12.12.1977

AFFÄRENHallo Partner

Filz und Schlendrian haben das Ansehen des Deutschen Verkehrssicherheitsrats lädiert. Das Bundesverkehrsministerium will Zuschüsse sperren.
Wim Thoelke drückte den Daumen, Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel schnallte sich in einem Test-Auto fest, und Franz Speckbacher, bayrischer Weltmeister im Steineheben, lupfte im Münchner Circus Krone einen starken Fels ein Stückchen -- alles für den guten Zweck und den Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR).
Die Werbung galt der Dachorganisation für alle einschlägigen Institutionen und Verbände, die sich aus humanitären oder auch kommerziellen Gründen um Verkehrssicherheit bemühen. Der DVR ließ Sprüche unters Autofahrervolk bringen wie "Hallo Partner, danke schön" und setzte jährlich Millionen ein für einen "Klimawechsel im Verkehr".
Nun, scheint es, schlägt dem eingetragenen Verein selber ein Wettersturz ins Haus. Dr. Hermann Pültz, langjähriger Präsident des DVR. stellt sein Amt im Januar zur Verfügung. Seinem noch unbenannten Nachfolger, über den im Vorstand Ende November erstmals diskutiert wurde, hinterläßt er eine wacklig gewordene Einrichtung.
Denn der DVR, 1969 gegründet, kommt bei Partnern und Geldgebern zunehmend ins Gerede. Mit dem Bundesverkehrsministerium, das ihn immerhin zu zwei Dritteln finanziert (1976 mit fast 6,4 Millionen Mark), ist er mittlerweile über Kreuz; das Ministerium will nicht mehr zahlen.
Und unter Eingeweihten machen nun Vereinsinterna die Runde, die den einen oder anderen Skandal verheißen. Da ist die Rede von Filz und Gefälligkeitswirtschaft, da wurden schon unstatthafte Geldausgaben aufgedeckt, da gingen Spenden-Millionen wundersame Wege. Und im Oktober fragte im Bundestag der SPD-Abgeordnete Ulrich Steger, warum der DVR statt, wie etwa vom Verkehrsministerium gefordert, den "Kinder-Verkehrs-Club" der Deutschen Verkehrswacht finanziell zu fördern, 200 000 Mark für eine Broschüre der Stiftung "Sicherheit im Ski-Sport" ausgeworfen hatte.
Anfang des Jahres bereits hatte im Haushaltsausschuß des Parlaments FDP-Mann Klaus Gärtner entrüstet eine DVR-Postsendung präsentiert, die an Hinz und Kunz im Lande gegangen war: mit einer dünnen DVR-Unfall-Analyse, einem dicken Begleitschreiben vornehmlich über DVR-Präsjdent Pültz nebst Pültz-Porträt im Großformat. Offenbar, so war man sich im Ausschuß einig, habe dem Absender dabei mehr eine Pültz-Laudatio vorgeschwebt als die Verbreitung nüchterner Unfallzahlen. Das Gremium strich deshalb, als eine Art Strafe für Persönlichkeitskult, 10 000 Mark aus dem Etat für Öffentlichkeitsarbeit des DVR.
Wenn es um größere Beträge ging, waren die Bonner weniger rigoros. So investierte der DVR seit 1971 fast jedes Jahr mehr als eine Million Mark, 1972 waren es fast zwei Millionen, in seine "Zentrale Aktion" für den Klimawechsel (Ministerialdirigent im Bundesverkehrsministerium Rudolf Freier), und Jahr für Jahr kassierte die Frankfurter Werbeagentur Durana Ketchum den Auftrag.
Erst im Mai dieses Jahres beanstandete Abteilungsleiter Freier vom Bundesverkehrsministerium diese Praxis: Um Gefälligkeitsaufträge zu verhindern, müsse Jahr für Jahr eine Ausschreibung des Postens stattfinden (so will es die amtliche "Verdingungsordnung für Leistungen"). Danach sei aber nur im ersten Jahr verfahren worden.
Das Verkehrsministerium drohte mit Zahlungseinstellung, falls der Rat auch für 1978 freihändig mit der Frankfurter Agentur Zusammenarbeit vereinbaren werde. Doch ungerührt blieb der geschäftsführende DVR-Vorstand beim alten Brauch.
Nun holte das Ministerium ein juristisches Gutachten ein, in dem es hieß: "Der DVR ist nicht berechtigt, die Werbeagentur Durana Ketchum ohne Ausschreibung zu beauftragen." Auch das ließ die DVR-Führung kalt; sie bekundete postwendend die gegenteilige Meinung. Der Notenwechsel zwischen Ministerium und DVR-Vorstand zeugte noch eine unerwartete Nebenwirkung.
