12.12.1977

Öffnung der Hochschulen: Postkarte genügt

Ab Sommersemester 1978 gibt es in den meisten Studienfächern keinen Numerus clausus mehr. Die Auswahl nach Abiturnoten wird auf Medizin und einige andere Fächer beschränkt. Eineinhalb Jahre brauchte Bildungsminister Rohde, um alle Länder auf die Öffnung der Hochschulen einzuschwören. Sie kostet eine Milliarde.
Auf Seite 1 ist der Numerus clausus (NC) tot, ab Seite 2 lebt er weiter. Mit diesem Widerspruch schickt dieser Tage die Dortmunder Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) 120 000 Exemplare ihres "Infos" für das Sommersemester 1978 an Deutschlands Abiturienten.
Der Grund: Der Hauptteil des 136-Seiten-Heftes konnte nicht mehr gestoppt werden, als im vergangenen Monat Bundeskanzler Helmut Schmidt und die Ministerpräsidenten der Länder den Numerus clausus -- die Auswahl nach Abiturnoten -- auf Medizin und neun andere, kleinere Fächer beschränkten und im übrigen abschafften.
Nur in einer Art Sondermeldung auf Seite 1 verkündete die ZVS die frohe Botschaft, daß ab Sommersemester 11978 in weitaus den meisten Fächern jedem Bewerber ein Studienplatz sicher ist.
Damit ist laut Bundesbildungsminister Helmut Rohde erreicht, "daß der Numerus clausus zur Ausnahme und die Zulassung aller Bewerber zur Regel wird".
Fast eineinhalb Jahre lang war Rohde bemüht, ein Kanzlerwort Wirklichkeit werden zu lassen. Im Juni 1976, zu Beginn des Bundestags-Wahlkampfes, hatte Schmidt angekündigt, "so bald wie möglich, spätestens in 1977" den NC auf ein Minimum zu reduzieren.
Damals wurde er als "Rattenfänger", "Traumtänzer" und "Volksbetrüger" beschimpft. Nun aber billigte sogar Baden-Württembergs Ministerpräsident Hans Karl Filbinger die Abschaffung des Numerus clausus. Dabei hatte er vor "einer beispiellosen Fehlentscheidung" gewarnt, wenn die Bundesländer "die Überreste des Wahlschlagers der SPD und der FDP von der Öffnung der Hochschulen akzeptierten".
In den nunmehr vom NC befreiten Fächern wird jedem Bewerber von vornherein ein Studienplatz garantiert -unabhängig davon, ob er im Abitur Einsen oder Vieren erhielt.
Eine Kopie seines Reifezeugnisses braucht er gar nicht mehr nach Dortmund zu schicken, und auch auf etliche andere Unterlagen verzichtet die ZVS.
Intern läuft dieses Verfahren schon unter dem Stichwort "Postkarte genügt", obwohl noch ein Formular ausgefüllt werden muß und eine Meldebescheinigung verlangt wird. ZVS-Chef Henning Berlin will aber die Anforde-
* Die Bewerber können bei der zvs beliebig viele Hochschulen benennen oder angeben, daß sie mit de: Zulassung an jeder Hochschule einverstanden sind. Dann ist ihnen ein Studienplatz absolut sicher.
rungen an die Bewerber so reduzieren, daß demnächst für die Angaben tatsächlich eine Postkarte genügt.
In diesen Fächern wird jeder Bewerber ohne Wartezeit zugelassen, und er hat weder Test noch Los zu fürchten, die künftig -- ab Wintersemester 1979/80 -- zusammen mit der Abiturnote über die Auswahl in den harten NC-Fächern entscheiden.
Einzige Einschränkung: Nicht jeder kann am Ort seiner Wahl studieren. Ist eine Hochschule überlaufen, so wird ein Teil der Bewerber anderen Hochschulen zugewiesen*. Mit diesem "Ortsverteilungsverfahren" soll eine gleichmäßige Auslastung der Hochschulen erreicht werden.
