12.12.1977

„Sadat spielte die letzte Karte“

FRAGE: Bevor Präsident Sadat Jerusalem besuchte, hatten Sie mit ihm und Präsident Assad von Syrien konferiert. Kamen Sie dabei zu irgendwelchen Beschlüssen?
HUSSEIN: In der Tat. Und darum war ich zunächst auch über Sadats Reise nach Jerusalem so schockiert und erstaunt. Präsident Sadat hatte mir gegenüber nicht die leiseste Andeutung gemacht, was er vorhatte. Ich selbst hatte mich als Vermittler erfolgreich für eine grundlegende, gemeinsame arabische Position eingesetzt, der die Konfrontationsstaaten (mit Israel) und die Palästinensische Befreiungsorganisation auf einer Konferenz vor einem Genfer Gipfeltreffen auch zugestimmt hätten. Diese gemeinsame Position, die in zweitägigen Gesprächen mit Sadat und bei zwei Besuchen in Syrien und einem Besuch in Saudi-Arabien erarbeitet wurde, war fast identisch mit der Position, die der ägyptische Präsident vor der Knesset darlegte.
FRAGE: Aber die PLO ist für Israel unannehmbar. Sadat muß daher zu der Überzeugung gelangt sein, daß die gemeinsame Position nicht einmal den Weg nach Genf freimachen, geschweige denn eine globale Lösung zustande bringen würde.
HUSSEIN: Die (Palästinenser-) Organisation als solche mag inakzeptabel gewesen sein oder auch nicht, die Palästinenser selbst aber, sowohl innerhalb als auch außerhalb Westjordaniens und des Gasa-Streifens, wären akzeptiert worden.
FRAGE: Was hat Sadat Ihrer Meinung nach wirklich erreicht?
HUSSEIN: Wenn wir einmal unsere Vorbehalte gegen die Methode beiseite lassen und die Situation nüchtern analysieren, so hat Sadat die Schablone konventionellen Denkens gesprengt und die psychologischen Barrieren eingerissen. Das erforderte ein sehr hohes Maß an moralischem Mut. Wir Araber müssen alle begreifen, daß echter Frieden per Definition normale Beziehungen zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn zur Folge haben wird. Die Israelis aber müssen ebenso begreifen, daß es keinen Frieden geben wird, wenn sie sich nicht hinter ihre Grenzen vom 4. Juni 1967 zurückziehen.
FRAGE: Warum dann Vorbehalte gegen Sadats Besuch in Israel?
© Newsweek
HUSSEIN: Weil er die letzte Karte der arabischen Welt -- ein einseitiges Angebot totalen Friedens -- spielte, ohne auch nur irgend jemand vorher zu konsultieren und ohne jede Zusicherung Israels, daß auf diese Weise die globale Lösung zustande kommen wird, die wir nur wenige Tage zuvor mit Sadat erörtert hatten. Ich bin nach wie vor äußerst skeptisch, daß Israel jetzt seinen Teil zum Friedenspaket beisteuern wird. Man braucht sieh doch nur die Siedlungspolitik der israelisehen Regierung in Westjordanien anzusehen. Heute gibt es dort 31 israelische Siedlungen, weitere 49 sind geplant. Seit dem Sadat-Besuch haben die Israelis mit der Errichtung sechs neuer Siedlungen begonnen.
FRAGE: Wenn (Syriens Präsident) Assad aber dem zugestimmt hatte, was Sadat vor der Knesset vortrug, warum kommen dann aus Damaskus diese erbitterten Schreie von Verrat?
HUSSEIN: Es mag in diesem Raum aufgrund des Verdachts, daß Ägypten am Ende alles im Alleingang machen könnte, eine gewisse unüberlegte Überreaktion gegeben haben. Offen gestanden, wir sind es auch leid, daß andere über unser Schicksal entscheiden, ohne uns zu fragen. Das geschah bereits im Juni 1967, als unsere Armee dem ägyptischen Oberbefehl unterstand. Damals begingen wir praktisch militärischen Selbstmord, weil wir in dem Glauben an die arabische Einheit erzogen sind.
FRAGE: Wenn Israel bereit ist, Westjordanien an Jordanien zurückzugeben, werden Sie dann das Mandat annehmen?
HUSSEIN: Bei Aussicht auf einen totalen Frieden, der die völlige Rückgabe der 1967 eroberten Gebiete, einschließlich der Souveränität über den arabischen Teil Jerusalems, bedeuten würde, könnte Jordanien unmöglich die Befreiung arabischen Territoriums verweigern. Wir müßten uns aber ausbedingen, daß nur die Palästinenser selbst über ihre Zukunft entscheiden dürften. Sie müßten die Möglichkeit erhalten, nach ihrer Befreiung ihr Schicksal selbst zu bestimmen -- ohne jede Form von Druck, auch ohne jeden jordanischen Druck.
FRAGE: Wie viele Stimmen würde die PLO bei wirklich freien Wahlen, ohne Druck oder Drohungen von außen, Ihrer Meinung nach bekommen?
HUSSEIN: Ohne israelische Besetzung und ohne jeden Zwang von außen würde die überwältigende Mehrheit höchstwahrscheinlich für ein hohes Maß an Autonomie mit starken konföderativen Bindungen an Jordanien stimmen. Die Bande der Palästinenser zu ihren Verwandten und Brüdern hier sind einfach zu stark und zu elementar, und außerdem steht PLO ja schließlich für "Palästinensische Befreiungsorganisation". Wenn also die Befreiung erst einmal verwirklicht ist und die Rechte wiederhergestellt sind, hätte eine solche Organisation mit Sicherheit keinen Existenzgrund mehr.
FRAGE: Wie kann Ihrer Meinung nach das Jerusalem-Problem gelöst werden?
HUSSEIN: Auf der Grundlage einer offenen Stadt des Friedens mit einem arabischen Ost-Jerusalem und einem israelischen West-jerusalem. Im Rahmen eines Friedens könnte Jerusalem schließlich die wahre Heimstatt aller Gläubigen werden.

DER SPIEGEL 51/1977
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