12.12.1977

ÖLKONZERNEArm am Beutel

Im Streit um die Supergewinne aus deutschen Ölquellen soll Bonn nun entscheiden. Die Ölbranche selbst ist in zwei feindliche Lager gespalten.
Im Intercity ab Hamburg-Hauptbahnhof reisen Anfang dieser Woche zwei Dutzend Betriebsräte der Hamburger Mineralölgesellschaft BP in die Bundeshauptstadt Bonn am Rhein. Dort, im Hotel Bristol, wollen sie mit anderen Kollegen aus der Ölbranche eine Kundgebung für "sichere Arbeitsplätze durch Chancengleichheit am Mineralölmarkt" gestalten.
Die Mannschaft der Bonn-Fahrer nämlich gehört jener Gruppe westdeutscher Mineralölunternehmen an, die sich in der Ursprache ihres Gewerbes als "Have-nots" (im Gegensatz zu den "Haves") bezeichnen.
Was die Have-nots nicht haben, sind eigene deutsche öl- und Gasquellen, und das wiederum beklagen sie sehr: Öl und Gas aus westdeutschen Quellen fließen zwar nicht üppig und bedeuten auch viel Aufwand, indessen werden sie kaum besteuert.
Seit die Staaten des Opec-Rohöl-Kartells vor vier Jahren den Ölpreis von zwei auf acht und später fast zwölf Dollar je Barrel (159 Liter) hochgetrieben haben, ist das teure deutsche Öl deshalb billiger als jedes andere auf dem Weltmarkt.
Die Eigner deutscher Öl- und Gasquellen -- Shell, Esso, Mobil Oil, Texaco und die BASF-Tochter Wintershall -- konnten mit ihren heimischen Supergewinnen, "windfall profits" genannt, die am deutschen Markt chronischen Verluste bei der Verarbeitung importierten Rohöls immer wieder ausgleichen.
So schaffte es etwa die US-Tochterfirma Esso vergangenes Jahr, aus deutschem Grund bare 250 Millionen Mark Gewinne einzufahren, nahezu die gleiche Summe, die sie ihrem amerikanischen Großaktionär Exxon als Dividende überwies.
Auf über 2,1 Milliarden Mark Gewinn vor Steuern bezifferte der Hamburger Ökonomie-Professor Harald Jürgensen die windfall profits der "Haves", etwa 900 Millionen davon allein aus dem Öl.
Der Kieler Ökonomie-Professor Manfred Willms setzt die Windfalls etwas vorsichtiger bei 1,579 Milliarden Mark an, 518 davon beim Öl. Bundesfinanzminister Hans Apel geht, noch bescheidener, von insgesamt 1,2 Milliarden Mark aus.
Die "Haves" ziehen sich deshalb gerne auf die Zahlen des Bonner Finanzministeriums zurück. Die anderen, die der Professoren nämlich, erklären sie für übertrieben. Professor Jürgensen, als teurer Gutachter bundesweit bekannt, habe für ein BP-Gutachten Sold in sechsstelliger Summe bezogen, Professor Willms sei in jüngeren Jahren gar selbst Angestellter der Hamburgr BP gewesen.
Die Textbücher, nach denen Willms und Jürgenscn deklamieren, ähneln denn auch dem des BP-Chefs Hellmuth Buddenberg in vielen Details. Alle drei bieten Denkmodelle auf, nach denen der westdeutsche Öl- und Gasschatz nicht mehr den Ölmultis, sondern der deutschen Volksgemeinschaft dargebracht werden solle.
So dachte BP-Buddenberg schon vor Monaten laut darüber nach, die Supergewinne aus deutschem Öl in einen Fonds einzuzahlen, aus dem die Förderung neuer Technologien im Energiebereich finanziert werden solle. Buddenberg: "Auf diese Weise bleiben unsere nationalen Reserven im Land."
Dieses System wird auch von Professor Jürgensen warm empfohlen, weil es "einen wesentlichen Beitrag zur Versorgungssicherheit in diesem weiteren Sinne" leiste. Auch der Kieler Willms macht sich für das Fonds-System stark, weil es die durch reinen Zufall entstandenen Wettbewerbsverzerrungen zwischen Reichen und Habenichtsen glätte, dem Fiskus Mittel zur Energiepolitik zuschanze und durch den Zwang zu hohen Preisen den Energieverbrauch drossele.
Daß gerade BP-Chef Buddenberg zum Sprecher der Habenichtse avancierte, liegt an der prekären Lage seines Unternehmens. Weil die mit Rohöl-Überschüssen hantierende Londoner Konzernmutter sich nie für deutsche Quellen interessierte, hat Buddenberg nun als einziger unter den großen deutschen Ölmanagern nichts zum Ausgleich der Verluste. 1975 meldete er den BP-Herren in London einen 277-Millionen- und 1976 einen 70-Millionen-Verlust. Buddenberg: "Lange kann ich meinen Großaktionär nicht mehr davon überzeugen, in Deutschland investieren zu müssen."
Beim eigenen Betriebsrat und beim Hamburger Bürgermeister Hans-Ulrich Klose ging der BP-Mann noch weiter: Falls die windfall profits nicht beseitigt werden, müsse die Hamburger BP-Raffinerie dichtmachen.
Von dem in letzter Zeit hierzulande handelsüblich gewordenen Kartell zwischen Unternehmensleitung, Betriebsrat und Gebietskörperschaft erhofft der BP-Mann sich nun hinreichenden Druck auf Bonn. Dessen Finanzminister Hans Apel, ebenfalls ein Hamburger, ist denn auch durchaus geneigt, die "Haves" mit einer besonderen Verbrauchssteuer zu belasten.
Doch die fühlen sich noch längst nicht aus dem Rennen. Shell-Chef Johannes C. Welbergen, der den windfall-Streit auch noch in dem von ihm geleiteten Mineralölwirtschaftsverband (MWV) zu moderieren hat, belferte zurück, die Buddenberg-Lösung habe nur zur Folge, daß außer der BP nun "auch alle anderen arm" würden.
Welbergens Verband sandte deshalb eine Verlautbarung in Sachen windfall profits nach Bonn, aus der schiere Verwirrung zu entnehmen ist: Die MWV-Funktionäre trugen für die "Gruppe A" der "Have-nots" und die der "Haves" ("Gruppe B") die jeweils vertretenen kontroversen Standpunkte vor. Was die Branche nicht schaffte, soll das Kabinett nun tun: dem einen oder dem anderen Recht geben.
Für BP-Buddenberg den Betriebsrat und den Klose im Schlepp" gibt es keinen Zweifel, was zu geschehen hat. Selbst daß die anderen dann gleichfalls arm werden, wertet der A-Gruppen-Führer kühn als Vorteil für die Branche: "In der gemeinsamen Not", sprach Buddenberg, "wird die Branche endlich wieder zur Einheit finden."

DER SPIEGEL 51/1977
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