12.12.1977

Sadat: Separatfrieden mit Israel?

Israel erkennt Ägyptens Hoheit über den Sinai an und scheint bereit zu sein, Westjordanien die Verwaltungsautonomie zu überlassen: Zugeständnisse Begins auf der für diese Woche angesetzten Kairo-Konferenz. Sie soll ein Schritt zu einer umfassenden Nahostlösung sein, wird aber eher zu einem zweiseitigen Abkommen führen.
Der algerische Delegierte auf der Anti-Sadat-Konferenz in Tripolis wurde drastisch:
"Wenn der Chef die Sekretärin in den Hintern kneift und sie nichts dagegen sagt, kann man sicher sein, daß sie in absehbarer Zeit mit ihm ins Bett steigen wird."
Mit dem Chef meinte der Algerier die Israelis, mit der Sekretärin Ägyptens Sadat; das Bett stand für das Treffen von Jerusalem; der Kniff, mit dem alles begonnen hatte, waren die ägyptisch-israelischen Kontakte im Sinai nach dem Oktoberkrieg von 1973. Tatsächlich ist atemberaubend, was sich aus jenen frostigen Begegnungen im heißen Wüstenzelt am Kilometer 101 entwickelte: Damals berieten Offiziere der verfeindeten Armeen über die Einhaltung des Waffenstillstands. Heute wollen die Politiker in Kairo und Jerusalem Frieden schließen.
Nach 30 Jahren Krieg und hemmungsloser Hetze kommt aus Nahost wahrlich Erstaunliches.
Israelische Journalisten berichten aus Kairo, daß Taxifahrer es ablehnen, von ihnen Geld zu nehmen. Ägyptens Botschafter in den USA spricht vor Führern der US-Juden. Zwischen Kairo und Tel Aviv funktionieren die Telephone. Israelische Touristik-Unternehmer planen Reisen nach Ägypten.
Techniker beider Länder träumen gar von einem gemeinsamen Atomkraftwerk mit Meerwasser-Entsalzungsanlage im Sinai, jener Wüste, die bislang in erster Linie Schauplatz für Panzerschlachten zwischen Israelis und Ägyptern war.
Die beiden Erbfeinde wollen diese Woche auf ihrer Konferenz in Kairo über weitere Schritte zum Frieden beraten. Es stört sie nicht, daß die Araberstaaten die Einladung zur Teilnahme ablehnten, die USA nur mit rangniedrigen Beamten und die Sowjets überhaupt nicht vertreten sein werden.
Denn trotz aller Beteuerungen, nur eine Gesamtlösung für Nahost zu suchen, steuern Kairo und Jerusalem einen Separatfrieden an. Eine Genfer Konferenz aller am Konflikt beteiligten Parteien unter amerikanischen und sowjetischen Vorsitz ist heute unwahrscheinlicher denn je. "Genf ist kein heiliger Ort", höhnt Begins Außenminister Dajan, "denn wir brauchen keinen Friedensvertrag mit der Schweiz."
Aber mit den Arabern brauchen die Israelis Frieden. Ein Abkommen mit Sadat soll die erste Etappe sein. Gewiß ist der Ägypter aber deshalb nicht der Rikscha-Kuli der Juden, wie ihn ein libyscher Karikaturist sieht.
Denn Sadat selbst hat die neue Entwicklung eingeleitet. Er selbst zieht in einem riskanten Spiel die Fäden. Und ägyptisch-israelische Gleichklänge ergeben sich, weil Sadat und Begin in wichtigen Punkten übereinstimmen: >Beide wollen Moskau als destruktive Kraft aus dem Orient verdrängen.
* Beide glauben, nur über einen ägyptisch-israelischen Separatfrieden zu einer nahöstlichen Totallösung zu gelangen.
* Beide mißtrauen der Carter-Regierung, besonders seit sie durch die amerikanisch-sowjetische Erklä-
* Aufschrift auf dem Affen: "Ägyptischc Presse" auf dem Wegweiser: "Nach Kairo".
rung vom 1. Oktober Moskau wieder verstärkt ins Nahost-Pokerspiel einbezogen hat.
Die Amerikaner und ganz besonders Kissinger-Nachfolger im Amt des Sicherheitsberaters Brzezinski taten das, weil sie das Nahost-Problem global sehen. Denn Fragen der Abrüstung und Entspannung zwischen den Großmächten ließen sich bisher von der Orient-Politik nicht loslösen. Israelis und Ägypter aber wollen Fortschritt vor allem in ihrer Region.
Sadat hat dabei bewiesen, daß er "den beiden Supermächten seine Politik aufzwingen kann" (so die Tel Aviver Zeitung "Maariv"). Die amerikanischen Freunde überraschte er zuerst mit dem Zeitpunkt seiner Reise nach Jerusalem, dann mit seiner kurzfristig anberaumten Kairoer Konferenz.
Der Präsident der Weltmacht USA konnte den Ägypter nicht stoppen und muß nun seine Diplomaten nach Kairo schicken statt zur angestrebten Genfer Großkonferenz. Sadat erlebte zu Hause am Fernseher, wie Jimmy Carter das Kairo-Treffen absegnete. Als Carter die Hoffnung ausdrückte, daß Syrien, Jordanien und die Palästinenser einmal zu den Ägyptern und Israelis hinzukommen sollten, kommentierte Sadat: "Recht so, Jimmy, sehr richtig."
Den ungeliebten Sowjets schloß Sadat die Konsulate und Kulturinstitute außerhalb Kairos, weil sie gegen seine neue Israel-Politik Front machten.
Mit den Israelis wurden indessen per Telephon Verhandlungsthemen für das Kairoer Treffen vorgeklärt. Jerusalem soll zu Zugeständnissen bereit sein: > Israel erkennt die ägyptische Hoheit über die Sinai-Halbinsel an, fordert aber israelische oder israelischägyptische Kontrollposten an strategischen Punkten wie Scharm el-Scheich und den Sinai-Pässen. > Israel erklärt seine Absicht, Westjordanien die Verwaltungsautonomie zu überlassen. Über einen Teilrückzug aber wird erst gesprochen, wenn König Hussein zu Verhandlungen bereit ist.
* Israel versichert seine Bereitschaft, über den Golan zu verhandeln -- sobald die Syrer mitmachen. Das Kairoer Separat-Treffen soll somit ein Schritt zu einer umfassenderen Lösung sein. Denn Sadat wie Begin hoffen, den enttäuschten König Hussein (siehe Interview Seite 119) wie auch Syriens Assad in Zukunft doch noch an den Verhandlungstisch zu locken. Erster Erfolg: Vorige Woche hielt Hussein nach Gesprächen mit Sadat in Kairo einen baldigen Frieden für möglich.
Den ägyptischen Präsidenten stört dabei nicht, daß sein Kollege Assad in Tripolis war, beim Treffen der "dummen und unwissenden Zwerge", wie Sadat auf einer Großkundgebung in Kairo über seine arabischen Gegner herzog. Sein Volk jubelte.
An der Straße von Kairo nach Alexandria wurden Parolen angebracht: "Zuerst Ägypten, zweitens Ägypten und drittens wieder Ägypten!"

DER SPIEGEL 51/1977
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