12.12.1977

PROJEKTEBesser als die Opec

Ein allzu einfallsreicher Finanz-Künstler verspricht, Stroh in Öl zu verwandeln. Selbst erste Industrieadressen sind, so seine Auskunft, interessiert.
Seit Ende 1973 treibt das Preisdiktat der Ölförderländer die Verbraucher zu immer höheren Geldausgaben. Jetzt aber soll damit endgültig Schluß sein.
"Schon in .etwa zwei Jahren", präzisierte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ("FAZ"), sei es soweit. Dann werde die Deutsche Pflanzen-Kraftstoff AG "aus Ernteabfällen wie Stroh, Zuckerrübenschnitzeln oder Maisstengeln" wahlweise Benzin oder auch Heizöl produzieren.
"Versuchsstadium beendet", meldete der Wirtschaftsteil -- für die Petro-Potentaten eine unfrohe Botschaft. Denn der Pflanzen-Kraftstoff aus deutschen Landen ist, laut "FAZ"" "im Preis voll wettbewerbsfähig". Besser noch: "Er könnte sogar ein Drittel billiger angeboten werden."
Da ist nur eine Kleinigkeit. Das hilfreiche Unternehmen nämlich, dies übersah die Frankfurter Zeitung, ist einem klugen Kopf zu danken, der die Pleite bereits aus der Nähe kennt.
Deshalb tritt Ernst Kirchgässner, bislang glückloser Spekulant, jetzt als "Lizenzgeber" bescheiden hinter sein Werk zurück. Zuletzt hatte er, damals noch Baulöwe, zur Milliarden-Affäre der Hessischen Landesbank mit seinem Frankfurter Wohnsilo "Sonnenring" ein 411-Millionen-Ding beigesteuert.
Trost fand Kirchgässner da in der Erkenntnis: "Auch in der chemischen Industrie sieht es nicht rosig aus." Also begann er" ungebrochen, "zu forschen, welche Linie Erfolg verspricht" -- im Öl wurde er fündig.
Die ersten 230 Millionen Mark für seine Pflanzen-Crack-Anlage, läßt Kirchgässner wissen, werden in Bad Friedrichshall bei Heilbronn investiert. Die nächste Strohdestille, "etwas größer", plant er im Raum Hannover, weitere Werke hält er für Berlin, den Teutoburger Wald, Baden-Württemberg und Niederbayern parat.
Der Unternehmer, ganz seiner sozialen Verantwortung bewußt: "Das Land braucht Arbeitsplätze."
Daran soll es nicht fehlen. Denn in Mineralöl umarbeiten will er wertlosen Ballast jeder Art, Gras, Stroh, Holz oder Sägemehl -- "die Sammler-Organisation draußen", so der Erfinder, bringt die Entlastung des Arbeitsmarktes.
Abfall-Genossenschaften erfassen das Stroh auf den Feldern und verdichten es für den Produktionsprozeß zu handlichen Päckchen. Im Tausch bekommen die Bauern dafür Pflanzen-Kraftstoff für Traktor und Mercedes oder Nebenprodukte der Kirchgässner-Destillation -- Dünger und Futtermittel, "die den Wert der Sojabohne erreichen".
Konkretes Beispiel: "Aus 1000 Tonnen Zuckerrüben", so die "FAZ", lassen sich -"12 000 Liter Benzin, 15 000 Liter Dieselöl, 5500 Liter Schmieröl und noch 8,5 Tonnen Zucker gewinnen".
So "setzt das Verfahren nicht nur in der Energieversorgung neue Daten" ("FAZ"), sondern etwa auch im Umweltschutz. Kirchgässner: "Die Strohbrennerei hört auf." Auch wird Sulfitablauge aus Zellstoffwerken, ein ziemlich übler Stoff, ganz unkompliziert zu Mineralölprodukten veredelt. Und überhaupt: "Eine Zellstoff-Fabrik läßt sich über Nacht leicht zu einer Raffinerie umbauen." Äthanol, Methanol oder Naphta sprudeln dank "biosolarer Strohfermentation" nach Belieben. "Ganz gewöhnliche Darmbakterien von Tieren können das zu einer milchartigen Breimasse aufbereitete Stroh direkt zu Erdöl reduzieren", doziert Kirchgässner: "Wir machen Oxydation, Fermentierung und Hydrierung gleichzeitig in einer Anlage."
Zwar "steht noch kein Stein, aber der Absatz ist für zehn Jahre ausverkauft", freut sich Kirchgässner. Keine Schwierigkeit also, das Aktienkapital, 25 Millionen Mark, bei energiebewußten Anlegern einzuwerben.