Aber auch hierbei wird nicht nach Abiturnoten, sondern nach sozialen Kriterien entschieden. Wer zum Beispiel mit seiner Familie am Ort einer Hochschule wohnt, wird dort auch mit miesem Abitur eher zugelassen als ein lediger Super-Abiturient, der sich aus einer ganz anderen Gegend bewirbt.
Auf viele Schüler und Eltern muß diese Öffnung der Hochschulen wie ein Wunder wirken. Denn bislang wurde allzu selten unterschieden zwischen den wenigen harten NC-Fächern, in denen es weit mehr Bewerber als Plätze gibt, und den vielen anderen Fächern, in denen schon in den letzten Semestern weitaus die meisten oder sogar alle Bewerber zugelassen werden konnten (siehe Graphiken).
Allzu eifrig war die ZVS bemüht, immer mehr Fächer an sich zu ziehen, und allzu lange zögerte sie, in Fächern mit freien Plätzen auf die Auswahl nach Noten zu verzichten.
Der Beschluß der Ministerpräsidenten über die Abschaffung des NC ist in doppelter Hinsicht ein Erfolg des Bonner Bildungsministers Rohde. Zum einen gelang es ihm, die Einheitsfront der CDU/CSU gegen die von Bundeskanzler Schmidt propagierte Öffnungspolitik aufzubrechen, und zum anderen konnte zum erstenmal eine Bundesregierung die Länder in der Hochschulpolitik auf ihren Kurs einschwören. Das hatte schon Rohde-Vorgänger Klaus von Dohnanyi versucht, aber nicht erreicht.
Anfangs wurde Rohde nur von seinen eigenen Parteifreunden unterstützt, die -- wie etwa Nordrhein-Westfalens Wissenschaftsminister Johannes Rau und dessen Staatssekretär Ulrich Kleiner -- seit langem für die Öffnung der Hochschulen eingetreten waren. Vergebens allerdings hatte Kleiner in den Elf-Länder-Ausschüssen der ZVS zusammen mit den Abgesandten anderer SPD/FDP-Länder für ein ähnliches Verfahren plädiert, wie es nun eingeführt wird. Am Widerstand der CDU! CSU-Länder waren die Anträge gescheitert.
Als aber Rohde die Auseinandersetzung auf die Ebene der Regierungschefs trug, fand er bald Unterstützung bei Bayerns Ministerpräsident Alfons Goppel und bei Bernhard Vogel, Ex-Kultusminister und Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz. Mit ihnen und Hessens Regierungschef Holger Börner sowie Finanzminister Apel zusammen entwarf Rohde einen Beschluß, der in fast jedem Punkt seinen Wünschen entsprach.
Monatelang widersetzten sich Filbinger und Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg. Sie steckten erst auf, als sie unter ihren eigenen Unions-Freunden in die Isolation gerieten.
Mit dem Öffnungs-Beschluß, dem am Ende auch Filbinger und Stoltenberg zustimmten, soll verhindert werden, daß wieder ein Zickzackkurs gesteuert und der Numerus clausus mal verschärft, mal abgeschwächt wird oder daß gar die Tore der Hochschulen wieder geschlossen werden. Die Richtzahl der Regierungschefs:
Eine Auswahl nach Abiturnoten darf erst dann wieder für ein Fach eingeführt werden, wenn es 15 Prozent mehr Studienanfänger gibt, als die Hochschulen nach ihren eigenen Berechnungen aufnehmen können.
Und auch dann wird es zumindest eine politische Nachprüfung geben. Die Regierungschefs wollen bei jeder Erweiterung des NC erneut die Hochschulzulassung auf ihre Tagesordnung setzen.
Das Zauberwort, das es ermöglicht, notfalls auf je 100 Plätzen 115 Studenten unterzubringen, heißt "Zusatzlast". Bund und Länder haben sich verpflichtet, besondere Anstrengungen der Hochschulen großzügig zu finanzieren.
