12.12.1977

RUMÄNIENMinister als Geiseln

35 000 Bergarbeiter des Schiltals traten im August in den Streik. Militär besetzte das Gebiet, und 4000 Arbeiter wurden zwangsumgesiedelt. Einzelheiten über den Ausstand gelangten jetzt in den Westen.
M it seinen einstöckigen Katen und verkommenen Werkswohnungen wirkt das Bergarbeiterstädtchen Lupeni so düster wie die Grubensiedlungen Englands zu Zeiten von Karl Marx. Doch Lupeni liegt in einem Karpaten-Tal, im Herzen der Sozialistischen Republik Rumänien.
Von den 30 000 Einwohnern arbeiten 580 im Bergwerk Lupeni, dazu an die 5000 über Tage. Am 1. August trafen sich alle frühmorgens vor dem Zechentor und zogen zu einem großen Gebäude in byzantinischem Stil, dem früheren Rathaus, heute -- dekoriert mit einem Großphoto des Führers Ceausescu -- Sitz der Parteileitung.
Bis zum Abend hatten sich über 35 000 Arbeiter aus Dutzenden umliegenden Gruben des Schiltals, des Kohlenreviers Rumäniens, in Lupeni versammelt -- zu einer wohlorganisierten Demonstration.
Sie protestierten gegen ein neues Gesetz zur Altersversorgung, wonach die Kumpel ihren Sonderstatus verlieren: Künftig müssen sie 30 statt 25 Jahre bis zur vollen Rente arbeiten; wer vor Ablauf der ersten fünf Jahre durch einen Betriebsunfall Invalide wird, erhält überhaupt keine Rente. Die Durchschnittsrente eines Arbeiters in Rumänien beträgt heute monatlich 771 Lei, das sind nach amtlichem Umrechnungskurs 150 Mark.
Details des Streiks im Sehiltal, wo immer noch Militär-Patrouillen die öffentliche Ordnung sichern, wurden erst jetzt bekannt.
Danach hatte die Regierung am zweiten Demonstrationstag eine mit Spitzenfunktionären besetzte Verhandlungs-Delegation ins Schiltal geschickt: den Vizepremier Verdet, Mitglied des Politbüros, den Arbeitsminister Pana und den Bergwerksminister Babalau.
Die Kumpel jedoch forderten, KP- und Staatschef Ceausescu solle selbst kommen, und nahmen die Minister als Geisel. Sie zeigten ihnen ihre übliche Verpflegung aus Läden und Kantinen
Von einem der Demonstranten heimlich photographiert.
und schmierten ihnen die Lebensmittel ins Gesicht, mit der Aufforderung: "Iß den Fraß!"
Staatspräsident Ceausescu erhielt die böse Nachricht vom Aufruhr der Kohlenhauer an seinem Urlaubsort, dem Seebad "Neptun" am Schwarzen Meer, wo er gerade mit einem Gast von der englischen Bruderpartei konferierte. Sofort machte er sich auf den Weg in die Valea Jiuliu, das Schiltal. Denn Ceausescu fürchtet seine Bergarbeiter -zu Recht.
Das Karpaten-Proletariat führt seit über 100 Jahren Klassenkampf: Zum ersten Streik kam es schon 1874. Zwischen den beiden Weltkriegen ließ die Gendarmerie bei Aufruhr einfach die Taleingänge schließen und die Streikenden niederkartätschen.
1946 stützten die Schiltaler die Kommunisten -- damals besuchte sie auch der Politruk Ceausescu. Doch 1970 warnte der von den polnischen Unruhen erschreckte Parteichef Ceausescu selbst vor "gewaltsamen Zusammenstößen": Die Bergleute hatten sich über schlechtes Brot und lebensgefährliche Knappheit an Grubenstempeln beschwert.
Drei Jahre später konnte Ceausescu Proteste aus dem Schiltal gegen ein neues Lohnsystem nur mit Versprechungen abwehren: neues Grubenholz, neue Wohnhäuser -- die es jetzt gibt und die inzwischen schon wieder verrottet aussehen -- und Swimmingpools wie in Hollywood (die es nicht gibt).
Vier Jahre später, am 3. August dieses Jahres, flog Ceausescu nach der Kreisstadt Petrosani und von dort per Hubschrauber nach Lupeni. Die Demonstranten empfingen ihn mit Pfiffen und Schmährufen, präsentierten ihm eine Beschwerdeschrift mit 17 Punkten über ihre materielle Lage und auch über die schweren Strafen bei Nichterfüllung der Norm.