Sie sollen "lange Zeit gut verdienen", und das gleich von Anfang an. Denn umsichtig läßt der Ideenreiche genau jene Anlagenteile zuerst bauen, die "sehr rasch hohe Erträge bringen". Kein Wunder: "Unsere Einsatzstoffe sind im Vergleich zu den Opec-Preisen wesentlich günstiger."
Die Aktien werden "breit gestreut, damit die Multis die Sache nicht in Konzernabsprachen verschwinden lassen". Deshalb auch vermeidet Kirchgässner präzise Auskunft über sein Verfahren -- er erprobt es bislang vorwiegend gedanklich.
So müssen Weltfirmen wie Degussa" Lurgi oder Hoechst-Uhde, mit denen er angeblich "pausenlos verhandelt", auf Befragen ihr Unwissen offenbaren: "Das gehört alles ins Reich der Fabel."
Unter strikte Geheimhaltung fällt vor allem, welche Banken das zum Bau der Großanlagen nötige Kleingeld bereitstellen. Von dem großen Geschäft gänzlich ausgeschlossen, das immerhin verrät Ernst Kirchgässner, wird die Hessische Landesbank (HLB) -- zur Strafe.
Mit dem "Sonnenring" nämlich habe ihn die Staatsbank, grollt der vielgeschäftige Geldjongleur, samt seiner "neunköpfigen Familie unverschuldet in eine finanzielle Notlage gestürzt" -- auf 35 Millionen Mark Schadenersatz will er die Hessenbank verklagen, falls ihm das Armenrecht bewilligt wird. Da kennt Kirchgässner nichts. "Ich habe selber schon in Baugruben gestanden, wo die angrenzenden Nachbarn die Schrotflinte auf mich angelegt hatten. Ich bin also keineswegs schreckhaft."
Anders sieht es Hessens Landesrechnungshof. der nicht allein eine ordnungsgemäße Buchführung vermißte. Planung und Finanzierung des 400-Millionen-Projekts Sonnenring, für den damaligen HLB-Präsidenten Wilhelm Hankel "ein angebrannter Suppentopf", waren von solcher Qualität, heißt es in einem vertraulichen Prüfungsbericht, daß es "selbst bei anhaltender Konjunktur zu erheblichen Verlusten" gekommen wäre.
Zunehmend unschön entwickelte sich auch die Kassenlage in der Karlsruher Kirchgässner-Holding "Aktiengesellschaft für Geld- und Kapitalverkehr" -- Konkurs entfiel mangels einer die Kosten des Verfahrens deckenden Masse.
Neuer Harm stand dem Vielseitigen ins Haus, als er mit seiner Müll-Gas-Energie-Technik GmbH ("Ingenieur-Unternehmen, Müll-Kraftwerksbau, Umweltschutz-Anlagen, Recycling-Technik") in Germersheim am Rhein scheiterte. Fazit: "Müll ist ein politischer Stoff."
Dort hatte Kirchgässner sich erboten, auf 43 000 Hektar Industriegelände, mit Investitionen von zunächst 120 Millionen Mark, "den gesamten Müll von Rheinland-Pfalz zu verwerten".
Diesem Zweck gedachte er die "maschinelle Ausstattung" des stillgelegten Atomkraftwerks Niederaichbach nutzbar zu machen. Aus der Müllverwertung bot er als erfreuliche Zugabe "200 Megawatt Spitzenstrom", "Ferndampf oder Brenngas" nach Wunsch, Schlacke als Straßenbaustoff und Glaswolle an -- Umweltschützer, fabuliert Kirchgässner, machten seinen noblen Plan zunichte.
Da traf es sich glücklich, daß das Pflanzen-Kraftstoff-Verfahren, das der Petra-Pionier flugs ersann" als "geschlossener Prozeß" keine Umweltprobleme aufwirft -- "Erdöl frei von Schwefel und Kadmium"" bestätigte die "FAZ".
Schließlich könnte der Kirchgässner-Cracker, ohnehin "primär für die Dritte Weit bestimmt", internationalen Konfliktstoff entschärfen, gibt der Menschenfreund zu bedenken. Etwa könnte "die Zone als Lieferant von Stroh" die DDR-Handelsbilanz aufbessern, und auch den Entwicklungsländern, die "Buschgras und Urwald" die Fülle haben, wäre geholfen.

DER SPIEGEL 51/1977
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