehn Gewalttaten auf dem Bildschirm zu betrachten, Mord inklusive.
Kein Wunder wohl, daß überall mehr gehauen und gestochen wird -- es wird ja immerzu vorgemacht.
Mord wie im Fernsehen zelebrierte ein Knabe in Amerika, der seiner Familie zerriebenes Glas ins Essen streuselte und sie damit ausrottete. Kürzlich, nachdem er eine alte Dame beraubt und erschossen hatte, berief sich Ronny Zamora, 15, aus Miami vor Gericht auf seinen Lieblingskrimi "Kojak" -- denn "so wehren sich auch immer die Gangster im Fernsehen".
Und die Deutschen hatten so etwas auch schon: vor zwei Jahren, als am Niederrhein zwei Freundinien, 13 und 14, einen siebenjährigen Jungen auf einen Dachboden lockten und erdrosselten. Bei einer Mordszene des Films "Die Lustpartie", ARD-Programm, hatten sie beschlossen: "Wir tuns."
Es muß nicht immer gleich Mord sein. Aber daß es abfärbt, wenn ohne Unterlaß Blut fließt auf dem Bildschirm, versteht sich.
Einer Studie, die der britische Forscher William Belson mit finanzieller Unterstützung der US-Fernsehgesellschaft CBS an 1565 Jugendlichen zwischen 13 und 16 betrieb, war zu entnehmen: Langsam, aber sicher führt Fernsehen zu Gewalt in mannigfacher Form, versuchte Vergewaltigung oder Tritte in die Hoden, Steinwürfe auf Mädchen oder auch, nur, grobe Fouls beim Sport.
Noch Zweifel möglich über den Zusammenhang zwischen Bildschirm und Brutalität?
Vor zuviel Kriminalität im Fernsehen warnte der SPD-Führer Willy Brandt: "Gewaltanwendungen unterschiedlichster Art ... wirken auf die eine oder andere Weise auf Menschen" -- ein "völlig neues Phänomen". Der Christdemokrat Hans Filbinger schrieb Beschwerdebriefe an den ARD-Vorsitzenden Werner Hess und den ZDF-Intendanten Karl-Günther von Hase -- so könne es nicht weitergehen. Stimmt ja: "Columbo", der schlaue Tropf, der Freßsack "Cannon" oder "Petrocelli", der doch immer zu einer guten Tat aufgelegt ist -- keiner dieser netten Krimi-Helden im deutschen Fernsehen kommt ohne Mord und Totschlag oder Halbtotschlag aus. Kein Western, kaum noch ein gewöhnlicher Spielfilm, in dem nicht einer was irgendwo reinkriegt. Künstlerisch gewandet kommt die Gewalt: über Messerstiche und Brandstiftung in Dostojewskis "Dämonen". Gewalt präsentiert sich als Nachricht, in Schlachten um Brokdorf und Schlächtereien der RAF.
Konflikte, so will es scheinen, werden in aller Regel mit Schlagwerkzeugen und, wenn das nichts hilft, mit dem Kaliber 38 gelöst, ob es sich um den Einsatz in Manhattan handelt oder um den Einsatz Schneller Brüter. Und die noch nicht wissen, daß es meist auch anders geht, müssen wohl dran glauben:
Rund 1,64 Millionen Drei- bis Dreizehnjährige, so ergaben westdeutsche Untersuchungen, halten nach 20.15 Uhr beim "Aktenzeichen XY" unverdrossen aus; 370 000 sitzen auch beim 21-Uhr-Krimi noch vor der Röhre und noch immer 110 000 bei der Tagesschau sonnabends um Mitternacht.
Wer will da fragen, ob Beziehungen bestehen zwischen keilenden Cowboys und prügelnden Hauptschülern, rebellischen Outlaws und rebellierender Jugend? Ernstzunehmende Kritiker wie der Münchner Journalist und Rundfunkrat Ernst Müller-Meiningen verwiesen auf die "öffentliche Förderung" der "Roheit in jeder Form", dieses "Ungeistes in unserer Zeit". Der amerikanische Kinderpsychologe Robert M. Liebert vermaß auf einer Münchner Tagung das Aggressionsplus bei Jugendlichen, die brutale Fernsehsendungen konsumieren, glatt "um 200 bis 300 Prozent. Binsenweisheit, sagt der ARD-Medienexperte Hansjörg Bessler, "daß Fernsehbrutalität ansteckend ist wie Cholera".
Seit Jahren wird das Übel bekämpft. 300 Dörfler aus dem württembergischen Lecherhof unterschrieben einen Aufruf des Pfarrers gegen die TV-Vorbilder "abscheulichen Handelns". In einer Umfrage des Frankfurter Psydata-Instituts sprachen sich kürzlich 82 Prozent der befragten Väter und Müttern gegen zuviel TV-Gewalt aus.
98 Prozent der Lehrer erklärten in einer Hamburger Hauptschulstudie" das Fernsehen trage "sehr stark zum Fehlverhalten der Schüler bei". Und kürzlich erst erhoben die Eltern von Mannheimer Grundschülern in einem Rundbrief an 230 Politiker, Journalisten, Gewerkschaftler das Fernsehen zum Hauptschuldigen für wachsende Aggressivität auf den Schulhöfen: "Handkantenschläge ins Gesicht", "gezielte Tritte in den Bauch".
Und doch: Wie gezielt das Fernsehen wirklich wirkt, das blieb in jahrzehntelanger wissenschaftlicher Forschung offen -- und ist es bis heute. Was allen, von Brandt bis Belson, so selbstverständlich scheint wie John Waynes Endsieg, ist nebelhafter als die Kombinationen des "Alten". Und das einzig greifbare Resultat des nun schon Jahrzehnte währenden Zwists zwischen Aggressionsforschern aller möglichen Disziplinen scheint die Tatsache zu sein, daß die Wissenschaftler sich im Widerstreit ihrer eigenen Aggressionen verheddert haben.