Erwähnte Freier in einem Brief einmal eine "Arbeitsgruppe (Herren Wuhrer, Professor Stöcker, Vertreter der Geschäftsstelle und der Agentur Durana Ketchum, Frankfurt)", so reagierten die Herren Wuhrer (Heinrich, Leiter der Abteilung Verkehrserziehung und -aufklärung des ADAC) und Professor Stöcker (Gerhard, Beiratsmitglied der Kraftfahrervereinigung Deutscher Beamter) von den DVR-Ausschüssen für Jugendverkehrserziehung (Vorsitzender: Wuhrer) und Erwachsenenaufklärung (Mitglied: Stöcker) überraschend und heftig.
Wonach niemand gefragt hatte, erläuterte Funktionär Wuhrer den DVR-Freunden: Er habe tatsächlich schon mal an einer Arbeitsgruppe teilgenommen, und zwar "mit erheblichem Aufwand an Freizeit und Arbeitszeit" und dies ebenso "freiwillig" "vi e "honorarfrei" -- seine Arbeitszeit sei vom ADAC bezahlt worden, desgleichen die Spesen. Stöcker schloß sich diesen Ausführungen "für seine Person in vollem Umfang" an, und beide Ehrenamtliche wurden dafür mit Beifall bedacht.
Geld, das hatte der Vorstand beizeiten "klar und eindeutig" (Pültz) beschlossen, sollte nämlich nicht aus der Mitarbeit im DVR geschlagen werden. "Wer das macht, ich sage es gerade heraus, ist für mich ein Schuft" -- so wenigstens der Standpunkt von Ludwig Gosepath, Vorsitzender des Auto Club Europa (ACE) und geschäftsführendes DVR-Vorstandsmitglied. Und: "Wenn ich spitzkriegen würde, daß jemand damit Geld verdient, dann wäre es mit meiner Mitgliedschaft im DVR aus."
Wenn der Filz ins Spiel kommt, ist es freilich schwierig, so klare Linien abzustecken. Manchesmal läßt sich nur vermuten, was für wen herausspringt. Typisches Beispiel: Bei den Etatberatungen für das Jahr 1977 sind im DVR-Vorstand 200 000 Mark für Jugendverkehrserziehung strittig. Daraufhin wird der Punkt an den Fachausschuß überwiesen. Der empfiehlt, die Summe an die Deutsche Verkehrswacht für Verkehrserziehung in Kindergärten zu geben.
So wird ein Bündel mit belehrendem Material zusammengestellt und später verteilt. Kernstück: die Schrift "Welt des Verkehrs", Autor: Heinrich Wuhrer, dessen Buch damit in Neuauflage erscheint. Vorsitzender des DVR-Fachausschusses, der das Wuhrer-Buch empfohlen hat: Wuhrer.
Oder Verfilzung einmal so: Als 1974 die Wirtschaft wegen der hohen Kosten, mit denen der DVR arbeitete, nicht mehr spenden wollte, wurde Werner Mackenroth, hauptamtlicher Vizepräsident der Deutschen Straßenliga, als Retter der Finanzen an den Rat ausgeliehen. Mackenroth verzichtete, wie er eingangs dem Vorstand versicherte, auf Gehalt. Am Ende aber überwies der DVR, der auch die Straßenliga finanziert, dem von der Liga ohnehin weiter bezahlten Vize ein "Erfolgshonorar" (Mackenroth) -- angeblich 129 000 Mark.
Und einmal so: Die DVR-Hausagentur Durana Ketchum präsentiert beim BVM eine Kinderaufklärungskampagne" Titel: "Der kleine Fuß", Autor: Heinrich Wuhrer. Die sogenannte Sechser-Kommission, ein sechsköpfiges Berater-Gremium für das Ministerium, verwendet sich für den kleinen Fuß. In der Kommission sitzt auch Wuhrer; zudem soll Wuhrer (auch Stöcker), wie Eingeweihte wissen, einen Berater-Vertrag mit der Durana haben, was vorteilhaft für beide Seiten wäre.
ADAC-Funktionär Wuhrer tritt in der ZDF-Kinderbelehrungsserie "Dolli" selber auf und hat, wie anders, auch einen Berater-Vertrag mit der Anstalt. Kollege Stöcker vom DVR-Erwachsenen-Ausschuß macht es ebenso; auch er agiert selbst und berät zudem eine ZDF-Serie (für junge Verkehrsteilnehmer). die er zuvor als Ausschuß-Mann mit befürwortet und zur Finanzierung durch den DVR empfohlen hat.
Das ZDF bewertet indessen gleichwertige Tätigkeiten offenbar unterschiedlich. Wuhrer, so die Auskunft der zuständigen Redakteure, wurde von der Anstalt nicht honoriert, Stöcker aber bekam Geld. Der Norddeutsche Rundfunk, dem Wuhrer vom Bundesverkehrsministerium vertraglich als Berater zugeschrieben wurde (Verkehrsspots für "Sesamstraße"), dementiert eine Honorarzahlung. Der Hamburger Jahreszeiten-Verlag, dem das Ministerium Wuhrer und Stöcker per Vertrag andiente, weicht aus. Der Stuttgarter Sparkassenverlag, von Wuhrer beraten, hat gezahlt -- "ein paar Hunderter".
