12.12.1977

„Dieser wabernde deutsche Idealismus“

Daß er von italienischen Linken als "Schwachkopf" verhöhnt und von deutschen Rechten als Terroristen-Sympathisant verketzert wird -- das nimmt Cr in Kauf. Da keilt er einfach mit gleichem Knüppel zurück: "Idiotie" nennt er italienischen Verdacht, in Stammheim habe das "faschistische Bonn" gemordet; "Lumperei" heißt er Taten und Worte der Unions-Politiker Strauß und Filbinger im jüngsten Terroristen-Geschehen.
Es entspricht dem Selbstverständnis des Schriftstellers Günter Graß, im Ausland bisher zu den guten Deutschen gerechnet zu werden, während Landsleute daheim, die sich für die wirklich guten Deutschen halten, in ihm einen Nestbeschmutzer sehen. Die Doppelrolle als Verteidiger nach außen und Kritiker nach innen mag, so Graß, "paradox erscheinen. Aber das ist meine Position".
Nur läßt sie sich nicht beliebig durchhalten. Unlängst noch in Mailand. wohin ihn eine lange ausgesprochene Einladung "meiner Freunde" von der Sozialistischen Partei rief, hielt er vier Stunden lang streitbar den .·Haßgesängen und dem Nicht-verstehen-Wollen von Fakten" italienischer Deutschenhetzer stand.
Inzwischen aber sind Graß Zweifel gekommen, "ob ich noch in der Lage hin, solche Klischeevorstellungcn zu korrigieren". Vorerst hat er keine weiteren Auftritte im Ausland auf seinem Terminkalender. Fast scheint es, als erwarte er zunächst ein Zeichen, daß der Staat in der Tat sich anders verhält, als ihm die pauschalen Verdächtiger im Ausland und die Terroristen im Inland unterstellen.
Alle Überlegungen über die politische Zukunft der Bundesrepublik beginnen für Graß zur Zeit mit Stammheim: Die Justiz-Affäre in Baden-Württemherg hat für ihn den gleichen Stellenwert, wie sie die Watergate-Affäre in den USA hatte.
An Aufklärung und Umgang mit den Selbstmorden von Stammheim wird sich, folgt man Graß, der Zustand unserer Demokratie ablesen lassen können: "Wenn Stammheim nicht aufgeklärt wird, wenn es der baden-württembergischen Regierung gelingen sollte, ihre Verantwortung unter den Teppich zu kehren, dann wäre das ein Sieg des Terrorismus."
Mit weitreichenden Folgen. Einmal mehr erhielte mieser politischer Umgang mit der Macht Billigung, "das Beispiel Strauß, der ohne politische Einbußen das Parlament belügen durfte, wird bekräftigt". Schon jetzt habe die Bevölkerung den Eindruck, daß "die verächtliche Formel "Pack schlägt sich, Pack verträgt sich' bei uns zum politischen Protokoll geworden ist".
"Wenn Stammheim nicht aufgeklärt wird, dann geht die Einschränkung unseres liberalen Rechtsstaates weiter" -- von der CDU betrieben und von den Bonner Regierungsparteien mitgemacht, "um das Schlimmste zu verhindern". Das geschieht, glaubt Graß, gegen den Willen der Mehrheit des Volkes: "Der Durchschnittsbürger in der Bundesrepublik hat, trotz gelegentlicher Wutausbrüche, mehr demokratische Reife gezeigt als die Parteien".
"Wenn Stammheim nicht aufgeklärt wird, weil auch die Presse nicht unter dem Teppich hervorholt, was die Politiker darunterkehren -- dann ist das noch ein Sieg des Terrorismus." Auch für die Presse sei der Stuttgarter Justiz-Skandal gleich Watergate -- doch Graß ist spürbar skeptisch.
Differenzierende Darstellung des Geschehens und seiner Ursachen, heute wichtiger denn je, werde in allen Bereichen immer schwieriger. Im Fernsehen "werden Konfliktfälle einfach wegmoderiert" -- "drei Minuten Graß werden mit sechs Minuten Walden ausgewogen". Auch die liberalen Zeitungen und Zeitschriften hätten sich "weitgehend den Marktmechanismen angepaßt", sagten nicht mehr deutlich genug, was ist. Aber "Voraussetzung für eine erfolgreiche Verteidigung des Rechtsstaates ist nun einmal eine funktionierende Öffentlichkeit".