Auch von den scheinbar beweiskräftigen Aussagen, den Einlassungen der Gewalttäter, daß ihre Tat vom Fernsehen ausgelöst sei, bleibt nichts übrig im Disput der Experten. Die einen Psychologen halten den Einfluß des Bildschirms für wichtig, die anderen für nichtig.
Den englischen Forschern Dennis Howitt und Guy Cumberbatch etwa gilt es als faule Ausrede, als "Versuch, den Schwarzen Peter abzuschieben", wenn sich Frevler aufs Fernsehen berufen. Auch bei mordenden Kindern biete das TV-Vorbild zwar eine Erklärung, wenngleich eine "sehr dürftige", doch sei damit nichts zum "Verständnis für die Gründe" der Tat beigetragen -- außer daß ",normale" Personen sich nicht so verhalten". Ronny Zamora in Miami, dessen Anwalt das Fernsehen auf die Anklagebank bringen wollte, wurde von den Richtern für verantwortlich erklärt, von den Geschworenen für schuldig befunden und erhielt lebenslänglich Haft.
"Eine wirklich verzwickte Sache", meint ZDF-Medienforscherin Hella Kellner über die Wirkung der Gewaltdarstellung -- aber keine ganz neue. Der Streit um dramatische Effekte ist um einiges älter als das umstrittene Medium: Schon der Alt-Grieche Plato verdammte schauriges Spiel als gemeinschaftsgefährdend; der Alt-Grieche Aristoteles wiederum erwartete von der Gewaltszenerie eine Läuterung des Publikums.
Und bei diesem Zwiespalt ist es bis in die Zeiten von King Kong und Kung Fu in etwa geblieben. Die einen schwören auf die Lern- und Leitbildtheorie -- wonach Kinder, die kriminelle Gewalttaten begehen, selbst solche Gewalt erlebt haben. Die anderen glauben an die Katharsisthese, die von Freud entlehnte Theorie der Abreaktion -- wonach bereits die kindliche Phantasie angefüllt ist mit zerstörerischen Trieben, die beim Anblick von Gewalttaten neutralisiert werden.
Zwar verschieben sich gelegentlich die Fronten, doch im Grunde hat sich an den schroffen Ausgangspositionen nichts geändert. Und die scheinbar schlüssigen Erkenntnisse, mit denen Vertreter beider Seiten dann und wann auftrumpfen, heben sich alles in allem gegenseitig auf. Beispiel: ein groß angelegtes Laborexperiment des Stanford-Psychologen Albert Bandura.
Bandura und seine Mitarbeiter wählten für ihren Versuch in Kindergärten Drei- bis Fünfjährige aus, denen sie Aggressives vorführten: Eine Person, mal Mann oder Frau, teils selbst anwesend oder per Film in ein Fernsehgerät eingespielt, schlug schimpfend auf einen aufblasbaren Clown namens Bobo ein. Anschließend wurden die Kinder zunächst ordentlich "frustriert", indem man ihnen Spielzeug vor die Nase hielt und wieder wegnahm, und dann in einen Raum geführt -mit Puppen, die dem soeben verdroschenen Bobo sehr ähnlich sahen.
Prompt ging es den Bobos an den Kragen, kreischend hieben die Kleinen auf die Labor-Puppen ein. Das gleiche Verhalten zeigten auch andere Kinder, nachdem ihnen, statt der aggressiven Person, ein Zeichentrickfilm mit "fiktiver Gewalt" auf dem Bildschirm gezeigt worden war, etwa Bobo-Dresche durch eine Comic-Katze. Gleichaltrige Kontrollgruppen hingegen, denen solche Prügeleien nicht vorgeführt worden waren, ließen Bobo in Frieden oder tobten doch weit seltener Emotionen an Banduras Puppen aus.
Der Professor hielt daraufhin die kurzfristige Wirkung von Tele-Brutalität. selbst bei verfremdeter Zeichentrick-Darstellung, für belegt. Das Resultat, meinte er, tauge durchaus auch für das reale Leben außerhalb des Labors: Fernsehen als Gewaltanstifter.
Doch offenbar hatte der Forscher es sich zu leicht gemacht. Mit Argumenten und Experimenten stellten Kritiker Banduras Schlußfolgerungen wieder in Frage. Puppen, wandten sie beispielsweise ein, würden von Kindern stets anders behandelt als Menschen; die Bobo-Szene versimple unzulässig die vielfältigen, nicht nur Gewalt enthaltenden Fernsehprogramme; die Kinder seien durch die lebensfremde Wiederholung der Spielsituation im Labor zur Gewalt-Nachahmung geradezu angestiftet worden.
* Mit Schulkindern in Hildesheim.
** Michael Kunczik: "Gewalt im Fernschen" Böhlau Verlag Köln/Wien; 828 Seiten: 68 Mark.
Und in der Tat kam es bei Gegen-Tests zu einer drastischen Abnahme der Attacken -- etwa wenn die Kinder mit Bobo bereits vor der Vorführung der Prügelszene vertraut waren, oder aber wenn die Spielsituation im Labor wesentlich von der Szenerie im Bobo-Film abwich.
Ein anderes Experiment der beiden US-Forscher Seymour Feshbach und Robert Singer ergab sogar, daß sich Kinder nach der Vorführung scheinbar harmloser TV-Programme wie "Lassie" aggressiver verhielten als nach deutlich gewalthaltigen Krimis, etwa aus der Serie "FBI".