Dann erteilten die Bergleute ihrem Landesherrn das Wort. Ceausescu kritisierte scharf die Betriebsdirektoren und örtlichen Parteifunktionäre und machte wieder Versprechungen: Revision des Rentengesetzes, günstigere Arbeitsbedingungen, bessere Lebensmittel, mehr Bedarfsgüter, Textilien und Wohnungen.
Die Menge gab ihre Geiseln frei und ging wieder an die Arbeit. Ceausescu flog am übernächsten Tag auf die Krim, erstattete seinem sowjetischen Kollegen Breschnew Bericht und holte Rat ein.
Ins Sehiltal rollten zwei Wochen lang Lastwagen mit Butter, Fleisch und anderen sonst schwer erhältlichen Waren. Der Entwurf eines neuen Rentengesetzes wurde veröffentlicht. Drei stellvertretende Bergbau-Minister verloren ihr Amt.
Mitte August kam Ceausescu noch einmal in die Karpaten. An drei Orten versprach er auf gut vorbereiteten Versammlungen "zusätzliche Möglichkeiten für eine greifbare Lohnerhöhung": Das Zentralkomitee der Partei habe beschlossen, "die Retribution in diesem Planjahrfünft um über 30 Prozent anzuheben". Auch komme die schon für dieses Jahr versprochene Arbeitszeitverkürzung endlich ab 1. Januar 1978 (auf 44 Stunden in der Woche, nur für Frauen und bei gefährlichen Tätigkeiten -- so Ceausescu vorigen Mittwoch).
Er nannte seine Zuhörer "Menschen, die Wunder wirken können" und schimpfte auf "Menschen, die sich daran gewöhnt haben, wenig zu arbeiten und viel zu bekommen" -- er nannte 300 000 Bezieher unrechtmäßig hoher Renten. Die Arbeiter sollten "mitreden und mithandeln".
Dann kam die Armee. Bis zum 1. September hatten 2000 Soldaten das Gebiet um Lupeni besetzt. Wegen des Arbeitsausfalls von drei Tagen und Nichterfüllen des Solls wurden vom August-Lohn der Kumpel 40 Prozent abgezogen. Die Läden waren wieder leer.
Als Arbeiter verkleidete Geheimpolizisten tauchten in den Schächten auf und forschten nach einer konspirativen Organisation, die offenbar den Drei-Tage-Streik geleitet hatte. Der Überbringer der 17-Punkte-Petition, der Hauer Dobrei, wurde nachts verhaftet und mit Frau und Kindern in die Provinzhauptstadt Craiova verschleppt.
Nach und nach deportierte die Regierung 4000 Arbeiter mit ihren Familien, insgesamt an die 16 000 Personen, aus dem Kohlerevier auf einsame Dörfer im ganzen Land, wo sie unter Beobachtung lokaler Parteifunktionäre und Polizisten stehen. Das berichtete der vor kurzem aus Rumänien ausgereiste Schriftsteller Paul Goma, der während seiner Haft vom rumänischen Vize-Innenminister eigenhändig gefoltert worden war.
Ceausescu aber mußte am 9. November zum drittenmal ins Schiltal. "Wir wollen die Grubenarbeit leichter machen, die allgemeinen Arbeitsbedingungen verbessern", lockte der Präsident, der sich zum "Ehrenbergmann" hatte ernennen lassen und das Kostüm eines Kumpels mit Helm und Atemmaske trug.
Grund der Vorführung von Volksnähe: Der Arbeiter-Unmut hatte auf Textilfabriken in Brasov und sogar ein Schwermaschinenwerk in Bukarest übergegriffen, auch Eisenbahner traten in den Ausstand.
"Nichts hat sich geändert, nichts wurde entschieden", erklärte ein Schiltal-Kumpel einem West-Besucher ("Sie müssen sagen, wir hätten uns nur über Sport, Camping, vielleicht Skilaufen unterhalten, sonst werden wir alle in Handschellen abgeführt").
Sein Lagebericht: "Jetzt ist alles ruhig, weil die Leute Angst haben. Man kann schwer was organisieren, weil überall Spitzel stecken. Wir warten ab, aber nächstes Jahr ..." Er ballte die Faust.

DER SPIEGEL 51/1977
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