12.12.1977

RUNDFUNKRussischer Geist

Ist der Münchner US-Sender „Radio Liberty“ von „KGB-Agenten“ durchsetzt, oder gibt es dort „antisemitische Nazi- und Faschistenhaufen“? Ein Gericht soll das klären.
Die zwei Damen und der Herr in der Pforte des amerikanischen Senders "Radio Liberty" am Münchner Englischen Garten sprechen außer Englisch ein behäbiges, anheimelndes Bayrisch. Hinter der gläsernen Flügeltür hingegen, die man nur mit rosarotem Laufzettel und in Begleitung eines der 1800 Bediensteten durchschreiten darf, herrscht eine kosmopolitische Sprachvielfalt.
In 22 Idiomen, von Bulgarisch bis Belorussisch und von Aserbaidschanisch bis Uighurisch, versorgt die früher vom US-Geheimdienst CIA finanzierte und heute vom amerikanischen Kongreß mit derzeit 69 Millionen Dollar (Etat 1978) alimentierte Station die Völker des Ostblocks.
Daß die Anstalt, jüngst mit "Radio Free Europe" vereinigt, seit geraumer Zeit von "Fehden geschüttelt" ("International Herald Tribune") wird, hängt freilich gerade nicht mit der babylonischen Sprachenvielfalt zusammen. Vielmehr ist es innerhalb der russischen Abteilung, deren hundert Mitarbeiter jedenfalls nicht durch sprachliche Barrieren getrennt werden, zu feindseligen Auswüchsen gekommen; sie stellen nach Ansicht der Redaktionsmehrheit ein "völlig neues Phänomen" dar und sollen "während des 25jährigen Bestehens von Radio Liberty noch nie vorgekommen" sein.
Jedenfalls waren die in ungezählten heimlichen und offenen Briefen, Memoranden und Aufrufen erhobenen Vorwürfe bislang allenfalls aus Moskau zu hören, das den amerikanischen Freiheitssender mit seinen viereinhalb Millionen Watt und rund 70 Kurzwellenfrequenzen nicht nur mit massiven Störsendern zu bekämpfen sucht.
"Aufwiegelung zum Völkerhaß", "um sich greifendes Nazitum", "Sammelplatz für Nazis", "Nazi- und Faschistenhaufen" sind aber nun Attribute und Charakterisierungen, die immer häufiger in immer länger werdenden internen Rundbriefen und Streitschriften auftauchen.
Ein mit "Russische Nationalisten" unterzeichneter Rundbrief mit der Überschrift "Es reicht!" lastet die Herkunft dieser Vorwürfe den "Schürzenjägern", "Nutten", "Provokateuren", "Plagiatoren" und "KGB-Agenten" an, die in den letzten Jahren mit "der dritten Emigrationswelle ans Ufer von Radio Liberty gespült" worden seien.
Auf die Untätigkeit, das "Taubengirren" der Sendeleitung, die "nur beruhigende Memoranden dichtet", wollen diese Nationalisten "mit entscheidenden Maßnahmen antworten". Denn: "Die Zeit des Geschwätzes und der besänftigenden Friedensstiftung ist vorbei."
Was heute beinahe terroristisch anmutet, hatte einst beinahe sanftmütig angefangen. Die Ansagerin Wiktorija Semjonowa hatte im Sommer 1975 nach einer Redaktionssitzung in einem Brief an ihren Abteilungsleiter die "bitttere Wahrheit" festgehalten, daß viele der Liberty-Programme "protillos" und von der "Abwesenheit des russischen Geists" geprägt seien.
Die sanfte Kritik, die auch an zahlreiche Emigrantenblätter gelangte, hatte freilich ein vielfältiges und erstaunliches Echo. Das in Brüssel erscheinende russischsprachige "Informationsbulletin" druckte nicht nur den Brief der Semjonowa ab, sondern schnitt bei dieser Gelegenheit gleich einmal "die Judenfrage in Rußland" an.