Der Streit zwischen beiden Parteien zog sich geradezu leitmotivisch durch die sechziger und siebziger Jahre. In einer gut 800 Seiten langen Bilanz aller einschlägigen wissenschaftlichen Studien und Konflikte kam der Bonner Medienforscher Michael Kunczik zu dem mokanten Ergebnis, daß viele aufwendige Experimente vielen Autoren offenbar nur dazu dienten, "die eigene vorgefaßte Ansicht belegen zu können" **
Durch schroffe "Intoleranz der Argumente" Und geradezu "bösartige Diskussion" werde versucht, den Mangel an Überzeugungskraft wettzumachen, die "Überinterpretation von Daten", die sich oft genug ins Gegenteil umdeuten ließen.
So verworren war die Lage, als ARD und ZDF erstmals wegen ihrer "Greuel"-Programme (Medien-Pädagoge Heinrichs), ihrer sonst so beliebten Krimi-, Science-fiction- und Western-Serien, ins Gerede kamen. Und weil es schwerhielt mit überzeugender Gegenrede, entschlossen sie sich, das Problem -- mit finanzieller Hilfe der Bundeszentrale für politische Bildung -- von Grund auf neu anzupacken.
Insgesamt 4200 Stunden schrieben in den letzten Jahren 137 Beobachter zweier Forschungsteams aus Hamburg und Frankfurt mit, was sich abends von sechs bis zehn, sonntags schon ab vier, in westdeutschen Familien abspielt, wenn wieder alle den starren Blick haben.
Das große Thema vor dem Bildschirm sind die Menschen.
Kontinuierlich werden seitdem in zwei Forschungsinstituten -- dem universitätseigenen Hamburger Hans-Bredow-Institut für Rundfunk und Fernsehen sowie dem privaten Frankfurter Psydata-Institut für Marktanalysen und Mediaforschung -- die in Aktenordnern. Heften und Diagrammen gesammelten Gesprächs- und Verhaltensprotokolle ausgewertet: Von "Laß uns mal das Zweite sehen" bis "Feierabend, nix wie ins Bett".
Die Frage der "mitwirkenden oder auslösenden oder richtungweisenden oder modellhaften Rolle der Fernsehbrutalität" (Bessler) -- oder aber deren Wirkungslosigkeit -- sollte dort untersucht werden, wo das Leben sie täglich im Verborgenen beantwortet: bei den Zuschauern, in den Familien. Gesteuert von den Auftraggebern, schickten Psydata- und Bredow-Institut ihre Beobachter samt Fragebogen in die ausgewählten Haushalte -- die einen stumm im Sessel oder am Stubentisch hockend (Hella Kellner: "wie ein Möbel"), am Gespräch beteiligt und mit den Beobachtern vertraut die anderen.
Psydata-Projektleiter Jochen Toussaint dirigierte 85 zuvor auf den Job trainierte Psychologie- und Soziologiestudenten in ebenso viele Fremd-Familien mit Kindern unter 14. Bredow-Kollege Will Teichert hatte, um mögliche Verhaltenseinflüsse durch solche Fremdheit zu vermeiden, 52 Familien ausgewählt, in denen durch Studium oder Schulbildung qualifizierte Familienangehörige, Freunde oder Untermieter als Observanten zur Verfügung standen.
Beide Institute kamen trotz unterschiedlicher Erfassungsmethoden und soziologischer Familienunterschiede (Psydata: mehr Unterschicht mit Kindern, Bredow: mehr Mittelschicht mit Älteren) zu teilweise verblüffender Übereinstimmung. Ermittelt wurde eine scheinbar paradoxe Doppelfunktion des Fernsehens: Einerseits stiftet es eine sonst nicht vorhandene Gemeinsamkeit im Kreise der Lieben, andererseits beeinträchtigt es das Unterhaltungsniveau, die stete Kommunikation innerhalb der Familie.
Dem Kontakt abträglich sind vor allem Krimis und andere Action-Programme sowie ganz generell spannende Filme, bei denen die "Gemeinsamkeit zu einem erheblichen Teil aus Schweigen besteht" (ZDF-Soziologin Kellner). Dagegen wird etwa bei Unterhaltungs- und Sportsendungen trotz überdurchschnittlicher Aufmerksamkeit unbekümmert dazwischengeredet: Es fehlt der Spannungsbogen, der das Mundwerk verschließt.
Typisch bei diesen Aufkratzern, daß die "Fernsehinhalte Gespräche mit oft ganz anderer Thematik auslösen" (Kellner). Und bemerkenswert auch, daß in sozial gehobenen Familien bei lauf endem Gerät sogar mehr gesprochen wird als bei abgeschaltetem (Bredow-Ergebnis) -- nur eben: weniger im Zusammenhang " "expressiver", abgehackter als sonst. Was den Leuten bei Inge Meysel oder Rudi Carrell eben einfällt.
* Rest (2. v. l.), Heitkämper Cr.).
Beispiele der Banalitäten, die das Forschungsprojekt zutage förderte: Die "Tagesschau" zeigte einen Hotelbrand in Paris -- die Feuerwehr rettete Überlebende, barg Tote. "Weißt du noch", sprach da in einem von sieben Millionen westdeutschen Fernsehhaushalten ein Mann zur neben ihm sitzenden Ehefrau, "unsere Hochzeitsreise nach Paris ...
Oder: Bei den "Montagsmalern" nahte die Entscheidung, eine Teilnehmerin im Studio griff zum elektronischen Zeichenstift, um die Rateworte ins Bild zu setzen. "Die hat aber", meinte da die Hausfrau in einer anderen Fernsehstube der Nation, "eine komische Figur. Oder kriegt die ein Kind?" "Nein", darauf sachverständig der Ehemann, "die Taille sitzt falsch."
In wieder einer anderen Familie begann der Vater, während ein TV-Bericht die Tragödie jugendlicher Alkoholiker illustrierte, plötzlich zu lachen: "Ich muß gerade daran denken", wandte er sich an seinen Sohn, "wie du damals so besoffen warst."
