12.12.1977

BELGIENEinfach vulgär

Über das neueste Brel-Chanson spricht ganz Belgien. Eine Hälfte freut sich, die andere ist verärgert.
Eine Beleidigung des flämischen Volkes", erregte sich die Antwerpener Katholische Studentenvereinigung. Die einflußreiche flämische Kulturorganisation "Große Junge Familien" sekundierte mit einem Boykottaufruf. Selbst in Brüssel befand die Ministerin für niederländische Kultur, Rika de Backer: "Ich bin verärgert."
Mit Arger reagierten Belgiens Flamen auf ein Lied des wohl erfolgreichsten belgischen Chansonniers" Jacques Brei. Der Sturm über Breis Attacke gegen seine flämischen Landsleute beweist zudem einmal mehr, wie brüchig der mühsam gewahrte Friede zwischen Flamen und Französisch sprechenden Wallonen, den beiden Nationalitäten des Zehn-Millionen-Volkes, ist.
Denn Brei, bis vor kurzem von Flamen und Wallonen zwischen Nordsee und Ardennen gleichermaßen als Belgiens erfolgreichster Kulturexport bewundert, beschwört erneut Klischees, die Wallonen den in Wirtschaft und Politik erfolgreichen Flamen auch heute noch gerne anhängen: "Nazis in den Kriegen, dazwischen Katholiken."
Im Erinnerungsjahr an den flämischen Meister Peter Paul Rubens mußten die Flamen besonders gereizt reagieren, als Brel das stolze Kulturerbe seiner Niederländisch sprechenden Landsleute mit der Bemerkung "Eure italo-spanische flämische Kunst" abwertete.
Dabei ist Brei selbst Flame, in Brüssel aufgewachsen und wie kaum ein anderer exemplarisch für die Identitätskonflikte eines belgischen Hauptstädters. Brei singt: "Wenn mich ein kultivierter Chinese fragt, woher ich hin, sage ich ... aus Luxemburg."
Denn mit Brüssel verbindet der Sänger nur schlechte Erinnerungen: Die Jahre an der französischsprachigen Schule Saint-Louis, wo die Kameraden den jungen Brabanter wegen seines flämischen Akzents hänselten; der erste Vortrag vor Brüsseler Journalisten 1952, die ihm unter 18 Interpreten den vorletzten Platz einräumten.
Enttäuscht ging Brel nach Paris, wo er in Chansons und Auftritten ein Thema variiert: "Die Belgier sind Arschlöcher." Und dennoch ist es ein belgisches Thema, das ihm in der französischen Hauptstadt den Durchbruch bringt: "Le plat pays" -- das flache Land, eine Beschreibung der melancholischen Schönheit Flanderns -- ist der Beginn einer Karriere, die sich schließlich in Frankreich und Belgien zu einem Brei-Kult steigert.
Und Brei hat alle Beigaben für diese Rolle. Er läßt sich operieren, angeblich wegen Lungenkrebses, und verläßt Europa mit der Versicherung: "Ich höre auf zu singen." Ziel seiner Seereise sind die polynesischen Marquesas-Inseln, auf die sich vor ihm schon der französische Impressionist Gauguin vor der europäischen Zivilisation geflüchtet hatte.
Doch dem Pariser Plattenverleger Barclay gelingt es, den Flüchtling noch einmal nach Europa zu locken. Im vergangenen September besingt er eine LP mit im Exil komponierten Liedern. Sie handeln von Knokke, von Gent, eben von dem "belanglosen Belgien", das er haßt, "aber über das er dauernd sprechen muß", wie das Brüsseler Nachrichtenmagazin "Spéial" vermerkt.
Belgiens frankophone Radiostationen aber spielen vor allem "Les Flamingants", den Haßgesang gegen die Flamen, jene Menschen, denen Brel "verbietet, unsere Kinder zu zwingen. auf flämisch zu bellen.
So oft war das Lied im Rundfunk zu hören, daß im Parlament gar der militant flämische Abgeordnete van Steenkiste die Regierung zu einer Untersuchung aufforderte, ob der frankophone Sender RTB nicht etwa für die Platte Reklame mache. Tatsächlich erlebten Belgiens Plattenläden einen Boom: In den ersten drei Wochen verkauften sie mehr als 250 000 LPs und Kassetten des neuen Brei.
Angesichts der heftigen Reaktion der Flamen begann auch die frankophone Hauptstadtpresse, sich von dem Lied zu distanzieren. "La libre Belgigue" fand, es sei "sicherlich nicht das beste Chanson Breis", und "Spécial" zensierte den Text als "einfach vulgär". Und die größte flämische Zeitung, "De Standaard", druckte eine Kritik der Pariser "Aurore": "Man kann", so hieß es da zu Breis neuer Platte, "seine Dorf brunnenmentalität auch bis ans Ende der Welt mitnehmen."

DER SPIEGEL 51/1977
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