Nicht nur sei das alte Rußland durch "dreiste Parvenüs", die "zur Hälfte aus Juden" bestehenden Bolschewisten, erobert worden, sondern nun werde auch Westeuropa von "Massen anderer Juden" auf eine Weise überrumpelt, die das Emigrantenblatt mit dem deutschen Lehnwort "Schturm" umschreibt: "Diese Herrschaften besetzen mit unwahrscheinlicher Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit alle Schlüsselpositionen unserer Auslandsstützpunkte: die Radiosender, die Emigrantenpresse. sonstige Organisationen."
Ein Pamphlet, das, namentlich aufgelistet, den dreizehn Juden der "sogenannten russischen Redaktion von Radio Liberty" nur neun Nichtjuden gegenüberstellt, warnt ausdrücklich davor, "daß sich die Juden auch schon in die anderen Redaktionen einschleichen".
Das Unfaßbare bekam noch deutlichere Konturen, als im Januar der in Paris lebende ukrainische Emigrant Leonid Pljuschtsch in einem Vortrag vor Angestellten des Senders auf faschistische Geheimorganisationen in Leningrad und Lwow einging, die mit Hakenkreuz aufträten und die Juden in aller Welt beschuldigten, "immer Entropien* in die Zivilisation" hineinzutragen.
Ein Zwischenrufer namens Eduard Oganesian von der armenischen Abteilung des Senders tat sich bei diesem Stand der Diskussion mit der Bemerkung hervor: "Eine Entropie" schön, ich weiß recht gut, was das ist, es kann sehr wohl sein, daß die Juden die Entropie Europas sind, ohne daß dies die Juden beleidigen müßte."
Die jüdischen Mitarbeiter der Anstalt waren nun freilich nicht nur beleidigt, sondern verletzt. Kommentator Wladimir Matussewitsch fühlte sich in einem Brief an den amerikanischen Botschafter in Bonn, Walter Stoessel, von dieser "Atmopshäre von Antisemitismus" beruflich und existentiell bedroht und konnte sich "eine derartige Situation nicht einmal in der Sowjet-Union während der Stalin-Ara" vorstellen. Seine Kollegin Rachel Fedossejewa ging wegen der "säuberlichen Selektion jüdischer und nichtjüdischer Mitarbeiter", die gerade in Deutschland "üble Erinnerungen" wachrufe, "auf die gar nicht näher eingegangen werden braucht", sogar vor Gericht. Sie stellte vor dem Amtsgericht Strafantrag wegen übler Nachrede und klagte vor dem Arbeitsgericht auf Widerruf.
Die Klage vor dem Arbeitsgericht gegen insgesamt neunzehn Kolleginnen und Kollegen wurde inzwischen abgewiesen, weil es sich bei dem beanstandeten Memorandum, das von 70 Angehörigen der russischen Abteilung unterzeichnet worden war, uni eine "bloße Meinungsäußerung" und nicht um Tatsachenbehauptungen handele.
Berufung ist eingelegt, und damit ist auch dafür gesorgt, daß der Streit noch etliche Zeit weiterschwelt. Der Direktor des russischen Dienstes, Frank Starr, hat in einem Brief an die mächtige jüdische Organisation B'Nai B'Rith in New York inzwischen eingeräumt, daß möglicherweise einige seiner Mitarbeiter "privat antisemitisches Gedankengut" hegten, daß aber "offener Antisemitismus innerhalb unseres Gebäudes" bislang nicht aufgetreten sei und daß vor allem "solche Ansichten nicht Eingang in unsere Sendungen finden".
Ganz direkt natürlich nicht. Immerhin hat Direktor Starr einem Reporter der "International Herald Tribune" anvertraut, daß der Nationalitäten- und Rassen-Streit in seiner Abteilung offenbar die Qualität der Sendungen beeinträchtigt hat. Binnen zweier Jahre sei die Zahl der Zuhörer "dramatisch" gesunken: von 6,2 auf 3,1 Millionen.
* Physikalische Größe, die die Verlaufsrichtung eines Wärmeprozesses kennzeichnet.

DER SPIEGEL 51/1977
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