So wird der Bildschirm, wie die Forscher glauben, allabendlich zum innerfamiliären "Mittler, über dessen Gesprächsangebote die Zuschauer jeweils bis zu einem Kulminationspunkt frei miteinander assoziieren, der ihnen dann aber auch die Versöhnungsangebote liefert, wenn das Gespräch zu kritisch wird" -- so, sagt Soziologe Teichert, handeln die meisten über das Fernsehen "in immer neuen Spielen ihre Beziehungen ab".
Nur: Was die Beobachter über Gewalt herausbrachten, ist kaum der Rede wert. Die Psydata-Späher notierten in nur zwei Prozent ihrer Zeitfelder (die jeweils Fünf-Minuten-Spannen zusammenfassen) "aggressive Gespräche" -- doch die bezogen sich nicht aufs Programm, sondern auf Kindererziehung oder Familienleben.
Die Bredow-Beobachter vermerkten einen Gesprächsanteil von 2,6 Prozent für "Gewalt und Leiden" bei eingeschaltetem und nur 0,5 Prozent bei ausgeschaltetem Fernsehgerät. Doch eine Häufung gab es da vor allem bei "Tagesschau" und "Heute" -- weil die Zuschauer zu den hereinflimmernden Tagesereignissen "halt was sagen" (Teichert).
Das große Gesprächsthema vor dem Bildschirm sind die Menschen, die sich auf ihm bewegen oder deren sich die Zuschauer entsinnen (26,6 Prozent). Sobald der Einschaltknopf gedrückt ist, kommt es in den Unterhaltungen zu einer "Zunahme der Anteile für Personen um mehr als die Hälfte" (Bredow).
Offenbar machen sich die Zuschauer die komplizierte Welt durch Personalisierung vertraut, huldigen "einer Art Verstehens-Illusion", wie Allensbach-Chefin Elisabeth Noelle-Neumann das einmal nannte. "Daß mittels des Fernsehens spezifische Sachverhalte aus der weiteren Umwelt" sachlich begriffen werden, glauben nun auch die Bredow-Forscher nicht mehr so recht.
Über die Wirkung von Gewalt läßt sich da allenfalls spekulieren. Möglich immerhin, daß die personenbezogenen Gesprächsinhalte autoritäre, gewaltgerichtete Denkmuster stützen und stärken. Wahrscheinlich sogar, meint Versuchsleiter Teichert; zumal Zuschauer in sozialer Isolation -- etwa Kinder. denen es an Interpretation durch die Eltern fehlt, oder Jugendliche in gestörtem Milieu -- erfahrungsgemäß anfällig sind für die häufig "unangemessenen oder unechten Rollenmodelle" der TV-Akteure. Grundregel: Mund halten und zugucken.
Aber meßbar war das nicht. Die so oft schon vergeblich gesuchten, kurzfristig umgesetzten Gewaltwirkungen, wenn es sie gibt, wurden auch mit dem Instrumentarium der Familien-Forscher nicht gegriffen. Daß irgendein Zuschauer -- naive Vorstellung -- nach dem Genuß einer Krimi-Schlägerei aufgesprungen wäre und draufgehauen oder sonstwie die Balance verloren hätte, hat kein Bredow- oder Psydata-Kontrolleur registriert.
Für Hella Kellner liegt das große Thema der Exploration ganz woanders, sie bewegt vor allem ein "enger negativer Bezug" zwischen Dauerfernsehen und Schweigsamkeit in Unterschicht-Familien. Wo Tag für Tag stundenlang der Fernseher läuft und die Programme wahllos konsumiert werden, sind die Verständigung mit- und das Verständnis füreinander kaputt: Da finden sich -- wie sie mit Toussaint in einer Studie über "Kinder und Fernsehen" schreibt -- "unflexible Verhaltens- und Kommunikationsmuster mit erhöhter Irritation und Gereiztheit der Familienmitglieder untereinander und mit deutlichem Nachlassen verbaler Kommunikation".
* Oben: Helmut Qualtinger in "Die Dämonen": unten: Kernkraftwerkgegner in Brokdorf.
Die vom Medium geschaffene Gemeinsamkeit wird mithin durch die Form dieser Gemeinsamkeit wieder zerstört. "Durchweg die Leidtragenden·" so Kellner und Toussaint, sind die Kinder: Ihre Rolle ist auf schweigendes Dabeisein und Zuhören beschränkt, sie sind primär Empfänger elterlicher Erziehungsmaßnahmen und nicht Gesprächspartner.
Häufig ist es, wie Psydata feststellte, allein die Mutter, die gegen die Dauerseherei des Vaters die Kindererziehung durchzusetzen sucht. Dabei kommt es dann vermehrt zu Eltern-Kind-Konflikten um das Fernsehen, für die Mutter überdies zum Rollenkonflikt: zwischen Erzieherin und Ehefrau.
Nur in höheren und Aufsteiger-Schichten wird das Kinderfernsehen zeitlich eingeschränkt -- einschließlich Krimiverbot. Denn darüber ist gut die Hälfte aller Eltern, sind sogar drei Viertel der Mütter durchaus besorgt: Gewalt auf dem Bildschirm könne negative Wirkungen auf ihre Kinder ausüben.
Aus den Fragebogen über Familien, die mindestens zwei bis drei Stunden täglich fernsehen, sortierten die beiden Autoren drei immer wiederkehrende "Nutzungsmuster" heraus:
* Die Familie, die mit sich im Krieg ist, respektiert das Fernsehzimmer als neutrale Zone (Grundregel: Mund halten und zugucken), ohne deren Gemeinschaftsfunktion die einzelnen Familienmitglieder aufeinander losgehen würden. > Die Familie, die autoritär regiert wird, ordnet sich der Programmentscheidung des Familiengewaltigen unter, meist des Vaters, in dessen Bannkreis die Restfamilie mitsehen darf -- oder von dem sie, auch gut, sich fernhält.