"Wenn Stammheim nicht aufgeklärt wird, dann machen viele Jugendliche Ensslin, Baader und Raspe zu ihren Märtyrern." Den jungen Deutschen, so glaubt Graß, genüge nicht mehr der "Vulgärmaterialismus, mit dem sie erzogen wurden. Das reicht denen nicht mehr, und jetzt fließt in dieses Vakuum wieder dieser wabernde deutsche Idealismus". Graß im Blick auf 100 000 jugendliche Arbeitslose in der Bundesrepublik: "Was für ein Potential für künftige Unruhen, für Radikalisierung nicht nur nach links."
Wenn Stammheim nicht aufgeklärt wird, dann verlieren laut Graß Schriftsteller wie Böll, Lenz, Rinser und er selbst auch ihre Glaubwürdigkeit als Vertreter eines demokratischen Deutschland im Ausland. Noch könnten sie ihr "beträchtliches Ansehen ins Feld führen, wenn es darum geht, Klischees über Deutschland abzubauen
Denn: "Im Gegensatz zu den Herren Strauß und Filbinger, die nur sich was geleistet haben, können wir einen konkreten Leistungsnachweis führen." In den Schaufenstern der Buchhandlungen von Paris, Amsterdam und Mailand könne man "die Arbeitsbiographien von Menschen besichtigen, die hier zu Hause wie der letzte Mist behandelt werden".
Daß zwei Monate nach Stammheim der "pauschale Generalangriff auf die Intellektuellen" als Sympathisanten der Terroristen teils -- "soweit Namen genannt wurden" -- abgewehrt, teils abgeflaut ist, beunruhigt Graß eher, als daß es ihn erleichtert.
Denn was der politische Literat da am Werke sieht, sind jene bundesdeutschen Mechanismen politischer Oberflächlichkeit, die im Handumdrehen nach jedem Ereignis neue Tagesordnungen produzieren, zu denen man übergeht, kaum ist "der obligate Aufschrei der Entrüstung" verhallt.
Längst schon -- so Graß -- "läuft wieder ein anderer zweiköpfiger Hund durchs Dorf" -- ausgeleuchtet von den Scheinwerfern der Tagesschau-Teams, knallig eingefangen von den Schlagzeilen der Pressekonzerne, kurzatmig und schrill bejammert oder beklatscht von Politikern und Parteien.
Vor diesem Hintergrund -- illustriert etwa durch das ruchlose Geschick, mit dem "der nun wahrhaftig rechtsextreme Franz Josef Strauß" einen Skandal (seinen Chile-Auftritt) verschwinden läßt, indem er einen anderen (Unions-Spitzenkandidatur) auslöst -- bekommt die Untersuchung von Stammheim für Graß die signalhafte Bedeutung, den Watergate-Symbolwert. Je beiläufiger die Justizaffäre in der Öffentlichkeit behandelt wird, desto mehr wird ihm ihre sorgsame Aufklärung und ihre politisch verantwortliche Bereinigung zum "einschneidenden Vorgang", der "ein gutes Stück Wohl und Wehe dieser Gesellschaft enthält".
Kein Zweifel, der politische Literat Günter Graß stilisiert Stammheim zum Orakel, ob er denn weiter wie in Mailand guten Gewissens pauschale Verketzerungen der Bundesrepublik zurückweisen kann. Kein Zweifel aber auch, daß er nicht willkürlich irgendein austauschbares Geschehen mit unangemessener Bedeutung befrachtet, um für künftiges Verhalten ein Alibi zu haben.
Denn nicht nur Günter Graß war schon nach dem Selbstmord Ulrike Meinhofs betroffen über Parolen, wie sie etwa in der Universität von Amsterdam auftauchten: "Ulrike Meinhof -- gefallen im Kampf gegen den Faschismus". Inzwischen glauben viele wie er, daß eine radikale Minderheit an den Rändern der zugleich mißtrauischen und zum Opportunismus erzogenen jungen Generation den Namen Meinhof längst durch Baader, Raspe, Ensslin ersetzt hat.
Nicht da freilich sieht Graß die Hauptgefahr. Mit vielen Politikern -- insbesondere in der SPD -- fragt er nach der verheerenden Wirkung auf die Mehrheit der jungen Generation, die schon jetzt mit passivem Zynismus hinnimmt, was immer ihr vorgeführt wird. Diese schweigende Jugend, so befürchtet Graß, bietet sich an als Zuläuferschaft für jeden Demagogen, der geschickt genug ist, Marxismus und Umweltschutz, Antikernkraft-Wut und Haß auf "die da oben" explosiv zusammenzufassen.
Graß: "Da muß nur einer kommen, der ein Bündel zu schnüren weiß."
Von Jürgen Leinemann

DER SPIEGEL 51/1977
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