Gedacht ist zum Beispiel an die Vergütung von Zusatzstunden der Professoren und an Lehraufträge für qualifizierte Außenstehende. Auf etwa eine Milliarde Mark schätzt Jürgen Burckhardt, im Rohde-Ministerium wie kein anderer Beamter mit der Öffnung der Hochschulen befaßt, die Kosten in den nächsten zehn Jahren.
Noch ist offen, wie diese Kosten auf Bund und Länder verteilt werden. Schon gibt es die ersten Versuche, die eigenen Lasten so niedrig wie möglich zu halten. Und erst in nächster Zeit wird sich zeigen, ob in diesem und in manch anderem Punkt der Öffnungs-Beschluß "unverzüglich und ohne Abstriche" verwirklicht wird, wie es Rohde für notwendig hält:
* Im Januar entscheiden die Kultusminister über den Inhalt eines neuen NC-Staatsvertrages, der sieh am Beschluß der Länderchefs orientieren und deshalb anders abgefaßt werden muß als der derzeit gültige.
* Im Frühjahr muß der Staatsvertrag, wenn ihn alle Ministerpräsidenten unterzeichnet haben, von allen Länderparlamenten ratifiziert werden. 1> In den ersten Monaten des Jahres 1978 sollen sich die Kultus- und die Finanzminister über die Finanzierung der "Zusatzlast" einigen. Bislang gibt es keine Anzeichen, daß sieh die Öffnungs-Gegner wieder zum Widerstand formieren. In der ZVS und ihren Ausschüssen hat sich das Klima in den letzten Wochen gewandelt. Der Gegenspieler des Düsseldorfer Staatssekretärs Kleiner auf der CDU-Seite, der baden-württembergische Kultus-Amtschef Paul Harro Piazolo, verficht die Öffnung in den Gremien der KMK und der ZVS "fast so intensiv wie wir, die wir schon dafür waren, als er noch dagegen war" (Kleiner).
Kleiner wie Piazolo sind davon überzeugt, daß es "zumindest mittelfristig" bei den wenigen NC-Fächern bleiben und sich die Situation nicht wieder verschärfen wird.
Der Düsseldorfer Staatssekretär glaubt darüber hinaus "Grund für den Optimismus zu haben, daß auch in den achtziger Jahren bei noch wesentlich höheren Abiturientenzahlen die Öffnung der Hochschulen durchgehalten werden kann". Die Voraussetzungen laut Kleiner: daß sich die derzeit rückläufigen Anteile von studierwilligen Abiturienten nicht wieder erhöhen und daß die Zahl der Studienplätze weiter so ausgebaut werden kann, wie es den Rahmenplänen des Bundes und der Länder entspricht.
Außerdem müsse sichergestellt werden, daß alle Länder die Zusatzlast-Programme realisieren, "wobei die CDU/CSU-Länder leider noch eine erkennbare Zurückhaltung üben".
Bleiben die Hochschulen auf mittlere oder weite Sicht geöffnet, so wird der Kontrast zwischen den Fächern mit und ohne NC noch krasser werden. Denn die Abiturnoten, die für die meisten Fächer ihre Bedeutung verlieren, werden für die Auswahl künftiger Human-, Zahn- und Tiermediziner noch gewichtiger sein als bisher.
Nach den alten NC-Regeln konnte jeder unabhängig von seiner Abiturnote einen Studienplatz bekommen, wenn er nur lange genug warten konnte und wollte (im Fach Medizin allerdings zuletzt schon sechs Jahre).
Die neuen Kriterien Los und Test (siehe Aufgaben Seite 71) aber, auf die sich die Kultusminister in ihrer letzten Sitzung geeinigt haben, werden mit den Abiturnoten verrechnet.
Und die Super-Abiturienten brauchen sich nicht mal den Risiken des Tests und der Auslosung auszusetzen: Ihnen bleiben allein aufgrund ihrer Noten zehn Prozent aller Studienplätze in den harten NC-Fächern reserviert.

DER SPIEGEL 51/1977
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