* Die Familie, die Fernsehen als Familienspiel betreibt, einigt sich jeweils auf ein Programm und plündert dessen assoziativen Materialhaufen dann in vergnügtem Obenhin-Gespräch nach der Art: "Ach. dabei fällt mir ein."
Ein gesonderter ZDF-Test in Berlin zeigte letztes Jahr, was passiert, wenn Dauer-Zuschauer vier Wochen ohne Fernsehen ertragen müssen. In den beiden Arbeiterfamilien, die sich zum TV-Verzicht bereit erklärt hatten, kam es zu heftigen Konflikten -- "weil keiner mit sich selbst was anzufangen weiß". wie eine der beiden Familienmütter klagte. Und die andere verlangte schließlich weinend nach ihrem Apparat: "Es wird wirklich Zeit, daß der wiederkommt."
Bei unkritischem, unkontrolliertem Konsum kommt dem Fernsehen "fast die Bedeutung einer Droge" zu (Teichert). Und aus dieser Erkenntnis hat das ZDF bereits eine Konsequenz gezogen: Vor dem Mittwoch-Krimi im kommenden Jahr ("Die Straßen von San Francisco", "Starsky und Hutch") soll in der Programm-Ansage auf bestimmte dramaturgische Aspekte und Effekte hingewiesen werden, über die Redakteure und Zuschauer dann in einer anschließenden Sendung diskutieren. Zweck des zunächst sechsmal vorgesehenen Versuchs: Distanz zum Medium einzuüben,
Über dem Interesse am großen Publikum, dessen Guck-Gewohnheiten die Fernsehanstalten nun so gründlich erforschen ließen, ist ihnen freilich eine radikale Minderheit aus den Augen geraten. "Familien mit einer offen aggressiven Einstellungsstruktur"" vermerkt Hella Kellner lapidar, konnten bei den Untersuchungen "nicht berücksichtigt werden".
Eine brennende Zigarette auf die Brust gedruckt.
Teichert fand keinen einzigen qualifizierten Beobachter aus solchem Milieu. Toussaint" der seine Mitschreiber dort plazieren wollte, wurde, als er sich um Einlaß bemühte, von der Wohnungstür verjagt. Dabei hätte womöglich gerade dieser Bevölkerungsteil ein wenig Aufschluß geben können über Einflüsse der Bildschirm-Gewalt.
Mit Jugendlichen aus dieser Schicht beschäftigte sich unterdessen der Brite Belson -- und kam zu alarmierenden Ergebnissen. Der Gewaltforscher hatte, wie er im September berichtete, ein Test-Potential von 1565 Londoner Jungen im Alter von 13 bis 16 Jahren auf deren jeweilige Fernsehgewohnheiten untersucht. Dann unterteilte er die Versuchspersonen in eine Gruppe von Dauerfernsehern mit einer Vorliebe für Gewaltprogramme, die Testgruppe, und einen unterdurchschnittlich fernsehenden Rest, die Kontrollgruppe.
Für beide errechnete Belson mit Hilfe von Gewalt-Indikatoren eine arithmetische Vergleichsformel für die Gewaltneigung der einzelnen Jungen und der jeweiligen Gruppe. Zwei Jahre später ließ er die Jugendlichen von seinen Mitarbeitern abermals befragen, diesmal nach den Gewalttaten, die sie im zurückliegenden Halbjahr begangen hatten.
Düstere Bilanz: Die aggressiven Jugendlichen hatten beispielsweise Radfahrer umgestoßen, eine Vergewaltigung versucht, Telephonzellen demoliert, mal einem Jungen eine brennende Zigarette auf die Brust gedrückt, mal einen anderen mit dem Kopf gegen eine Wand geschleudert.
Entscheidender Unterschied zwischen den beiden Vergleichsgruppen: Die Liebhaber von Action-Fernsehen hatten 11,27 Prozent mehr Gewaltakte aller Grade auf dem Konto als die anderen -- und sogar 49 Prozent mehr schwere Gewalttaten. "Macht Fernsehen träge und traurig?"
Belsons bündige Erklärung für das Brutalitätsplus, die er den schockierten Mitgliedern der "Britischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft" auf deren Jahresversammlung in Birmingham vortrug: "das Betrachten bestimmter Arten von Gewalt im Fernsehen". Die Krimifreunde hatten beispielsweise Serien wie "Hawaii Fünf-Null" und "Solo für O.n.c.e.l." gesehen oder "Starsky und Hutch" -- die neue ZDF-Folge.
Reuter vermeldete in ganz Europa, Belson habe die These von der Gewaltwirkung des Fernsehens "untermauert". Die in Paris erscheinende "International Herald Tribune" widmete seinem "höchst dramatischen Ergebnis" einen Leitartikel.
Tatsächlich jedoch hatte sich der Streit der Wissenschaftler nur einmal mehr im Kreise gedreht. Während bei den deutschen Kollegen von Bredow- und Psydata-Institut sich gar nichts rührte, als sie beim Fernsehpublikum Gewalteffekte messen wollten, ist sich Belson der Ursache für die von ihm registrierten Ausschläge immerhin nicht sicher. Denn, so räumt er offen ein, der "technologische Stand der Kausalforschung" reiche nicht aus, um "von endgültigen Beweisen" für seine Annahme zu reden.
Denkbar zumindest, daß der Forscher Ursache und Wirkung verwechselt hat: Jugendliche wären dann -- so der erlaubte Umkehrschluß -- nicht deshalb gewalttätiger, weil sie mehr Fernsehgewalt sehen, sondern sie bevorzugen mehr Krimis, weil sie gewalttätiger sind." Ursache und Wirkung auseinanderzuhalten", fand der US-Experte Leo Bogart schon vor Belsons Experiment, "ist außerordentlich schwer, wenn man es mit einem Medien-Inhalt zu tun hat, der lediglich bestehende Dispositionen verstärkt."