Mit ein paar Millionen wurde, unter Mitwirkung des Verkehrsministeriums, hin und her jongliert, als eine großgeplante Kampagne zur Umerziehung geschwindigkeitsbesessener Kraftfahrer anlief -- und eher zur Posse geriet. Als 1974 der damalige Bundesverkehrsminister Lauritzen mit dem Versuch scheiterte, ein Geschwindigkeits-Limit auf den Autobahnen einzuführen, wollte DVR-Pültz, ebenfalls Tempo- 1 30-Gegner, den Automobilisten statt dessen die sogenannte Richtgeschwindigkeit ins Bewußtsein hämmern. Fünf Millionen Mark sollte dafür die Industrie aufbringen, eine Million versprach das BVM.
Horst Wendt, damals Werbeleiter von Daimler-Benz, übernahm die Kampagne und plante gleich für rund sieben Millionen Mark: fünf von der Automobilindustrie, eine vom BVM, eine vom Rest der DVR-Mitglieder. Überraschend aber flossen die Mittel nicht wie erwartet.
Der Verband der Automobilindustrie (VDA), der gar keine Tempobegrenzung mochte, offerierte lediglich eine Million, DVR-Mitglieder scharrten dürftige 200 000 Mark zusammen. Nur das Ministerium, das eigentlich das Tempolimit wollte, zeigte sich spendabel und schmiß eine weitere Million.
Demnach standen insgesamt 3,2 Millionen zur Verfügung -- für eine Kampagne von April 1974 bis Frühjahr 1975, wie das Wendt-Konzept vorsah, zuwenig. Wendt, der sich von den eigenen Leuten desavouiert fühlte, legte alle Ämter im DVR nieder und trat von seinem Auftrag zurück. Eine Agentur übernahm den Fall und machte eine Kurz-Kampagne, und zum Schluß zahlte die Bonner Behörde fast alles.
Das kam so: Portokasse und Konten der DVR-Geschäftsstelle, die weitgehend aus Spenden der Mitglieder finanziert wurden, waren leer; Nachschub fehlte. In Schreiben an BVM-Staatssekretär Ernst Haar und den Bundestagsverkehrsausschuß-Vorsitzenden Holger Börner schlugen DVR-Leute kurzerhand vor, den Eine-Million-Mark-Zuschuß des VDA, der ja eh nichts von gedrosselter Geschwindigkeit hielt, in die Kostenkasse umzuleiten und dafür noch einmal einen Zuschuß von Staats wegen zu genehmigen.
So geschah es. Das BVM rückte eine weitere Million heraus (und finanzierte damit die ungeliebte Aktion zu fast 100 Prozent), die VDA-Million wurde für die Geschäftsstelle verbucht, und die Automobil-Industrie weiß wohl bis heute noch nicht, was in Wahrheit mit ihrer Spenden-Million geschehen ist.
Ob das Millionenspiel nun durchsickerte oder nicht -- Ende des Jahres 1974 empfahl J. C. Welbergen, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Shell, den DVR in die Deutsche Verkehrswacht einzugliedern, wie es beispielsweise 1972 nach dem Skandal mit dem Hamburger Verkehrswissenschaftlichen Seminar geschehen ist. VDA-Präsident Heinrich von Brunn glaubte, ein "Sachverständigen-Gremium", das nur noch sporadisch zusammentritt, würde anstelle des DVR genügen -- es wäre, wie der damalige rheinland-pfälzische Innenminister Heinz Schwarz erkannte, "das Ende des DVR" gewesen.
Schwarz war es auch, der mit elf anderen Mitgliedern im Gesamtvorstand des DVR fürs Überleben plädierte. So blieb die "luxuriöseste Agentur der Bundesrepublik", wie ein Abgeordneter vergangenes Jahr im Bundestags-Haushaltsausschuß kritisierte, noch einmal erhalten.
Mittlerweile sieht Pültz, der sich auf einen Pensionärssitz am Starnberger Sec zurückgezogen hat, den DVR abermals in Gefahr: In enger Zusammenarbeit mit der Fachabteilung des BVM wurde kürzlich eine "Informationsstelle Verkehrssicherheit" gegründet. Durch sie werde, so fürchtet der scheidende DVR-Präsident, nicht nur "die Funktion des DVR in bedenklicher Weise ausgehöhlt", sondern "sein Sinn überhaupt in Frage gestellt".

DER SPIEGEL 51/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 51/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AFFÄREN:
Hallo Partner

  • Surfvideo aus China: Ritt auf der Gezeitenwelle
  • David Cameron im Interview: "Bereue ich es? Ja!"
  • Klippenspringerin Anna Bader: "Da oben bin ich unantastbar"
  • Buhrufe in Luxemburg: Boris Johnson schwänzt Pressekonferenz