So wiederholte der Brite Belson womöglich nur die Erfahrung" die Medienforscher reihenweise vor ihm gemacht hatten. Um so verwunderlicher, daß viele Gegner der Fernsehgewalt darauf beharren, es bestehe eine direkte und mithin meßbare Beziehung zwischen Aggression auf dem Bildschirm und Aggressionen beim Bürger.
Viel näher läge -- und viel plausibler scheint -- die Annahme, daß Gewalt im Fernsehen nicht ein gewissermaßen krimineller, sondern ebenso wie andere Inhalte dieses Mediums ein wirksamer kultureller Faktor ist. Diese Vorstellung -- die unterdessen ihre medienpolitische Lobby hat -- sieht davon ab, daß der Schuß auf Marshal Dillon ("Rauchende Colts") oder der Gangsterhieb für Tony Blake ("Der Magier") eine geradezu mechanische Entsprechung in der Außenwelt findet. Vielmehr, so die These, wirken sich die Spannungen und die negative Anschauung für zwischenmenschlichen Umgang, die von Gewaltprogrammen ausgehen, auf die Denkstruktur und die Verhaltensmuster der Zuschauer aus. Ein Boden wird gedüngt.
In dieser Version ist kein Platz mehr für den Verdacht, daß es eine einheitliche Wirkung bestimmter Programme und Programmtypen auf die Zuschauer gibt. Die bündig klingenden Thesen von Katharsis oder Stimulierung sind, so gesehen, lebensfremd.
Daß die Dauerberieselung der Zuschauer mit mal realem, mal fiktivem Konfliktstoff langfristig das Weltbild beeinflußt, dafür gibt es mancherlei Anzeichen. Eine "eigentümliche Niedergeschlagenheit" und allgemeine "Gedrücktheit" liest Elisabeth Noelle-Neumann aus den Lebenswert-Indikatoren ihrer Umfragen heraus, und Indizien, warum dies so ist, könnten sich in der Bredow-Studie finden. Danach wird über entlastende Themen -- wie Unterhaltung und Ausgehen, Mahlzeit und Genuß, Erholung und Reise -- ohne Fernsehen um gut 50 Prozent mehr geredet als bei eingeschaltetem Gerät. Allensbach errechnete, dazu passend, ein starkes Nachlassen "aller aktiven Freizeitbeschäftigungen" infolge des TV-Konsums.
Weiter: Bredow registrierte sehr viel weniger Gespräche über die Arbeit oder familiäre "Ressourcen" bei laufendern Programm. Allensbach ermittelte einen allgemeinen "Verfall der Arbeitsfreude" in den letzten 15 Jahren und neuerdings stark gestiegene Zweifel an einer besseren Zukunft. Fragt Frau Noelle: "Macht Fernsehen träge und traurig?"
127 Minuten am Tag, zusammengerechnet 32 Tage im Jahr, bringen TV-Teilnehmer über 14 Jahre durchschnittlich vor dem Bildschirm zu, nehmen dort die Alarmtrends auf, Energieprobleme und Arbeitslosigkeit, Terrorismus oder Parteienhader. Und bei so nervöser Grundstimmung wirkt selbst das Gutgemeinte noch verstärkend: der Aufklärungsfilm über die "Ursachen der Kriminalität", die "Blickpunkt"-Sendung über die Neutronenbombe, der Rechts-Ratgeber für "Opfer von Gewalttaten".
Daß andererseits die Häufung an Gewaltmustern die Reaktionen der Betrachter abstumpft, ist durch physiologische Tests -- etwa bei wiederholter Vorführung des Films "Lohn der Angst" -- bewiesen. Die scheinbar schlüssige These, daraus erwachse Gleichgültigkeit auch gegenüber realer Gewalt, ist hingegen umstritten. Das Gesehene wird bei Wiederholung ofenbar lediglich intellektuell bewältigt, rührt keine Emotion mehr auf; nur pathologische Zuschauer reagieren stets gleichermaßen erregt.
Geläufig ist den Forschern mittlerweile auch das Phänomen pseudo-persönlicher Kontakte zwischen Zuschauern und Bildschirm-Figuren. Zumal bei vereinsamten Betrachtern, Jugendlichen wie Rentnern, löst das Bedürfnis nach emotionaler Bindung sogenannte "parasoziale Beziehungen" zum Glaskameraden aus. Der willkommene elektronische Gast wird zum vertrauten Ansprechpartner: "Hallo, Kuli, lange nicht gesehen."
Entertainer und Quizmaster bemühen sich, unterstützt von PR-Managern und Regisseuren, längst mit strategischen Kunstgriffen um eine "Vertrautheit, die das Publikum in eine unbewußte Loyalität zu den Fernsehstars zwingt", so Teichert -- und die Gage und Popularität verheißt. Wichtig mithin, sagt der Forscher, "welche Verhaltensmodelle, aggressive oder nichtautoritäre, diese Personen repräsentieren".
Steigert sich die Sympathie zur Identifizierung und fängt die Umwelt die "Illusion einer persönlichen Beziehung" nicht durch genügend Realitätsbezüge auf, dann, so der Soziologe, kann sich "Zuschauerverhalten als pathologisch" erweisen, und der "Action-Held mit den nicht wünschbaren Verhaltensweisen" wird Vorbild.
So könnte Fernsehen -- ungeachtet des Streits um TV-Gewalt und Kriminalität durchaus menschliches Verhalten steuern. Im Guten wie im Bösen, sei es, daß ganze Familien unbewußt so nett zueinander sind wie die "Waltons", oder, anders herum, die totale Identifizierung mit dem Bildschirm-Bösewicht sich zu finsteren Blicken und finsteren Gedanken verfestigt.
Ziemlich sicher sind sich die Forscher der allgemeinen und nicht immer erfreulichen Einflüsse des Fernsehens auf Kinder. Die Münchner Psychologin Hertha Sturm, Professor für Kommunikationswissenschaft und Institutsleiterin für Jugend- und Bildungsfernsehen beim Bayerischen Rundfunk, stieß in Tests mit 240 Schülern und 450 Studenten beispielsweise
* Experiment des US-Professors Bandura: Nach einer Fernseh-Sendung, in der eine Puppe verprügelt wurde, werden Kinder gleichartigen Puppen konfrontiert.
auf das Phänomen, daß bei der Vorführung von Fernsehsendungen emotional empfundene Eindrücke nach mehreren Wochen ungleich stärker im Gedächtnis haften als rational verarbeitete Informationen. Das Gefühlserlebnis am Bildschirm "verselbständigt" sich mithin "weitgehend unabhängig von behaltenen oder vergessenen Wissensinhalten" (Sturm).
Daß zu den lange nachwirkenden Erinnerungen auch Gewaltdarstellungen des Fernsehens gehören können, behauptete schon vor Jahren der US-Forscher David J. Hicks, der, ähnlich wie Bandura, Kindern gefilmte Brutalität vorgeführt hatte: Nasenstüber, Stock- und Hammerschläge gegen eine Puppe. Ein halbes Jahr später erinnerten sich die Kinder durchweg noch an die Hiebe, die sie gesehen hatten.
Die auch von Hicks registrierten Gewaltimitationen der im Labor getesteten 48 Schüler -- zahlreiche nachahmende Prügel unmittelbar nach der Filmvorführung, stark reduzierte, aber meßbare Imitationshandlungen nach sechs Monaten -- unterfielen der gängigen Fachkritik an methodischen Schwächen und an der "unangemessenen Verallgemeinerung von Laborstudien" (Howitt/Cumberbatch).
Doch die unterschiedlichen Erinnerungsleistungen -- jeweils nach dem Grad der mit Bildern geweckten Gefühle -- ermittelte die Münchner Professorin Sturm zweifelsfrei. Im Licht dieser Erkenntnis sieht die Psychologin eine sonst wenig beachtete Besonderheit des Fernsehens: die Abfolge von "Umsprüngen" in Bild und Ton, die rasche, häufig rasante Schnittfolge der Sendungen, die "kurzzeitigen Angebotsmuster" der Programme. Diese formale Hektik, so die Wissenschaftlerin, könne zu "emotionalem Streß" aufgeschaukelt werden.
Zumal Kinder sind gegen die TV-gerecht geschnipselte Hastigkeit ungeschützt, das nachgeplapperte Spruchgut des Werbefernsehens kündet vom Eindruck mancher Spots. Noch einmal gesteigert werden die ·,Kurzfristreize" (Sturm) des Programms durch den ständigen sprunghaften Wechsel von Themen, Inhalten und Akteuren vieler Sendungen -- Eindrücke, die pädagogisches Bemühen um Ausdauer oder etwa um die Fähigkeit zu zuverlässiger Partnerschaft zunichte machen können und statt dessen "hastige Bedürfnisbefriedigung" wie kurzsichtiges Jobdenken vermitteln.
"Biene Maja" ersetzte den Nachmittags-Krimi.
Die Wissenschaftlerin sieht eine bedrohliche Allianz zwischen diesem Phänomen und typischen Alltagsproblemen, etwa konfusen Lehrplänen und unstetem Schulbetrieb, einem fahrigen Familienleben oder beruflich belasteten Eltern. Wo Kinder einer solchen "kurzzeitigen Umweltanregung zugewendet sind", sagt die Professorin, dort dürfte "dem Fernsehen durchaus eine wichtige Verstärkerrolle zukommen", mit Zappeligkeit und Konzentrationsmängeln als mögliche Folge.
Mehr oder weniger unabhängig von solchen "medienspezifischen Angebotsweisen" (Sturm) hinterläßt das Fernsehen seine Spuren auch im kindlichen Sprachvermögen. Mit seiner Unmenge auf den Begriff gebrachter Bilder hat das Medium den Wortschatz von Arbeiter- und Akademikerkindern, wenn auch nicht deren Ausdrucksfähigkeit, einander angenähert. In die Schule kommen die Erstkläßler schon mit bestimmten Vorstellungen von "Black Beauty" und "Make-up"" von "Show" und "Shiloh".
Eine dreijährige Sprachuntersuchung bei Sechs- bis Achtjährigen, die eine Linguistengruppe der Pädagogischen Hochschule in Münster Mitte dieses Jahres abschloß, belegte die dominierende Rolle einer "Fernsehsprache" (Forschungsleiter Walter Rest) gegenüber der Schriftsprache.
"Von Gewalt reden die Kinder viel", sagt Rest-Kollege Peter Heitkämper, der speziell nach diesem Aspekt forschte, "allerdings ziemlich subtil". In dieser Altersgruppe erzeugte das Fernsehen vor allem Angst: "Ich will immer sehen", so ein Drittkläßler über "Aktenzeichen: XY ... ungelöst", "wo die rumstrolchen, da geh" ich dann nicht so gerne." Und ein Siebenjähriger muß sich im Selbstgespräch Mut machen: "Und wenn einer so ermordet wurde, dann erzähl' ich das ... Ich les' dann noch eine kleine Geschichte, dann hab" ich keine Angst mehr."
Nichts von allem, was das Fernsehen an Verhaltens- und Gewaltmustern darbietet, wird in diesem frühen Alter erkennbar von "der Begrifflichkeit in Verhalten umgesetzt", sagt Heitkämper. Die Kinder bringen es nicht einmal sprachlich auf einen aggressiven Nenner -- vermutlich, meint der Pädagoge, eine Folge kindlicher Egozentrik.
Denn bis etwa zum achten Lebensjahr -- die Testgruppe aus einer Grundschule im Münster-Vorort Mecklenbeck stammte aus allen Schichten, von Lagerbewohnern bis zu Akademikerfamilien -- ist die Aufmerksamkeit der Kinder stärker auf die persönliche Situation als auf abstrakte Bereiche gerichtet, zu denen auch das Fernsehen zählt. Die zahlreichen Gewaltmuster der Kindersprache, die in der Studie registriert wurden, stammen sämtlich aus dem Umfeld von Familie, Nachbarschaft und Spielsphäre. Beispiele aus der zweiten Klasse: Der Große haut mir immer ein paar in die Fresse. -- Ich kann auch sehr boxen, da war ich eine Eins, da hab ich schon eine aus dem Zeug gehauen. -- Da sagt er, jetzt kommt ein schlechtes Wort: "Jetzt will ich dich in"n Arsch schießen." -- Und da hab ich den Gürtel von Papa genommen und (auf den Bruder) immer draufgehauen. Unser Vater macht das auch immer so. -- Bald ist mein Daumen auch gebrochen, weil mein Bruder, die stellen sich manchmal da drauf. -- Da ham wir uns gekloppt. Dieser Sprach-Befund deutet darauf hin, daß in der frühen Kindheit, in der nach gängiger Psychologen-Ansieht die Persönlichkeit geformt wird, der Einfluß des Fernsehens hinter dem der Eltern, Geschwister, Nachbarn zurücktritt. Erst später wendet sich das unmittelbare Interesse auch anderen Dingen zu, beginnt etwa das Verständnis für Handlungsabläufe, die vorher nur punktuell wahrgenommen werden.
Es scheint mithin, daß das Gewaltverhältnis der Kinder, die Fähigkeit zur Einschätzung von Bedrohlichem und der eigenen Kräfte, in der Kinderstube geformt wird. Aber: Je nach Disposition wirkt das Fernsehen später mit Gewaltdarstellungen auf die zuvor gewachsene kindliche Mentalität ein und trägt seinen Teil zum "Grad ihrer erfahrenen Gewalt" (Heitkämper) bei.
Im schlimmsten Falle würden demnach Gewalterfahrungen aus dem familiären Bereich, die einen Hang zur ungehemmten Befriedigung aggressiver Bedürfnisse hinterlassen haben, vom Fernsehen bestätigt, bestärkt und ins Erwachsenenleben hinein verfestigt.
Die Unsicherheit, die Widersprüche auf dem Forschungsfeld Fernseh-Gewalt einerseits, auf der anderen Seite Indizien für Verstärker-Effekte und allgemeine Verhaltenssteuerung durch den Bildschirm: Den Fernsehleuten ist die eigene Arbeit nicht mehr geheuer, auf Brutales reagieren sie sensibler.
Fernseh-Dramaturg Volker Canaris vom Westdeutschen Rundfunk rügte vor längerer Zeit schon Beispiele für "Gewalt und Mord als Vorwand zu Sensation, als Anlaß unreflektierten Konsums". So fiel in einer Folge von "Hawaii Fünf-Null" ein Schmuggler nach dem Todesschuß der Polizei ins Wasser, die Kamera spielte aus, wie sich das Wasser rot färbt; so zeigte im Film "Jaider -- der einsame Jäger" die Kamera in Großaufnahme, wie Schüsse in den Körper einer Frau klatschen, das Kleid zerfetzen, das Fleisch aufreißen -- Brutalität, so Canaris, "wird zelebriert".
Auf der Sitzung einer ARD-"Kommmission zur Überprüfung der Gewaltdarstellungen im Fernsehen" wurden kürzlich ähnliche Fälle, auch aus den Nachmittagsprogrammen, beanstandet. In den Anstalten sind die Regisseure zugänglicher als früher, wenn Programm-Verantwortliche bei der Filmabnahme Schnitte verlangen. Beim ZDF wurden Produzent und Autor für eine "Derrick"-Folge über eine Kindesentführung getadelt -- Programmdirektor Dieter Stolte: "Gefahr einer unkontrollierten Identifizierung jugendlicher Zuschauer mit dem Filmgeschehen."
Die ZDF-Sendungen vor 20 Uhr, das Programm mit der größten Sehbeteiligung unter den Kindern, sind schon vor einiger Zeit geändert worden. "Pinocchio", "Biene Maja" und "Schüler-Express" ersetzen den Werbe-Krimi; nur jeden zweiten Sonntag, 18.15 Uhr, kracht's noch: "Rauchende Colts".
Die ARD-Gewaltkommission ist dabei, einen Monat lang alle Gewaltdarstellungen in den Programmen aufzulisten; dann sollen den Programmchefs Empfehlungen gegeben werden. Zur Einstimmung ließ sich das Gremium die TV-Dokumentation "Im Anblick von Gewalt -- Kinder vor dem Bildschirm" vorführen. Kommissionschef Felix Schmidt, Programmdirektor in Baden-Baden: "Sehr eindrucksvoll."
Manch einem ist der saubere Bildschirm nun wieder zu steril. "Jetzt heißt es plötzlich", erzählt Dieter Stolte, "wir machten "heile Welt." Und Medienforscher Hansjörg Bessler beim Stuttgarter Südfunk registriert vermehrt Zuschauerwünsche, doch mal wieder was zu bringen, "wo es Tote gibt, wo was passiert", etwa Kriegsfilme -- ein bißchen mehr Gewalt eben.

DER SPIEGEL 51/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 51/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Fernsehgewalt: „Leidtragende sind die Kinder“

  • Dokuserie Russlands härteste Jobs: Ein Abwehrspieler als Bodyguard
  • Seltene Aufnahmen: Video zeigt Zebra mit Punkten
  • "Rambo 5: Last Blood": Blutiger Abschied
  • Wie zu König Blauzahns Zeiten: Dänen bauen längste Wikingerbrücke